Die Cannone da 149/35 modello 01, später auch als Cannone da 149/35A geführt, ist eine Kanone, welche von den italienischen Streitkräften ab Anfang des 20. Jahrhunderts eingesetzt wurde. Obwohl die Waffe technisch schon im Ersten Weltkrieg überholt war, wurde das Geschütz von der Königlichen Armee bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs eingesetzt.
Entwicklung Der Entwicklungsbeginn der Cannone da 149/35 modello 1901 geht zurück auf das Jahr 1890. Die königlichen, italienischen Streitkräfte verfügten mit der Cannone da 149/23 G (Ghisa) über eine gusseiserne Kanone, welche auch für diese Epoche bereits zu geringe Leistungsparameter zeigte und mit einer Kaliberlänge von 23 nur knapp über der Rohrlänge eines Mörsers lag. Ziel der Entwicklung war die Lücke zwischen der Cannone da 149/23 G und dem Mörser 210/8 D.S. mittels einer Kanone mit ausreichender Reichweite zu schließen. Das Vickers-Terni-Werk unter der Leitung von William Armstrong, stellte den ersten Entwurf mit der Bezeichnung Cannone da 15A L/35 im Jahr 1900 vor. Hierbei steht die Ergänzung A für acciaio, also italienisch für Stahl. Angesichts der technischen Entwicklung jener Epoche, innerhalb der die französische Firma Schneider & Cie. und das deutsche Unternehmen Krupp maßgebliche, leistungssteigernde Neuerungen in der Artillerietechnik vorstellten, blieben die italienischen Vickers-Konstrukteure trotz einer Entwicklungszeit von fast 10 Jahren letztlich bei einem Entwurf mit starrer Lafette. Warum genau auf die schon bekannten Rohrrücklaufsysteme verzichtet wurde, ist nicht dokumentiert. In der Literatur wird jedoch davon ausgegangen, dass man die Technik als zu kompliziert empfand. Im Jahr 1896 stellte das Arsenale Regio Esercito die Torino (ARET) einen ersten Prototyp des Geschützes vor. Drei Jahre später, 1899, wurde eine Erprobung mit einer Versuchsbatterie durchgeführt. Das Geschütz wurde 1901 bei den italienischen Streitkräften eingeführt.
Technische Beschreibung Das Rohr der Cannone da 149/35 A wurde aus Stahl gefertigt. Der Lauf wies linksdrehende Züge auf, welche 48 Rillen oder 36 Rillen hatte. An der Mündung hatte der Lauf den Durchmesser von 149 Millimetern und anders als der Name angibt, entsprach die tatsächliche Lauflänge von 5.464 mm einer Kaliberlänge von 36,6. Nur bei den allerersten Geschützen entsprachen die tatsächliche Kaliberlänge 35 der Bezeichnung, dann wurde das Rohr länger und am Mündungsende wurden ein Halterungsring montiert. Der Verschluss war zylindrisch und schloss mittels eines Dichtrings die Brennkammer ab, während die die Zündung mittels einer Zündkapsel und Schlagbolzen erfolgte. Die starre „Belagerungs-“Lafette bestand aus einer starren Stahlkonstruktion mit einem Kastenholmen und der Plattform für die Mannschaft. Die Räder waren Holzspeichenräder mit einem Durchmesser von 1.560 mm und einer Spurweite von 1.480 mm. Die Rohrerhöhung wurde mittels eines Handrads am Ende der Lafette vorgenommen, das über ein Getriebe auf einen fest installierten Zahnkranz wirkte. Als Visier kam ein Zielkreisgerät vom Typ Mod. Cortese zum Einsatz. Um die Geländegängigkeit zu verbessern und den Rücklauf zu verringern, wurden vor dem Krieg für die Räder Kettenlaufschienen angebracht. Dieser Kranz aus Radschuhen war vom italienischen Hauptmann Crispino Bonagente patentiert worden. Diese Systeme wurden im Verlauf des Ersten Weltkriegs von vielen Nationen verwendet und die „Bonagente“-Kette bestand bei der 149/35 A aus 12 Platten. Diese erlaubten den Einsatz der Geschütze, ohne die Erstellung einer großen Holzbettung beziehungsweise Holzplattform unter dem Geschütz (in Italien Paioli genannt). Etwa eineinhalb Meter hinter dem Geschütz wurden in der Feuerstellung große Holzkeile positioniert. Beim Schuss rollte das Geschütz auf die Holzkeile und die Schwerkraft ließ das Geschütz zurück in die Ausgangsposition rollen. Zusätzlich war unter dem Ende des Kastenholms der sogenannte „Pancone“, ein schwerer Holzschlitten, montiert. Dieser sollte das Geschütz führen und eine Fehlausrichtung auf den Keilen verhindern. Die Reibung des Pacone auf dem Boden reduzierte die Rückwärtsbewegung des Geschützes durch Reibung auf dem Boden. Für den Transport des Geschützes wurde das Rohr auf der Lafette nach hinten gezogen und am Verschluss in einer Halterung fixiert. Unter dem Kastenholm wurde eine Vorderachse montiert. Als Zugmittel kamen der Schlepper Pavesi-Tolotti Typ B oder der Breda TP32 zum Einsatz. Für längere Verlegungen wurde das Geschütz in Baugruppen zerlegt. So wurde das Rohr auf einen speziellen Rohrwagen gezogen und auch die Lafette wurde auf einem Transportanhänger verlastet.
Einsatz Eine typische Batterie mit 149/35 modello 1901 - Geschützen bestand zu Beginn der 1930er Jahre aus 4 Kanonen, 4 Artillerietraktoren, 10 Lastkraftwagen, 10 Anhängern und 2 Maschinengewehren für die Nahverteidigung der Geschützstellung. Die Länge der Batterie auf der Straße war 400 Meter und es wurde eine Marschgeschwindigkeit von 6 bis 8 km/h erreicht.
Schon bei der Einführung 1901 war das Geschütz im internationalen Vergleich veraltet. Die fehlenden Rücklauf- und Vorholer-Systeme der Waffe führten dazu, dass das Geschütz nach jedem Schuss von der Mannschaft wieder in Position gebracht werden musste und dann die neue Ausrichtung auf das Ziel begann. Da das Geschütz über eine Kastenlafette ohne Seitenrichtmechanik verfügte, musste das 8-t-Geschütz seitlich manuell nachjustiert werden. Hieraus folgte eine stark reduzierte Feuerrate, die bei gezieltem Feuer bei etwa sechs Minuten pro Schuss lag. Da die starken Rückstoßkräfte beim Schuss nicht durch die Lafettenkonstruktion kompensiert werden konnten, musste dem Geschütz die Möglichkeit gegeben werden, im Ganzen zurückzurollen. Hierzu wurden häufig massiv konstruierte Holzrampen hinter dem Geschütz im Boden verankert, damit nach dem mechanischen Rücklauf das Geschütz von diesen wieder in die Ausgangsposition zurückrollte. Üblich war auch die Verwendung von Radschuhen, um ein Einsinken der schmalen Räder zu verhindern. Die Waffenwirkung des Geschützes wurde von den italienischen Streitkräften geschätzt. Wenn auch die Reichweite unterhalb anderer moderner Kanonen lag, gab eine Reichweite von 18 Kilometern der italienischen Artillerie neue Möglichkeiten. Dabei galt das Geschütz als sehr präzise, was die Trefferlage anging.
Erster Weltkrieg Die Regio Esercito (Königliche Armee) kämpfte den gesamten Ersten Weltkrieg über mit diesen Geschützen nach „alter“ Konstruktion und ab 1917 wurden auch neu produzierte Geschütze dieses Typs geliefert. Eine große Anzahl dieser Geschütze ging in der Schlacht von Caporetto durch den italienischen Rückzug verloren. Vor der Schlacht von Vittorio Veneto wurden die Lücken im Artilleriebestand jedoch durch neu gefertigte Kanonen geschlossen.
Italienische Kolonialkriege Da in den nordafrikanischen Kolonialkriegen nicht mit weitreichender gegnerischer Artillerie zu rechnen war, wurden von den italienischen Streitkräften in Kolonial-Kriegen in Nordafrika keine schweren Artilleriewaffen verwendet.
Spanischer Bürgerkrieg Die italienischen Expeditionskräfte im Spanischen Bürgerkrieg erhielten nur 6 Geschütze dieses Typs.
Guardia alla frontiera (GfA) Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs waren die meisten Geschütze dieses Typs bei den Raggruppamenti d'artiglieria da posizione della Guardia alla frontiera (Artillerieverbände der Grenztruppen) eingesetzt. So standen am 10. Juni 1940, als Italien in den Krieg eintrat, Geschütze bei 60 Batterien im Einsatz. Von diesen waren es in 28 Batterien Festungsgeschütze mit Panzertürmen. Während der initialen Kämpfe gegen Frankreich kam insbesondere die Batterie von Chaberton zum Einsatz. Doch fehlte Munition, die in der Lage war die französischen Bunker in den Westalpen wirksam zu bekämpfen.
Später kamen die GfA-Verbände auch beim Kampf gegen Griechenland und Jugoslawien zum Einsatz. So verfügten die dortigen Streitkräfte im April 1941 über 72 Geschütze dieses Typs.
Zweiter Weltkrieg Vor dem Zweiten Weltkrieg stellte Ansaldo die Cannone da 149/40 modello 1935 vor. Das italienische Heer hatte entschieden die alten 149/35A mit dieser Waffe zu ersetzen. Doch war der Austausch 1940 längst nicht abgeschlossen. So wurden immer noch Batterie der Cannone da 149/35A in Libyen stationiert. Die GaF verfügte über 37 Geschütze in den Festungen Tobruk, Bardia und Tripolis und die 5º Raggruppamento d'artiglieria d'armata verfügte über 48 Geschütze. Im Januar 1942 verfügten die Streitkräfte in Nordafrika über 46 Geschütze des Typs und bei der Verteidigung von Tunesien waren noch mindestens 16 Geschütze des Typs im Einsatz. Teilweise wurde Geschütze in Stellungen beim Rückzug zurückgelassen und mangels Interesse der alliierten Streitkräfte bei der Gegenoffensive Monate später dort genauso wieder angetroffen. Viele dieser älteren Geschütze waren in Stellungen der Küstenverteidigung zu finden, so auf Sizilien, in Albanien, Frankreich, Griechenland, Dalmatien und auf den italienischen Dodekanes-Inseln. Noch im Juni 1943 standen dort 16 Artilleriegruppen, die mit dem Geschütz ausgerüstet waren.
Produktion Bis zum Eintritt Italiens in den Ersten Weltkrieg waren nur Stück verfügbar. Im Jahr 1917 wurde die Produktion wieder aufgenommen und bei Kriegsende 1918 waren 598 Geschütze verfügbar. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg kennzeichneten globale wirtschaftliche Schwierigkeiten, die auch in Italien einen Austausch oder eine grundlegende Überarbeitung des Waffenparks verhinderten. Vorkriegspläne zur Überarbeitung der Geschütze die 1922 vom Arsenale Regio Esercito di Napoli (AREN) aufgegriffen wurden, führten lediglich zur Überarbeitung der Unterlafetten, um diese für den Kraftzug durch Motorfahrzeuge anzupassen. Dies erhöhte die Geschwindigkeit mit der die Geschütze verlegt werden konnten.
Varianten Die Nachteile der Starren Lafette wurden auch von der Führung der italienischen Streitkräfte erkannt und ohne auf die selber produzierte Waffe verzichten zu wollen, erhielt das deutsche Unternehmen Krupp den Auftrag die Waffe mit einem Rücklauf- und Vorholer-System für das Rohr zu verbessern. Nach dem Auftrag im Jahr 1911 hatte Krupp im März 1915 das Projekt soweit gebracht, dass die Entwürfe genehmigt worden waren. Doch der Kriegseintritt Italiens gegen die Mittelmächte führte dazu, dass das Projekt storniert wurde. Fotos und weitere Dokumente des Istituto LUCE zeigen, dass Geschütze vom Typ 149/35 mit Rohrrücklaufsystemen, wie diese in Festungen zum Einsatz kamen, eingesetzt worden sind. Ob es sich dabei nur um Entwicklungsversuche eines Feldgeschütz, oder die Nutzung von speziellen Festungsgeschützen durch die Feldarmee handelt, ist kaum zu klären.
Cannone da 149/35 A Da aus der Fertigung der staatlichen Arsenale nur das Modello 1901 mit starrer Lafette geliefert wurde, fragte man bei der italienischen Armstrong in Pozzuoli an, ob man ein Geschütz verfügbar machen könne, welches mit den Leistungswerten der französischen Entwicklung, der 149/35 S mithalten könne und gleichzeitig die moderne Technik einer Rücklauflafette bot. Armstrong übernahm die Waffe der 149/35 Modello 1901 und baute eine Lafettierung mit hydraulischer Rücklaufbremse und Federvorholer-Mechnanismus. Diese Variante war 4.160 kg schwer und fand auf Ringbettungslafetten des Typ A (Armstrong), Typ AM (Armstrong Montagna) und Typ G (Grillo) Verwendung.
Cannone da 149/35 installazioni fisse tipo A & tipo G