Kosmopolitismus (von „Ordnung, Weltordnung, Welt“ und „Bürger“), auch Kosmopolitanismus bzw. Weltbürgertum, ist eine philosophisch-politische Weltanschauung, die den ganzen Erdkreis als Heimat betrachtet. Das Konzept geht auf die Antike zurück. Es steht im Gegensatz zum Nationalismus und Provinzialismus. Daneben wurden ab den 1980er Jahren Ansätze formuliert, die partikularistische und universelle Vorstellungen miteinander verknüpfen wollen.
Antike Diogenes von Sinope bezeichnete sich erstmals als Weltbürger. So wie er in seinen Anfängen in der griechisch-hellenischen Ideengeschichte zu finden ist, war der Kosmopolitismus zunächst eine mehr individualistische Lebensphilosophie, die mit der Sichtweise des Kynismus verbunden war. In der Philosophenschule der Stoiker (Zenon, Seneca, Mark Aurel und andere) wurde er auch zu einer Ethik weiterentwickelt.
Die Idee des Kosmopolitismus wird Diogenes von Sinope zugeschrieben, wurde jedoch von den stoischen Philosophen weiterentwickelt und verbreitet. Die Welt kann als eine universale Stadt betrachtet werden, in der jeder Einzelne Teil des Ganzen ist. Die daraus entstandene universelle Brüderlichkeit ist ein zentrales Element der Lehre der Stoiker. Nach stoischer Ansicht ist es die Natur, die den Menschen zu einem geselligen Tier macht und eine fast instinktive Sympathie in ihm weckt. Kaiser Mark Aurel erinnerte in seinem Hauptwerk Selbstbetrachtungen daran, dass das Schicksal (im stoischen Sinne) die Menschen zu vernünftigen Wesen macht und sie zu Mitgliedern einer Weltstadt vereint, die sich ihnen aufdrängt und sie dazu bringt, einander aus natürlicher Neigung zu lieben.Marc Aurel, Selbstbetrachtungen VII, 13
Ein gängiger Ansatz, den stoischen Kosmopolitismus zu interpretieren, ist das Kreismodell der Identität des Hierokles. Dieses Modell besagt, dass der Einzelne sich als konzentrische Kreise betrachten sollte: der erste Kreis umfasst das eigene Ich, gefolgt von der unmittelbaren Familie, der erweiterten Familie, der lokalen Gruppe, den Bürgern, den Landsleuten und der Menschheit. Innerhalb dieser Kreise entwickeln die Menschen ein Gefühl der „Affinität“ oder „Zuneigung“ zu anderen, das die Stoiker als „Oikeiosis“ bezeichneten. Die Aufgabe der Weltbürger besteht darin, die Kreise in Richtung Mitte zu ziehen und eine größere Ähnlichkeit zwischen allen Menschen und unseren Mitbürgern in der Stadt herzustellen.
Renaissance und Aufklärung mini|Neueste Weltbegebenheiten: Der Aufklärung dienende Zeitschrift, geschrieben von einem Weltbürger
Einen mächtigen Schub bekommt diese Philosophie im Zeitalter des Renaissance-Humanismus und der Aufklärung. Viele der damals zeitgenössisch großen Denker und Schriftsteller schreiben über dieses Ideal, so zum Beispiel der Weimarer Prinzenerzieher Christoph Martin Wieland in seinem Werk Das Geheimnis des Kosmopoliten-Ordens:
Auch Lessing schreibt über Die Erziehung des Menschengeschlechts. Dem schließt sich Johann Gottfried Herder mit seinem Werk Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit an. Für die Entwicklung eines Kosmopolitismus der Moderne wird Immanuel Kant eine wesentliche Rolle zugesprochen. Am bekanntesten ist sein Essay Zum ewigen Frieden, da dieser die kosmopolitische Idee in eine Rechtsphilosophie verwandelt.
Weltliche und der Aufklärung dienende Publikationen wie die Neuesten Weltbegebenheiten kamen im 18. Jahrhundert auf. So bezeichnete sich Dominikus von Brentano als Weltbürger auf dem Titelblatt der Neuesten Weltbegebenheiten. Nachrichtenberichterstattung sollte unabhängig von der Kirche erfolgen. Es sollten nur wichtige und wahre Meldungen verbreitet werden, die der Aufklärung der Menschheit dienen.
Die Debatte über Kosmopolitismus war bereits in den 1780er Jahren politisch aufgeladen. Der konservative Publizist Ernst August Anton Göchhausen kritisierte 1786 kosmopolitische Ideen als staatsgefährdend und warf ihren Anhängern vor, die staatliche Ordnung zu untergraben.Andrea Albrecht: Kosmopolitismus. Weltbürgerdiskurse in Literatur, Philosophie und Publizistik um 1800. Berlin, 2005, S. 97–100.
Während der Französischen Revolution war die Figur des Kosmopoliten umstritten. Einerseits hieß man bis 1792 Ausländer, die sich die Ideale der Revolution zu eigen gemacht hatten, willkommen und verlieh ihnen das französische Bürgerrecht. Ein prominentes Beispiel ist Anacharsis Cloots, ein Sohn des holländisch-preußischen Adeligen, der eine „République universelle“ über alle nationalen Grenzen hinaus gründen wollte. Gleichzeitig lässt sich eine verbreitete Abneigung gegen die „vaterlandslosen Gesellen“ feststellen. Seit 1792 gab es auch Polemiken gegen die als kosmopolitisch gedeutete Annexionspolitik Frankreichs im Ersten Koalitionskrieg. Vollends auf die negative Seite schwang das Pendel in der Zeit der terreur um: Nun galten Kosmopoliten der Mehrheit der Jakobiner und Sansculotten als gleichgültig gegenüber der Revolution, als Gegenteil des Patrioten. Die certificats de civisme (Bürgerzeugnisse, die verhindern konnten, gemäß dem Gesetz über die Verdächtigen verhaftet zu werden) wurden ihnen verweigert, Verdächtigungen über eine „Verschwörung des Auslands“ führten zu Hinrichtungen, der Hass auf die Königin rührte zu einem nicht geringen Teil aus ihrer österreichischen Herkunft. Besonders katholische Priester wurden als revolutionsfeindliche „Weltbürger“ hingestellt, weil sie den universalistischen Anspruch der katholischen Kirche verkörperten, der dem partikularen Machtanspruch der Republik zuwiderlief. Viele von ihnen wurden zwangsverheiratet oder starben unter der Guillotine.Gerd van den Heuvel: Cosmopolite, Cosmopoli(ti)sme. In: Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680–1820. Heft 6, Oldenbourg, München 1986, ISBN 3-486-53661-3, S. 8–13 (abgerufen über De Gruyter Online).
19. Jahrhundert Die Aufwertung der Nationalen Identität und damit einhergehende Entstehung zahlreicher Nationalstaaten im 19. Jahrhundert schuf eine neue Zugehörigkeit zu einem begrenzten und mehr oder weniger homogenen Kulturraum und damit eine Entfernung von den kosmopolitischen Idealen der Aufklärung. Hannah Arendt führt das Scheitern der nationalstaatlichen Idee in der Katastrophe des Ersten Weltkriegs auf die sich um 1880 beschleunigende Expansion des kolonialen Imperialismus zurück, der mit der eigentlichen Begrenztheit des Nationalstaats nicht vereinbar war.Hannah Arendt: The Origins of Totalitarianism. New York 1951, dt. Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt a. M., 1955; 17. Auflage. Piper, München 2017, S. 286ff, ISBN 3-492-21032-5.
In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zeichnete sich dennoch eine pazifistische Gegenbewegung innerhalb des heranwachsenden Bürgertums sowohl in Europa als auch in Nordamerika ab, die für eine spätere Wiederbelebung des Interesses am Kosmopolitismus eine Rolle spielte. Als bekannte Vertreterin dieser neuen Bewegung forderte die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner eine Überwindung der wachsenden nationalen Konfliktpotentiale durch eine Friedensunion aller Staaten und Schiedsgerichtsverträge zur Schlichtung von Gegensätzen. Ihr Buch Die Waffen nieder! war mit Übersetzungen in 15 Sprachen bis weit in das 20. Jahrhundert hinein das wichtigste Werk der Antikriegsliteratur.
Diese Entwicklung war nicht auf Europa und Nordamerika beschränkt. In dem durch regionale Konflikte und religiösen Fanatismus gekennzeichneten Persien des 19. Jahrhunderts wurde im Bahaitum die Idee des Weltbürgers zu einer zentralen Lehre. Die Forderung Baha’ullahs „Die Erde ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger“ war eine Absage an geltende religiöse Gräben und jeglichen Nationalismus. Diese „theologisch begründete kosmopolitische Einstellung der Religionsangehörigen“ ist nach Manfred Hutter ein Hauptgrund für die Verfolgung der Bahai im heutigen Iran.Manfred Hutter: Iranische Religionen, Walter de Gruyter, 2019, S. 195ff
20. und 21. Jahrhundert Obwohl der Beginn des Ersten Weltkriegs ein gewaltiger Rückschlag für die Anhänger pazifistischer Überzeugungen war, kehrte mit dem Ende des Krieges und der aufkommenden wirtschaftlichen Not auch das Interesse an pazifistischen Idealen zurück. Die Bewegung war aber angesichts der kontroversen Diskussion über Kriegsschuld und die Weimarer Republik gespalten.Reinhold Lütgemeier-Davin: Pazifismus zwischen Kooperation und Konfrontation. Das Deutsche Friedenskartell in der Weimarer Republik, Pahl-Rugenstein, 1982.
Die Gründung des Völkerbunds als Versuch, Kriege in der Zukunft zu ächten, zeigte jedoch, dass seine Instrumentarien zu schwach waren, um den Zweiten Weltkrieg aufhalten zu können. Selbst ein überzeugter Pazifist und Kosmopolit wie Albert Einstein schreckte nicht davor zurück, durch seinen Brief an Franklin Delano Roosevelt den Anstoß zum Bau der Atombombe zu liefern.
Esperanto als kosmopolitisches Sprachprojekt In der Zwischenkriegszeit boomte mit Esperanto ein kosmopolitisches Projekt. Die Plansprache war Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt worden, um die Menschheit sprachlich zusammenzuführen und dadurch langfristig den Frieden zu sichern. In den Jahren 1922/23 debattierte der Völkerbund, seinen Mitgliedsstaaten die Einführung von Esperanto als Unterrichtssprache zu empfehlen. Mit der leicht zu erlernenden Hilfssprache würde der Menschheit eine gemeinsame, politisch neutrale Kommunikationsbasis gegeben. Die Initiative fand aber in der zuständigen Kommission zu wenig Unterstützung und scheiterte.Malte König: Esperanto in der Zwischenkriegszeit: ein kosmopolitisches Projekt auf dem Prüfstand. In: Historische Zeitschrift 314.1 (2022), S. 68–104, hier 91-96 Der Zweite Weltkrieg beendete Aufstieg und Verbreitung des Esperanto.König: Esperanto in der Zwischenkriegszeit, S. 96–101.
Menschenrechte als kosmopolitische Rechtsbasis Eine Rückkehr des Interesses an den kosmopolitischen Idealen der Aufklärung war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu beobachten. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte hat bereits drei Jahre nach Gründung der Vereinten Nationen erstmals den rechtlichen Aspekt von Kosmopolitismus festgehalten. Nach Seyla Benhabib sind damit alle Menschen als solche rechtswürdig, unabhängig von nationaler Zugehörigkeit und Staatsbürgerschaft.Seyla Benhabib: Kosmopolitismus ohne Illusionen, Suhrkamp, 2016. Benhabib weist allerdings auch darauf hin, dass diesem Fortschritt auf der Seite des Rechts eine in einigen Teilen der Welt wachsende Skepsis hinsichtlich der Gültigkeit dieser Normen gegenübersteht, die sich zuletzt durch die Diskrepanz zwischen dem universalistischen Anspruch der Menschenrechte und dem Unvermögen Europas, diesen nach der „Flüchtlingskrise“ 2015 umzusetzen, zeigte.
Die Diskrepanz zwischen nationalen und übergeordneten Ansprüchen begleitete die Vereinten Nationen seit Anbeginn. Ihr zweiter Generalsekretär, Dag Hammarskjöld, wurde 1956 – 5 Jahre vor seinem noch heute nicht endgültig aufgeklärten Tod – in einem Artikel der Zeit als „Kosmopolitiker Hammarskjöld“ bezeichnet, der es verstand – gegen ursprüngliche Erwartungen – die Ideen des Kosmopolitismus in Kosmopolitik (Weltordnungspolitik) umzusetzen und alle Möglichkeiten eines Staatsmanns ausschöpfte, der „nicht zwischen und nicht in, sondern über den Nationen steht“.Kosmopolitiker Hammarskjöld. In: Die Zeit. Nr. 46/1956.
Großes mediales Interesse erlangte die Idee des Weltbürgers durch die Aktionen des ehemaligen US-Bomberpiloten Garry Davis, der 1948 durch die Rückgabe seines US-Passes staatenlos wurde, sich selbst als „Weltbürger Nummer 1“ bezeichnete und die Weltbürgerbewegung ins Leben gerufen hatte.
Kosmopolitismus als antisemitische Verschwörungstheorie