mini|hochkant|Steve Reich (um 1983) Steve Reich [] (eigentlich Stephen Michael Reich; * 3. Oktober 1936 in New York) ist ein US-amerikanischer Komponist, Pianist und Schlagzeuger, der vor allem im Bereich der Minimal Music bekannt ist und als einer ihrer Pioniere gilt, obwohl er in späteren Werken vom puren minimalistischen Stil Abstand nahm. Er gilt dennoch allgemein, zusammen mit Philip Glass, Terry Riley und La Monte Young, als einer der wichtigsten Vertreter der (American) Minimal Music.

Reichs Œuvre umfasst zahlreiche Vokal- und Orchesterwerke für Orchester oder Ensembles, Quartette, multimediale Performances und andere Kammermusik- und Solokompositionen mit sehr unterschiedlichen Kompositionsansätzen.

Seine Inspirationen entstammen sowohl ursprünglicher afrikanischer Trommelmusik oder balinesischer Gamelan-Musik, als Ausdruck nicht-westlicher Volksmusik, wie auch elektronischen Techniken oder dem Phasing, Musik des Barock, der Renaissance oder des Mittelalters, bis hin zu Psychedelic Rock, Jazz und Komponisten des 20. Jahrhunderts. Ausdrücklich bezieht er sich nicht auf Komponisten der Klassik, Romantik oder seriellen Musik.

Steve Reich wurde als „größter lebender Komponist Amerikas“ (The Village Voice) und „originellster musikalischer Denker unserer Zeit“ (The New Yorker) bezeichnet; für die New York Times gehört er „zu den großen Komponisten des Jahrhunderts“.

Leben Herkunft und Kindheit Steve Reich wurde 1936 als Sohn der Sängerin, Broadway-Texterin und Dichterin June Carroll (geb. Sillman; * 1917 in Detroit, Michigan; † 16. Mai 2004 in Los Angeles) und des Anwalts Leonard J. Reich (* 14. September 1904 in New York; † 10. Juli 1991 in Palm Beach, Florida) in eine deutsch-jüdische Familie geboren. Seine Eltern trennten sich bereits 1937, kurz nach seinem ersten Geburtstag. Er blieb beim Vater in New York, seine Mutter zog wenig später nach Los Angeles, um dort als Sängerin und Texterin Geld zu verdienen. Beide Eltern teilten sich das Sorgerecht, weswegen Reich zwischen 1939 und 1942 häufig mit seiner Gouvernante per Eisenbahn zwischen der amerikanischen Ost- und Westküste pendelte. Diese Bahnfahrten erhalten später eine besondere Bedeutung dadurch, dass er sich in seinem Stück Different Trains (1988) explizit auf sie beruft, als Metapher für die durch Europa rollenden Vernichtungszüge der Nazis.

Obwohl Steve Reich einer deutsch-jüdischen Familie entstammte, wurde er atheistisch erzogen. Sein Halbbruder Jonathan Carroll ist ein erfolgreicher Schriftsteller.

Reich wuchs in bürgerlich-vorstädtischen Verhältnissen auf und kam nach eigenen Angaben bis zu seinem 14. Lebensjahr nur mit Musik der klassisch-romantischen Periode (1750–1900) in Berührung. Er erhielt auf Betreiben seines Vaters zwischen (circa) 1943 und 1946 Klavierunterricht, dem er jedoch wenig enthusiastisch gegenüberstand und den er mit zehn Jahren aus eigenem Willen abbrach.

Um 1950 hörte er erstmals Werke von Johann Sebastian Bach, beispielsweise das 5. Brandenburgische Konzert, Neue Musik wie Le sacre du printemps von Strawinski und Jazz (Charlie Parker, Miles Davis, Kenny Clarke), was ihn nachhaltig beeindruckte und dazu führte, dass er im selben Jahr Schlagzeugunterricht bei Roland Kohloff, dem späteren ersten Paukisten der New Yorker Philharmoniker, erhielt. 1953 beendete er die High School und gründete ein Bebop-Quintett, in dem er Schlagzeug spielte.

Berufliche Laufbahn Studium der Philosophie und Studium im Fach Komposition Im selben Jahr, mit 16 Jahren, schrieb er sich an der Cornell University in Ithaca für ein Bachelorstudium in Philosophie ein. Musik belegte er nur im Nebenfach, wurde jedoch durch den dortigen Professor für Musikgeschichte, William Austin, beeinflusst und bestärkt, Komponist zu werden. 1957 schloss er das Studium der Philosophie mit einer Bachelor-Arbeit über das Spätwerk Ludwig Wittgensteins ab. Zitate von Wittgenstein verwendete er für Proverb (1995) und You Are (Variations) (2006).

Eine weitere philosophische Laufbahn schlug er jedoch nicht ein, denn er sah sich als Komponist. Besonders die Musik John Coltranes mit ihren langen Improvisationen über sehr wenige Akkorde und generell der Bebop faszinierte ihn. Nach eigenen Angaben will er John Coltrane mindestens 50 mal auf der Bühne erlebt haben. Reich nahm von 1957 bis 1958 privaten Unterricht bei dem Jazz-Komponisten und Pianisten Hall Overton und wurde mit 21 Jahren an der New Yorker Juilliard School im Fach Komposition angenommen. Dort studierte er bei Vincent Persichetti und William Bergsma. Zu seinen Mitschülern gehörte auch der spätere Komponist Philip Glass. Reich fühlte sich jedoch in dem recht akademischen Umfeld nicht besonders wohl. Zu seinem Unbehagen trug bei, dass sein bevorzugtes Instrument, das Schlagzeug, nicht als vollwertiges Instrument anerkannt wurde. Außerdem hatte er ein gespanntes Verhältnis zu seinem Vater, der von den Plänen seines Sohnes nicht begeistert war.

Studium im Fach Komposition und erste künstlerische Tätigkeiten 1961 heiratete Reich seine erste Frau, Joyce Barkett, und zog mit ihr nach Kalifornien.

Er studierte am Mills College in Oakland weiterhin Komposition, unter anderem bei Fakultätsprofessor Darius Milhaud und Gastprofessor Luciano Berio (dem Reich den Vorzug gab). Unter Berios Anleitung analysierte Reich Partituren von Anton Webern, die konträr zu den tonalen Harmonien standen, die Reich selbst bevorzugte. Der undogmatische Berio fragte Reich: „Wenn Sie tonale Musik schreiben wollen, wieso schreiben Sie dann keine tonale Musik?“ Reich ließ sich auch von Arnold Schoenbergs Kompositions- und Zwölftontechnik inspirieren. Reichs frühe Kompositionsversuche beinhalteten Experimente mit Zwölftonkompositionen, aber er fand die rhythmischen Aspekte der Zwölftonreihe interessanter als die melodischen Aspekte. Schoenbergs Frühwerk, sein einziges Orchesterwerk in freier Atonalität, Fünf Orchesterstücke, op. 16, speziell Nr. 3 mit dem Titel Farben (1909), bezeichnete er einmal als eines seiner klassischen Lieblingswerke. Als seine musikalischen Kraftquellen nannte Reich im Jahre 1995 die Musik des Barock, der Renaissance, des Mittelalters (vor allem die Komponisten Léonin und Pérotin aus dem 12. Jahrhundert), nicht-westliche Musik und Komponisten wie Johann Sebastian Bach, Antonio Vivaldi oder Wolfgang Amadeus Mozart. Allerdings räumte er auch ein, dass Musikgeschichte für ihn als Komponist im Wesentlichen mit dem Gregorianischen Gesang beginnt und 1750 mit dem Tod von Johann Sebastian Bach endet. Dann beginnt sie für ihn wieder mit Claude Debussy, Maurice Ravel, Igor Strawinsky, Béla Bartók, Anton Webern bis in die Gegenwart – Reich dazu 2011: „die gesamte klassische und romantische Periode ist angefüllt mit Genies, die ich nicht höre und von denen ich absolut nichts gelernt habe“. Am Mills College machte Reich die Bekanntschaft mit dem Kommilitonen Phil Lesh, den späteren Bassisten der Grateful Dead.Alex Petridis: Steve Reich on Schoenberg, Coltrane and Radiohead. In: The Guardian, 1. März 2013.

1962 las er das Buch von Arthur Morris Jones über afrikanische Trommelmusik und begann neben dem Studium am San Francisco Tape Music Center zu arbeiten, einer künstlerischen Einrichtung, die sich mit Tonbandmusik beschäftigt. Dort kam er mit Pauline Oliveros, Ramon Sender, Morton Subotnick und Terry Riley in Kontakt. Er war an der Uraufführung von Rileys In C beteiligt und schlug die Verwendung des Achtelpulses vor, der heute Standard für die Aufführung des Stücks ist. Er bemängelte die Unfreiheit in der Ausbildung, in der im Wesentlichen Aleatorik und Serialismus propagiert wurde, und verbrachte nachts viel Zeit mit Jazz, gründete eine Improvisationsgruppe, wirkte im Straßentheater der Mine Troup und nahm an einer Lightshow teil.

Im nächsten Jahr wurde sein Sohn Michael geboren, und er trennte sich von Joyce Barkett.

1963 schloss er sein Studium am Mills College mit dem Master of Arts ab und kehrte der akademischen Welt endgültig den Rücken.

Wenig später zog er wieder nach New York, wo er 1966 das Ensemble „Steve Reich and Musicians“ gründete sowie in anderen Ensembles für Neue Musik mitspielte und Stücke für diese komponierte.

Leben konnte er davon alleine jedoch nicht, aber statt sich um ein Stipendium oder eine Assistenzprofessur zu bemühen, fuhr er Taxi und arbeitete bei der Post. Zusammen mit seinem ehemaligen Kommilitonen Philip Glass gründete er kurzzeitig ein gemeinsames Umzugsunternehmen, das Chelsea Light Moving. Zwei später berühmte Komponisten, trugen so, für schmales Budget, Möbel durch New Yorker Mietshäuser.

Studien in Ghana, Europa und Israel Von 1969 bis 1971 arbeitete er an der New School for Social Research in New York, unterbrochen von einem Aufenthalt in Accra, Ghana, wo er im Sommer 1970 an der Universität von Ghana für fünf Wochen Percussion-Unterricht bei Gideon Alorworye nahm. Der Lehrer machte Reich mit Polyrhythmen vertraut. Ein Ergebnis dieser Studien war die Komposition Drumming (1970–1971), die Reich schlagartig bekannt machte.

In diesen Jahren erfolgten einige Premieren in Museen statt in Konzertsälen: Die Weltpremiere von Drumming fand am 3. Dezember 1971 im Museum of Modern Art in New York statt. Premiereort von Four Organs war das Guggenheim Museum in New York. Pendulum Music wurde 1969 am Whitney Museum erstaufgeführt 69. Die Londoner Premiere von Tehillim fand in der Hayward Gallery statt. mini|Steve Reich beim Holland Festival (1976) In Europa waren die Arbeitsbedingungen und vor allem die Verdienstmöglichkeiten besser, weswegen er 1972 zusammen mit der Choreografin Laura Dean eine erste Europatournee unternahm und als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes auch Berlin besuchte.

In den Jahren 1973 und 1974 widmete er sich Studien des balinesischen Gamelan Semar Pegulingan und Gamelan Gambang an der American Society for Eastern Arts in Seattle und in Berkeley/Kalifornien.

Im Jahre 1976, im Alter von 40 Jahren, heiratete er seine heutige Frau, die Videokünstlerin Beryl Korot, mit der er den Sohn Ezra bekam. Er wurde sich zunehmend seiner jüdischen Herkunft bewusst, besuchte Israel 1977 und bezog jüdischen Kontext in seine Arbeiten ein.

Von 1976 bis 1977 schlossen sich Studien des traditionellen Gesangs der hebräischen Schriften in New York und Jerusalem an.

Komponist Seit Mitte der 1970er Jahre ist Steve Reich international einem breiten Publikum bekannt und erfolgreich. Er unternimmt ausgedehnte Tourneen mit seinem Ensemble.

Das Jahr von Steve Reichs 70. Geburtstag (2006) wurde mit Festivals und Sonderkonzerten zelebriert, die von Ensembles in der ganzen Welt organisiert waren. Anlässlich seines 75. Geburtstages wurde Steve Reich 2011 mit Konzerten rund um den Globus geehrt. Auch zu seinem 80. Geburtstag erhielt der Komponist viel Aufmerksamkeit. Inzwischen spielen auch eine Reihe von klassischen Symphonieorchestern Kompositionen von Steve Reich. Orchester mit vielen Musikern können die schwierigen Verdoppelungen der Töne, wie Reich bemerkte, manchmal besser abbilden als ein Ensemble. Vor allem die Instrumentalwerke sind heute in der konzertanten Aufführungspraxis häufig anzutreffen. Seit einigen Jahren sind die Kompositionen Reichs auch Anlass für junge Pioniere der elektronischen EDM-Musik für Remixe.

Eine Bedeutung für Reich hat das Verknüpfen von visuellen Eindrücken (Filme, Videos) und Musik (er ist mit der Videokünstlerin Beryl Korot verheiratet), welches er in seinem Werk Reich/Richter (2019) aufgriff. Gleichzeitig ist er offen, wenn seine Musik in Filme einbezogen wird. so haben einige Filmemacher Different Trains in ihre Filme eingebaut.

Die Paul-Sacher-Stiftung hat mit Steve Reich am 3. Dezember 2008 eine Vereinbarung zur Übernahme seines Musik-Archivs getroffen. Es steht der Forschung im Archiv der Stiftung in Basel zur Verfügung.Steve Reich. In: Paul-Sacher-Stiftung, abgerufen am 9. Dezember 2019