mini|Allegorische Darstellung des Todes – Grabmal auf dem Nordfriedhof in Wiesbaden mini|Der menschliche Schädel ist als Totenkopf weltweit ein Symbol für den Tod. mini|alt=|Im Garten des Todes, Hugo Simberg (1906)
Der Tod (wie und to die von germanisch dauþus ‚Tod‘, und *dau bzw. dawjan, ‚sterben‘)Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage, hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 780 und 784. ist (als sogenannter biologischer Tod bei einem Lebewesen) „das endgültige Versagen aller lebenserhaltenden Funktionsabläufe“,Ekkehard Grundmann (Hrsg.): Einführung in die Allgemeine Pathologie und in Teile der Pathologischen Physiologie. 5. Auflage. Stuttgart / New York 1985, S. 4–6 (Tod), hier: S. 4 (Definition). in der Medizin auch definiert als „irreversibler Stillstand von Kreislauf und Atmung“.Wolfgang Schwerd: Forensische Thanatologie. In: Wolfgang Schwerd (Hrsg.): Kurzgefaßtes Lehrbuch der Rechtsmedizin für Mediziner und Juristen. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln-Lövenich, 3., überarbeitete und ergänzte Auflage 1979, ISBN 3-7691-0050-6, S. 199–221, hier: S. 199. Insbesondere beim Menschen versteht man unter Tod das „Lebensende eines Individuums, medizinisch beschrieben als irreversibler Hirnfunktionsausfall“.Vgl. auch Willibald Pschyrembel (Begründer), Christoph Zink (Bearbeiter): Klinisches Wörterbuch mit klinischen Syndromen und Nomina Anatomica. 255. Auflage. Walter de Gruyter, Berlin 1986, ISBN 3-11-007916-X, S. 1676 (Tod: irreversible Schädigung eines oder mehrerer der 3 lebenswichtigen Systeme (Atmungs-, Kreislauf- und Zentralnervensystem); der T. eines Menschen wird heute als Organtod des Gehirns aufgefaßt.) Das Adjektiv zu Tod ist tot.
Die aktive Beendigung von Leben wird als Tötung oder Töten bezeichnet. Der Übergang vom Leben zum Tod wird Sterben genannt, der eingetretene Tod auch lateinisch Exitus letalis, kurz auch Exitus (lateinisch für „Ausgang“ oder „Ende“ im Sinne von „schlimmer Ausgang“ oder „Verderben“Alois Walde: Lateinisches etymologisches Wörterbuch. 3. Auflage, besorgt von Johann Baptist Hofmann, I–III. Heidelberg 1938–1965, Band I, S. 406–409 (zu ire „gehen“, und exire „herausgehen“).). Die griechische Bezeichnung lautet thánatos (θάνατος), die lateinische mors.
Schwierigkeit einer Definition „Eine wissenschaftlich exakte Definition des Todes existiert nicht.“Tankred Koch: Lebendig begraben. Geschichte und Geschichten vom Scheintod. Edition Leipzig, 1990, ISBN 3-361-00299-0, S. 53.
Zur Frage, was der Tod (vereinfacht definiert als das Ende des Lebens) ist, gibt es insbesondere in Religion und Philosophie unterschiedliche Vorstellungen und vielfältige Auffassungen.Ernst Engelke: Die Wahrheit über das Sterben. Wie wir besser damit umgehen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2015, ISBN 978-3-499-62938-9, S. 21–24 (Was ist der Tod?). Die Schwierigkeit einer für alle Lebewesen gültigen Definition lässt sich durch die Beispiele Tod von Einzellern und Tod von Säugetieren verdeutlichen. Im ersten Fall ist der Tod entweder durch den unumkehrbaren Verlust der Zellintegrität (Lyse) oder den unumkehrbaren Verlust der Zellteilungsfähigkeit (durch Zerstörung des Genoms) definiert, im zweiten Fall durch die unumkehrbare Desintegration lebensnotwendiger Organe wie des Herzkreislaufsystems und des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark), was wiederum durch das Absterben der einzelnen Zellen ausgelöst wird. Das Sterben ist (als „Todessyndrom“Tankred Koch: Lebendig begraben. Geschichte und Geschichten vom Scheintod. Edition Leipzig, 1990, ISBN 3-361-00299-0; Neudruck (Lizenzausgabe mit dem Titel Scheintod. Lebendig begraben) Tosa Verlag, Wien 2002, S. 118.) ein Prozess und das Eintreten des Todes lässt sich selten exakt einem Zeitpunkt zuordnen.
Eine klassische (humanmedizinische) Definition des Todes lautet „irreversibler Stillstand von Kreislauf und Atmung“ und trifft so auch bei 99 % aller MenschenHans-Peter Schlake, Klaus Roosen: Der Hirntod als der Tod des Menschen. 2. Auflage. Deutsche Stiftung Organtransplantation, Neu-Isenburg 2001, ISBN 3-9807327-0-3, S. 16. zu. Wenn ein irreversibler Verlust aller Hirnfunktionen vorliegt, „so spricht man vom Hirntod und setzt diesen dem Individualtod (= klinischer Tod) gleich“,Wolfgang Schwerd: Forensische Thanatologie. In: Wolfgang Schwerd (Hrsg.): Kurzgefaßtes Lehrbuch der Rechtsmedizin für Mediziner und Juristen. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln-Lövenich, 3., überarbeitete und ergänzte Auflage 1979, ISBN 3-7691-0050-6, S. 199–221, hier: S. 199.Vgl. auch J. Gerlach: Individualtod – Partialtod – Vita reducta. In: Münchener Medizinische Wochenschrift. 16, 1968. wobei es sich beim Begriff Hirntod nur um ein Todeskriterium handelt.Hans-Peter Schlake, Klaus Roosen: Der Hirntod als der Tod des Menschen. 2. Auflage. Deutsche Stiftung Organtransplantation, Neu-Isenburg 2001, ISBN 3-9807327-0-3, S. 68. Ein toter (bzw. verstorbener) Organismus befindet sich in einem Zustand, in dem alle Lebensfunktionen erloschen sind. Bei Menschen wird der Eintritt des (irreversiblen) biologischen Todes, bei dem auch kein Herzschlag mehr nachweisbar ist, klinisch gegen den „Hirntod“ abgegrenzt, den irreversiblen Hirnfunktionsausfall bzw. den „Zustand der irreversibel erloschenen Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms“. Ein ohne Großhirn geborenes Kind könnte auch Jahrzehnte am Leben bleiben.Tankred Koch: Lebendig begraben. Geschichte und Geschichten vom Scheintod. Edition Leipzig, 1990, ISBN 3-361-00299-0; Neudruck (Lizenzausgabe mit dem Titel Scheintod. Lebendig begraben) Tosa Verlag, Wien 2002, S. 53, 69 und 71. Der Philosoph Dieter Birnbacher schrieb 1995: „Ein Mensch kann den ‚Tod‘ seines Herzens überleben, nicht aber den ‚Tod‘ seines Gehirns.“Hans-Peter Schlake, Klaus Roosen: Der Hirntod als der Tod des Menschen. 2. Auflage. Deutsche Stiftung Organtransplantation, Neu-Isenburg 2001, ISBN 3-9807327-0-3, S. 7 und 14.
Geschichte Seit biblischen Zeiten war der Atemstillstand das primäre Todeskriterium. Dies wurde mit dem Ausbleiben der Bewegung einer Feder oder des Beschlagens eines kleinen Spiegels festgestellt, die vor Mund und Nase gehalten wurden. Im 18. Jahrhundert erkannte man die Unzuverlässigkeit dieser Methode. Wegen der damals verbreiteten Angst vor einer Bestattung als Lebendiger wurden viele ausgefeilte Gerätschaften entwickelt, mit denen Scheintote signalisieren konnten, dass sie noch am Leben waren. 1740 schlussfolgerte ein Buch, dass die Verwesung das einzig sichere Todeszeichen sei.
Mit der Einführung des Stethoskops im 19. Jahrhundert verlagerte sich die Aufmerksamkeit von der Atmung auf den Herzschlag als ein zuverlässigeres Todeszeichen. Daneben wurden folgende Zeichen erkannt: schlaffe Augäpfel, ein fehlender Pupillenreflex, sowie ein Blutstau in den Netzhautvenen, der kurz nach dem Tod mit einer Ophthalmoskopie feststellbar ist und ‘‘railroading’’ oder ‘‘cattle-trucking’’ heißt. In der Praxis werden diese Zeichen nicht immer vollständig untersucht und es kommt gelegentlich zu Fehldiagnosen, die erst in der Leichenschauhalle erkannt werden. Die besondere Gefahr einer Fehldiagnose bzw. einer Simulation des Todes besteht bei Drogenüberdosis, Hypothermie, Elektrokution und dem Ertrinken. Ein Elektrokardiogramm gibt heute zuverlässigeren Aufschluss über die Herzfunktion als ein Stethoskop. Andere Todeszeichen waren die Totenstarre und die Hypothermie des Körpers in warmer Umgebung.
In den 1950er-Jahren entwickelte Wiederbelebungs- und Lebenserhaltungstechniken wie künstliche Beatmung, Defibrillator und Herz-Bypass haben die Situation verkompliziert und eine neue Definition des Todes unter künstlichen Bedingungen erforderlich gemacht - den Hirntod. Der zugleich aufkeimenden Gewebs- und Organtransplantation folgte die Einsicht, dass der Tod ein dynamischer Prozess und kein statisches Ereignis ist, weil nicht alle Organe und Gewebe gleichzeitig absterben. Die 1968 verabschiedete Erklärung von Sidney der World Medical Association hielt die Gewissheit, dass der Todesvorgang unumkehrbar ist, für wichtiger als den Todeszeitpunkt einzelner Organe und Zellen.
Der Tod beginnt meist mit einem Herz- und Kreislaufstillstand, seltener mit einem Atemstillstand. In beiden Fällen kommt es wegen Sauerstoffmangels innerhalb weniger Minuten zum Hirntod. Organe wie die Nieren sind noch eine Stunde nach dem Tod funktionsfähig und können transplantiert werden, die Hornhaut oder Knochen sogar viele Stunden später.
Tod als biologisches Phänomen Alle einzelligen Lebewesen wurden traditionell als potenziell unsterblich klassifiziert, sie würden nur durch widrige Umwelteinflüsse ums Leben kommen und ohne solche unbegrenzt weiterleben. Einzeller würden demnach nicht aus intrinsischen Gründen sterben, sondern nur durch Unfälle oder Feinde.
Neben dem Tod durch Umwelteinflüsse ist aber zumindest bei einigen Arten, vermutlich aber weit verbreitet oder sogar universell, der Tod auch bei Einzellern unter bestimmten Bedingungen genetisch „programmiert“. Bei einzelligen Organismen gibt es den programmierten Zelltod, der auf ganz ähnlichen genetischen Mechanismen wie bei Mehrzellern beruht. Beschrieben wurde er etwa an der einzelligen Alge Chlamydomonas reinhardtii oder dem parasitischen Protozoen Trypanosoma cruzi und sogar bei dem prokaryotischen Darmbakterium Escherichia coli. Da die Vorgänge anhand mehrzelliger Organismen definiert worden sind, wirft ihr Auftreten bei Einzellern nomenklatorische Probleme auf.Shiv Shanker Pandey, Samer Singh, Chandramani Pathak, Budhi Sagar Tiwari (2018): “Programmed Cell Death: A Process of Death for Survival” – How Far Terminology Pertinent for Cell Death in Unicellular Organisms. In: Journal of Cell Death. 11, August 2018; doi:10.1177/1179066018790259 (open access) Der programmierte Zelltod bei Einzellern beruht, wie bei Mehrzellern auch, auf Kommunikationsvorgängen der Einzelzellen untereinander, er ist also evolutiv entstanden und gesteuert.Pierre M. Durand, Marcelo M. Barreto Filho, Richard E. Michod (2019): Cell Death in Evolutionary Transitions in Individuality. Yale Journal of Biology and Medicine 92 (4): 651–662. PMID 31866780 Dabei kommt der „freiwillige“ Tod von einigen Individuen unter schwierigen Bedingungen anderen derselben Art zugute.Félix de Carpentier, Stéphane D. Lemaire, Antoine Danon: When Unity Is Strength. The Strategies Used by Chlamydomonas to Survive Environmental Stresses. In: Cells. Band 8, 2019, Nr. 11, S. 1307; doi:10.3390/cells8111307 (open access) Er kann also durch Mechanismen der Verwandtenselektion erklärt werden.Andrew Ndhlovu, Pierre M. Durand, Grant Ramsey (2020): Programmed cell death as a black queen in microbial communities. Molecular Ecology 30 (5): 1110-1119. doi:10.1111/mec.15757
Mit dem Aufkommen der Mehrzelligkeit geht bei den meisten Mehrzellern eine Differenzierung der Zellen in Keimzellen und Körperzellen einher. Die Keimzellen bilden bei vielen Mehrzellern eine Keimbahn. Sie sind wie Einzeller potentiell unsterblich. Die den Körper bildenden Körperzellen können sich zwar teilen, unterliegen aber Alterungsprozessen und sterben ab. Stirbt die Gesamtheit der Körperzellen eines vielzelligen Organismus, dann bilden sie eine Leiche. Die „Erfindung“ der Leiche geht somit mit der Mehrzelligkeit einher.