Die Schimpansen (Pan) sind eine Gattung aus der Familie der Menschenaffen (Hominidae). Schimpansen sind die nächsten lebenden Verwandten des Menschen und bewohnen das mittlere Afrika. Zur Gattung zählen zwei Arten: der Gemeine Schimpanse (Pan troglodytes), der häufig auch nur „Schimpanse“ genannt wird, und der Bonobo oder Zwergschimpanse (Pan paniscus). Die beiden Arten haben sich aus gemeinsamen Vorfahren entwickelt, nachdem der Kongo-Fluss vor rund 1,7 Millionen Jahren eine natürliche Grenze zu bilden begann und die Schimpansen-Populationen links und rechts des Flusses voneinander getrennt wurden.Sarah Kovalaskas, James K. Rilling und John Lindo: Comparative analyses of the Pan lineage reveal selection on gene pathways associated with diet and sociality in bonobos. In: Genes, Brain and Behavior. Online-Vorabveröffentlichung vom 16. November 2020, e12715, doi:10.1111/gbb.12715. mini|Skelett eines Schimpansen, ausgestellt im Museum Wiesbaden

Namensherkunft Die Bezeichnung „Schimpanse“ ist aus der Bantu-Sprache Tschiluba abgeleitet. „kivili-chimpenze“ ist die lokale Bezeichnung des Tiers und lässt sich mit „Schein-Mensch“ oder auch „Affe“ übersetzen. Diese Bezeichnung ist für das Jahr 1738 erstmals belegt.

Pan, der wissenschaftliche Gattungsname, bezieht sich auf den bocksfüßigen Hirtengott Pan in der griechischen Mythologie, auch spielten andere Vorstellungen eine Rolle, denen nach die Schimpansen fabeltiermäßig als behaarte, geschwänzte Urmenschen in Erscheinung traten. Das Epitheton troglodytes (griechisch, „Höhlenbewohner“) basiert auf der falschen Vorstellung, die frühen Vorfahren des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) hätten in Höhlen gelebt. Das klassifizierende Beiwort paniscus für den Bonobo ist abgeleitet von griechisch Πανίσκος (paniskos); es bedeutet „kleiner Pan“ und verweist auf die altgriechische Sitte, miniaturisierte Statuen dieser Gottheit an Feldern aufzustellen.

Körperbau mini|Kopf eines Bonobos: Charakteristisch sind der lange, oft gescheitelte Haarschopf und das dunkle Gesicht mit den hellen Lippen. mini|Kopf eines Gemeinen Schimpansen: Der Schädel ist massiver, das Gesicht meist heller als beim Bonobo. Einige Tiere haben einen weißen Kinnbart. Schimpansen erreichen eine Kopfrumpflänge von 64 bis 94 Zentimeter, ein Schwanz fehlt, wie bei allen Menschenaffen. Aufrecht stehende Tiere erreichen eine Höhe von 1 bis 1,7 Metern. Hinsichtlich des Gewichts herrscht ein deutlicher Geschlechtsdimorphismus: während Weibchen rund 25 bis 50 Kilogramm schwer werden, erreichen Männchen ein Gewicht von 35 bis 70 Kilogramm. Die Bezeichnung „Zwergschimpanse“ für den Bonobo ist insofern irreführend, als beide Arten annähernd gleich groß werden. Allerdings hat der Bonobo einen grazileren Schädel und weniger muskulöse Gliedmaßen.

Die Arme der Schimpansen sind länger als die Beine, Hände und Füße enden in fünf Fingern beziehungsweise Zehen, wobei Daumen und große Zehen wie bei vielen Primaten opponierbar sind, geeignet zum Umgreifen von Ästen. Der größte Teil des Körpers ist von einem dunkelbraunen oder schwarzen Fell bedeckt.

Der Kopf ist durch die hervorragenden, runden Ohren, die Überaugenwülste und die hervorstehende Schnauze charakterisiert. Das Gesicht ist unbehaart und beim adulten Tier dunkelgrau oder schwarz gefärbt. Im Bau des Kopfes unterscheiden sich die beiden Arten darin, dass beim Gemeinen Schimpansen das Gesicht heller und die Stirn rundlicher als beim Bonobo ist.

Die Eckzähne sind beim Gemeinen Schimpansen stark geschlechtsdimorph (bei Männchen deutlich größer), beim Bonobo hingegen sehr gering. Insgesamt sind die Schneidezähne breiter und die Molaren mit runderen Höckern versehen als etwa beim Gorilla.

Die Körpertemperatur gesunder Schimpansen beträgt – wie beim Menschen – im Mittel 37 Grad Celsius.Peter Morrison: An Analysis of Body Temperature in the Chimpanzee. In: Journal of Mammalogy. 29. Mai 1962, S. 166–171, doi:10.2307/1377087

Verbreitung und Lebensraum mini|Verbreitungsgebiet der Schimpansen: Rot stellt die Heimat des Bonobos dar, die übrigen Farben die verschiedenen Unterarten des Gemeinen Schimpansen Schimpansen sind im mittleren Afrika beheimatet. Während sich das Verbreitungsgebiet des Gemeinen Schimpansen von Senegal über Nigeria und den Norden und Osten der Demokratischen Republik Kongo bis Uganda und Tansania erstreckt, ist der Bonobo in den mittleren und südlichen Teilen der Demokratischen Republik Kongo endemisch. Der Kongo stellt für den Gemeinen Schimpansen die südliche Verbreitungsgrenze dar, dieser kaum überquerbare Fluss bildet auch die Grenze zur Heimat der Bonobos.

Gemeine Schimpansen sind flexibler als andere Menschenaffen in Bezug auf ihren Lebensraum und bewohnen sowohl Regenwälder als auch trockene, baumarme Savannen. Im Gegensatz dazu sind Bonobos ausgeprägte Regenwaldbewohner.

Lebensweise Fortbewegung und Aktivitätszeiten mini|Blätternest Schimpansen können sowohl am Boden als auch auf den Bäumen nach Nahrung suchen, meist geschieht dies jedoch auf Bäumen. Am Boden bewegen sie sich wie Gorillas im Knöchelgang fort, das heißt, dass sie sich mit den vorderen Extremitäten auf die zweiten und dritten Fingerglieder aufstützen. Im Geäst klettern sie entweder mit allen vier Gliedmaßen oder bewegen sich an den Armen hängend (suspensorisch) fort. Generell sind Bonobos in stärkerem Ausmaß Baumbewohner und bewegen sich häufiger suspensorisch fort als Gemeine Schimpansen.

In der Regel sind Schimpansen tagaktiv. Zur Nachtruhe legen sie ein Blätternest in den Bäumen an, wobei sie üblicherweise jede Nacht ein neues Nest errichten. Schimpansen und andere Menschenaffen gelten als unfähig zu schwimmen und können in Zoos normalerweise auf Inseln umgeben von einem Wassergraben gehalten werden; zahlreiche Fälle von ertrunkenen Menschenaffen sind bekannt. In einem Vortrag im Jahr 2011 hat der Sportwissenschaftler Renato Bender die ersten Beweise für Schwimmverhalten bei kaptiven und halbwilden Schimpansen und einem Orang-Utan vor einem Fachpublikum vorgestellt.Renato Bender & Nicole Bender: The ‚Saci last common ancestor hypothesis‘ and a first description of swimming ability in common chimpanzees (Pan troglodytes). Vortrag gehalten an der 23. Jahreskonferenz der Human Behavior and Evolution Society, 29. Juni–3. Juli 2011, Montpellier, France.

Sozialverhalten mini|links|Schimpansen im Tacugama Sanctuary, nahe Freetown Die Sozialstruktur der Schimpansen wird als „Fission-Fusion-Organisation“ beschrieben. Das heißt, sie leben in Großgruppen, die sich jedoch oft in Untergruppen aufspalten. Diese Untergruppen sind sehr flexibel und stellen oft nur vorübergehende Zusammenschlüsse dar. So findet man einzelgängerische Tiere neben Paaren sowie getrennt- und gemischtgeschlechtlichen Gruppen. Die Organisation der Großgruppen unterscheidet sich jedoch bei den beiden Arten: die der Bonobos sind stärker matriarchalisch strukturiert und werden oft von einem Weibchen geführt, bei den Gemeinen Schimpansen sind die Männchen dominant, indem sie auch untereinander streng ranghierarchische Trupps bilden. Die Untergruppen der Bonobos sind mit 6 bis 23 Tieren größer als die der Gemeinen Schimpansen (durchschnittlich 4 bis 8 Tiere), öfter gemischtgeschlechtlich und in der Regel friedvoller als die der Gemeinen Schimpansen. Gegenseitige Körper- und Fellpflege („Grooming“) stellt wie bei vielen Primaten – abgesehen vom hygienischen Zweck – eine wichtige soziale Komponente dar, die auch dazu dient, Allianzen zu schmieden und insofern die Gruppenhierarchie widerspiegelt.

In einer verhaltensbiologischen Studie wurde elf Individuen die Möglichkeit gegeben, mit Hilfe einer Apparatur sich Obst zu beschaffen, was jedoch nur gelingen konnte, wenn zwei oder drei Tiere die Apparatur gemeinsam bedienten oder wenn ihnen nach erfolgreicher Aktion die Belohnung von einem anderen Tier weggenommen wurde. Die Studie ergab, dass Kooperationswillige sich ihre Partner sorgfältig aussuchen, „Bestohlene“ sich lautstark beklagten, dominante Affen nach einem „Diebstahl“ intervenierten oder die ganze Gruppe gegen den „Dieb“ vorgeht.Malini Suchak et al.: How chimpanzees cooperate in a competitive world. In: PNAS. Online-Vorabveröffentlichung vom 22. August 2016, doi:10.1073/pnas.1611826113 Kein Platz für Schmarotzer. Auf: sueddeutsche.de vom 23. August 2016

Territorialverhalten Jane Goodalls Beobachtung des „Schimpansenkrieges“ von Gombe und eine danach im Kibale-Nationalpark durchgeführte Studie haben ergeben, dass sich die Männchen des Gemeinen Schimpansen zu „Kampfverbänden“ zusammenschließen können, die regelmäßig an den Grenzen des von ihnen besiedelten Gebietes patrouillieren. Gelegentlich beginnen sie, die Grenzen zu überschreiten und Angriffe auf die dort lebenden Schimpansen zu unternehmen. Dabei kann es vorkommen, dass deren Territorium zum eigenen hinzugewonnen wird. Im Verlauf solcher Auseinandersetzungen wurde die Tötung von erwachsenen Artgenossen beobachtet, zudem wurden Säuglinge benachbarter Gruppen getötet. Gelegentlich kommt es auch innerhalb der eigenen Gemeinschaft zur Kindstötung und wird dann nicht selten von den dominanten Weibchen gegen minderrangige Mütter durchgeführt.John C. Mitani et al.: Lethal intergroup aggression leads to territorial expansion in wild chimpanzees. In: Current Biology. Band 20, Nr. 12, 2010, R507-R508, doi:10.1016/j.cub.2010.04.021

Schimpansenkultur und Werkzeuggebrauch Nach dem aktuellen Stand der Primaten-Ethologie sind auch Schimpansen fähig, besondere Erfindungen zu machen und diese zu tradieren. Dies führt zu kulturellen Unterschieden: Ein und dasselbe Problem kann von jeder Gruppe auf ganz eigene Art und Weise gelöst werden. Einige der diesbezüglichen Errungenschaften – wie z. B. Kenntnisse über medizinisch wirksame PflanzenMichael A. Huffman: Self-Medicative Behavior in the African Great Apes: An Evolutionary Perspective into the Origins of Human Traditional Medicine. In: BioScience. Band 51, Nr. 8, 2001, S. 651–661, . – lassen sich am besten dadurch erklären, dass eine gegenwärtige Generation auf Kenntnisse zurückgreift, die von einem ihrer Vorfahren beliebig weit zurück in der Vergangenheit entdeckt wurde. In solch einem Fall ist die aktuelle Schimpansenkultur durch soziales Lernen geprägt (abgucken, ‚nachäffen‘) und nicht durch das individuelle Ausprobieren („Versuch und Irrtum“). Für die Wissenschaftler war dennoch überraschend, wie schnell einige Tiere angesichts neuartiger Probleme eine angemessene Lösung fanden, was erklären würde, warum sich selbst benachbarte Horden in kultureller Hinsicht manchmal extrem unterscheiden. Diese Differenzen finden sich sowohl beim Gebrauch von Werkzeugen als auch bei der gegenseitigen Fellpflege und beim Balzverhalten. So entstehen Traditionen bei den Tieren, indem ein Gruppenangehöriger eine neue Erfindung macht, die andere sich ebenfalls aneignen.John Eidson (Hrsg.): Das anthropologische Projekt: Perspektiven aus der Forschungslandschaft Halle/Leipzig. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2008.Werkzeug-Wahl: Auch Affen haben Kultur. Spiegel Online. Artikel vom 11. Mai 2012. Ein besonderer Fall von Tradierung ist die Tatsache, dass Schimpansen in Guinea gelernt haben, die Fallen von Wilderern unschädlich zu machen.Schimpansen tricksen Wilderer aus. In: Regenwald Report. Nr. 4, 2010, S. 14.