Eduard Awagi Ter-Ghasarjan (; * 20. Juni 1923 in Jerewan, Armenische SSR, Sowjetunion; † 16. April 2012 Jerewan, Armenien) war ein sowjetisch-armenischer Künstler und Musiker. Er spielte vier Jahrzehnte lang die erste Geige im Armenischen Nationalen Philharmonieorchester und gilt als Erfinder der Mikrominiatur, einer Kunstform, die die Schaffung von Gemälden, Skulpturen, Plastiken und weiteren Werken im Millimeterbereich umfasst.

Leben Musikalische Laufbahn Eduard Ter-Ghasarjan kam 1923 in Jerewan zur Welt. Ab dem Alter von sechs Jahren erhielt er Musikunterricht und wurde als klassischer Geiger ausgebildet. 1937 wurde sein Vater, der eine gute Anstellung hatte, des Trotzkismus bezichtigt und vorübergehend festgenommen. Die Familie musste daraufhin umziehen und die folgenden zwei Jahrzehnte in einer widrigen, halbdunklen Behausung leben. Erst als der künstlerisch begabte Sohn über die Grenzen der Sowjetunion hinaus bekannt wurde, gestand das Zentralkomitee der Familie Ter-Ghasarjan wieder eine gute Wohnung zu. Eduard studierte am Staatlichen Konservatorium in seiner Heimatstadt und spielte zunächst von 1939 bis 1946 im Orchester des Spendiarjan-Theaters. Nach dem Abschluss wurde er in das Nationale Philharmonieorchester aufgenommen, dem er bis 1986 – die längste Zeit als (stellvertretender) Konzertmeister – angehörte.

Ter-Ghasarjan war auch abseits seiner Karriere als Philharmoniker musikalisch aktiv. 1977 nutzte er sein handwerkliches Geschick für die Rekonstruktion der historischen Viola pomposa. Dazu benutzte er 250 Jahre altes Holz aus Leningrad und verkürzte das Griffbrett, um das Instrument handlicher und besser spielbar zu machen. 1985 gründete er das Streichquartett Դվին (Dvin), in dem er alte Musikinstrumente kombinierte, und entwickelte dafür ein eigenes Streichklavier mit 120 Resonatoren. Außerdem funktionierte er alte Sowjet-Schusswaffen zu Musikinstrumenten um und schuf einen „Friedensautomaten“, der 40 Miniaturinstrumente aus verschiedenen Ländern miteinander vereinte. Sowohl als Solist wie auch mit dem Quartett gab er auf der Violine und seinen Eigenkreationen Konzerte auf mehreren Kontinenten. 2005 war er Mitbegründer des Armenischen Staatlichen Symphonieorchesters.

Im postum erschienenen Dokumentarfilm Miracle Worker gab Ter-Ghasarjan an, sich eher Maler, Bildhauer und Konstrukteur denn als Musiker zu sehen.

Erfindung der Mikrominiatur Nachdem er im Alter von drei Jahren erstmals mit Knetmasse gespielt hatte, begann Ter-Ghasarjan als Jugendlicher mit der Schaffung mikroskopisch kleiner Kunstwerke, die für das freie Auge nicht identifizierbar sind. Im Alter von 13 Jahren konstruierte er eine erste Mini-Violine von der Größe eines Streichholzes. Später verkleinerte er den Entwurf auf schließlich 7 mm. Seine erste Ausstellung in Jerewan hatte der Autodidakt 1947 (anderen Angaben zufolge schon 1939). Mitte August 1956 übernahm die Berliner Zeitung eine Meldung des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ursprünglich von der TASS) über den armenischen Musiker und „Miniaturschnitzer“ (dort transkribiert als Kasarjan), von dem eine winzig kleine Geige im Haus der Volkskunst von Jerewan aufbewahrt werde. Außerdem enthielt die Meldung Informationen über sein jüngstes Projekt:

In einem Leserbrief äußerte der im VEB Transformatorenwerk „Karl Liebknecht“ beschäftigte Metallschleifer Alfred Saupe Zweifel an der Meldung, woraufhin sich die Kulturredaktion der Berliner Zeitung genötigt sah, das Haus der Volkskunst um eine Erklärung zu bitten. Im folgenden November griff die Moskauer Tageszeitung Komsomolskaja Prawda die Geschichte auf und berichtete darüber, dass Ter-Ghasarjan vorhabe, die ostdeutsche Skepsis auf eine ganz besondere Art und Weise zu beantworten. Schließlich ging bei der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft im Januar 1957 ein Päckchen aus Armenien ein, dessen Inhalt die Zeitungsredaktion in den folgenden Tagen für Interessenten zugänglich machte. Es enthielt neben einem Brief in deutscher Sprache, in dem der 33-Jährige sich für die verspätete Antwort entschuldigte, einen kleinen Sockel aus armenischem Onyx. In eine ovale Vertiefung mit rotem Samt gebettet, hinter einer Glasscheibe zwischen zwei Edelsteinen eingespannt, lag ein plattgedrücktes, 1 cm langes menschliches Haar. Darauf hatte Ter-Ghasarjan händisch folgenden, nur durch die beiliegende Lupe lesbaren Text eingraviert:

Weltweiter Erfolg Im November 1977 wurden Ter-Ghasarjans Mikrominiaturen – darunter auch bewegliche – erstmals in den USA gezeigt. Im Rahmen der sowjetischen Nationalausstellung im Los Angeles Convention Center kuratierte er den armenischen Pavillon derart überzeugend, dass das Publikum von seiner Kunst als „achtes Weltwunder“ schwärmte. Auch zeichnete er täglich mehr als 1000 Karikaturen von sich selbst und Besuchern. Der als Miniatur-Tramp in einem Nadelöhr verewigte Charlie Chaplin soll über einen Artikel in der Los Angeles Times auf den Künstler aufmerksam geworden sein, zu einem Treffen kam es jedoch nicht mehr, da Chaplin wenig später starb. Als Geschenke wurden seine Werke nicht nur kommunistischen Politikern wie Nikita Cruschtschow, Hồ Chí Minh, Erich Honecker oder Josef Stalin, sondern auch westlichen Staatsoberhäuptern wie Elisabeth II. überreicht. In Folge zahlreicher Einzelausstellungen rund um die Welt führte Ter-Ghasarjan von 1990 bis 1992 in Jerewan unter dem Namen Հրաշքների աշխարհ („Welt der Wunder“) ein eigenes kleines Museum. Eines seiner filigranen, selbstentworfenen Spezialwerkzeuge wurde für die Anwendung in der Gefäßchirurgie patentiert. Während seiner letzten Lebensjahre arbeitete er im Haus seines ihm zu Ehren benannten Enkelsohnes (* 1978), der die Begeisterung für die Kunstform Mikrominiatur von ihm übernahm und seinerseits ein Museum in der armenischen Hauptstadt eröffnete.

Ter-Ghasarjan starb 2012 im Alter von 88 Jahren in seiner Heimatstadt Jerewan und wurde von Kulturministerin Hasmik Poghosyan gewürdigt.

Werk mini|Mikrominiaturen in einem Nadelöhr I mini|Mikrominiaturen in einem Nadelöhr II Im Laufe seiner 75-jährigen Karriere als bildender Künstler schuf Eduard Ter-Ghasarjan zwischen 600 und 1000 Mikrominiaturen. Inspiriert von seiner musikalischen Ausbildung begann er mit dem Schnitzen winziger Violinen aus Holz, die sukzessive kleiner wurden. Das kleinste noch spielbare Exemplar misst 14 mm und ist einer Stradivari detailgetreu nachempfunden, verfügt aber lediglich über eine Saite. Eigenen Angaben zufolge handelte es sich dabei um die kleinste spielbare Geige der Welt. Leistungen wie diese brachten ihm mehrere Eintragungen in das russische Pendant zum Guinness-Buch der Rekorde, диво (Diwo), ein.

Neben Holz verarbeitete Ter-Ghasarjan mit selbstgebautem Spezialwerkzeug unterschiedlichste Materialien, darunter vor allem Edelmetalle und Schmucksteine. Sein breites Spektrum an Motiven reichte von biblisch-religiösen Zitaten über russische Fabeln und Erzählungen bis hin zu Weltliteratur und Popkultur. Einige seiner Darstellungen, insbesondere eine Kamelkarawane im Nadelöhr (siehe Gleichnis vom Nadelöhr), wurden zu Standardwerken der Mikrominiatur, die viele vornehmlich russische Künstlern kopierten. Zu seinen persönlichen Lieblingswerken gehörten ein Kruzifix aus Karneol mit einer Jesusfigur dünner als ein Haar sowie ein 1 cm langes Haar mit 17 verschiedenen Chatschkaren, von denen sich jeder einzelne aus 1000 Ornamenten zusammensetzte. Innerhalb von Nadelöhren platzierte er etwa auch eine Stahlskulptur Charlie Chaplins als Tramp (inklusive besonders filigranem Spazierstock und Blume in der Brusttasche), einen kleinen Niccolò Paganini aus Goldstaub sowie Don Quijote und Sancho Panza. Weitere bekannte Kunstwerke sind ein bunter Blumenstrauß aus Fischschuppen, eine Freiheitsstatue aus Elfenbein und ein Backgammon-Brett aus Obsidian und Gold auf einem halbierten Reiskorn, welches im Miniaturmuseum Prag aufbewahrt wird. Einige seiner Schöpfungen fertigte er aus einem 1942 in Sibirien gefundenen Mammutstoßzahn.

Als absolute Unikate gelten Ter-Ghasarjans asynchron bewegliche Mikrominiaturen, von denen er ab Mitte der 1970er Jahre über 200 Stück konstruierte. An seiner bedeutendsten beweglichen Miniatur, einer stählernen Darstellung eines 1 mm großen Gullivers bei den Liliputanern arbeitete er insgesamt 18 Monate lang mehrere Stunden täglich. Ansonsten schuf er beispielsweise eine Gruppe beweglicher Piraten, einen Reckturner und einen Ringkampf.

Weil er sein Kontaktbuch immer wieder verlegte, gravierte sich Ter-Ghasarjan angeblich selbst über 200 Telefonnummern auf einen einzigen Fingernagel. Aufgrund des Nagelwachstums mussten diese jedoch spätestens alle drei Monate erneuert werden.

Auszeichnungen 2004: Verdienter Künstler der Republik Armenien 2006: Living Legend Gold Medal des International Biographical Centre 2006: Goldmedaille des Kulturministeriums der Republik Armenien 2010: Orden der Heiligen Sahak und Mesrop der Armenischen Apostolischen Kirche

Weblinks

Dokumentarfilm Miracle Worker auf YouTube (armenisch mit englischen Untertiteln)

Einzelnachweise

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