mini|Haus des FDGB 1950, Unter den Linden 13/15, heute Deutsche Guggenheim
Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) war Dachverband der etwa 15 Einzelgewerkschaften auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) von 1945 bis 1949 und danach bis 1990 in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR).
Der FDGB war ab 1. Januar 1949Ulrich Kuhirt (Hrsg.): Kunst der DDR. 1945-1959. E. A. Seemann Ver-lag Leipzig, 1982, S. 288 Mitglied des Weltgewerkschaftsbunds. 1986 waren die größten Einzelgewerkschaften die IG Metall (1,8 Millionen Mitglieder), die Gewerkschaft Handel, Nahrung und Genuss (1,1 Millionen), die IG Bau-Holz (950.000) und die Gewerkschaft der Mitarbeiter der Staatsorgane und Kommunalwirtschaft (840.000). Zentralorgan des FDGB war die Tageszeitung Tribüne.
Der Gewerkschaftsapparat war Bestandteil und Instrument des politisch-ideologischen Machtgefüges der SED und wie alle anderen Massenorganisationen der DDR zentralistisch und hierarchisch organisiert. Die kleinste Einheit war die Gewerkschaftsgruppe, dem die Mitarbeiter, staatlichen Leiter und Parteifunktionäre eines Arbeitsbereichs angehörten. Aus diesem Kollektiv wurden die Vertrauensleute – ideologisch verlässliche Kollegen – als unterste FDGB-Funktionäre nominiert und in offener Abstimmung gewählt.
Geschichte mini|Erster FDGB-Kongress 1946, Redner: Oberst Tjulpanow
Gründung in der SBZ mini|Außenseiten einer FDGB-Mitgliedskarte von 1948 mini|Innenseiten einer FDGB-Mitgliedskarte von 1948 mini|Sitz des FDGB-Bundesvorstands bis 1988, Fritz-Heckert-Straße 70 mini|Sitz des FDGB-Bundesvorstands ab 1988 (heute Chinesische Botschaft in Berlin), Märkisches Ufer 54 mini|FDGB-Schild am früheren Gewerkschaftshaus in der Feldstraße in Rostock (2022)
Der FDGB wurde bereits am 18. März 1945 in Aachen gegründet, also mehrere Wochen vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Den Vorsitz übernahm Mathias Wilms, dem als weitere Vorstandsmitglieder Anna Braun-Sittarz, Toni Valder, Nikolaus Kreitz und Peter Spiegelmacher angehörten. Drei Monate später hatte die neue Gewerkschaft rund 1300 Mitglieder und fünf Ortsverbände in der Region.
Da die westlichen Alliierten allerdings nur Industrieverbände und nicht die Organisation einer Einheitsgewerkschaft zuließen, konnte sich der FDGB in den westlichen Besatzungszonen nicht etablieren. Die Bildung von freien Gewerkschaften auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) wurde am 10. Juni 1945 durch Befehl Nr. 2 der sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) zugelassen. Schon am 2. Juni waren Vertreter der Gewerkschaftsbewegung mit der Bildung einer Einheitsgewerkschaft beauftragt worden. Am 13. Juni konstituierte sich auf Initiative der Gruppe Ulbricht der Vorbereitende Gewerkschaftsausschuss für Groß-Berlin (V.G.f.G.-B), der eine maßgebliche Rolle zunächst beim Aufbau des FDGB Groß-Berlin (der wegen des Viermächte-Status Berlins eine eigenständige Organisation bildete) und dann des FDGB und seiner Bezirksverbände spielte.
Im August 1945 hielt Ulbricht eine richtungweisende Rede, in der er die Forderung nach parteipolitischer Neutralität einer Einheitsgewerkschaft ausdrücklich ablehnte, in dem er diese als „Ausdruck der Furcht gewisser Kreise vor der einigenden Kraft der Arbeiterklasse“ charakterisierte. Bei den Groß-Berliner Delegiertenwahlen Ende 1945 errang die KPD 312 Mandate, die SPD 226 und die CDU 3 – 17 waren parteilos. Die Gewerkschaftsvertreter rückten schnell in wichtige Positionen in lokalen, regionalen und zentralen Verwaltungen ein und nahmen in der umgeformten Industrie- und Handelskammer ein Drittel der Sitze ein. Die Vereinigung der landesweit nach dem Krieg entstandenen Gewerkschaften erreichte ihren Abschluss auf dem ersten FDGB-Kongress, der vom 9. bis 11. Februar 1946 stattfand.
Mit Widerständen war die betriebliche Absicherung des FDGB verbunden. Im August 1945 scheiterten die Bemühung der SMAD, die Betriebsräte den Gewerkschaften strikt unterzuordnen, so die faktisch weitreichenden ökonomischen und politischen Mitbestimmungsrechte einzuschränken und eine zentrale Kontrolle über spontane Basisaktivitäten im betrieblichen Bereich zu erlangen. Dies gelang erst in einer außen- und innenpolitisch veränderten Konstellation 1947/48, durch die Schaffung der von der SED kontrollierten Betriebsgewerkschaftsleitung des FDGB. Die letzte Betriebsratswahl in der SBZ gab es 1947. Auf der Bitterfelder Konferenz im Herbst 1948 wurden die Betriebsräte de facto aufgelöst und in die Betriebsgewerkschaftsleitung überführt. Im selben Jahr spaltete sich die Unabhängige Gewerkschaftsopposition (UGO), die bis dahin stärkste Opposition innerhalb des FDGB, von der Einheitsgewerkschaft ab. Die UGO war als eigenständige Berufsorganisation mit Rücksicht auf den Westen zugelassen worden.
Von 1946 bis 1948 gab es insgesamt 9 vom Weltgewerkschaftsbund initiierte gesamtdeutsche Interzonen-Konferenzen, auf den in zentralen Fragen zunächst weitgehend Übereinstimmung herrschte. Es wurden gemeinsame Resolutionen u. a. zu den Themen Entnazifizierung, Mitbestimmung, Planwirtschaft und Bodenreform verabschiedet. Ab August 1948 gab es jedoch aufgrund politischer Entwicklungen, wie Kalter Krieg, aber auch wegen grundsätzlicher Meinungsunterschiede keine Fortsetzung der Interzonenkonferenzen.
Der FDGB trug zum Neuaufbau des kulturellen Lebens in der SBZ/DDR bei. U. a. veranstaltete er 1949 den künstlerischen Wettbewerb „Unsere neue Wirklichkeit“, dessen Ergebnisse in der Ausstellung Mensch und Arbeit gezeigt wurden.
Die ersten Mitglieder des FDGB erhielten Mitgliedskarten zum Kleben der wöchentlichen Beitragsmarken. Diese Klappkarten waren nur für 18 Monate – also 96 Wochen – gedacht. Danach wurde die nächste Mitgliedskarte ausgehändigt. Auf der Rückseite dieser Klappkarten wurde die Mitgliedschaft in einer gewerkschaftlichen Organisation vor 1933 eingetragen, wodurch eine Anrechnung dieser Zeiten gewährleistet wurde. Von Anfang an war es das Ziel des FDGB, Mitbestimmungsrechte in den Betrieben und Verwaltungen zu erlangen. Dadurch sollte die Interessensvertretung für seine Mitglieder gewährleistet werden.
Funktion im SED-Staat Ab 1950 war der FDGB eine unselbstständige Massenorganisation, die sich dem Führungsanspruch der SED unterordnete. In der DDR hatte er eine Disziplinierungs- und Verteilungsfunktion, die weitaus gewichtiger wurde, als die eingegrenzten Mitwirkungsmöglichkeiten in den Betrieben. Dies zeigte sich etwa in den 1970er und 1980er Jahren bei der Vermittlung von Ferienreisen. So spielten bei der Vergabe der FDGB-Ferienschecks neben sozialpolitischen Kriterien auch „besondere Arbeitsleistungen“ und „gesellschaftliche Aktivitäten“ eine Rolle.Matthias Judt (Hrsg.): DDR-Geschichte in Dokumenten – Beschlüsse, Berichte, interne Materialien und Alltagszeugnisse. Schriftenreihe Band 350, Christoph Links Verlag/Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1998, ISBN 3-89331-491-1, S. 39, 73.
Nach der friedlichen Revolution in der DDR
Der letzte Vorsitzende des FDGB Harry Tisch wurde im November 1989 seines Amtes enthoben und aus dem FDGB ausgeschlossen.
Im März 1990 wurde der FDGB für die Volkskammerwahl 1990 registriert, aber von der Wahlkommission nicht zugelassen.
Zum 30. September 1990 – kurz vor der Wiedervereinigung – löste sich der FDGB auf. Dies war auf einem Parteitag am 14. September beschlossen worden. Die Einzelgewerkschaften des FDGB schlossen sich ihren westdeutschen Pendants im DGB bis 1991 an.
Das Vermögen des FDGB unterlag nach der Wende und friedlichen Revolution der Kontrolle der Treuhandanstalt und der UKPV (Unabhängige Kommission zur Überprüfung des Vermögens der Parteien und Massenorganisationen der DDR).
Offizielles Gewerkschaftsverständnis Die Verfassung der DDR in der Fassung von 1974 enthielt im Abschnitt II. Bürger und Gemeinschaften in der sozialistischen Gesellschaft ein eigenes Kapitel Die Gewerkschaften und ihre Rechte (Artikel 44 und 45).
Die Gewerkschaften des FDGB ihrerseits:
Die Aufgaben der Gewerkschaften werden in der FDGB-Satzung folgendermaßen definiert:
Liste der Mitgliedsgewerkschaften Industriegewerkschaft Bau-Holz entstanden 1950 aus Industriegewerkschaft Bau und Industriegewerkschaft Holz Industriegewerkschaft Bergbau-Energie Industriegewerkschaft Metallurgie war zwischen 1951 und 1958 ausgelagert Industriegewerkschaft Wismut (entstand 1950 aus der Industriegewerkschaft Bergbau-Energie; Eigenständige Mitgliedsgewerkschaften; siehe hierzu Wismut) Industriegewerkschaft Chemie, Glas und Keramik Industriegewerkschaft Druck und Papier Gewerkschaft Gesundheitswesen Gewerkschaft Handel, Nahrung und Genuss Gewerkschaft Kunst Gewerkschaft Land, Nahrungsgüter und Forst Industriegewerkschaft Metall Gewerkschaft der Mitarbeiter der Staatsorgane und der Kommunalwirtschaft Industriegewerkschaft Textil-Bekleidung-Leder entstanden 1950 aus Industriegewerkschaft Textil und Industriegewerkschaft Bekleidung und Industriegewerkschaft Leder Industriegewerkschaft Transport und Nachrichtenwesen 1963 entstanden aus Industriegewerkschaft Eisenbahn und Industriegewerkschaft Energie-Post-Transport 1958 entstanden aus Industriegewerkschaft Energie und Industriegewerkschaft Post und Fernmeldewesen und Industriegewerkschaft Transport Gewerkschaft Unterricht und Erziehung Gewerkschaft Wissenschaft Gewerkschaft der Zivilbeschäftigten der NVA
Organe und Funktionäre Die höheren Funktionäre, Abteilungsgewerkschaftsleiter (AGL) bis zum Leiter der Zentralen Betriebsgewerkschaftsleitung (BGL) in Kombinaten waren in der Regel linientreue Mitglieder der SED, in Einzelfällen auch von Blockparteien und meist hauptamtlich tätig. Vorsitzender des FDGB-Präsidiums war nach dem Tod von Herbert Warnke 1975 bis zur politischen Wende 1989 Harry Tisch, zugleich Mitglied des SED-Politbüros. Stellvertretende Vorsitzende des Bundesvorstandes war von 1976 bis 1989 Johanna Töpfer, zugleich Mitglied des ZK der SED.
Danach wurde die Berliner FDGB-Bezirkschefin Annelis Kimmel Vorsitzende des Bundespräsidiums. Am 1. Februar 1990 wurde Helga Mausch (NDPD) als Vorsitzende des Geschäftsführenden Vorstandes des FDGB gewählt. Sie wurde bereits im Mai 1990 durch die Einsetzung eines Sprecherrates entmachtet.
Oberstes Organ war der FDGB-Kongress, der letzte reguläre war der XI. Kongress im April 1987. Sitz des Bundesvorstandes war das Taut-Haus. Ende der 1980er Jahre erfolgte der Umzug in einen Neubau an der Jannowitzbrücke in Berlin-Mitte (jetzt als Chinesische Botschaft genutzt).
Der FDGB hatte eine eigene Hochschule, die Gewerkschaftshochschule „Fritz Heckert“ in Bernau bei Berlin. Deren Rektor war von 1949 bis zu seinem Tod 1960 Hermann Duncker.
Aufgaben Nach dem Ende des NS-Staats hatte der FDGB wesentlichen Anteil am gesellschaftlichen und kulturellen Neuaufbau. So veranstaltet er 1948 in der Sowjetischen Besatzungszone den künstlerischen Wettbewerb Unsere neue Wirklichkeit, an dem sich namhafte bildende Künstler wie Albert Ebert, Fritz Freitag und Karl Erich Müller beteiligten.Ulrich Kuhirt (Hrsg.): Kunst der DDR. 1945-1959. E. A. Seemann Verlag Leipzig, 1982, S. 87
Zu den Aufgaben des FDGB gehörte neben der ideologischen Tätigkeit in den Betrieben auch die Kantinenversorgung und die Vergabe von Ferienplätzen sowie Krankenbesuche, Verleihung von Auszeichnungen und Prämien, Geschenken zu besonderen Jubiläen usw. bis zur Vergabe von Kuren. Der FDGB betrieb auch Gewerkschaftsbibliotheken, meist in Klubhäusern.