Volkswehrleutnant war und ist die umgangssprachliche Bezeichnung für einen besonderen Offizierstypus der, von 1918 bis 1920 existierenden, deutschösterreichischen Volkswehr. Er stand dem regulären Leutnant gleich, hatte aber einen anderen Werdegang vollzogen.

Zum „Volkswehrleutnant“ ernannt werden konnten wegen Tapferkeit vor dem Feind ausgezeichnete Unteroffiziere jeden Ranges, auch ohne Matura, die mindestens 24 Jahre alt waren. Unabdingbare Voraussetzung war jedoch die Zustimmung des Soldatenrates jener Kompanie, in der ein „Volkswehrleutnant“ ernannt werden sollte. Der Soldatenrat konnte aus den vorhandenen Kandidaten einen oder mehrere Anwärter vorschlagen. Das Bataillonskommando hatte den Vorschlag an den militärischen Landesbefehlshaber weiterzuleiten, nach dessen Einwilligung war das Plazet des zivilen Landeshauptmanns einzuholen. Zuletzt ging der Vorschlag an das Staatssekretariat für Heerwesen, wo der (Unter-)Staatssekretär (damals immer Julius Deutsch) die Ernennung formell aussprach. Nach einer vierwöchigen Probedienstzeit hatte der Kompanie-Soldatenrat seine endgültige Zustimmung zu erteilen (oder auch zu verweigern). Erst dann wurde die Ernennung zum Leutnant bestätigt und rechtskräftig.

Julius Deutsch berichtet, dass, vor allem in den politisch konservativen westlichen Landesteilen Österreichs, die Landesbefehlshaber die Ernennung von „Volkswehrleutnanten“ gelegentlich hintertrieben und die Gesuche nicht an die Landeshauptleute weiterleiteten. Aus diesem Grund habe Deutsch das Verfahren fallweise quasi umgekehrt, indem er selbst „Volkswehrleutnante“ ernannte und zur vierwöchigen Probedienstleistung an die Kompanien abstellte. Die Soldatenräte entschieden dann de facto unabhängig über die Eignung des Kandidaten. Die Landesbefehlshaber und Landeshauptleute wurden so stillschweigend übergangen, zumindest dann, wenn mit der Ernennung kein Wechsel von einem Bundesland in ein anderes einherging.

Bei den zehn Ernennungsterminen zwischen dem 20. November 1918 und dem 1. Jänner 1920 wurden insgesamt 122 „Volkswehrleutnante“ ernannt, darunter sechs Verpflegungsmeister und vier Zahlmeister.Frech, Pichler, Steiner (2018), S. 14.

Mit Aufstellung des Bundesheeres, per 3. Wehrgesetz vom 18. März 1920, wurde indes bestimmt, dass jene „Volkswehrleutnante“, die in das Bundesheer übernommen wurden, eine (anfangs noch deutlich verkürzte) Offiziersausbildung nachzuholen hatten. Diese umfasste einen vierwöchigen Vorbereitungskurs sowie einen ebenfalls vierwöchigen Hauptkurs an der Heeresschule Enns, die von 1920 bis 1934 als zentrale Ausbildungsstätte des Offiziersnachwuchses des Bundesheeres fungierte.Manfried Rauchensteiner: Sieben Soldaten und ein Todesfall. Schriftenreihe des Forschungsinstituts für politisch-historische Studien der Dr.-Wilfried-Haslauer-Bibliothek. Böhlau Wien. Wien 2026. ISBN 978-3-205-22437-2. S. 19. Ihnen war anschließend ein Aufstieg bis zum Hauptmann möglich, nach Absolvierung entsprechender Lehrgänge sogar jener bis zum Stabsoffizier.

Die Eröffnung der Offiziersschule an der Heeresschule Enns im Jahr 1926, zur zweijährigen Ausbildung von Unteroffizieren zu Offizieren (die 1928 gleicherorts etablierte Offiziersakademie bildete Maturanten binnen drei Jahren zu Offizieren aus), läutete vermutlich eine Zeitenwende ein. Es ist anzunehmen, dass die als „Volkswehrleutnant“ aufgerückten Militärs sich nun ebenfalls einer zweijährigen Nachschulung unterziehen mussten, sei es en bloc oder peu à peu.Vgl. dazu Heeresgeschichtliches Museum (Austria): Die Streitkräfte der Republik Österreich, 1918-1968, Katalog zur Sonderausstellung im Heeresgeschichtlichen Museum Wien, Wien 1968, S. 42.

Der spätere Gauleiter von Niederösterreich, Hauptmann Josef Leopold, war ebenso einer dieser Volkswehrleutnante, wie auch der spätere SPÖ-Politiker Franz Lorenz Winterer.

Literatur Christian Frech, Markus Pichler, Peter Steiner: Die Offiziere der österreichischen Revolution. Die Erste Republik und ihre Volkswehrleutnante. Verlag Militaria. Wien 2018. ISBN 9783902526915

Einzelnachweise

Kategorie:Österreichisch-Ungarische Militärgeschichte Kategorie:Dienstgrad (Bundesheer) Kategorie:Offiziersdienstgrad