Der Einhorn-Teppich in der brandenburgischen Kirche St. Gotthardt ist ein gewirkter Teppich wahrscheinlich aus dem 15. Jahrhundert. mini|hochkant=3.0| Er stellt eine Jagdgesellschaft und im Mittelpunkt drei junge Damen dar, von denen eine mit der rechten Hand ein Einhorn begrüßt und mit der anderen Hand das Horn umfasst. Herkunft und Symbolik des Teppichs sind noch nicht entschlüsselt. Das Werk ist seit den 1970er Jahren als Kulturdenkmal ausgewiesen und befindet sich seit 2026 in der historischen Taufkapelle der Kirche.
Geschichte Woher der Teppich kommt und wie er nach Brandenburg gelangte, ist nicht dokumentiert. Die Historiker sind sich uneins, ob er aus einem der Frauen-Klöster in der Lüneburger Heide oder aus dem Flämischen stammt oder aus einer ganz anderen Region. Schon in einem früheren Kunstführer heißt es zur Ausstattung in der Kirche: „Gobelin (Jagd nach dem Einhorn), vermutlich 1463 in die Gotthardtkirche gekommen.“
Der Pfarrer der Gemeinde, Philipp Mosch sagt: Zur Herkunft wird vermutet „dass eine Gilde von Kaufleuten oder Handwerkern diesen Teppich gestiftet hat“. Das wäre für den Ablasshandel zur Vergebung von Sünden nichts ungewöhnliches. Es sei auch vorstellbar, äußert die Kunsthistorikerin Claudia Rückert, „dass er ‘mal in einem Schloss gehangen hat und man ihn dann ästhetisch nicht mehr befriedigend fand und ihn der Kirche überlassen“ habe.
Er wurde eine Zeitlang als Gobelin-Altarbehang genutzt, ist aber seit seiner Restaurierung im Jahr 2005 in einer speziell angefertigten gläsernen und klimatisierten Vitrine in der Taufkapelle ausgestellt. An der Vitrine steht „Mutmaßlich 15. Jahrhundert“, dazu passen Rückerts Einschätzungen „wohl zwischen 1460 und 1480 hergestellt“. Die Restaurierung war erforderlich, weil der Teppich bereits Schimmelspuren und Schädlingsbefall aufwies. Dörte Busch vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Claudia Rückert haben diese Arbeiten geleitet, die hauptsächlich von der Potsdamer Textilrestauratorin Julia Zitzmann unter Mitarbeit von Isa Hesse und Mareike Kamm durchgeführt wurden. Danach wurde das historische Stück im Rahmen einer Ausstellung im Museum Barberini („Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“, November 2025 bis Ende Januar 2026) präsentiert. Die aufwändige Restaurierung war möglich durch eine Finanzierung von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, der Mittelbrandenburgischen Sparkasse in Potsdam, dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, der Hermann-Reemtsma-Stiftung, dem Freundeskreis der Kulturstiftung der Länder, dem Museum Barberini sowie von zahlreichen Privatpersonen.
Beschreibung Der Teppich bzw. die Tapisserie ist 5,50 Meter lang und rund einen Meter hoch, seine bildliche Darstellung erfolgte als Webarbeit mit gefärbten Wollfäden. mini|Einhorn-Teppich, Detail Er zeigt im Mittelteil eine junge Frau in einer weltlichen (burgundischen) Tracht vor einem Trinkwasser-Brunnen. Die Frau umfasst mit ihrer rechten Hand die Vorderbeine eines Einhorns, hält gewissermaßen mit ihm Händchen. Außerdem schauen sich Frau und Einhorn intensiv in die Augen. Seitlich neben ihr stehen zwei weitere junge Frauen mit einfacheren nach hinten spitz zulaufenden roten Hauben. An den Spitzen sind leichte lang nach unten fallende weiße Schleier-Tücher dargestellt. Die langen Kleider der beiden Stehenden sind ebenfalls rot und mit Stickereien am Schalkragen und am Saumrand verziert. Die Dame mit dem Einhorn trägt ein großblumig gemustertes wallendes Kleid. Eine der stehenden Damen hält in der linken Hand einen Becher unter das aus dem Brunnen fließende Wasser. Die andere Dame reicht der Sitzenden ein kleines rotes gemustertes Tuch und schaut etwas traurig auf die Szene mit dem Einhorn.
Beiderseits der Darstellung der drei Damen und des Einhorns sind Mitglieder einer Jagdgesellschaft zu sehen, je ein Pferd mit Reiter sowie jeweils drei festlich gekleidete Hofdamen und Hofherren. Dabei sind auch ein Knappe mit einem Papageien auf dem Unterarm und weitere stehende Personen zu erkennen, die meist mit sich selbst beschäftigt sind und nicht auf die Einhornszene blicken.siehe Gesamtfoto auf der Kirchen-Website (Einhornteppich: Foto und Kurzbeschreibung). Der Hintergrund des Bildes wird aus größeren grünen Flächen mit Baumsilhouetten gebildet, nach oben schließen symbolhaft angedeutete schmale Häuser die gesamte Darstellung ab. Der Teppich ist in einer intensiven Farbigkeit erhalten.
Interpretationen Seit dem Fund des Teppichs haben Historiker, Bibelforscher und andere Experten sich über lange Zeiträume damit befasst, was die Szene eigentlich darstellt. Eine eindeutige Erklärung ließ sich bis heute nicht finden bzw. nicht ausreichend begründen. Folgende Auslegungen sind zu verzeichnen:
Der Historiker und Chefkurator aus dem Museum Barberini, Michael Philipp, sieht hier eine symbolische Hochzeit, die Dame sei eine Jungfrau inmitten einer höfischen Jagdgesellschaft und erlebe einen Zwiespalt: „Soll ich den weltlichen Weg des Wohlstands und der höfischen Gesellschaft wählen oder soll ich den geistlichen Weg wählen und ins Kloster gehen?“ Er bezieht sich darauf, dass in der Geschichte das Einhorn stets ein Symbol für Christus war und damit gleichzeitig ein Symbol für Keuschheit und Reinheit. Da sie dem Einhorn die Hand reicht, entscheide sich die Dame für den religiösen Weg – und geht ins Kloster. Philipp stellt sich vor, dass der Teppich eine Mitgift für diese Hochzeit gewesen sei.
Claudia Rückert, auch Referentin für Kunstgut im kirchlichen Bauamt, sieht in der Darstellung dagegen eine weltliche Hochzeit, das gezähmte Einhorn und die Jungfräulichkeit sind für sie Zeichen eines Ehebündnisses. Die Dame will also am Hofe bleiben und den weltlichen Weg beschreiten.Mittelalterlicher Einhornteppich kehrt in die St.-Gotthardtkirche in Brandenburg an der Havel zurück, abgerufen am 25. September 2026.
Pfarrer Philipp Mosch, der Seelsorger der Gemeinde, zu welcher die Gotthardt-Kirche gehört, ist der Meinung, dass das Teppichbild keinen religiösen Ursprung hat. Die abgebildete Frau sei auch nicht die Jungfrau Maria, denn sie trage eine höfische Tracht und so wäre Maria niemals dargestellt worden. Ihm erscheint es wahrscheinlicher, dass der Teppich für eine Sitzbank eines Schlosses gefertigt wurde, denn seine Maße passen perfekt als wärmende Auflage einer Rückenlehne, auch Banklaken oder Rücklaken genannt.Die klimatisierte Vitrine beschützt den Einhorn-Teppich in der St. Gotthardtkirche, abgerufen am 25. September 2026.
Siehe auch
Weblinks
Einhornteppich der Stadt Brandenburg an der Havel – Rückkehr in die Gotthardtkirche, rbb24, 20. Mai 2026.
Einzelnachweise Anja Mia Neumann: Einhorn-Teppich gibt Rätsel auf, Berliner Zeitung, 24. September 2026, Seite 9 (online in der Augsburger Allgemeine)
Kategorie:Einhorn in der Kunst Kategorie:Kultur (Brandenburg an der Havel) Kategorie:Werk der Textilkunst Kategorie:Individuelle Textilie Kategorie:Kulturdenkmal (Brandenburg)