Friedrich Wilhelm Fritz Nagel (* 24. Januar 1940 in Pforzheim) ist ein Schweizer Wissenschafts- und Mathematikhistoriker. Seine Forschungsschwerpunkte betreffen die Wissenschaftsgeschichte an Epochenschwellen, insbesondere die Mathematik des Nicolaus Cusanus und deren Rezeptionsgeschichte sowie die Rolle der Mathematikerfamilie Bernoulli und ihres wissenschaftlichen Netzwerks am Übergang vom 17. zum 18. Jahrhundert.
Leben und Wirken Nagel studierte Mathematik, Physik, Philosophie und Geschichte der Naturwissenschaften an den Universitäten Heidelberg und Basel. 1981 wurde er an der Philosophisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel mit der Arbeit Nicolaus Cusanus und die Entstehung der exakten Wissenschaften summa cum laude zum Dr. phil. promoviert. Von 1972 bis 2005 unterrichtete er Mathematik, Physik und Philosophie am Holbein-Gymnasium und später am Gymnasium Leonhard in Basel.
Seit 1982 arbeitet Nagel an der Bernoulli-Edition mit. Von 1988 bis 2008 leitete er deren Basler Forschungsstelle und war im Rahmen zahlreicher Projekte des Schweizerischen Nationalfonds für die Edition der Briefwechsel der Mathematiker Bernoulli verantwortlich. Zwischen 1993 und 2006 erstellte er das elektronische Basler Inventar der Bernoulli-Briefwechsel, das 2007 in den Online-Katalog der Universitätsbibliothek Basel aufgenommen wurde. Das Inventar erschliesst die Korrespondenzen mehrerer Mitglieder der Familie Bernoulli und von Jacob Hermann und bildet eine Grundlage der digitalen Basler Edition der Bernoulli-Briefwechsel (BEBB). Nagel ist Begründer und Mitherausgeber der BEBB, die in Basel im 2010 gegründeten Bernoulli-Euler-Zentrum erarbeitet wird. Seit dessen Gründung ist Nagel Mitglied des Direktoriums.
Nagel war zudem an der Konzeption wissenschaftshistorischer Ausstellungen beteiligt und organisierte Tagungen zu Editionsfragen und mathematikhistorischen Themen.
Forschung Nagels 1984 veröffentlichte Dissertation untersucht die philosophisch-theologischen Ursprünge der Mathematik des Nicolaus Cusanus und deren Rezeptionsgeschichte von 1464 bis 1900. Seine Arbeiten zur cusanischen Mathematik und ihrer Rezeption wurden vom Institut für Cusanus-Forschung der Universität Trier als grundlegend gewürdigt.
Der zweite Schwerpunkt Nagels ist die Wissenschafts- und Korrespondenzgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts, insbesondere diejenige der Mathematiker Bernoulli, Jacob Hermann und Gottfried Wilhelm Leibniz’ sowie die Entstehung und Verbreitung der Infinitesimalrechnung. Weitere Arbeiten behandeln unter anderem Émilie du Châtelet, Leonhard Euler und wissenschaftliche Netzwerke der Frühen Neuzeit.
1987 erhielt Nagel den Johannes-von-Gmunden-Preis für Wissenschaftsgeschichte des Landes Oberösterreich. Von 1995 bis 1998 war er Vorsteher der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft zu Basel. Von 2001 bis 2006 war er Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für die Erforschung des 18. Jahrhunderts und von 2003 bis 2007 zweiter Vizepräsident der International Society for Eighteenth-Century Studies.
Schriften und Editionen (Auswahl) Nicolaus Cusanus und die Entstehung der exakten Wissenschaften. Buchreihe der Cusanus-Gesellschaft, Band 9. Aschendorff, Münster 1984, ISBN 3-402-03159-0. mit Heinz-Jürgen Hess (Hrsg.): Der Ausbau des Calculus durch Leibniz und die Brüder Bernoulli. Studia Leibnitiana, Sonderheft 17. Steiner, Stuttgart 1989, ISBN 3-515-05082-5. Werkverzeichnis von Jacob Hermann (1678–1733). Bernoulli-Wiki, Stand 12. Februar 2015; gegenüber den gedruckten Fassungen von 1991 und 2005 ergänzt und erweitert. Der Briefwechsel von Jacob Bernoulli. Bearbeitet und kommentiert von André Weil mit Beiträgen von Clifford Truesdell und Fritz Nagel. Birkhäuser, Basel/Boston/Berlin 1993 (Beitrag von Fritz Nagel: Jacob Bernoullis Vorschläge zur Universitätsreform in den Basler Unruhen von 1691, S. 248–254; Textkonstitution der Briefe gemeinsam mit Martin Mattmüller). mit Andreas Verdun (Hrsg.): „Geschickte Leute, die was praestiren können …“. Gelehrte aus Basel an der St. Petersburger Akademie der Wissenschaften des 18. Jahrhunderts. Shaker, Aachen 2005, ISBN 3-8322-2292-8. mit Sulamith Gehr (Hrsg.): Basler Edition der Bernoulli-Briefwechsel. Digitale Edition, Universitätsbibliothek Basel und Bernoulli-Euler-Zentrum, seit 2011. mit Bryce Gessell und Andrew Janiak (Hrsg.): Émilie du Châtelet: Essai sur l’Optique: The Basel Manuscript. Project Vox, Duke University Libraries 2017.
Weblinks
Lebenslauf und Publikationsverzeichnis beim Bernoulli-Euler-Zentrum der Universität Basel (PDF)
Einzelnachweise
Kategorie:Bernoulli (Familie) Kategorie:Nikolaus von Kues Kategorie:Wissenschaftshistoriker Kategorie:Mathematikhistoriker Kategorie:Herausgeber Kategorie:Person (Basel) Kategorie:Schweizer Kategorie:Geboren 1940 Kategorie:Mann