Guča (serbisch: Гуча) ist ein Steinmeteorit, der am 28. September 1891 (16. September 1891 nach dem bis 1919 in Serbien verwendeten julianischen Kalender) bei Guča in der Region Dragačevo im Westen Serbiens fiel. Der Fall wurde von mehreren Augenzeugen beobachtet. Der geborgene Stein wog ursprünglich etwas mehr als 1,9 Kilogramm.
Guča war einer von drei im 19. Jahrhundert in Serbien beobachteten Meteoritenfällen neben Sokobanja (1877) und Jelica (1889). Der Meteorit gelangte später in die Sammlung des Museums der serbischen Erde in Belgrad, verschwand jedoch Anfang 1919 und gilt seither als verschollen.
In der Meteoritical Bulletin Database wird der Meteorit unter der falschen Schreibweise Guêa als nicht näher klassifizierter Steinmeteorit (Stone-uncl) geführt. Zeitgenössische serbische Quellen verwenden dagegen den korrekten Namen Guča.
Fall Der Meteorit fiel am 28. September 1891 gegen 17 Uhr auf dem Höhenzug Osretak bei Guča. Vier Männer, die auf einem Feld arbeiteten, beobachteten den Einschlag, darunter der Grundeigentümer Jovan Bogdanović sowie 3 auf seinem Feld arbeitenden Landarbeiter. Nach dem Bericht des Lehrers und Naturforschers Sima Trojanović hörten die Zeugen zunächst ein starkes Krachen und ein unterbrochenes Dröhnen, gefolgt von Rattern, Heulen und Summen. Nach Trojanovićs Rekonstruktion bewegte sich der Meteorit von Norden nach Süden. Er war von einem schwarzen, undurchsichtigen Rauch- oder Nebelschweif umgeben.
Der Grundeigentümer verglich das erste Geräusch mit einem Donner oder Kanonenschuss. Nach seiner Aussage schlug der Meteorit etwa 30 Meter von ihm entfernt auf dem Feld ein. Der Meteorit drang etwa 20 Zentimeter tief in den Boden ein. Die Zeugen warteten ungefähr fünf Minuten, bevor sie sich näherten, da sie den schwarzen, verbrannt aussehenden Gegenstand zunächst für eine Granate oder Kanonenkugel hielten und eine Explosion fürchteten.
Die mit dem Fall verbundenen Geräusche wurde in einem Umkreis von mehreren Kilometern um Guča wahrgenommen. Trojanović erwähnt in seinem Bericht mehrere Zeugenmeldungen aus den Orten Markovica, Negrišori, Mirosaljci und Jezdina. Aus der weiteren Umgebung lagen zudem Berichte über die Beobachtung des Meteors vor. So wurde die Leuchterscheinung auch in der Gegend von Arilje und Požega beobachtet. Die Beobachtungen erstrecken sich damit auf ein Gebiet von ca. 900 km² rund um Guča.
Bergung und Untersuchung Der Gymnasiallehrer Sima Trojanović aus dem rund 15 Kilometer entfernten Čačak meldete den Fall am 23. September 1891 per Telegramm an den Geologen Jovan Žujović an der Hochschule in Belgrad. Er berichtete von einem etwa zwei Kilogramm schweren Meteoriten, der sich bei der Bezirksbehörde von Dragačevo befinde. Am folgenden Tag reiste Trojanović nach Guča, untersuchte die Einschlag-Stelle, befragte die Augenzeugen, ließ den Meteoriten an das Geologische Institut der Hochschule in Belgrad bringen und legte dem Unterrichtsministerium einen ausführlichen Bericht vor.
Nach seinem Bericht war nur ein einziger Stein gefallen. Dieser war nach der Bergung jedoch mehrfach beschädigt worden. Ein Mann hatte aus Neugier ein Stück abgeschlagen, um das Innere des Steins zu sehen; ein weiteres kleines Stück war entweder bereits beim Einschlag oder bei der Bergung abgebrochen und konnte nicht wiedergefunden werden. Eine von Trojanović sichergestellte abgeschlagene Spitze wog 7 Gramm. Der Grundeigentümer und Finder Jovan Bogdanović erhielt vom Geologischen Institut eine Belohnung von 50 Dinar um sich davon einen eisernen Pflug zu kaufen.
Beschaffenheit Trojanović beschrieb den Meteoriten als pyramidenförmig. Der Stein war etwa 10 cm hoch, seine dreieckige Basis ungefähr 11 cm breit. Die Oberfläche war von einer schwarzen, ungleichmäßig ausgebildeten Schmelzkruste bedeckt. In der Grundmasse beschrieb Trojanović kristalline Partien von Pyroxen, Olivin, zahlreiche gelblich glänzende Körner, die er als Troilit bestimmte, sowie fein verteilte Eisenkörnchen. Er verglich Guča mit dem 1889 gefallenen Meteoriten von Jelica. Zeitgenössische Kataloge ordneten Guča als Chondrit ein. Friedrich Berwerth führte ihn 1903 in seinem Verzeichnis der Meteoriten des k. k. Naturhistorischen Hofmuseums unter den Namen Guča und den Synonymen „Gutscha bei Cačak, Serbien“ mit der damaligen Klassifikationsangabe „Ch“. Eine chemische Analyse wurde nie durchgeführt. Da der gesamte bekannte Meteorit seit dem Jahr 1919 verschollen ist, ist eine Klassifikation nach heutigen petrologischen und chemischen Standards nicht mehr möglich. Die Meteoritical Bulletin Database führt ihn deshalb als Stone-uncl.
Erstbeschreibung Die wissenschaftliche Erstbeschreibung erschien 1893 unter dem Titel „Gučki meteorit“ in den Geološki anali Balkanskoga poluostrva. Verfasser war der serbische Geologe und Paläontologe Petar S. Pavlović. Pavlovićs Arbeit basiert weitgehend auf zeitgenössischen Dokumenten: Den unmittelbar nach dem Fall ausgetauschten Telegrammen, Trojanovićs Bericht über seine Untersuchung in Guča, der protokollierten Aussage des Augenzeugen Jovan Bogdanović sowie späterer Korrespondenz.
Verbleib und Verschwinden
Evakuierung aus dem Museum Der Meteorit gelangte in die Sammlung des 1895 gegründeten Museums der serbischen Erde (Muzej srpske zemlje), des heutigen Naturkundemuseum Belgrad. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurden 1914 besonders wertvolle Museumsobjekte in Sicherheit gebracht. Eine Kiste mit den drei serbischen Meteoriten Sokobanja, Jelica und Guča wurde zusammen mit anderem wertvollen Material aus Belgrad nach Niš evakuiert. Im weiteren Verlauf gelangte sie nach Kraljevo und wurde dort im Hof eines Privathauses vergraben.
Bergung und Verlust Nach Kriegsende wurde die Kiste am 2. November 1918 wieder ausgegraben und die drei Meteoriten wurden in die Militärstation von Kraljevo gebracht und dort zunächst am Fensterbrett des Leiters der Militärstation aufbewahrt. Beim Umzug der Dienststelle Ende Jänner 1919 blieben die Steine zurück. Nachdem sie später wieder eingesammelt worden waren, fehlte der Meteorit von Guča und vom Meteoriten von Sokobanja war ein mehrere Kilogramm schweres Stück abgeschlagen worden. Ab Juli 1919 wurden amtliche Ermittlungen zum Verschwinden des Meteoriten geführt, die ohne Ergebnis blieben.
Falsche Schreibweise Die korrekte Transliteration des Ortsnamen Guča aus dem serbisch-kyrillisch Гуча lautet Guča. Diese Bezeichnung findet sich auch in zeitgenössischen serbische Quellen. So trägt die Erstbeschreibung des Meteoriten von Petar Pavlović aus dem Jahr 1893 den Titel „Gučki meteorit“, wörtlich „Meteorit von Guča“.
Im Standardwerk der Meteoritical Bulletin Database ist der Meteorit hingegen unter der falschen Schreibweise Guêa aufgeführt. Dieser Fehler – mit einem ê (e mit Zirkumflex) statt einem č (c mit Hatschek) – ist auf einen Übertragungs-, Druck- oder Zeichensatzfehler zurückzuführen, der sich bis ins Jahr 1897 zurückverfolgen lässt. rand|links|500x500px|Ausschnitt aus dem Werk von E. A. Wülfing „Die Meteoriten in Sammlungen und ihre Literatur“ (Seite 135) aus dem Jahr 1897, in dem der Meteorit Guča erstmals fälschlicherweise als „Guêa“ bezeichnet wird. Bereits in Ernst Anton Wülfings Werk „Die Meteoriten in Sammlungen und ihre Literatur“ aus dem Jahr 1897 wird der Meteorit fälschlicherweise als „Guěa, Serbien“ bezeichnet.
Würfling nennt als Quelle die Wiener Tageszeitung Neue Freie Presse vom 14. Oktober 1891, die den Fall unter der Ortsbezeichnung „im Dorfe Gutscha bei Cacak“ vermeldet und den Meteoriten als „herzförmigen, schwärzlichen und feinkörnigen Meteorstein“ mit einer Masse von „1 Kilo 922 Gramm“ beschreibt.
Unter Nennung der Quelle E. A. Wülfing wurde die fehlerhafte Schreibweise mit Guěa auch in George T. Priors Catalogue of Meteorites von 1923 übernommen und setzte sich von dort in der späteren internationalen Katalogliteratur bis zur fünften Ausgabe des Catalogue of Meteorites aus dem Jahr 2000 fort. Von dort fand die fehlerhafte Bezeichnung Guêa Eingang in die Meteoritical Bulletin Database, wo der Meteorit auch unter den Synonymen Cacak, Guc und Gutsch verzeichnet ist.
Einzelnachweise
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