Zinn ist ein chemisches Element mit dem Elementsymbol Sn () und der Ordnungszahl 50. Im Periodensystem steht es in der 5. Periode und in der 4. Hauptgruppe, bzw. 14. IUPAC-Gruppe oder Kohlenstoffgruppe. Das silberweiß glänzende und sehr weiche Schwermetall lässt sich mit dem Fingernagel ritzen. Zinn hat einen für Metalle sehr niedrigen Schmelzpunkt. Seine Hauptverwendung lag früher im Bereich der Herstellung von Geschirr, das als weit verbreitete Gebrauchs- und Ziergegenstände in bürgerlichen Haushalten von Zinngießern innerhalb der städtischen Handwerkszünfte bis ins 19. Jahrhundert hergestellt wurde. Im Orgelbau ist Zinn unverzichtbarer Bestandteil bei der Herstellung von Metallpfeifen. Moderne Nutzung erfolgt im Bereich von Elektrolöten sowie im Verzinnen von lebensmittelechten Konserven oder auch in der Medizin. Historisch hat der Mensch Zinn zuerst als Beimengung zum Kupfer als Legierungsmittel zur Herstellung der Bronze genutzt.Ludwig Mory: Schönes Zinn – Geschichte Formen und Probleme. Bruckmann, München 1977, ISBN 3-7654-1416-6, S. 11.

Etymologie Das Wort Zinn (ahd., mhd. zin) ist vielleicht verwandt mit ahd. zein „Stab“, „Stäbchen“, „Zweig“ (siehe Zain). Ein möglicher Hintergrund für diese Wortverwandschaft könnte sein, dass das Metall in vorgeschichtlichen Funden in Stäbchenform erscheint.Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 25., durchgesehene und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin/Boston 2011, S. 1012.Zinn bei Duden online. Eine andere Erklärung geht davon aus, dass das Hauptzinnerz Kassiterit (Zinnstein) auch in Form von Nadeln oder „Stäbchen“ auftritt. Die Verwandtschaft mit althochdeutsch zein ist allerdings „weder morphologisch noch semantisch befriedigend“.

Geschichte Frühgeschichte mini|links|hochkant=0.8|Tanzendes Mädchen, Bronzestatue aus Mohenjo-Daro, etwa 2300 v. Chr. Die metallurgische Verarbeitung des Kupfers begann in der Kupfersteinzeit im 5. Jahrtausend vor Christus, so etwa in der Vinča-Kultur auf dem Balkan ab 5400–4800 v. Chr. und im Vorderen Orient auf dem Gebiet des heutigen Iran und der Türkei zwischen 5200 und 5000 v. Chr. Da reines Kupfer relativ weich ist, muss es für die Verwendung in Werkzeugen und Waffen möglichst gehärtet werden. Ab dem 4. Jahrtausend vor Christus wurde hierfür, wahrscheinlich durch die Verwendung eines entsprechenden arsenhaltigen Kupfererzes, Arsenkupfer und manchmal Antimonkupfer genutzt, ein gezielter Zusatz von Arsen ist eher unwahrscheinlich.Ernst Pernicka: Die Ausbreitung der Zinnbronze im 3. Jahrtausend. In: Bernhard Hänsel (Hrsg.): Mensch und Umwelt in der Bronzezeit Europas. Kiel 1998, ISBN 3-9804322-2-X, S. 135–147.

Auch zinnhaltiges Kupfer ist deutlich härter als reines Kupfer, dieses wird Zinnbronze oder meist kurz Bronze genannt. Der älteste datierte Bronzefund wurde in Pločnik in Serbien gemacht und auf ca. 4650 v. Chr. datiert. Er wurde wahrscheinlich durch Verhüttung einer Mischung aus Fahlerz und Stannit hergestellt. Archäologisch nachgewiesen sind Bronzegegenstände in Anatolien und Mesopotamien seit etwa 3000 v. Chr., diese wurden zunächst vorwiegend als Schmuck verwendet. Hiermit begann die Frühe Bronzezeit. Etwa zu dieser Zeit entstand auch das älteste bekannte Bergwerk zum Zinnabbau Kestel im südtürkischen Taurusgebirge sowie die in der Nähe liegende Verarbeitungsstätte Göltepe.Vincent C. Pigott: Sources of Tin and the Tin Trade in Southwest Asia: Recent Research and Its Relevance to Current Understanding. In: P.P. Betancourt, S.C. Ferrence (Hrsg.): Metallurgy: understanding how, learning why. NSTAP Academic Press, Philadelphia 2011, ISBN 978-1-931534-57-4, S. 273–291.Wayne Powell, Evren Yazgan, Michael Johnson, K. Aslıhan Yener, Ryan Mathur: Mineralogical Analysis of the Kestel Mine: An Early Bronze Age Source of Tin Ore in the Taurus Mountains, Turkey. In: Minerals. 2021, Band 11 Nr. 1, Artikel 91, doi:10.3390/min11010091.

Ab Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. ist Zinnbronze in größeren Mengen archäologisch nachweisbar. Sie breitet sich dabei in kurzer Zeit in einem großen Raum aus. Wichtige Funde waren unter anderem in den Königsgräbern von Ur und in Troja II, aber auch in weiteren Fundorten von der Ägäis bis Susa. In Ägypten ist die Verwendung von Zinnbronze -von Einzelobjekten abgesehen- erst ab dem Neuen Reich (ca. 1550 v. Chr.) in größerem Umfang nachweisbar. In Europa wird zuerst ab 2200 v. Chr. in Großbritannien Arsenkupfer durch Bronze ersetzt, von dort aus breitete sich die Verwendung langsam nach Süden und Osten aus, ab etwa 1800 v. Chr. findet sich Bronze in Mitteleuropa und im Alpenraum zuletzt ab etwa 1500 v. Chr. im Süden Spaniens, Süditalien und auf dem Balkan.R. Alan Williams, Mariacarmela Montesanto, Kamal Badreshany, Daniel Berger, Andy M. Jones, Enrique Aragón, Gerhard Brügmann, Matthew Ponting, Benjamin W. Roberts: From Land's End to the Levant: did Britain's tin sources transform the Bronze Age in Europe and the Mediterranean? In: Antiquity. Band 99, Nr. 405, 2025, S. 708–726, doi:10.15184/aqy.2025.41. In der Indus-Kultur wurde Bronze im 3. Jahrtausend v. Chr. verwendet und in Orten wie Mohenjo-Daro oder Harappa gefunden.Jennifer Garner: Das Zinn der Bronzezeit in Mittelasien II. In: Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum. Band 194, 2013, ISBN 978-3-937203-66-9. Die ältesten bekannten Chinesischen Ritualbronzen stammen aus der Xia-Dynastie um 2000 v. Chr.Victor Fung-Shuen Sit: Chinese History and Civilisation. World Scientific, 2021, ISBN 978-981-12-1447-9, S. 73.

mini|links|Karte mit bronzezeitlichen Zinnfunden und Vorkommen von Europa bis Zentralasien Woher das Zinn für die frühe Bronzeherstellung stammt, ist eine in der Wissenschaft intentsiv und schon lange Zeit diskutierte Frage. Dies liegt zum einen daran, dass es nur relativ wenige Orte gibt, an denen größere Mengen Zinnerz, vor allem das leicht zu verhüttende Kassiterit zu finden ist, zum anderen, dass gerade in den Gegenden wie Mesopotamien, in denen sehr frühe reiche Bronzefunde gemacht wurden, kaum Zinnvorkommen bekannt ist. Es ist daher wahrscheinlich und in Mesopotamien auch durch Texte belegt, dass Zinn durch Fernhandel bezogen wurde. Die genaue Quelle des Zinns für die mesopotamische Bronze ist dabei bis heute nicht eindeutig geklärt. Die schriftlichen Belege sprechen für einen Handel über Zwischenstationen, es werden etwa Dilmun, Anschan, Susa und Meluḫḫa als Bezugsquellen erwähnt, die selbst aber keine Zinnvorkommen aufweisen. Als Abbaugebiet wird Aratta genannt, wobei es unklar ist, ob dies ein reales Gebiet (etwa in Kerman oder Badachschan) oder ein mythologischer Ort ist. Gehandelt wurden vor allem von assyrischen Kaufleuten standardisierte Barren aus metallischem Zinn. Diese wurden unter anderem im Schiff von Uluburun gefunden, das im 14. Jahrhundert v. Chr. gesunken war.

Eine mögliche Quelle ist Kestel im Taurusgebirge, allerdings wurde häufig bestritten, dass der Ort ausreichende Mengen an Zinn für eine größere Produktion bieten konnte. Andere diskutierte Orte mit Zinnvorkommen reichen von Cornwall und dem Erzgebirge im Westen bis Orten im heutigen Iran, Afghanistan oder Usbekistan im Osten. In Europa ist der Abbau von Zinn in Cornwall seit etwa 2200 v. Chr. und in Schellerhau im Erzgebirge seit etwa 2000 v. Chr.Johann Friedrich Tolksdorf, Christiane Hemker, Matthias Schubert: Bronzezeitlicher Zinnseifenbergbau bei Schellerhau im östlichen Erzgebirge, Sachsen. In: Der Anschnitt. Band 71, 2019, Nr. 5–6, S. 223–233 (Online, PDF). nachgewiesen. Im Iran waren Zinnbergwerke lange Zeit unbekannt, jedoch wurde mittlerweile in Deh Hosein in der heutigen Provinz Markazi prähistorischer Zinnbergbau gefunden. Im heutigen Usbekistan und Tadschikistan wurden bronzezeitliche Zinnbergwerke (Karnab, Lapas, Čangali, Mušiston) im Tal des Serafschan zwischen Buchara und Samarkand untersucht.

Antike In den Epen Homers sowie bei Hesiod tauchen Zinneinlagen als Schmuckornament an Streitwagen und Wehrschilden des Agamemnon sowie des Herakles auf; für Achilles werden zinnerne (wohl „verzinnte“) Beinschienen beschrieben.Homer: Ilias 18, 613. Das Zinn, das die Griechen für den Bronzeguss benutzten, stammte nach Herodot von den Kassiteriden, deren geographische Lage diesem aber unbekannt war. Diese Inseln werden auch von Strabon erwähnt und beschrieben, der sie weit nördlich von Spanien lokalisiert, in der Nähe Britanniens.Strabon: Geografie. 3,5,14.

Der römische Schriftsteller Plinius der Ältere unterscheidet in der Naturalis historia zwischen plumbum album („weißes Blei“, wahrscheinlich Zinn) und plumbum nigrum („schwarzes Blei“) und beschreibt Zinnlegierungen. Hier wurde zwischen stagnum, argentarium und tertiarium unterschieden. Zwar beschreibt Plinius bei der Bleiherstellung die Entstehung von stagnum als Werkblei, allerdings wird das in der römischen Literatur beschriebene stagnum überwiegend für Zinn oder eine stark zinnhaltige Legierung gehalten. Diese wurde für die Herstellung von Gefäßen und Schatullen, aber auch für die Beschichtung von Kupfergefäßen und Spiegel verwendet. Sueton beschreibt, dass Vitellius als Prokonsul in Africa Gold und Silber gestohlen habe, indem er sie durch Messing und stagnum ersetzte. Tertiarium ist eine stark bleihaltige Legierung (zwei Drittel Blei, ein Drittel Zinn) und wurde für das Verlöten von Bleirohren verwendet.Neil Beagrie: The Romano-British Pewter Industry. In: Britannia. Band 20, 1989, S. 169–191, doi:10.2307/526161. Aus stagnum wurde im Spätlatein stannum, wovon sich das Elementsymbol Sn des Zinns ableit.Hermann M. Flasdieck: Zinn und Zink. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1952, ISBN 978-3-11-098221-3, S. 14–15.

Über den Zinnbergbau zu römischer Zeit ist archäologisch wenig bekannt. In Spanien wurden in der Nähe von Baltar in Galicien Bergwerke gefunden, die zu römischer Zeit betrieben wurden.E. Figueiredo, A. Rodrigues, J. Fonte, E. Meunier, F. Dias, A. Lima, J.A. Gonçalves, L. Gonçalves-Seco, F. Gonçalves, M.F.C. Pereira et al.: Tin and Bronze Production at the Outeiro de Baltar Hillfort (NW Iberia). In: Minerals. Band 12, 2022, Artikel 758, doi:10.3390/min12060758. Dies bestätigt Plinius, der Kassiterit-Vorkommen in Lusitania und Gallaecia beschreibt.Jost Weyer: Geschichte der Chemie Band 1 – Altertum, Mittelalter, 16. bis 18. Jahrhundert. Springer, 2018, ISBN 978-3-662-55798-3. Zudem konnte aus Zinn-Ablagerungen im Torf des Bodmin Moors und Dartmoors nachgewiesen werden, dass von etwa 100 bis 400 n. Chr. in Cornwall Zinn abgebaut und verarbeitet wurde.Andrew A. Meharg, Kevin J. Edwards, J. Edward Schofield, Andrea Raab, Joerg Feldmann, Annette Moran, Charlotte L. Bryant, Barry Thornton, Julian J.C. Dawson: First comprehensive peat depositional records for tin, lead and copper associated with the antiquity of Europe’s largest cassiterite deposits. In: Journal of Archaeological Science. Band 39, 2012, S. 717–727, doi:10.1016/j.jas.2011.10.037.

Mittelalter und Neuzeit mini|Pilgerzeichen aus 14. Jahrhundert Nach Ende des römischen Reiches ist in Europa zunächst kein Zinnbergbau mehr vorhanden. Erst ab etwa 700 könnte die Zinnproduktion in Cornwall und Devon wieder aufgenommen worden sein. Bis zur Entwicklung des Zinnbergbaus im Erzgebirge am Ende des 13. oder zu Beginn des 14. Jahrhunderts blieb England der einzig signifikante Zinnproduzent in Europa.Ronald F. Homer: Tin, Lead and Pewter. In: John Blair, Nigel Ramsay (Hrsg.): English Medieval Industries. A&C Black, 1991, ISBN 1-85285-326-3, S. 57–60. Im Erzgebirge wird Zinnbergbau erstmals 1305 in Graupen und 1324 in Seiffen urkundlich erwähnt.Gerhard Schlegel: Der erzgebirgische Zinnbergbau und seine geschützten Sachzeugen. In: Der Anschnitt. Band 43, 1991, H. 3–5, S. 94–100 (online, pdf).