Tamar Dreifuss geb. Shapiro (; geboren am 5. März 1938 in Wilna; verstorben am 18. Oktober 2025) war eine litauisch-israelisch-deutsche Holocaust-Überlebende, Autorin und langjährige Zeitzeugin.
Leben Tamar Dreifuss war die Tochter des jüdischen Ehepaars Jetta und Jascha Shapiro. Sie kam in Wilna zur Welt, heute Vilnius, damals polnisch besetzt; die Stadt wurde im Oktober 1939 an Litauen zurückgegeben. Im Juni 1940 marschierte die Rote Armee ein. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 geriet die Stadt unter hitlerdeutsche Besatzung. Nunmehr waren alle Juden von Wilna an Leib und Leben bedroht.
Holocaust Tamar Dreifuss und ihre Eltern wurden 1940 von der sowjetischen Armee umgesiedelt. Im folgenden Jahr zog Tamar zu einer – ihr bis dahin unbekannten – Tante und lebte eineinhalb Jahre lang getrennt von ihren Eltern. Die Mutter holte sie 1942 zu sich ins Ghetto Wilna. Im September 1943 lösten die Nationalsozialisten das Ghetto auf, Tamars Vater wurde in das KZ Stutthof deportiert und dort ermordet.
In der Folge wurden später auch Frauen und Kinder deportiert. Mehrere Fluchtversuche von Mutter und Tochter während der Deportation scheiterten; die beiden kamen 1943 schließlich ins Durchgangslager Tauroggen (Estland). Mittels eines Tricks konnten sie entkommen; die Mutter fand Arbeit auf verschiedenen Bauernhöfen. Später berichtet die Tochter, dass ihre Mutter lieber auf der Flucht gestorben wäre, als „wie ein Schaf zum Schlachthof“ geführt zu werden.Landtag NREW: „Ich bin durch die Hölle gegangen“, Gedenkrede 2022 Im Sommer 1944 wurde Litauen befreit und noch im selben Jahr übersiedelten Mutter und Tochter zu Tamars Tante in ihr Haus in Wilna. Dann erst erfuhren sie vom Tod des Ehemanns und Vaters.
Nachkriegsjahre In Litauen sahen die zwei Frauen und das Mädchen keine Zukunft. Sie flüchteten Richtung Westen und kamen in ein Lager für Displaced Persons in Landsberg am Lech. 1948 entschlossen sie sich zur Emigration nach Israel. Dort wuchs Tamar auf, absolvierte eine Ausbildung zur Erzieherin und leistete ihren Militärdienst. Sie lernte schließlich ihren späteren Ehemann kennen; 1959 heirateten die beiden in Deutschland und blieben dort. Die Eheleute bekamen 1964 einen Sohn und 1969 eine Tochter.Zweitzeugen: Nachruf: Wir trauern um Tamar Dreifuss, abgerufen am 20. September 2026
Zeitzeugin Während eines Besuches in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem beschloss Tamar Dreifuss – angesichts der Bilder der vielen Opfer – künftig als Zeitzeugin wirken zu wollen. Sie übersetzte auch die Erinnerungen ihrer Mutter aus dem Jiddischen ins Deutsche. Ihre eigene Geschichte erzählte sie in einem Kinderbuch.
Ihrem Wunsch entsprechend verfasste die Schriftstellerin Hera Lind ihre Lebensgeschichte in Romanform. Das Buch trägt den Titel Erhobenen Hauptes und soll im November 2026 bei Heyne erscheinen.Kurier: „Ich habe mir die Männer erarbeitet“, Interview mit Hera Lind, 20. September 2026, S. 33
Weblinks ZEITZEUGEN, Interviews mit Holocaust-Überlebenden (ZDF) Zweitzeugen
Einzelnachweise
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