Ein Zeichen ist im weitesten Sinne etwas, das auf etwas anderes hindeutet, etwas bezeichnet.
Zeichentheoretiker sehen darin ein semiotisches Phänomen und bestimmen im engeren Sinne Zeichen als eine Unterklasse dieses Phänomens. Dort stehen Zeichen anderen semiotischen Phänomenen wie den Symbolen und Anzeichen (vgl. Index, Signal) gegenüber. Sprachzeichen sind Grundelemente einer Sprache.
Zeichen ist dabei allgemein etwas Unterscheidbares, dem eine Bedeutung zugesprochen wird; ein sprachliches Zeichen als Grundelement eines Kommunikationssystems (also auch Gesten, Gebärden, Laute, Markierungen auch Symbole).
Zeichen kommt aus indogermanisch dei für „hell glänzen“, „schimmern“, „scheinen“, und wird im Althochdeutsch zu zeihhan „Wunder“, „Wunderzeichen“. Dem deutschen Wort liegt ursprünglich die irdische Erscheinung einer höheren Macht zugrunde.
Zeichenbegriff
Einseitiger und zweiseitiger Zeichenbegriff Das Wort „Zeichen“ kann entsprechend bedeuten: nur den Zeichenkörper(einseitiger, unilateraler Zeichenbegriff)Vater: Referenz-Linguistik. 2005, S. 13 Fn. 4 die als untrennbar gedachte Einheit der Beziehung des Zeichenkörpers zu seiner Bedeutung(zweiseitiger, dyadischer Zeichenbegriff,Pelz: Linguistik. 1996, S. 45. „bilateraler“).
Einen einseitigen Zeichenbegriff vertraten nicht nur Ogden/Richards, sondern schon die klassische Zeichentheorie. Geht man davon aus, dass ein Zeichenkörper nicht direkt, sondern nur auf Grund einer Vermittlungsinstanz {Vorstellung, Begriff, Gebrauch} etwas Außersprachliches bezeichnet, kann diese dreistellige Relation als semiotisches Dreieck veranschaulicht werden.
Einen zweiseitigen (bilateralen) Zeichenbegriff vertrat (nach herrschender Vorstellung) de Saussure: das Zeichen als psychische Einheit, bestehend aus einer Ausdrucksseite (signifiant) und aus einer Inhaltsseite (signifié), wie zwei Seiten eines Blatts Papiers. Nach anderer Auffassung soll de Saussure den Ausdruck „Zeichen“ auch zur Bezeichnung des Signifikanten allein verwendet haben (Zeichen i. S. v. [1.]).Mahmoudian: Zeichen. In: Martinet (Hrsg.): Linguistik. 1973, S. 258 (259). Dann ist unklar, ob de Saussure Zeichen im Sinne von [1.] [2.] oder im Sinne einer Kombination von beiden verwendet.So Mahmoudian: Zeichen. In: Martinet (Hrsg.): Linguistik. 1973, S. 258 (259).
Definiert man das Zeichen so als psychische Einheit, dann wird der Bezug auf die Wirklichkeit Referenz und der pragmatische zu den Sprachbenutzern ausgeblendet.
Aristoteles Zeichen ist im weitesten Sinn alles, was für etwas anderes steht; was als „zuvor Erkanntes zur Erkenntnis eines anderen führt“,Zeichen. In: Brugger Santeler: Philosophisches Wörterbuch. 1976. „eine andere Gegebenheit … repräsentiert bzw. diese bezeichnet oder darstellt …“,Zeichen. In: Schülerduden Philosophie. 2002. „irgendetwas, das einem anderen, dem Bezeichneten zugeordnet ist“;Menne: Logik. S. 12. das, was zu diesem in einer „Verweisbeziehung“Volli: Semiotik. 2002, S. 22. steht. „Ein Zeichen zeigt etwas an, d. h., es verweist auf etwas, das außerhalb des Zeichens selbst liegt.“Simon Herberger: Wissenschaftstheorie für Juristen. 1980, S. 207. Ein Zeichen „ist alles, was und insofern es dazu dient, etwas anzuzeigen oder kenntlich zu machen“.R. Carls: Zeichen. In: F. Ricken (Hrsg.): Lexikon der Erkenntnistheorie und Metaphysik. 1984, ISBN 3-406-09288-8, S. 241.
Zeichen sind „physikalische Dinge“ (Markierungen mit Tinte auf Papier, Tonwellen etc.).Reichenbach: Grundzüge der symbolischen Logik. 1999, S. 3. „Was sie zu Zeichen macht, ist die vermittelnde (intermediäre) Stellung, die sie zwischen einem Objekt und einem Zeichenverwender, d. h. einer Person einnehmen.“
Nach Gottlob Frege ist das Zeichen das, was „uns dazu dient, irgendetwas zu bezeichnen, auszudrücken oder zu behaupten“. Es ist „nur ein willkürlich gewähltes Mittel des Gedankenausdrucks, das ganz außerhalb der Betrachtung bleibt. In dieser Stellvertretung liegt der Nutzen der Zeichen“.G. G. A. Frege, S. 105, zitiert nach Tatievskaya: Aussagenlogik. 2003, S. 38.
Grundlage der Zeichentheorie ist der Grundsatz aliquid stat pro aliquo „etwas steht für etwas“. „Ein Wesensmerkmal eines Zeichens ist demnach seine Stellvertreterfunktion: Ein Zeichen steht per definitionem ‚für etwas anderes‘, es ist also prinzipiell nicht selbstreferentiell.“Ernst: Pragmalinguistik.2002, S. 73 f. Die aliquid-pro-aliquo-Zeichendefinition ist ihrer Formulierung nach ein Grundsatz der mittelalterlichen Scholastik,Pelz: Linguistik. 1996, S. 39. der Sache nach aber schon bei Aristoteles angelegt.Trabant: Semiotik. 1996, S. 25.
Schon seit Aristoteles wird vertreten, dass Zeichen Dinge der Welt nicht unvermittelt, sondern vermittelt über einen Begriff, Vorstellung etc. bezeichnen,Trabant: Semiotik. 1996, S. 24. was eine naive Konzeption überwindet: „Die Sachen werden von den Zeichen nicht präsentiert, sondern repräsentiert.“. Diese Einsicht wird „für die ganze Geschichte der Semiotik entscheidend“.
Der Zeichenbegriff der strukturalistischen Sprachwissenschaft Nach Ferdinand de Saussure ist ein Zeichen die Beziehung (Verbindung) zwischen Bezeichnetem (Signifié, Signifikat) und Bezeichnendem (Signifiant, Signifikant). Das Bezeichnete entspricht einer Vorstellung oder einem Konzept, das Bezeichnende ist ein Lautbild. Das Lautbild ist auch etwas Gedachtes (also ein psychischer Eindruck und nicht die physikalische Schallwelle), da man für sich selber eine Lautfolge gedanklich „aussprechen“ kann, ohne die Lippen zu bewegen. Der Zusammenhang zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendem ist beliebig (arbiträr). Beliebig bedeutet hier nicht, dass jede Person frei einen Signifikanten für ein Signifikat aussuchen kann, sondern dass die ursprüngliche Festlegung eines Zeichens unmotiviert ist. Zeichen für die Kommunikation zwischen Menschen bedürfen der „Verabredung“, einer Konvention. Ist das Zeichen erst einmal zur Konvention geworden, bleibt es fest zugeordnet.Serebrinnikow: Allgemeine Sprachwissenschaft. Band 1: Existenzformen, Funktion und Geschichte der Sprache. Wilhelm Fink Verlag, München / Salzburg, S. 79ff.
Der Zeichenbegriff des Pragmatismus Charles S. Peirce entwickelte eine pragmatische Semiotik und erweiterte den dyadischen Zeichenbegriff zu einem spezifischen triadischen Modell. Dies führt zu einer prozesshaften und dynamischen Zeichentheorie.
Peirce definiert das Zeichen als eine triadische Beziehung zwischen einem Repräsentamen, einem Interpretanten und einem Objekt.
Ein Repräsentamen ist ein Zeichenträger (z. B. ein Bild, ein Wort), ein Zeichen im engeren Sinn, „das für jemanden in irgendeiner Hinsicht oder durch irgendeine Eigenschaft für etwas steht.“Søren Kjørup: Semiotik. W. Fink, Paderborn, 2009, S. 17.
Ein Interpretant ist ein Gedanke, den der Zeichenträger bei einem Interpreten hervorruft und selbst wieder ein Zeichen (im engeren Sinn) ist.
Mit den Worten Peirce: „Ein Zeichen oder Repräsentamen ist alles, was in einer solchen Beziehung zu einem Zweiten steht, das sein Objekt genannt wird, dass es fähig ist, ein Drittes, das sein Interpretant genannt wird, dahin gehend zu bestimmen, in derselben triadischen Relation zu jener Relation auf das Objekt zu stehen, in der es selber steht. Dies bedeutet, dass der Interpretant selbst ein Zeichen ist, das ein Zeichen desselben Objekts bestimmt und so fort ohne Ende.“Charles S. Peirce: Phänomen und Logik der Zeichen. 2. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993, S. 64.
Umberto Eco schlägt vor, alles Zeichen zu nennen, was aufgrund einer vorher vereinbarten sozialen Konvention als etwas aufgefasst werden kann, das für etwas anderes steht. Er übernimmt damit weitgehend die Definition von Charles W. Morris (1938).
Für Hans-Georg Gadamer „(ist) ein Zeichen […] nichts anderes, als was seine Funktion fordert; und die ist, von sich wegzuverweisen. […] Es darf nicht so auf sich ziehen, daß es bei sich verweilen läßt, denn es soll nur etwas gegenwärtig machen, das nicht gegenwärtig ist, und so, daß das Nicht-Gegenwärtige allein das Gemeinte ist […], z. B. (als Verkehrszeichen) die kommende Kurve, oder die Seite bis zu der ein Buch gelesen ist.“Hans-Georg Gadamer: Hermeneutik I. Wahrheit und Methode, J.C.B. Mohr, Tübingen 1990, ISBN 3-16-145613-0, S. 157.
Sonstige Bedeutungen In religiösen und spirituellen Zusammenhängen werden unter Zeichen Ahnungen Träume verstärkende Wiederholungen bestimmter Ereignisse innerhalb kurzer Zeit Koinzidenzen, d. h. merkwürdige Zusammentreffen auffälliger Umstände verstanden.
Eigenschaften des Zeichens Kommunikationsabsicht? Ob eine Kommunikationsabsicht zum Zeichenbegriff dazugehört, hängt vom verwendeten Zeichen- wie vom Kommunikationsbegriff ab.
Wenn es heißt: „Jedes Zeichen dient der Verständigung, der Kommunikation“,Fischer Kolleg Abiturwissen, Deutsch. 2002, S. 25. dann gilt dies für Sprachzeichen. Der semiotische Zeichenbegriff kann weiter sein. Er bezieht auch bloße Anzeichen in den Zeichenbegriff ein (Rauch als Zeichen für Feuer).
Siehe auch unten zur Unterscheidung zwischen indexikalischen und Kommunikationszeichen.
Arbitrarität und Konventionalität
„Arbitrarität und Konventionalisierung sind die beiden zentralen Charakteristika sprachlicher Zeichen.“Schlobinski Dürr: Deskriptive Linguistik. 2006, S. 166.
Arbitrarität (Willkürlichkeit) besagt: „Zwischen dem Bezeichnenden (Signifikant, Zeichen, Symbol) und dem Bezeichneten (Signifikat, Begriff, Gedanke) besteht eine beliebige, nicht naturnotwendige oder abbildende, sondern konventionell festgelegte Bedeutung.“Stolze: Übersetzungstheorien. 4. Auflage. 2005, S. 39. „Der arbiträre Charakter des sprachlichen Zeichens ist aber nicht absolut zu nehmen. Seit Saussure hat man im Gegenteil auf dem motivierten, d. h. unmittelbar verständlichen Charakter von gewissen lexikalischen Einheiten bestanden. Drei Typen von Motivation strukturieren das Lexikon: die phonetische Motivation, die morphologische Motivation und die semantische Motivation.“Paul Puppier: Lexikon. In: André Martinet (Hrsg.): Linguistik. 1973, S. 136 (138). Konventionalität bedeutet: Die Zeichen beruhen auf (auch stillschweigenden) Vereinbarungen (Gewohnheiten), auf „Leistungen einer Sprachgemeinschaft“.Fischer Kolleg Abiturwissen, Deutsch. 2002, S. 15. Gemeint ist eine in der Regel stillschweigende Konvention, „die als sprachliche Regel oder gesellschaftliche Norm zur Kultur einer Gesellschaft gehört“.Angelika Linke, Markus Nussbaumer, Paul R. Portmann: Studienbuch Linguistik. 5. Auflage. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2004, S. 34. Sie gibt der willkürlichen Zuordnung von Zeicheninhalt und Zeichenform die für die Kommunikation notwendige Stabilität.
Zum Teil wird auf die Unterscheidung von Konvention und Übereinkunft wert gelegt: Nur der Konventionsbegriff im Sinne von Lewis sei zugrunde zu legen: Danach seien Konventionen „Verhaltensregularitäten von Individuen einer Gruppe, die durch komplexe, wechselseitig aufeinander gerichtete Erwartungen erzeugt werden“.Rudi Keller: Zeichentheorie. (= UTB. 1849). Francke, Tübingen u. a. 1995, S. 40.
Aus der Arbitrarität und Konventionalität von Zeichen folgt ihre Veränderlichkeit.Dietrich Busse: Semantik. (= UTB. 3280). W. Fink, Paderborn 2009, S. 30.
Assoziativität Neben der Arbitrarität und Konventionalität wird als dritte kennzeichnende Eigenschaft von Sprachzeichen nach der Theorie von de Saussure die Assoziativität der Zeichen angeführt.Angelika Linke, Markus Nussbaumer, Paul R. Portmann: Studienbuch Linguistik. 5. Auflage. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2004, S. 35.