alt= Porträt der jüdischen Kinderärztin Dr. Berta Erlanger vor 1930. Sie war eine Verfolgte des Nazi-Regimes und beging im Juli 1933 Selbstmord.|mini|200px|Berta Erlanger (Aufnahme vor 1930)
Berta Erlanger (geboren 22. April 1884 in Augsburg; gestorben 9. Juli 1933 in Mainz) gehörte zu den frühen promovierten Medizinerinnen in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg. Mit der Eröffnung ihrer Praxis 1917 in Mainz war sie vermutlich die erste praktizierende Kinderärztin der Stadt. Bereits kurz nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde die Jüdin Berta Erlanger zunehmend in ihrem Berufsleben eingeschränkt. Das Ende ihres gewohnten und erfüllenden Berufslebens vor Augen, wählte sie den Freitod und starb nach einem Suizidversuch im Städtischen Krankenhaus.
Familie und Jugend Berta Erlanger wurde als drittes Kind der Eheleute Jakob Erlanger und seiner Frau Emilie, geborene Neuburger, in Augsburg geboren. Sie hatte einen älteren Bruder, Hugo (geboren 1881), und eine ältere Schwester, Ida (geboren 1883). Ihre jüngere Schwester Adele wurde 1891 geboren. Ihr Vater war Kaufmann und stammte ursprünglich aus Buchau, einer Stadt in Württemberg mit einer großen jüdischen Gemeinde. Über ihre Großmutter, Pauline Einstein, war Berta entfernt mit Albert Einstein verwandtHedwig Brüchert: Dr. Berta Erlanger. S. 79., dessen Familie ebenfalls aus Buchau stammte. Da Berta bereits als Kind eine große Begabung erkennen ließ, besuchte sie die Höhere Mädchenschule in Augsburg und, ab 1900, das Münchener Privat-Mädchen-Gymnasium. Ihr Abitur machte sie im Juli 1903 am Maximiliansgymnasium.
Studium und beruflicher Werdegang mini|alternativtext=Das Foto zeigt Berta Erlangers „Studien- und Sittenzeugnis“ der „Grossherzoglich Badischen Universität Heidelberg“, datiert auf den 31. Oktober 1903.|Berta Erlangers „Studien- und Sittenzeugnis“ der „Grossherzoglich Badischen Universität Heidelberg“, datiert auf den 31. Oktober 1903 Berta Erlanger immatrikulierte sich zum Wintersemester 1903/1904 an der Universität Heidelberg im Studiengang Medizin. Erst 4 Jahre zuvor wurden Frauen generell im Deutschen Reich zum Medizinstudium zugelasssenFrauenstudium in der Medizin muss der ärztliche Beruf für die mehrheitlich weiblichen Berufsanfängerinnen attraktiv bleiben! - Pressemitteilung Deutscher Ärztinnenbund e.V. vom 6. März 2006., in Baden und damit an der Universität Heidelberg erst ab dem Jahr 1900. Berta Erlanger gehörte somit zu den ersten Medizinstudentinnen ihrer Zeit. Das zeigte sich auch in ihrem „Studien- und Sittenzeugnis“ der „Grossherzoglich Badischen Universität Heidelberg“. Auf dem vorgedruckten Formular musste das Geschlecht der Studientin angepasst werden und „Herr“ und „er“ wurden handschriftlich durch „Frl.“ und „sie“ ersetzt. Sie verfolgte zielstrebig ihren weiteren beruflichen und wissenschaftlichen Weg. 1905–1906 absolvierte sie ihr Physikum in Heidelberg und legte im Dezember 1908 ihr Staatsexamen ab. Ihr praktisches Jahr trat sie an zwei verschiedenen Stellen an, zuerst in der „Medizinischen Poliklinik in Heidelberg“ (1. Januar bis 1. Mai 1909) und anschließend an der „Großherzoglich Badischen Heil- und Pflegeanstalt“ in Wiesloch (1. Mai bis 31. Dezember 1909). Am 5. September 1905 wurde Berta Erlanger bei Wilhelm Albert Fleiner an der Universität Heidelberg mit ihrer Dissertation zum Thema „Beiträge zur Diagnose des Magencarcinoms mit besonderem Hinweis auf das Schmerzsymptom“ promoviert. Die Approbation erfolgte am 18. Januar 1910.
Ab Oktober 1910 arbeitete Berta Erlanger als Hilfsärztin an der ihr bereits bekannten Großherzoglich Badischen Heil- und Pflegeanstalt. 1912 wechselte sie zum Städtischen Krankenhaus nach Augsburg, wo sie 2 Jahre als Assistenzärztin tätig war. Dann reifte in ihr der Wunsch, sich auf Kinderheilkunde zu spezialisieren. Sie wechselte 1914 zum Friedrichs-Waisenhaus der Stadt Berlin nach Berlin-Rummelsburg. Weitere Erfahrungen in der Kinderheilkunde sammelte sie bei einem mehrmonatigen Aufenthalt in einem Hamburger Säuglingsheim. Zusätzlich publizierte sie vor Kriegsbeginn in Fachzeitschriften. Während des Ersten Weltkriegs arbeitete sie zeitweise als Ärztin im Städtischen Krankenhaus Wiesbaden.
Kinderärztin in Mainz Im Kriegsjahr 1917 ließ sich Berta Erlanger als „Praktische Ärztin und Spezialärztin für Kinderkrankheiten“ in Mainz nieder. Sie eröffnete – was damals noch sehr selten warEva Weikert: Dr. Berta Erlanger. Kinderärztin. In: Frauenleben in Magenza. S. 41 – eine eigene, von ihr geführten Praxis. Diese befand sich anfangs am Forsterplatz 3 (heute 117er Ehrenhof) in der Mainzer Altstadt, später in der Großen Bleiche 12. Vermutlich war sie die erste niedergelassene Kinderärztin in Mainz.Hedwig Brüchert: Dr. Berta Erlanger. S. 81. Möglicherweise spielte Bertas jüngere Schwester Adele eine Rolle bei der Wahl ihres neuen Wohnortes. Adele Erlanger war 1917 einige Monate lang in Mainz gemeldet, möglicherweise während einer Tätigkeit als Lazarettschwester. Später heiratete sie den in Heidesheim bei Mainz lebenden Arzt Otto Ebner und trat zum katholischen Glauben über. Damit lebten beide Schwestern in direkter Nähe. Auch war bereits seit 1854 ein entfernter Verwandter der Familie Erlanger in Mainz ansässig und als Bankier tätig.
Über die folgenden Jahre von Berta Erlanger als praktizierende Ärztin in Mainz ist wenig bekannt. Sicher hatte auch sie Anteil an den unter ihrem Kollegen Heinrich Rosenhaupt – als Leiter des Gesundheitsamts in Mainz und ebenfalls Kinderarzt – eingeleiteten Maßnahmen zur besseren Säuglings- und Kinderfürsorge und allgemein zur Sozialhygiene in der Stadt. Neben ihrer Arbeit als praktizierende Ärztin lehrte sie Gesundheitslehre an der städtischen Frauenarbeitsschule.
Machtergreifung der Nationalsozialisten und Freitod mini|alternativtext=Das Foto zeigt eine Aufsicht auf den Stolperstein für Dr. Berta Erlanger. Er trägt die Inschrift: „HIER WOHNTE UND ARBEITETE DR. BERTA ERLANGER JG. 1884 GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET FLUCHT IN DEN TOD 9.7.1933“|Stolperstein für Dr. Berta Erlanger am Standort ihrer langjährig geführten Praxis in der Grossen Bleiche 12 in Mainz. Als es am 30. Januar 1933 zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten kam, änderte sich jedoch ihr komplettes Lebens- und Berufsumfeld. In Mainz fanden bereits im März 1933, noch vor dem reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte, Anwaltskanzleien und Arztpraxen am 1. April 1933, entsprechende Hetzveranstaltungen statt. SA-Männer patrouillierten im März und nochmals am 1. April vor den Geschäften, Kanzleien und Praxen und eine der Parolen lautete „Geht nicht zu jüdischen Rechtsanwälten und Ärzten.“ Berta Erlanger muss dies nachhaltig verängstigt haben. Am 19. April 1933 trat sie aus der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde aus. Es wird vermutet, dass bereits zu dieser Zeit den zahlreichen jüdischen Mitgliedern der Austritt nahegelegt wurde. Bei der Kinderheilkunde betrug der Anteil jüdischer Ärztinnen und Ärzte in Deutschland Anfang 1933 mehr als 50 %Hedwig Brüchert: Dr. Berta Erlanger. S. 81.. Am 22. April wurden reichsweit allen jüdischen Ärztinnen und Ärzten die Zulassung bei den Krankenkassen entzogen. Berta Erlanger verlor damit als praktizierende Ärztin einen Großteil ihrer Patienten. Die Verhältnisse der Säuglings- und Kinderfürsorge hatte sich zwar generell in der Zeit der Weimarer Republik und speziell durch die bereits erwähnten Anstrengungen Heinrich Rosenhaupts in Mainz deutlich verbessert, aber die Patienten kamen trotzdem noch vorwiegend aus den sozial benachteilgten Gesellschaftsklassen. Diese waren auf die Übernahme der Behandlungskosten durch Kranken- und Armenkassen angewiesen.
Berta Erlanger ahnte wahrscheinlich, dass diese Maßnahmen zur Verdrängung jüdischer Ärztinnen und Ärzte nur der Anfang war. Offenbar sah sie keine Möglichkeit, ihrem geliebten Beruf als Kinderärztin im antisemitisch-nationalsozialistischen Deutschland weiter wie bisher nachgehen zu können.Hedwig Brüchert: Dr. Berta Erlanger. S. 82. Sie wählte deshalb den Freitod. Am 3. Juli wurde sie nach einem Suizidversuch in das Städtische Krankenhaus in Mainz eingeliefert und verstarb dort. Damit war sie eines der ersten Opfer nationalsozialistischer Verfolgung in Mainz. Sie ist auf dem Neuen Jüdischen Friedhof (Feld 11, Reihe 5, Nr. 4) in Mainz begraben. Wie weitsichtig Berta Erlanger schon Mitte 1933 bezüglich der weiteren Entwicklung für die jüdische Ärzteschaft war, zeigt die Geschichte. Jahrelangen ständigen Repressionen und Bedrohungungen jüdischer Ärztinnen und Ärzte, einem Behandlungsverbot für „arische“ Patienten, dem Verbot der Ausstellung von Attesten folgte als (vorläufiger) Höhepunkt die Zurücknahme der Approbationen 1938 und die Herabstufung zu so genannten „Krankenbehandlern“. Letztendlich folgten ab 1940 die Deportationen der jüdischen Bevölkerung und die Ermordung in Ghettos, Vernichtungs- und Konzentrationslagern.
Erinnerung 2001 wurde in Mainz der Platz vor der historischen Fassade des Bahnhofs Römisches Theater in „Dr.-Berta-Erlanger-Platz“ umbenannt. Am 8. November 2017 wurde am Standort der langjährig geführten Praxis in der Großen Bleiche ein Stolperstein für Berta Erlanger verlegt.
Weblinks Dr. Berta Erlanger – stolpersteine-mainz.de
Literatur Renate Knigge-Tesche, Hedwig Brüchert (Hrsg.): Der Neue Jüdische Friedhof in Mainz. Biographische Skizzen zu Familien und Personen, die hier ihre Ruhestätte haben. Verein für Sozialgeschichte Mainz e.V. Mainzer Geschichtsblätter Sonderheft, Mainz, 2013. Hedwig Brüchert: Dr. Berta Erlanger. S. 79–83 Frauenbüro Landeshauptstadt Mainz: Frauenleben in Magenza. Die Porträts jüdischer Frauen und Mädchen aus dem Mainzer Frauenkalender und Texte zur Frauengeschichte im jüdischen Mainz. Mainz 2015. (PDF, 12,1 MB) Eva Weikert: Dr. Berta Erlanger. Kinderärztin. S. 41.
Einzelnachweise
Kategorie:Person des Judentums (Mainz) Kategorie:Person, für die in Rheinland-Pfalz ein Stolperstein verlegt wurde Kategorie:Pädiater Kategorie:Mediziner (20. Jahrhundert) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1884 Kategorie:Gestorben 1933 Kategorie:Frau