Unter Bürgergesellschaft oder Zivilgesellschaft wird in den westlichen Demokratien eine Gesellschaftsform verstanden, welche durch die aktive Partizipation ihrer Mitglieder am öffentlichen Leben gestaltet und weiterentwickelt wird. Getragen wird die Bürgergesellschaft durch das Engagement ihrer Akteure, der Bürger.

Historisch hat sich die Bürgergesellschaft mit Überwindung des Absolutismus als eines politischen Systems ohne gesellschaftliche Mitwirkungsrechte entwickelt. Zentrale Forderung des Verfassungsliberalismus und der Idee der Menschenrechte war die vor staatlicher Einmischung geschützte individuelle Handlungsfreiheit in einer vom Staat unabhängigen Gesellschaft.Bürgergesellschaft, Zivilgesellschaft Lexikon des Landesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement Bayern (LBE), abgerufen am 26. Juli 2016

Sozialwissenschaftliche Konzepte des ausgehenden 20. Jahrhunderts fordern die permanente Mitsprache einer kritischen Öffentlichkeit bei politischen Entscheidungen (deliberative oder partizipatorische Demokratie).

Begriff Begriffsgeschichte Der Begriff der Bürgergesellschaft oder Zivilgesellschaft hängt in der politischen und wissenschaftlichen Diskussion eng zusammen mit dem Begriff der bürgerlichen Gesellschaft. Er knüpft an den Begriff der politiké akoionia (Polis) aus der politischen Philosophie des Aristoteles an, später übersetzt ins Lateinische als societas civilisEva Kreisky: 2005 sowie société civile (frz.) und civil society (engl.).

Die Wiederentdeckung der civil society in den englischsprachigen Sozialwissenschaften ab Ende der 1980er Jahre ging im Deutschen mit der Erfindung des Wortes Zivilgesellschaft einerseits und der Umdeutung des Begriffs Bürgergesellschaft andererseits einher. Davor wurde der Begriff nur sehr selten und i. d. R. gleichbedeutend mit Verein gebraucht. 1987 verwendete Michael Reiman den Begriff Bürgergesellschaft, um das u. a. von Michail Sergejewitsch Gorbatschow im Russischen gebrauchte grazhdanskoye obshchestvo (гражданское общество) ins Deutsche zu übersetzen. Ab 1992 verwendete Ralf Dahrendorf Bürgergesellschaft, um das englische civil society in seinen eigenen Schriften zu übersetzen.

Prägend für das heutige Begriffsverständnis ist vor allem die Vorstellung der englischen civil society, die seit der Aufklärung einen fortschreitenden Prozess der Zivilisierung durch Arbeit und wirtschaftliche Entwicklung, durch Bildung und Kultur sowie die Überwindung althergebrachter Beschränkungen durch Status und Geburt umfasst, sowie die Überzeugung von der zivilisierenden Wirkung der freiwilligen Zusammenschlüsse in Vereinigungen.Dieter Gosewinkel: Zivilgesellschaft Europäische Geschichte Online, 3. Dezember 2010

Rezeption in der politischen Theorie In seinem 1768 veröffentlichten Versuch über die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft erörtert Adam Ferguson das Verhältnis von individueller Tugendhaftigkeit innerhalb und der Gesamtentwicklung der betroffenen Gesellschaft. Ferguson kommt zu dem Schluss, dass Tugendhaftigkeit Voraussetzungen hat, die durch die Ergebnisse der Tugendhaftigkeit nicht automatisch in ihrem Bestand gesichert sind oder sogar gefährdet werden können.

Im Deutschen taucht in Anlehnung an Ferguson zunächst die Übersetzung als bürgerliche Gesellschaft bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel in seinen „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ von 1821 auf. Hegel beschreibt mit dem Begriff der bürgerlichen Gesellschaft in seinem System der Dialektik die Wechselwirkung zwischen der Privatsphäre einerseits, welche für Hegel durch die Familie verkörpert wird, und der Gesamtgesellschaft andererseits, welche durch den Staat verkörpert wird. Hegel beschreibt wie Ferguson keine originär politische, sondern eine sittliche Kategorie.

Im kommunistischen Manifest von 1848 beschreiben Friedrich Engels und Karl Marx die Bürgerliche Gesellschaft nicht als sittliche, sondern als ökonomische Kategorie. Für Engels und Marx ist die bürgerliche Gesellschaft durch Produktionsbedingungen gekennzeichnet, welche durch eine strikte Trennung von Kapital und Arbeit bestimmt werden. Die bürgerliche Gesellschaft gilt bei Engels und Marx zwar als Fortschritt gegenüber dem Feudalismus, gleichzeitig aber auch nur als zu überwindendes historisches Übergangsstadium zum Sozialismus und schließlich zum Kommunismus.

In der Gettysburg Address von 1863 beschrieb der damalige Präsident der Vereinigten Staaten Abraham Lincoln die ideale amerikanische Demokratie als .

Willy Brandt wollte nach seiner Wahl zum deutschen Bundeskanzler im Jahr 1969 „mehr Demokratie wagen“Willy Brandts Regierungserklärung, 28. Oktober 1969 Schlüsseldokumente zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert, abgerufen am 26. Juli 2016 im Sinne einer „Demokratisierung der Demokratie“.

Abgrenzung zur Zivilgesellschaft Soweit der Begriff der Bürgergesellschaft nicht als Synonym zur Zivilgesellschaft gilt, wird auf die Entstehung und unterschiedliche Funktion des Begriffs Zivilgesellschaft verwiesen. Eine klare definitorische Unterscheidung existiert jedoch nicht.

In Westeuropa vermittelt sich die Zivilgesellschaft über ein Kollektivbewusstsein, das der Gesellschaft den Zusammenhalt ermöglicht und Verunsicherungen, die mit dem Prozess eines ideologischen Ökonomismus, dem Abbau des Sozialstaats und der Globalisierung einhergehen,Jürgen Habermas: Die postnationale Konstellation und die Zukunft der Demokratie 5. Juni 1998 durch Selbstorganisation, Freiwilligkeit, Eigenverantwortung, Vertrauen und solidarische Unterstützung,Friedrich-Ebert-Stiftung: Das FES Themenportal „Bürgergesellschaft“ Abgerufen am 27. Juli 2016. aber auch Traditionsbewusstsein und Nationalgefühl abfedern kann.Mark Arenhövel: Zivilgesellschaft, Bürgergesellschaft. Kapitel A: Von der bürgerlichen Gesellschaft zur Zivilgesellschaft Wochenschau 2000, S. 55–64

Kreise, die eine nichtstaatliche Ordnung bereits etabliert haben oder nach dem Konzept des schlanken Staates befürworten, bevorzugen den Begriff der Bürgergesellschaft. Dies betrifft sowohl den Bereich der Kirchen als auch liberale und konservative Parteien. Mit der Verwendung des Begriffs der Bürgergesellschaft wird der historische Bezug zur bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck gebracht und die Entwicklung zu einer sich selbst steuernden Gesellschaft, in die der Staat nicht oder jedenfalls nur bei erkennbaren Defiziten der Selbstorganisation eingreifen soll.

Teilweise wird der Zivilgesellschaft eine bloß subsidiäre Funktion zugewiesen. Nach diesem Verständnis übernimmt die Zivilgesellschaft Aufgaben, welche durch staatliche Institutionen nicht oder nicht hinreichend erfüllt werden. Die Bürgergesellschaft hingegen erhebt den Anspruch, selbst einen eigenen Ordnungsrahmen darzustellen. Nach diesem Verständnis beinhaltet der Begriff der Bürgergesellschaft den Begriff der Zivilgesellschaft, geht aber über diesen hinaus. Ziel der Bürgergesellschaft ist somit nicht nur das Nutzen von staatlichen Freiräumen und die Erfüllung gemeinnütziger Aufgaben, sondern darüber hinaus auch die Gestaltung des politischen Ordnungsrahmens.

Wo soziale Bewegungen gegen kapitalistisches Marktkalkül und autoritäre Herrschaftsansprüche betont werden sollen wie in der osteuropäischen Dissidentenbewegung oder Bestrebungen gegen die Militärdiktaturen in Lateinamerika, Afrika und Asien, wird heute meist der Begriff der Zivilgesellschaft verwendet. Viele Nichtregierungsorganisationen bevorzugen den Begriff der Zivilgesellschaft und fordern damit einhergehend entweder eine staatliche Übernahme der von ihnen bisher erfüllten Aufgaben oder zumindest eine aktive staatliche Unterstützung für ihre zivilgesellschaftliche Aufgabenerfüllung.Ansgar Klein: Der Diskurs der Zivilgesellschaft. Politische Kontexte und demokratietheoretische Bezüge der neueren Begriffsverwendung. Opladen, 2001

Mitunter wird der Begriff der Bürgergesellschaft auch als Zusammenfassung ehrenamtlichen Engagements verwendet.

Bedeutung im 21. Jahrhundert Die Globalisierung, die Auswirkungen der digitalen Revolution auf den ArbeitsmarktGerd Mutz: Von der industriellen Arbeitsgesellschaft zur Neuen Arbeitsgesellschaft, in: Rolf G. Heinze, Thomas Olk (Hrsg.): Bürgerengagement in Deutschland, Bestandsaufnahme und Perspektiven, VS Verlag für Sozialwissenschaften 2001, S. 141–165 und die Wissensgesellschaft werden als wesentliche Aspekte einer gesellschaftlichen Entwicklung verstanden, die dem einzelnen eine zunehmende Individualisierung sowohl ermöglicht als auch abverlangt. Die Bürgergesellschaft beschreibt danach das Verhältnis von Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und dem einzelnen Bürger unter diesen sich wandelnden Bedingungen.Christopher Gohl: Bürgergesellschaft als politische Zielperspektive bpb, 26. Mai 2002

Mit einer Betonung nationalstaatlicher Außen- und Sicherheitspolitik in der Berliner Republik geht eine zunehmende Angleichung der Lebensgewohnheiten in Städten und ländlichen Regionen (funktionale Verstädterung) einher. Bundesweit ist die Motivation in der Bevölkerung gestiegen, auf regionaler und lokaler Ebene politische Entscheidungen mitzubestimmen. Folge ist eine „neue Subsidiaritätsordnung“, in der die Bürger zunehmend „für sich selbst sorgen“.Daniel Dettling, Christopher Gohl: Demokratie ohne Bürger oder Bürgerdemokratie? Zur Neuerfindung der Politik in der Berliner Republik, in: Alfred Herrhausen Gesellschaft (Hrsg.): Generationengerechtigkeit. Leitbild für das 21. Jahrhundert, Frankfurt/M. 2000 Das schließt auch das Verhalten auf dem Arbeitsmarkt ein, der mit der Agenda 2010 das Leitbild des „Unternehmers in eigener Sache“ (Ich-AG) hervorgebracht hat. Der computergestützte Zugang zu umfassenden Informationen im Internet und deren Organisation, etwa in Open-Source-Projekten stellt die Legitimation der auf Herrschaftswissen basierenden repräsentativen Demokratie in Frage.

Ausprägung Akteure Die Bürgergesellschaft ist heterogen strukturiert und besteht aus einer Vielzahl auf freiwilliger Basis gegründeter, auch konkurrierender Organisationen – im Einzelfall auch einzelnen Bürgern – die ihre unterschiedlichen Interessen artikulieren und autonom organisieren. Sie ist im Zwischenbereich von Privatsphäre und Staat angesiedelt. Die Akteure der Zivilgesellschaft sind damit zwar in die Politik involviert, ohne jedoch nach staatlichen Ämtern zu streben. Entsprechend sind Gruppen, die ausschließlich private Ziele verfolgen wie Familien oder Unternehmer ebenso wenig Teil der Bürgergesellschaft wie politische Parteien, Parlamente oder staatliche Verwaltungen. Die Bürgergesellschaft stellt ein pluralistisches Sammelbecken höchst unterschiedlicher Akteure wie den neuen sozialen Bewegungen einschließlich der KirchenManuel Borutta: Religion und Zivilgesellschaft. Zur Theorie und Geschichte ihrer Beziehung Wissenschaftszentrum Berlin, Veröffentlichungsreihe der Forschungsgruppe „Zivilgesellschaft, Citizenship und politische Mobilisierung in Europa“, Discussion Paper Nr. SP IV 2005-404 dar, die jedoch einen bestimmten methodischen Minimalkonsens teilen, insbesondere die Gewaltlosigkeit.Hans-Joachim Lauth, Wolfgang Merkel: Zivilgesellschaft und Transformation. Ein Diskussionsbeitrag in revisionistischer Absicht, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen. Zivilgesellschaften im Transformationsprozess. Heft 1, März 1997, Opladen/Wiesbaden