Die Lemmerz-Werke waren von 1919 bis 1997 ein Hersteller von Fahrzeugrädern in Königswinter. Im Jahr 1919 wurde die Firma Lemmerz in Königswinter von den Brüdern Johann, Franz und Simon Lemmerz zur Produktion von Felgen und Rädern gegründet. Mit bis zu 3000 Beschäftigten stieg das Unternehmen zum größten Arbeitgeber der Region auf. Im Zweiten Weltkrieg kamen im Betrieb auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter zum Einsatz. Heute ist das Werk ein Teil von Maxion Wheels. mini|Verwaltungsgebäude der Lemmerz-Werke in Königswinter (2009)
Gründung und frühe Jahre Das Werksgelände befand sich zwischen dem Fuß des Petersbergs und der rechtsrheinischen Bahnlinie. Es hatte einen eigenen Gleisanschluss. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg arbeiteten die Brüder zusammen. In den Jahren von 1907 bis 1914 betrieben sie in Oberkassel eine Bootswerft. Im Krieg wurde die Produktion auf Metallbauteile umgestellt.
Im Jahr 1919 herrschte in Deutschland großer Mangel an Autoreifen. Johann Lemmerz stellte daraufhin die ersten Felgen für amerikanische Reifengrößen her. Die erste Werkshalle errichtete er im Jahr 1921 am Güterbahnhof von Königswinter.
Auf der ersten deutschen Automobilausstellung nach dem Krieg in Berlin im Jahr 1921 stellte Johann Lemmerz ein Programm genormter Felgen und Scheibenräder für Kleinwagen vor. Franz und Simon Lemmerz machten sich im Jahr 1923 selbstständig. Johann Lemmerz führte das Unternehmen allein weiter. Im Jahr 1924, die Firma hatte zu diesem Zeitpunkt 45 Beschäftigte, trat sein Sohn Paul ein.
Ab dem Jahr 1924 lieferte Lemmerz die Räder für den Opel 4 PS. Er war der erste in Deutschland am Fließband gebaute Pkw und erhielt wegen seiner meist grünen Farbe den Namen „Laubfrosch“. Bis ins Jahr 1931 wurden knapp 120.000 Stück gebaut. Lemmerz entwickelte sich somit zum Hauptlieferanten von Opel.
Der Export begann im Jahr 1929. Die Firma wurde in eine GmbH umgewandelt. Im Jahr 1931 erhielt Paul Lemmerz ein Patent für ein zweiteiliges Scheibenrad. Im selben Jahr lieferte die Firma eine größere Menge Lkw-Räder in die Sowjetunion. Trotz der Weltwirtschaftskrise beschäftigte sie Ende 1933 rund 180 Personen.
Zu Beginn der 1930er Jahre gehörte Lemmerz zu den größten Felgen- und Räderherstellern in Deutschland.
Zeit des Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg Johann Lemmerz übergab im Jahr 1935 die technische Leitung des Betriebs an seinen Sohn Paul. Rund 400 Personen waren im Werk 1939 beschäftigt. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Produktion um Rollen und Räder für Kettenlaufwerke erweitert.
Während des Krieges wurden im Werk auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter eingesetzt, die in Lagern untergebracht waren. Die Firma selbst meldete der Stadt Königswinter im Jahr 1949 rund 80 französische Kriegsgefangene und rund 150 Ostarbeiter. Der Historiker Ansgar Sebastian Klein bewertet solche Nachkriegsmeldungen der Firmen als Mindestwerte.Ansgar Sebastian Klein: Aufstieg und Herrschaft des Nationalsozialismus im Siebengebirge. Klartext, Essen 2008, ISBN 978-3-89861-915-8, S. 560.
Nach Bombenangriffen am 22. April 1944 auf die Altstadt von Königswinter verlegte die Firma ihre Produktion nach Ingelbach im Westerwald und Wunsiedel im Fichtelgebirge. Der Angriff beschädigte das Stammwerk so, dass danach nur noch 100 Menschen arbeiten konnten.
Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder Die britische Militärregierung setzte Paul Lemmerz nach Kriegsende als Geschäftsführer ab. Zusammen mit Louis F. Schuler gründete er im Jahr 1946 die Südrad GmbH in Ebersbach an der Fils. Ziel war es, auch in der amerikanischen Besatzungszone eine Räderfabrik zu betreiben. Nach Abschluss seines Entnazifizierungsverfahrens übernahm er im Jahr 1948 wieder die Leitung des Werks in Königswinter.
Nach der Währungsreform im Jahr 1948 lief die Produktion in Königswinter wieder voll an. Mit amerikanischen Spezialmaschinen wurde die Fließbandfertigung beschleunigt. Im Jahr 1949 erfand Paul Lemmerz die vierteilige gepresste Schrägschulterfelge mit hoher Tragfähigkeit für Nutzfahrzeuge.
Das achtgeschossige Verwaltungsgebäude an der Ladestraße entstand in den Jahren 1954/55, nach den Plänen des Bonner Architekten Christian Bauer. In diesem arbeiteten zeitweise 500 Angestellte. Im Jahr 1955 folgte ein eigenes Elektrostahl- und Walzwerk, in dem Sonderstähle für die Räder hergestellt wurden und Breitflachstahl gewalzt wurde. Eine eigene Wohnungsbaugesellschaft errichtete rund 500 Werkswohnungen. Ab dem Jahr 1962 wurde das Gelände der im Krieg zerstörten Wasserburg Longenburg zur Erweiterung des Werks genutzt.
Fusion und Übernahme Im Jahr 1977 fertigten in Königswinter 2750 Beschäftigte jährlich 10 Millionen Räder.
Das Unternehmen fusionierte 1997 mit dem US-amerikanischen Radhersteller Hayes Wheels International und firmierte danach als Hayes Lemmerz International. Im Jahr 2009 musste Hayes Lemmerz in den USA wegen Überschuldung ein Insolvenzverfahren durchlaufen. Das nicht mehr rentable Walzwerk sollte im selben Jahr geschlossen werden. Es wurde im Jahr 2010 verkauft und ist seitdem als WW-K Warmwalzwerk Königswinter GmbH ein eigenständiges Unternehmen. Es produziert Breitflachstahl, Ronden sowie Stanz- und Brennteile. Ein großer Teil der dort hergestellten Stahlplatten wird im Nachbarwerk zu Lkw-Rädern weiterverarbeitet. mini|Werk in Königswinter, 2012 Im Jahr 2011 wurde die Übernahme durch den brasilianischen Konzern Iochpe-Maxion vereinbart und im Februar 2012 abgeschlossen. Seitdem heißt das Unternehmen Maxion Wheels Werke GmbH. In Königswinter werden jährlich mehr als 7,5 Millionen Stahlräder für Pkw und Lkw gefertigt. Hier befinden sich auch das weltweite Entwicklungszentrum für Stahlräder und die Konzernzentrale. Das Unternehmen feierte 2019 sein hundertjähriges Bestehen.
Ein Teil der alten Werksgebäude wird seit der Übernahme nicht mehr genutzt. Rund 1,5 Hektar mit der früheren Warmpress-Halle und dem Betonbau West wurden von der Stadt Königswinter gekauft.
Literatur Hans Christoph Graf von Seherr-Thoß: Lemmerz, Johann und Lemmerz, Paul. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 14, Duncker & Humblot, Berlin 1985, ISBN 3-428-00195-8, S. 188–191. Ursel Zänker, Jürgen Zänker: Bauen im Bonner Raum 49–69. Versuch einer Bestandsaufnahme. Düsseldorf 1969, S. 147 f. Manfred Groten, Peter Johanek, Wilfried Reininghaus, Margret Wensky (Hrsg.): Handbuch der historischen Stätten Deutschlands. Band 3: Nordrhein-Westfalen (= Kröners Taschenausgabe. Band 273). 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2006, S. 618 ff. Ansgar Sebastian Klein: Aufstieg und Herrschaft des Nationalsozialismus im Siebengebirge. Klartext, Essen 2008, ISBN 978-3-89861-915-8, S. 560. Siebengebirgsmuseum der Stadt Königswinter (Hrsg.): Die Opfer der Nationalsozialisten im Siebengebirge. Ausgegrenzt. Verfolgt. Ermordet. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2025, ISBN 978-3-7319-1493-8, S. 82.
Weblinks
Lemmerzwerk in Niederdollendorf in KuLaDig Lemmerzwerke, Königswinter bei Industriekultur Bonn/Rhein-Sieg Standort Königswinter bei Maxion Wheels (englisch)
Einzelnachweise
Kategorie:Unternehmen (Königswinter) Kategorie:Produzierendes Unternehmen (Rhein-Sieg-Kreis) Kategorie:Metallverarbeitendes Unternehmen Kategorie:Automobilzulieferer Kategorie:Unternehmensgründung 1919