Der Parnass oder Mars und Venus (fr. Le Parnasse oder auch Mars et Vénus, it. Parnaso) ist ein Gemälde in Tempera auf Leinwand des italienischen Renaissancemalers Andrea Mantegna (* 1431 oder kurz davor; † 1506). Das 1496 oder 1497 entstandene Werk ist im Bestand des Louvre in Paris.
Das von der mantovanischen Markgräfin und Kunstsammlerin Isabella d’Este in Auftrag gegebene Gemälde diente zusammen mit weiteren Werken Mantegnas sowie Bildern unter anderem von Pietro Perugino (* um 1450; † 1523) und Lorenzo Costa dem Älteren (* 1460; † 1535) zur Ausgestaltung ihres Studiolo im Palazzo Ducale der Familie Gonzaga in Mantua. Das Bildprogramm stammt vermutlich von dem humanistischen Gelehrten Paride da Ceresara, zu dem Isabella in engem Kontakt stand.
Motiv Die Marchesa strebte nach Kunstwerken, die ihren Ruf als Edelfrau festigen konnten, indem sie die nach damaliger Auffassung wahren weiblichen Tugenden, allen voran die Keuschheit, zum Ausdruck brachten. Lediglich für den Kampf zwischen Liebe und Keuschheit, den Perugino 1505 für das Studiolo fertigstellte, sind die genauen Anweisungen Isabellas dokumentiert; für die übrigen Gemälde sind keine schriftlichen Vorgaben überliefert.
Das Hauptmotiv des Gemäldes geht auf den achten Gesang von Homers Odyssee zurück, der die Geschichte von Venus, Mars und Vulkan überliefert. Venus war mit Vulkan verheiratet, betrog ihren Ehemann aber fortwährend mit Mars, ohne dass es Vulkan zunächst gelang, die beiden zu überführen. Erst durch einen Hinweis Apollons erfuhr er, dass sich das Liebespaar auf seinem eigenen Ehebett vergnügte. Ergrimmt plante Vulkan seine Rache; er wollte das Paar vor dem Rat der Götter öffentlich demütigen. So schmiedete er ein Netz, das so fein gesponnen war, dass es für das menschliche Auge unsichtbar blieb, und befestigte es heimlich über dem Bett. Dann täuschte er eine Abreise vor. Mars wollte die Gelegenheit sofort nutzen und traf sich mit Venus (bei Homer heißt es wörtlich, dass er ihre Hand ergriff). Inmitten des Liebesaktes fiel das Netz herab und fing die beiden. Es umschloss sie so eng, dass sie unfähig waren, sich zu rühren, und in ihrer höchst verfänglichen Position verharren mussten. Vulkan rief nun die Götter herbei, um ihnen die Schande seiner untreuen Frau und ihres Liebhabers vorzuführen, und drohte, sie erst nach einer Entschädigung wieder freizulassen. Als Apollon und Merkur der Szene ansichtig wurden, äußerten sie unter dem schallenden Gelächter der übrigen Götter, dass sie diese Schande nur zu gerne ertragen würden, wenn sie dafür mit Venus schlafen könnten.
Nach Ansicht des Mantegna-Experten Ronald Lightbown spielt im Parnass ein weiteres literarisches Werk eine besondere Rolle, die 1492 erschienene Antierotica von Pietro Hedo (mit eigentlichem Namen Pietro Capretto). Unter Berufung auf Ciceros Werk De natura deorum („Vom Wesen der Götter“) hatte Hedo postuliert, dass es mehr als eine Venus-Figur gebe, die irdische (Venus impudica), Göttin der profanen irdischen Liebe, und die Göttin der himmlischen Liebe, die Venus coelestis. Jede von ihnen habe einen Sohn, die identisch aussähen, Cupido, der mit seinem Bogen spitze goldene Pfeile verschieße und die Leidenschaft anfache, und Anteros („Anti-Eros“), der ein Feind der fleischlichen Liebe sei und nur Pfeile mit stumpfer bleierner Spitze verwende, die die Lust ausmerzen. (In der Mythologie wird Anteros abweichend davon als Wächter über die erwiderte Liebe oder als Rächer verschmähter Liebe beschrieben; diese Deutung spielt im Parnass keine Rolle.) Für die Analyse des Gemäldes wird in der Folge eine begriffliche Differenzierung verwendet: Der neutrale Begriff „Amor“ bezeichnet den Sohn der traditionellen, nicht weiter spezifizierten Venus, „Cupido“ ist Sohn und Begleiter der Venus impudica, „Anteros“ der der Venus coelestis.
Bildbeschreibung und Ikonographie Die Bildbeschreibung orientiert sich im Wesentlichen an der Darstellung Ronald Lightbowns in seinem Catalogue raisonné der Werke Mantegnas.
Das beherrschende Motiv im Bild ist der Felstunnel, auf dem Mars und Venus vor einem Bett stehen. Auf dem Plateau vor ihnen tanzen neun Musen, Apollon spielt ihnen auf. Links dahinter ist Vulkan in seiner Höhle zu sehen. Rechts im Bildvordergrund steht Merkur mit seinem geflügelten Pferd Pegasus.
Umgebung Die Szene ist in das Licht der Abenddämmerung getaucht, am Horizont färbt sich der Himmel in zartem Rosa und Weiß, um nach oben hin in ein blasses Blaugrün überzugehen. Schauplatz des Geschehens ist der Berg Helikon. Der dem Gemälde erst im 17. Jahrhundert verliehene Titel Parnass ist somit strenggenommen ungenau, weshalb das Werk in der französischen und englischsprachigen Literatur häufig schlicht als Mars et Vénus beziehungsweise Mars and Venus bezeichnet wird. Dennoch deutet die Komposition im rechten Hintergrund auch die zwei Gipfel des Parnass an, zwischen denen aus der kastalischen Quelle ein Bach entspringt.
Der Berg Helikon galt in der Mythologie als abgeschiedener Rückzugsort Apollons und der Musen, an dem sie ungestört von der profanen Masse den Künsten und Wissenschaften in Ruhe nachgehen konnten, ein passendes Symbol für das Studiolo Isabellas. Das Werk stellt jedoch nicht lediglich Apollon und sein Gefolge dar, sondern dient vielmehr der Veranschaulichung einer weitaus komplexeren Allegorie. Mantegna führte etliche weitere Motive ein, die in keiner direkten Verbindung zum Helikon und zum Parnass stehen. Lediglich die untere Bildhälfte mit Apollon, den Musen, Merkur und Pegasus sowie der am unteren Bildrand entspringenden Quelle Hippokrene entspricht dem Wohnort der Musen.
Der Boden links im Bildvordergrund ist mit auffälligen Gesteinsbrocken bedeckt, die mit fossilen Muscheln besetzt sind; etwas rechts der Mitte ragt ein unregelmäßig geformtes graues Felsgebilde mit Einsprengseln aus rosa Marmor aus dem Boden. Diese Phänomene zeugen von Mantegnas Interesse für die Natur, insbesondere für die Frage, wieso fossile Muscheln auf Berggipfeln zu finden sind. Sie galten als eine sichtbare Hinterlassenschaft der Sintflut; tatsächlich mag Mantegna hier eine Anspielung auf diese biblische Erzählung beabsichtigt haben, von der auch in der griechischen Mythologie eine Variante überliefert ist. Danach strafte Zeus die Menschheit durch eine große Flut; lediglich Deukalion und seine Frau Pyrrha überlebten den Metamorphosen Ovids zufolge in einem großen Kasten, der auf den Hängen des Parnass zur Ruhe kam, die Katastrophe.
Über dem Felsplateau der tanzenden Musen erhebt sich ein natürlicher Felsbogen, durch den eine ferne Landschaft zu sehen ist. Lightbown vermutet darin das in den Apollon-Mythen bedeutende Tal von Tempe. Man erkennt einen sich durch das Tal windenden Fluss, an dessen Ufer turmartige Gebäude stehen, Wiesen, Felder und Bauernhöfe und einen Hügel mit einer Burganlage. Die Landschaft wird nach den Regeln der Luftperspektive mit braunen Äckern und grünen Wiesen näher im Vordergrund und sich am Horizont im Dunst auflösenden blauen Bergen in der Ferne dargestellt. Diese Art der bildlichen Beschreibung war unter dem Einfluss der flämischen Malerei seit langem auch in Italien bekannt, wurde allerdings von Mantegna, der scharfe Horizontlinien bevorzugte, selten in seinen Bildern verwendet. Vermutlich stammt dieser Landschaftsausblick jedoch gar nicht von dem Meister selbst, denn Röntgenaufnahmen zeigen, dass der Felsen und die ihn umgebende Hecke ursprünglich den gesamten Mittelgrund des Bildes abdeckten; der Durchbruch durch den Felsen ist das Resultat späterer starker Übermalungen.
Mars und Venus mini|Mars, Venus und ihr Bett Auf dem künstlich wie mit dem Lineal abgeplatteten Felsbogen stehen Mars und Venus. Letztere ist kompositorisch die wichtigere, denn sie befindet sich exakt auf der vertikalen Achse des Gemäldes, während Mars ein wenig links von ihr steht. Er umfasst entsprechend der Formulierung Homers sanft das rechte Handgelenk der Venus und hat den Kopf zu ihr gewendet, um ihr in die Augen blicken zu können; Venus ihrerseits neigt ihm zärtlich den Kopf zu, während ihre Augen schräg nach oben gerichtet sind. Sie ist nackt bis auf einen gelben Schal, den Liebesgürtel der Venus (Cestum Veneris), der seiner Trägerin außerordentliche Schönheit verleiht und sich im Parnass in dekorativen Schleifen schwebend um Venus’ Körper windet. Ihre klassische Pose ist der Antike entlehnt, Mantegna stellt Venus als eine wohlgeformte blonde Schönheit mit glatten weißen Gliedern nach dem Geschmack des ausgehenden 15. Jahrhunderts dar. Sie steht im Kontrapost, einer harmonischen Pose von Stand- und Spielbein, mit dem Körpergewicht auf ihrem linken Bein, spiegelsymmetrisch zum Kontrapost des Mars, der nach dem klassischen Schönheitsideal als großer, schlanker Jüngling mit fließenden goldenen Locken dargestellt ist. Er trägt einen mit einem korallenroten Kamm gekrönten Helm aus dunkelgrauem Stahl und eine rote Tunika. Darüber ist er mit einem goldenen Muskelpanzer gerüstet mit einem Gürtel aus einem verdrilltem roten Stoffband und azurblauen Pteryges über seinen Hüften. Seine Beine stecken bis zu den Knien in Beinschienen, an den Füßen trägt er eine Art Calcei, die die Zehen freilassen; für ein Gefecht absolut ungeeignet, aber bei Paraden (oder für Götter) ein angemessenes Schuhwerk. In der rechten Hand hält er einen langen Speer, ein purpurroter Umhang bedeckt seine rechte Schulter und fällt in schlangenartigen gratigen Falten bis auf den Boden herab.
Mars, in der griechischen Mythologie als Ares bezeichnet, war der Gott des Krieges; im Gegensatz zur Minerva, die als stets besonnene Kämpferin agierte, bevorzugte er chaotisches Kampfgetümmel. Er galt als der Liebhaber (manchmal auch Gemahl) der Venus, der griechischen Aphrodite, der Göttin der Liebe und der Schönheit. Wie oben erwähnt, wurde bisweilen zwischen zwei (oder mehr) Venusfiguren unterschieden, der himmlischen und der irdisch-sinnlichen.
Das Liebespaar steht vor dem Ende eines Bettes, dessen Form Mantegna möglicherweise der Darstellung eines Lectisterniums auf einer antiken Medaille entlehnt hat. Es ist reich mit weißem und scharlachrotem Stoff drapiert und wirkt für die Felsplattform, auf der es platziert ist, fast zu groß. Am Fußende wird es von zwei massiven goldenen Bettpfosten getragen, die von einer Kugel bekrönt sind. Dahinter wird eine schützende Laube aus Bäumen gezeigt, die von Lightbown als Zitrusbäume identifiziert werden. Zwischen ihren Stämmen ist am Kopfende des Bettes ein azurblaues Tuch gespannt. Die so entstehende Vierfarbigkeit (wobei Weiß das Silber vertritt) spiegelt die Heraldik der beteiligten Herrscherhäuser: Rot, Silber und Gold für die Gonzaga und Blau, Silber und Gold für die Este.
Die botanische Identifikation scheint jedoch komplizierter als von Lightbown dargestellt, denn bei den Bäumen handelt es sich um Myrten, eine Pflanze, die von antiken Autoren mit Venus und der Ehe in Verbindung gebracht wurde. Dennoch sind die Bäume mit leuchtenden Früchten behangen, die auf der linken Seite neben Mars sehr dicht hängen, während rechts neben Venus nur eine einzelne Frucht zu sehen ist. An den Zweigen hinter Mars wachsen Orangen, eine Frucht, die in der Renaissance als wesentlicher Bestandteil der Hochzeitszeremonie untrennbar mit Fruchtbarkeit und Schwangerschaft verbunden war. Die beiden einzelnen Früchte links neben Mars’ Unterschenkel und rechts neben dem flatternden Band der Venus sind hingegen Quitten, die „Hochzeitsfrucht schlechthin“. Plutarch empfahl der Braut, an einer solchen zu knabbern, bevor sie ins Ehebett steigt, „weil das Entzücken von den Lippen […] gleich zu Beginn harmonisch und angenehm sein sollte“.