mini|200px|Titelblatt Im Mörderlager Dachau 1933 Im Mörderlager Dachau. Vier Wochen in den Händen der braunen Banditen ist der Titel eines im August 1933 publizierten Erlebnisberichtes des kommunistischen Politikers Hans Beimler über seine Haft, Misshandlung und die inhumanen Zustände im KZ Dachau. Den Bericht schrieb er innerhalb weniger Tage im sowjetischen Exil, mehrere Wochen nach seiner Flucht aus dem Konzentrationslager. Der Bericht erregte international Aufsehen und fand auch als Untergrundpublikation im Widerstand gegen den Nationalsozialismus Verbreitung. Im Mörderlager Dachau gehört zu den bekanntesten Dokumenten über die frühen Konzentrationslager und ist Bestandteil der Exilliteratur. Die Broschüre erschien in mehreren Sprachen und wurde auch nach der Befreiung vom Nationalsozialismus mehrfach aufgelegt.

Hintergrund mini|200px|Hans Beimler, 1932 Unmittelbar nach Beginn der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten setzte in Bayern die Verfolgung politischer Gegner des NS-Regimes ein. Auch Hans Beimler, Reichstagsabgeordneter und Politischer Leiter der KPD Südbayerns, wurde nach wochenlanger konspirativer Widerstandstätigkeit am 11. April 1933 in München festgenommen und zunächst ins örtliche Polizeigefängnis im Rahmen von Schutzhaft verbracht, wo er verhört und mit Schmähungen überzogen wurde. Am 25. April 1933 wurde er aus der Polizeihaft in das neu eingerichtete KZ Dachau überstellt, wo zunächst insbesondere Kommunisten und Sozialdemokraten interniert wurden.Comité International de Dachau; Barbara Distel, KZ-Gedenkstätte Dachau (Hrsg.): Konzentrationslager Dachau 1933 bis 1945 – Text- und Bilddokumente zur Ausstellung. München 2005, S. 62, 109.Jürgen Zarusky: Politische Justiz, Herrschaft, Widerstand, Aufsätze und Manuskripte. Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Posthum veröffentlichte Arbeiten Zaruskys. Band 122 der Schriftenreihe Zeitgeschichte der VfZ. De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2021, ISBN 978-3-11-072800-2. S. 202 Im Lager wurde er durch Angehörige der SS in eine Einzelzelle des Bunker genannten Arrestbereichs verbracht und dort durchgehend Opfer und Zeuge psychischer und physischer Folter. In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1933 gelang es Beimler durch Fluchthilfe und der Verquickung glücklicher Umstände aus dem Lager zu entweichen. Anschließend konnte er in München untertauchen.Stanislav Zámečník: Das war Dachau. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-596-17228-3, S. 30f. Nach der Entdeckung seiner Flucht wurde nach ihm gefahndet und die Lagerleitung setzte 100 Reichsmark für Hinweise auf seinen Aufenthaltsort aus.Comité International de Dachau; Barbara Distel, KZ-Gedenkstätte Dachau (Hrsg.): Konzentrationslager Dachau 1933 bis 1945 – Text- und Bilddokumente zur Ausstellung. München 2005, S. 109. Der Dachauüberlebende und Lagerchronist Stanislav Zámečník gibt an, dass der Fluchthilfe Beimlers verdächtige Personen im Bunker brutalen Verhören und Folterungen unterzogen wurden.

Über die illegalen Strukturen der KPD und der Roten Hilfe Deutschlands (RHD) gelangte er am 26. Juli 1933 nach Moskau, wo ein Kuraufenthalt folgte. Danach verfasste er auf Initiative der Komintern im Spätsommer 1933 seinen Erlebnisbericht zum KZ Dachau.Markus Wegewitz: Antifaschistische Kultur. Nico Rost und der lange Kampf gegen den Nationalsozialismus 1919–1965 (= Buchenwald und Mittelbau-Dora – Forschungen und Reflexionen. Band 5). Wallstein, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8353-5366-4, S. 98 Seine Erlebnisse legte er innerhalb weniger Tage handschriftlich auf 80 Seiten nieder. Zunächst war kostenbedingt beabsichtigt den Bericht gekürzt von der sowjetischen Sektion der Internationalen Roten Hilfe herauszugeben, wogegen sich Beimler erfolgreich wehrte. Über Alexander Emel kam er mit der Verlagsgenossenschaft Ausländischer Arbeiter in der UdSSR in Kontakt, die Beimlers Bericht schließlich ungekürzt herausbrachte: Am 16. August 1933 ging der Bericht mit dem Titel Im Mörderlager Dachau. Vier Wochen in den Händen der braunen Banditen in Druck und wurde am 19. August 1933 publiziert.Friedbert Mühldorfer: Zeittafel. In: Hans Beimler: Im Mörderlager Dachau, Köln 2022, S. 188Friedbert Mühldorfer: Einführung in Hans Beimlers Text. In: Hans Beimler: Im Mörderlager Dachau, Köln 2022

Inhalt mini|200px|Inhaltsverzeichnis Im Mörderlager Dachau 1933 Im Mörderlager Dachau ist der Erlebnisbericht von Hans Beimler über seine vierwöchige Haftzeit im Polizeigefängnis Ettstraße in München und im KZ Dachau. Der Bericht setzt mit seiner Festnahme nach einem konspirativen Treffen mit Parteigenossen sowie seiner Einlieferung in das Polizeigefängnis ein. Beimler beschreibt chronologisch die Abläufe sowie den Alltag im Polizeigefängnis und den Terror der SS-Wachen nach seiner Überstellung in das Konzentrationslager. Aus unmittelbarer Täter-Opfer-Perspektive schildert er sehr detailliert die psychische und physische Folter im Polizeigefängnis und dem KZ Dachau. Er beleuchtet auch das Verhalten seiner Mitgefangenen, das sich durch Solidarität, Widerstand und einen starken Überlebenswillen auszeichnet. Zudem erwähnt er die Sippenhaft seiner Frau Centa.

mini|200px|SS-Wachmannschaft im KZ Dachau, Aufnahme vom 27. Mai 1933 Nach der Einweisung in den Bunker des KZ Dachau berichtet er als Opfer und Zeuge von einer Steigerung der täglichen Gewaltexzesse gegenüber den Bunkerinsassen, bis sich einige seiner Zellennachbarn aus Verzweiflung das Leben nehmen. Als Peiniger charakterisiert er insbesondere Hans Steinbrenner. Durch den Lagerkommandanten Hilmar Wäckerle wird ihm schließlich unmissverständlich zu verstehen gegeben sich umzubringen; zur Verdeutlichung wird er in die Nebenzelle zur Leiche von Fritz Dressel geführt, was ihn zutiefst erschüttert. In großer Sorge umgebracht zu werden, bereitet Beimler seine Flucht weiter vor. Dies geschieht in dem Bewusstsein entweder in den Tod getrieben, ermordet oder auf der Flucht erschossen zu werden. Der Bericht endet abrupt mit der Flucht aus Dachau.

Einleitend und abschließend weist er in dem Bericht eindringlich darauf hin, dass die ganze Wahrheit über die Morde und Folterungen in den NS-Haftstätten noch viel schlimmer als bereits bekannt seien. Er erinnert an die Leiden der zigtausend Schutzhaftgefangenen in den NS-Lagern und fordert die Bildung einer antifaschistischen Front sowie den Kampf gegen den „Mordfaschismus“.Hans Beimler: Im Mörderlager Dachau: vier Wochen in den Händen der braunen Banditen, Leningrad/Moskau 1933

Das Vorwort der ersten Ausgabe von 1933 stammt von dem KPD-Politbüromitglied Fritz Heckert, „in dem dieser vor allem die kommunistische Lesart des Nationalsozialismus als Steigerung und Büttel des Kapitalismus darlegt“.Anna Kiniorska-Michel (Bearbeiterin): Im Mörderlager Dachau (1933). In: Arbeitsstelle Holocaustliteratur In diesem Zusammenhang greift er die Sozialdemokratie, Kirchen beider Konfessionen und generell die Gegner der Sowjetunion massiv an. Laut Friedbert Mühldorfer hat das Vorwort den Charakter eines allgemeinen politischen Kommentars, der pathetisch den Kommunismus heroisiert. Nach dem Bericht listet Beimler eine Auswahl der 50 Todesfälle im KZ Dachau auf, inklusive eines aktuellen Nachtrags vom 8. August 1933 zu dem ermordeten Felix Fechenbach. Am Ende wird noch eine Kurzform des Artikels Durch Dachau zum Dritten Reich aus der Coburger Zeitung des nationalsozialistischen Politikers und Redakteurs Hans Dietrich vom 28. Juni 1933 aufgeführt, in dem die Vorzüge des KZ Dachau für die „Volksgemeinschaft“ und die Sache des Nationalsozialismus gepriesen werden.

Wirkungen Die einzigartige Flucht aus dem Bunker in Dachau sicherte Beimler bei kommunistischen NS-Gegnern bereits früh einen Heldenstatus im antifaschistischen Kampf. Im Mörderlager Dachau und Auszüge daraus in Flugblättern, Tarnschriften und Exilzeitungen waren bei der Weitergabe von Untergrundpublikationen bedeutsames Agitationsmaterial im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Als Artikelserie erschien der Bericht zum Beispiel in Basel beim Vorwärts.Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Bd. 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. Saur, München 1999 (= 1980), , S. 47 Die Berichterstattung in der ausländischen Presse erregte international Aufsehen und schreckte das NS-Regime auf, „da die internationale Öffentlichkeit […] ein wichtiger Kampfplatz zwischen dem NS-Regime und seinen deutschen Gegnern“ war:

Im Zuge dieser Nachricht wurde deshalb empfohlen, Beimler ausbürgern zu lassen, was auch geschah. Sein Name stand auf der dritten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs vom 3. November 1934, die tags darauf im Völkischen Beobachter unter dem Titel Aus der Volksgemeinschaft ausgestoßen – Volksverräter und Lumpen sind keine Deutschen veröffentlicht wurde.Friedbert Mühldorfer: Vorbemerkung. In: Hans Beimler: Im Mörderlager Dachau, Köln 2022, S. 10Digitalisat des Reichsanzeigers vom 3. November 1934

Bedeutung Im Mörderlager Dachau gehört insbesondere neben Max Abrahams Juda verrecke (1934), Gerhart Segers Oranienburg (1934), Werner Hirschs Hinter Stacheldraht und Gitter (1934) und Wolfgang Langhoffs Die Moorsoldaten (1935) zu den bekannten Erfahrungsberichten von Überlebenden über Haft in frühen Konzentrationslagern. Segers aufsehenerregende Schrift Oranienburg: Erster authentischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geflüchteten ignoriert Beimlers Bericht und zirkulierte in sozialdemokratischen Kreisen.Klaus Drobisch und Günther Wieland: System der NS-Konzentrationslager, 1933–1939 (= Teil von Anne-Frank-Shoah-Bibliothek), De Gruyter, Berlin/Boston 2018, ISBN 3-05-000823-7, S. 171f. Beimlers Bericht wurde im kommunistischen Wirkungsbereich „zum wichtigsten Dokument über die frühen Konzentrationslager“, auf das regelmäßig Bezug genommen wurde.

Martin Broszat und Elke Fröhlich verweisen darauf, dass das KZ Dachau während der NS-Zeit zu den bekanntesten Konzentrationslagern zählte und in der Exilliteratur vielfach behandelt wurde. Schon im ersten Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror von 1933 wurde das Mordlager Dachau genannt. Auch im zweiten Braunbuch: Dimitroff contra Göring – Enthüllungen über die wahren Brandstifter von 1934 finden sich Hinweise auf das Lager. Broszat und Fröhlich zählen Im Mörderlager Dachau „zur frühesten Literatur über das Lager“.Martin Broszat und Elke Fröhlich u. a.: Bayern in der NS-Zeit. 6 Bände. (hier: Bayern in der NS-Zeit). BAND II Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt: Teil A, R. Oldenbourg Verlag, München/Wien 1979, S. 362 f. Im Mörderlager Dachau war laut dem Historiker Jürgen Zarusky die „erste Publikation mit größerer Resonanz, die über die Zustände in dem Konzentrationslager aufklärte“. Weitere zeitgenössische Publikationen ehemaliger Dachauhäftlinge waren Martin Grünwiedls Publikation Dachauer Gefangene erzählen von 1934 und Julius Zerfaß Werk Dachau–Eine Chronik, das 1936 unter dem Pseudonym Walter Hornung erschien.

Der Beimler-Biograf Friedbert Mühldorfer bezeichnet darüber hinaus Im Mörderlager Dachau als „erschütterndes Dokument für die psychische und physische Folter“ des Verfassers. Von besonderem Interesse ordnet er auch die detailreichen Schilderungen über das Leiden seiner Mithäftlinge sowie die psychische Verfasstheit und exzessive Gewalt der SS-Täter ein. Zudem verweist er auf die besondere Bedeutung der Schrift, da Beimler als einzigem Häftling die Flucht aus dem Lagergefängnis gelang.