Das Wesen des Lebens (finnischer Originaltitel: Elolliset) ist der Debütroman der finnischen Schriftstellerin Iida Turpeinen. Er erschien 2023 bei Kustantamo S&S, Er erschien 2023 bei Kustantamo S&S, dem finnischsprachigen Imprint von Schildts & Söderströms. Die deutsche Übersetzung von Maximilian Murmann wurde 2024 im S. Fischer Verlag veröffentlicht.Das Wesen des Lebens. S. Fischer Verlag. Abgerufen am 5. September 2026.

Der historische Roman verfolgt über drei Jahrhunderte die Geschichte der Stellerschen Seekuh und eines Skeletts, das schließlich in die Sammlungen des Naturhistorischen Museums in Helsinki gelangt. Anhand von Personen aus der Geschichte der Naturwissenschaften behandelt er das Aussterben, den Verlust der Biodiversität und den Wandel des menschlichen Verhältnisses zur NaturMikko Saari: Huikea kuvaus sukupuutosta – arviossa Iida Turpeisen Elolliset. In: Kulttuuritoimitus. 10. Oktober 2023, abgerufen am 5. September 2026 (finnisch).Frida Keränen: Lajien tuho. In: Kiiltomato.net. 6. November 2023, abgerufen am 5. September 2026 (finnisch). sowie die Rolle von Frauen in einer von Männern geprägten Wissenschafts- und Kolonialgeschichte.

Der Roman erhielt 2023 den Helsingin-Sanomat-Literaturpreis und 2024 die Danke-für-das-Buch-Medaille. Außerdem wurde er 2023 für den Finlandia-Preis in der Kategorie Belletristik nominiert.STT: Finlandia-ehdokkaanakin oleva Elolliset voitti Helsingin Sanomien kirjallisuuspalkinnon. In: Yle Uutiset. 16. November 2023, abgerufen am 5. September 2026 (finnisch).Iida Turpeiselle Kiitos kirjasta -palkinto. Kirjakauppaliitto, 23. April 2024, abgerufen am 5. September 2026 (finnisch).

Entstehung

Turpeinen begann 2016 mit der Arbeit an dem Roman. Die Idee entstand bei einem Besuch des Naturhistorischen Museums in Helsinki, wo sie ein Skelett der Stellerschen Seekuh und den zugehörigen Erläuterungstext betrachtete. Die Angabe, dass die Art nur 27 Jahre nach ihrer wissenschaftlichen Beschreibung ausgestorben war, veranlasste sie, deren Geschichte zu erforschen. Zunächst lieh sie in der Finnischen Nationalbibliothek die Tagebücher des Naturforschers Georg Wilhelm Steller aus.Ekokatastrofin herättämät tunteet eivät kutsu puoleensa, mutta käsittelemättöminä ne ovat koko ajan läsnä, Iida Turpeinen sanoo. In: Yliopisto. Universität Helsinki, 27. März 2024. Ursprünglich veröffentlicht in Heft 2/2024. Abgerufen am 5. September 2026 (finnisch).

Während des siebenjährigen Schreibprozesses verwendete Turpeinen historische Quellen und Forschungsliteratur. Für den Abschnitt über Steller zog sie neben dessen eigenen Schriften auch Schiffslogbücher und Berichte anderer Expeditionsteilnehmer heran. Die spätere Geschichte des Skeletts rekonstruierte sie anhand von Briefen, älteren Veröffentlichungen, Museumsarchiven und Gesprächen mit Museumsmitarbeitern. Nach ihren Angaben erwies sich die Erforschung eines einzelnen Museumsobjekts als schwieriger als die Recherche zu der bereits ausführlich untersuchten Expedition des 18. Jahrhunderts.Jane Ciabattari: Iida Turpeinen on Exploring Our Relationship With the Natural World Through Fiction. In: Literary Hub. 18. November 2025, abgerufen am 5. September 2026 (englisch).

Der finnische Titel Elolliset („Lebewesen“) entstand, nachdem im Lektorat aufgefallen war, dass das Wort im Manuskript wiederholt vorkam. Turpeinen zufolge verweist es auf ältere naturwissenschaftliche Terminologie und auf die Vorstellung vom Menschen als einem Lebewesen unter anderen.

Handlung und Figuren

Die in unterschiedlichen Epochen angesiedelten Erzählstränge sind durch die Stellersche Seekuh und ihr Skelett miteinander verbunden. Die Figuren beruhen auf historischen Personen.

Im Jahr 1741 nimmt der Naturforscher Georg Wilhelm Steller an einer von Vitus Bering geleiteten Expedition teil, die einen Seeweg von Asien nach Amerika sucht. Während des Überlebenskampfes der schiffbrüchigen Expedition begegnet Steller dem großen Meeressäuger, der später seinen Namen tragen wird. Die Tiere dienen den Menschen als Nahrung; die anschließende Bejagung führt jedoch zur Ausrottung der Art.Iida Turpeinen: Beasts Of The Sea. Helsinki Literary Agency. Abgerufen am 5. September 2026 (englisch).

Im Erzählstrang des 19. Jahrhunderts sucht Johan Hampus Furuhjelm, Gouverneur von Russisch-Amerika, für den Zoologieprofessor Alexander von Nordmann nach einem Seekuhskelett. Das Leben in der Kolonie wird aus der Perspektive von Furuhjelms Frau Anna Elisabeth von Schoultz geschildert. In Sitka kommt ihre Tochter Annie Furuhjelm zur Welt, die später als Schriftstellerin, Journalistin und Frauenrechtlerin hervortritt. Auch Furuhjelms Schwester Constance findet eine Aufgabe in der Betreuung der naturhistorischen Sammlungen.

Die wissenschaftliche Illustratorin Hilda Olson arbeitet als Nordmanns Assistentin und begleitet ihn auf Forschungsreisen. Sie fertigt auch Zeichnungen des nach Helsinki gebrachten Seekuhskeletts an. Im Jahr 1952 erhält der Museumspräparator John Grönvall den Auftrag, das Skelett zu restaurieren. Sein Erzählstrang behandelt außerdem das Sammeln von Vogeleiern und den Vogelschutz auf der Inselgruppe Aspskär im Schärengebiet von Pernå.

Themen und Erzählweise

Nach Turpeinens Darstellung entwickelte sich der Roman während des Schreibens auch zu einer Geschichte darüber, wie der Begriff des Aussterbens entstand und wie die Erkenntnis, dass Arten verschwinden können, das menschliche Verständnis der eigenen Stellung in der Natur veränderte. Um diese ideengeschichtlichen Entwicklungen darzustellen, dehnte sie die Handlung auf mehrere Jahrhunderte aus. Sie bezeichnete den Roman als ein geisteswissenschaftlich geprägtes Werk: Neben naturwissenschaftlichen Erkenntnissen behandelt er menschliche Erfahrungen und die Gefühle, die der Verlust biologischer Vielfalt auslöst.

Frida Keränen interpretiert den Roman als Erweiterung der wissenschaftshistorischen Perspektive, da er neben berühmten Männern auch Frauen berücksichtigt, deren Arbeit wenig Beachtung gefunden hat. Ihrer Lesart zufolge verbindet Anna Furuhjelms Haltung gegenüber der indigenen Bevölkerung Alaskas die Klassifizierung der Natur mit kolonialer Machtausübung. Mikko Saari hebt den Widerspruch zwischen Naturinteresse und Naturzerstörung hervor: So konnten sich Sammler von Vogeleiern als Naturfreunde verstehen, während ihre Tätigkeit Vögel gefährdete. Im Nachwort werden Arten aufgeführt, die während der Arbeit am Roman für ausgestorben erklärt wurden.

Die Erzählung verbindet auf einzelne Figuren konzentrierte Abschnitte mit kursiv gesetzten Kapiteln, die naturwissenschaftliches Wissen vermitteln und lange Zeiträume jenseits des Wissenshorizonts der Figuren behandeln. Direkte Dialoge werden nicht verwendet. Keränen verweist auf den Wechsel zwischen langen und kurzen Sätzen sowie auf Passagen, in denen die Seekuh selbst zur Trägerin der Erzählperspektive wird.

Rezeption

Literaturkritik

Antti Majander von Helsingin Sanomat bewertete den Roman als bedeutendes Werk der europäischen Literatur. Er lobte die Auswahl aus dem historischen Material und die erzählerische Verdichtung. Nina Holm von Suomen Kuvalehti betonte die sprachliche Präzision und die gelungene Einbindung des Hintergrundwissens in die Erzählung, insbesondere in deren erstem Teil.Elolliset. Kustantamo S&S. Auszüge aus Rezensionen von Antti Majander und Nina Holm. Abgerufen am 5. September 2026 (finnisch). Mikko Saari vergab in Kulttuuritoimitus fünf von fünf Sternen und würdigte die Verbindung historischer Grundlagen mit lebendiger Romankunst.

Frida Keränen bezeichnete das Buch in Kiiltomato.net als souveränen Debütroman und sah seine Sprache als besondere Stärke. Sie äußerte jedoch auch Vorbehalte: Der einheitliche Stil nivelliere Unterschiede zwischen den Figuren, und die Möglichkeiten einer Verbindung wissenschaftlicher und literarischer Texte würden ihrer Ansicht nach nicht vollständig ausgeschöpft.

Auszeichnungen und Nominierungen

Der Roman gewann 2023 den Helsingin-Sanomat-Literaturpreis. Die Jury würdigte seine Fähigkeit, individuelle Lebensgeschichten mit globalen ökologischen Veränderungen zu verbinden und trotz seines Gegenstands eine hoffnungsvolle Perspektive zu bewahren. Im selben Jahr wurde er für den Finlandia-Preis in der Kategorie Belletristik und für den Tulenkantaja-Preis nominiert.Helsingin Sanomien kirjallisuuspalkinto Iida Turpeiselle teoksesta Elolliset. Kustantamo S&S, STT Info, 16. November 2023, abgerufen am 5. September 2026 (finnisch).

2024 erhielt der Roman die Danke-für-das-Buch-Medaille. Die Jury hob die historische Recherche, die Verbindung von Literatur und Naturwissenschaften sowie die Fähigkeit des Werkes hervor, Diskussionen über die Rolle des Menschen beim Verlust biologischer Vielfalt anzuregen. Die französische Übersetzung wurde 2024 für den Prix du Meilleur livre étranger nominiert. 2025 gehörte der Roman zu den fünf nominierten Werken für den Premio Strega Europeo.Iida Turpeinen’s novel Elolliset has been selected as the December pick for The Late Show with Stephen Colbert’s Book Club. FILI – Finnish Literature Exchange, 5. Dezember 2025, abgerufen am 5. September 2026 (englisch).Jonni Aromaa: Iida Turpeisen luontokadosta kertova romaani tavoittelee Italian suurinta kirjallisuuspalkintoa. In: Yle Uutiset. 16. April 2025, abgerufen am 5. September 2026 (finnisch).

Übersetzungen und internationale Verbreitung

Im November 2023 teilte der Verlag mit, dass die Übersetzungsrechte für 19 Sprachgebiete verkauft worden seien. Die finnische Ausgabe war zu diesem Zeitpunkt innerhalb von zwei Monaten viermal gedruckt worden. Nach Angaben von FILI vom Dezember 2025 waren die Rechte für 28 Sprachgebiete verkauft und 18 Übersetzungen veröffentlicht worden.

Die deutsche Ausgabe erschien 2024 unter dem Titel Das Wesen des Lebens im S. Fischer Verlag. Maximilian Murmann übersetzte den Roman aus dem Finnischen.

David Hackstons englische Übersetzung Beasts of the Sea erschien im Oktober 2025 bei MacLehose Press in Großbritannien und im November desselben Jahres bei Little, Brown in den Vereinigten Staaten. Der englische Titel verweist auf Stellers Schrift über Meerestiere. Der Roman wurde für Dezember 2025 als Monatslektüre des Buchclubs von The Late Show with Stephen Colbert ausgewählt. Auch The New York Times nahm ihn in ihre Leseempfehlungen für historische Belletristik auf.Katri Tihilä: Suomalaiskirjailija Iida Turpeisen teos nousi New York Timesin listalle. In: Yle Uutiset. 2. Januar 2026, abgerufen am 5. September 2026 (finnisch).

Bühnenadaption

Eine Bühnenfassung mit dem Titel Elolliset wurde am 3. September 2026 auf der kleinen Bühne des Stadttheaters Helsinki uraufgeführt. Pipsa Lonka bearbeitete den Roman für die Bühne, Juni Klein führte Regie. Die Inszenierung entstand als Koproduktion des Stadttheaters und des Künstlerkollektivs WAUHAUS.Elolliset. Programmheft, Stadttheater Helsinki. Abgerufen am 5. September 2026 (finnisch).Helsingin kaupunginteatterin Elolliset tarkastelee lajikadon historiaa nostamalla päähenkilöksi stellerinmerilehmän. In: Amusa. 13. August 2026, abgerufen am 5. September 2026 (finnisch).

Ausgaben

Iida Turpeinen: Elolliset. Kustantamo S&S, Helsinki 2023, ISBN 978-951-52-5977-6.Elolliset. Finna, 3AMK-Bibliotheken. Abgerufen am 5. September 2026. Iida Turpeinen: Das Wesen des Lebens. Aus dem Finnischen von Maximilian Murmann. S. Fischer, Frankfurt am Main 2024, ISBN 978-3-10-397630-4.

Weblinks

Verlagsseite der deutschen Ausgabe Verlagsseite der finnischen Originalausgabe (finnisch) Interview mit Iida Turpeinen von Miia Gustafsson, Yle, 21. Januar 2024 (finnisch)

Einzelnachweise

Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (21. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Finnisch) Kategorie:Literatur (Finnland) Kategorie:Historischer Roman