Die belgisch-österreichischen Beziehungen sind das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen dem Königreich Belgien und der Republik Österreich. Belgien und Österreich teilen eine lange gemeinsame Geschichte, die insbesondere durch die Zugehörigkeit großer Teile Belgiens zum österreichischen Hause Habsburg von 1477 bis 1795 geprägt ist. Ab 1714 waren die habsburgischen Besitzungen im heutigen Belgien als Österreichische Niederlande bekannt. Während des Ersten Weltkrieges standen das Königreich Belgien auf Seiten der Alliierten, und die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn auf Seiten der Mittelmächte gegeneinander im Krieg. Heute pflegen Belgien und Österreich enge und freundschaftliche Beziehungen zueinander. Beide Länder sind Mitglieder der Europäischen Union, des Europarates, des Europäischen Wirtschaftsraums, der Eurozone, der OSZE, der OECD und des Schengen-Raums.
Geschichte
Belgien unter den Habsburgern mini|Die Österreichischen Niederlande im Jahr 1786 Die Herrschaft der österreichischen Habsburger über das Gebiet Belgiens begann mit dem Tod des letzten burgundischen Herzogs Karl des Kühnen, der am 5. Jänner 1477 in der Schlacht bei Nancy fiel. Da er keinen männlichen Erben hinterließ, heiratete seine Tochter Maria von Burgund, als Alleinerbin, den Habsburger Maximilian von Österreich. Durch diese Heirat wurde Maximilian somit rechtlich Herzog von Burgund und erhielt das burgundische Erbe Karls des Kühnen. Damit wurde das burgundische Territorium ein Bestandteil des Hauses Habsburg und gleichzeitig auch ein Teil des Heiligen Römischen Reiches.
Mit dem Vertrag von Brüssel im Jahr 1522 fiel die Burgundische Niederlande, unter die Herrschaft des im flämischen Gent geborenen Karl V., der damals als Carlos I das Königreich Spanien regierte. Unter Karl florierte sowohl der Handel als auch die Wirtschaft der Spanischen Niederlande, wie das Territorium fortan genannt wurde. Die Hafenstadt Antwerpen entwickelte sich zu dieser Zeit zu einem Zentrum des Welthandels. Mit der Gründung und vertraglichen Anerkennung der Republik der Vereinigten Niederlande im Jahr 1648 blieb nur noch der Südteil, das in etwa dem heutigen Belgien entspricht, unter der Herrschaft der Habsburger.
Nach dem Aussterben der spanischen Linie und dem daraus resultierenden Spanischen Erbfolgekrieg gingen die bis dahin Spanischen Niederlande im Jahr 1714 an die österreichische Linie der Habsburger über. Das Gebiet wurde seither als Österreichische Niederlande bezeichnet. Durch die aufgeklärt-absolutistischen Reformen des Kaisers Joseph II. kam es im Oktober 1789 zur Brabanter Revolution. Dies führte im Jänner 1790 zur Gründung der Vereinigten Belgischen Staaten, deren kurzlebige Unabhängigkeit jedoch bereits im Dezember 1790 durch die Rückeroberung Österreichs endete. Die Franzosen konnten die Österreicher 1794 in der Schlacht bei Fleurus, während des Ersten Koalitionskrieges, schlagen. Die Österreichische Niederlande wurde darauf durch das revolutionäre Frankreich besetzt und am 1. Oktober 1795 formal an dieses angeschlossen. Mit dem Frieden von Campo Formio trat Österreich offiziell die Österreichischen Niederlande an Frankreich ab und bekam dafür Venetien zugesprochen.
19. Jahrhundert mini|Marie Henriette von Österreich, Königin der Belgier Nachdem Ende der Napoleonischen Kriege wurde 1815 auf dem Wiener Kongress die Vereinigung der Niederlande mit den restlichen, ehemals habsburgischen Gebieten zum Königreich der Vereinigten Niederlande beschlossen. 1830 kam es in Brüssel zu einer Revolution die schließlich zur Unabhängigkeit Belgiens führte. Der österreichische Staatskanzler Metternich zeigte jedoch über dieses Geschehen nur wenig Begeisterung. Kaiser Franz I. bestätigte den von seinem Gesandten in Den Haag unterzeichneten Londoner Vertrag vom 15. November 1831 zur Anerkennung der Unabhängigkeit Belgiens nur widerwillig, erst am 18. April 1832.
Österreich wurde in den Jahren 1833 bis 1839 in Brüssel ausschließlich durch einen Geschäftsträger vertreten. Die österreichische Regierung zog es vor, die Lösung der Luxemburgfrage abzuwarten, die zwischen dem niederländischen König und dem belgischen König um die Teilung Luxemburgs verhandelt wurde. Erst im Rahmen des Londoner Protokolls vom 19. April 1839 erhielt Belgien, das durch die Annexion eines Großteils Luxemburgs erheblich erweitert wurde, die Anerkennung von Unabhängigkeit und Neutralität durch Frankreich, Großbritannien, die Niederlande, Österreich, Preußen und Russland. Nachdem die Niederlande einen Gesandten in Brüssel akkreditiert hatten, entsandte auch Österreich im Herbst 1839 einen Gesandten nach Belgien. Der in Brüssel am längsten amtierende Botschafter Österreich-Ungarns war von 1872 bis 1888 Graf Bohuslaw Chotek von Chotkow.
Die Eheschließung des belgischen Königs Leopold II. mit Marie Henriette von Österreich im Jahr 1853 sowie die Heirat seiner Tochter, Prinzessin Stephanie von Belgien, mit dem österreichisch-ungarischen Kronprinzen Rudolf im Jahr 1881, schufen eine dynastische Verbindung zwischen dem belgischen und österreichischen Herrscherhaus.
Erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mini|k.u.k Škoda-Belagerungsmörser Zu Beginn des Ersten Weltkrieges marschierten am 21. August 1914 deutsche Truppen in Brüssel ein. Die belgische Regierung hatte sich bereits am 19. August nach Antwerpen zurückgezogen. Österreich-Ungarn schloss sich darauf dem Deutschen Reich an und erklärte dem bis dahin neutralen Belgien den Krieg.
Nach dem erfolglosen Versuch der deutschen Truppen, die Festung Antwerpen zu belagern, griffen österreich-ungarische Škoda-Mörser unterstützend ein – Antwerpen fiel schließlich am 9. Oktober 1914. Heute ist eine Kuppel der Festung im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien ausgestellt.
Der Krieg endete im November 1918 mit der Kapitulation der Mittelmächte. Die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn zerfiel unmittelbar nach Kriegsende. Die daraus neu entstandene Erste Republik Österreich verfügte daraufhin in Brüssel über ein Honorargeneralkonsulat und einem Honorarkonsulat in Antwerpen, die diplomatischen Beziehungen wurden von Den Haag aus geführt. Von 1938 bis 1945 wurden die belgisch-österreichischen Beziehungen durch den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich unterbrochen. Während des Zweiten Weltkrieges war Belgien ab 1940 durch NS-Deutschland besetzt. Während der Besatzungszeit wurden viele politische Gefangene aus Belgien im KZ Mauthausen und dessen Außenlagern in Österreich, das damals an das Deutsche Reich angeschlossen war, inhaftiert.
Beziehungen nach 1945 Am 25. April 1946 genehmigte der Alliierte Rat eine diplomatische Vertretung Österreichs in Belgien; damit zählt die heutige Botschaft in Brüssel zu den zehn ältesten Botschaften der Zweiten Republik Österreich. Der österreichische Gesandte Lothar Wimmer traf am 2. Mai 1946 in Brüssel ein und nahm zunächst provisorisch im Hotel Astoria Quartier. Am 17. April 1947 übergab Wimmer dem belgischen Prinzregenten Karl seine Akkreditierung als österreichischer Botschafter. Im Laufe der Jahre wurden zudem österreichische Honorarkonsulate in Antwerpen, Charleroi, Eupen, Gent, Lüttich und Ostende eingerichtet.
Als es Anfang 2000 in Österreich zu einer Koalition zwischen der ÖVP und der rechtspopulistischen FPÖ kam, führte dies zu EU-Sanktionen gegen Österreich, denen sich auch das Königreich Belgien anschloss. Die Sanktionen wurden jedoch bereits nach wenigen Monaten wieder aufgehoben.
Sowohl in Belgien als auch in Österreich ist Deutsch Amtssprache. Seit 2014 nimmt Belgien jährlich am Treffen der Staatsoberhäupter der deutschsprachigen Länder teil, das ursprünglich nur von Deutschland, der Schweiz und Österreich veranstaltet wurde.
Wirtschaftsbeziehungen Belgien und Österreich pflegen seit langem enge und verlässliche Handelsbeziehungen. Im Jahr 2024 belief sich das bilaterale Handelsvolumen auf rund 9,6 Mrd. Euro, wodurch Belgien zu den wichtigsten Handelspartnern Österreichs zählt. Bei den Handelsbeziehungen rangiert Belgien bei den österreichischen Exportpartnern auf Platz 15, direkt vor Rumänien, und bei den Importpartnern auf Platz 13, vor der Türkei und hinter Spanien.
Im Vergleich zum außergewöhnlich starken Jahr 2023, in dem die österreichischen Exporte nach Belgien um etwa 148 % zulegten, verzeichneten die Exportzahlen im Jahr 2024 einen Rückgang von 53,7 %. Die österreichischen Warenexporte nach Belgien lagen im Jahr 2024 bei ca. 2,91 Mrd. Euro. Die wichtigsten Exportgüter Österreichs nach Belgien waren dabei pharmazeutische Produkte mit einem Wert von 803,5 Mio. Euro (+4,6 %). Auf der Importseite dominierten belgische Waren nach wie vor, wobei die Importe nach Österreich im Jahr 2024 um 0,7 % auf insgesamt 3,48 Mrd. Euro stiegen. Zu den wichtigsten Importgütern aus Belgien zählen Fahrzeuge mit 418,6 Mio. Euro (−18,0 %), Kunststoffe im Wert von 380,2 Mio. Euro (+6,0 %) sowie Apparate, Maschinen und mechanische Geräte mit 351 Mio. Euro (−14,5 %).
Im Dienstleistungsbereich sind die bilateralen Beziehungen ebenfalls intensiv. Im Jahr 2024 stiegen die österreichischen Dienstleistungsexporte nach Belgien um 5,2 % auf insgesamt 1,36 Mrd. Euro. Gleichzeitig erhöhten sich die Dienstleistungsimporte aus Belgien um 2,9 %, wodurch die Gesamtimporte in diesem Bereich auf etwa 1,59 Mrd. Euro anwuchsen.
Kulturbeziehungen Die kulturellen Beziehungen zwischen Belgien und Österreich sind durch eine lange gemeinsame Geschichte geprägt. Bis heute sind in Belgien zahlreiche Bauwerke aus der Zeit der Habsburger, wie der Palast der Nation oder das Königliche Schloss Laeken, erhalten geblieben und gelten als nationale Symbole. Als Kulturabteilung der österreichischen Botschaft in Brüssel fungiert das Österreichische Kulturforum. Das ÖKF setzt sich für die Förderung der österreichischen Auslandskultur sowie die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Belgien und Österreich ein. Zudem fördert es den kulturellen und wissenschaftlichen Austausch auf europäischer und internationaler Ebene. Es unterstützt die Organisation von Konzerten, Ausstellungen, Aufführungen und Vorträgen durch organisatorische, logistische und finanzielle Maßnahmen.
Österreicher in Belgien Es leben in Belgien schätzungsweise etwa 5000 österreichische Staatsbürger, die Mehrheit von ihnen ist im Großraum Brüssel ansässig. Viele von ihnen sind als Auslandsösterreicher registriert. Die Österreichische Vereinigung in Belgien (ÖVB) zählt mit ungefähr 400 Mitgliedern zu den größeren Organisationen der Auslandsösterreicher. Zu den bekannten Österreichern in Belgien gehören der Chirurg Alexander von Winiwarter und der Unternehmer Carl Ludwig Habsburg-Lothringen.
Diplomatische Standorte
Belgien hat eine Botschaft in Wien. Österreich hat eine Botschaft in Brüssel.
Siehe auch
Liste der österreichischen Botschafter in Belgien Geschichte Belgiens Außenpolitik Österreichs
Literatur Sabine Weiss: Aufbruch nach Europa. Fünf Jahrhunderte Wien-Brüssel. Hrsg. Akademische Druck- u. Verlagsanstalt; 2004, ISBN 978-3201018333.
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Zwischenstaatliche Kooperation in Europa