Der Partito Capibara (deutsch etwa „Capybara-Partei“) ist eine italienische politische Bewegung, die im September 2022 im Internet gegründet wurde.Die Bewegung trug ursprünglich den Namen Potere ai Capibara! („Macht den Capybaras!“), eine Anspielung auf den Namen der linksradikalen Partei Potere al Popolo Sie wird als post-work- und antikapitalistische Bewegung beschrieben und setzt sich für einen grundlegenden Umbau der Gesellschaft durch automatisierte Produktion und die Umverteilung von Vermögen ein. Dabei bezieht sie sich ausdrücklich auf das Konzept eines „vollständig automatisierten, akzelerationistischen Luxuskommunismus“. Als wichtigstes Symbol verwendet die Bewegung das Capybara.

Geschichte

Ursprünge

Der Partito Capibara entwickelte sich aus dem italienischen akzelerationistischen Umfeld des Circolo Nomade Accelerazionista (CNA), einem politisch-kulturellen Kollektiv mit Sitz in Bologna. Eine 2023 von Cicles Magazine veröffentlichte Geschichte des Akzelerationismus datiert die Entstehung des CNA auf das Jahr 2019 und beschreibt ihn als eines der italienischen Kollektive, die zur Verbreitung linksakzelerationistischer Ideen beitrugen. Dabei seien insbesondere die Ansätze von Alex Williams und Nick Srnicek in die Ideologie und Arbeit des Kollektivs eingeflossen, etwa in die 2022 veröffentlichte Schrift L'Era dell'abbondanza („Das Zeitalter des Überflusses“).

Der Partito Capibara selbst entstand offenbar im September 2022. Nach einem 2026 von I simboli della discordia veröffentlichten Bericht des Politikwissenschaftlers Gabriele Maestri organisierten Mitglieder des CNA während des Wahlkampfs zur italienischen Parlamentswahl 2022 ein Online-Spiel in Form einer Scheinwahl. Ab dem 6. September traten auf Instagram acht fiktive Listen in einem Turnier gegeneinander an, jeweils mit einem eigenen Symbol und einem grundlegenden Programm. Der Wettbewerb wurde ausdrücklich als Übung in „Hyperstition“ bezeichnet, einem mit akzelerationistischem Denken verbundenen Begriff für Ideen, Erzählungen oder fiktive Konstruktionen, die dazu beitragen können, die von ihnen beschriebene Wirklichkeit hervorzubringen. Eine der Listen war Potere al capibara! („Macht dem Capybara!“), aus der sich später der Partito Capibara entwickelte. Der Wettbewerb endete am 8. Oktober 2022; Potere al capibara! gewann nicht. Sieger wurde der Partito xenocomunista dei postlavoratori („Xenokommunistische Partei der Post-Arbeiter“). Dessen Programm umfasste unter anderem eine maximale Arbeitswoche von zwölf Stunden, ein bedingungsloses Grundeinkommen von 2000 Euro monatlich, einen Mindestlohn von 24 Euro pro Stunde, umfassende Automatisierung, kostenlosen öffentlichen Nahverkehr, die Abschaffung von Haushaltsrechnungen für Versorgungsleistungen sowie eine Vermögensobergrenze.

Transformation in eine politische Bewegung

Erste „reale“ Treffen außerhalb des Internets fanden bereits 2022 unter dem Motto Raduniamo ciò che è sparso („Lasst uns zusammenführen, was verstreut ist“) statt. La Repubblica berichtete außerdem, dass die politische Gruppe bereits 2022 im Zentrum Bolognas systematisch Graffiti mit der Aufschrift „Luxury for all“ („Luxus für alle“) anbrachte.

Bis 2026 präsentierte sich das Projekt öffentlich als politische Bewegung und nicht mehr lediglich als Internet-Meme. Zugleich erklärte es seine Bereitschaft, an der nächsten italienischen Parlamentswahl teilzunehmen, die für 2027 angesetzt ist.

Auf seiner offiziellen Website setzte sich der Partito Capibara das Ziel, zunächst 120.000 Unterstützungsbekundungen zu sammeln. Dies sollte als Vorbereitung für die später notwendige physische Sammlung von Unterschriften zur Einreichung einer Wahlliste 2027 dienen. Bis August 2026 waren mehr als 10.000 Unterstützungsbekundungen erreicht worden.

Im März 2026 wurde die Bewegung in Bologna erstmals öffentlich unter dem Namen „Partito Capibara“ vorgestellt. Im April 2026 folgten Treffen unter anderem in Padua, Bologna, Florenz und Mailand.

Zwischen dem 9. und 12. Juli 2026 organisierte die Partei die Initiative „Mark Fisher Party“, die zwischen Rom und Latina stattfinden und dem philosophischen und politischen Austausch sowie der Debatte dienen sollte. Am 24. Juni 2026 veranstaltete die Bewegung in Padua eine Kundgebung, an der mehrere hundert Menschen teilnahmen.

Symbole

Capybara

Im Jahr 2021 drangen Capybaras in die Stadt Nordelta etwa 30 Kilometer von Buenos Aires in Argentinien ein und besetzten Luxuswohnanlagen und städtische Gebiete, die zuvor zu ihrem natürlichen Lebensraum gehört hatten. Dieses Ereignis inspirierte Personen, die später den Partito Capibara gründeten.

Sie entschieden sich, das Tier bei den hyperstitionären Instagram-Wahlen 2022 als Symbol zu verwenden und übernahmen es später als Symbol ihrer politischen Bewegung und der Partei.

Flottille

Dibitonto beschrieb die Partei metaphorisch als „Flottillen-Partei“, deren Ziel es sei, „das Schiff des Feindes zu kapern“, womit das italienische Parlament gemeint war. Der Begriff „Flottillen-Partei“ und seine symbolische Verwendung spiegeln auch die Absichten der Bewegung wider. Dibitonto verglich diese mit denen der Global Sumud Flotilla: Diese verstehe sich nicht als „das Boot, das Israel stoppen kann“, sondern wolle die Reise selbst dazu nutzen, Aufmerksamkeit und Bewusstsein für ihre Anliegen zu schaffen.

Ideologie

Wurzeln

mini|Mark Fisher, eine der wichtigsten Inspirationsquellen für die Ideologie der Bewegung, im Jahr 2011

Nach Angaben von Davide Dibitonto, einem der wichtigsten Initiatoren des Partito Capibara und Mitbegründer des CNA, reichen die intellektuellen Ursprünge des Projekts mehrere Jahre vor der Gründung des Kollektivs zurück. Als wichtige Einflüsse nannte er die britische akzelerationistische Literatur von Maya B. Kronic, Armen Avanessian, Nick Srnicek, Alex Williams und insbesondere Mark Fisher. Als zentrale Bezugspunkte führte er insbesondere #Accelerate: The Accelerationist Reader von 2014 sowie Inventing the Future: Postcapitalism and a World Without Work von 2015 an. Die Bewegung übernahm außerdem die Form, über die sich der Linksakzelerationismus Dibitonto zufolge in Italien verbreitete: Memes. Beispiele hierfür waren die Facebook-Gemeinschaft Sinistralibro sowie Gruppen wie Automatizzato Comunismo Memetico („Automatisierter memetischer Kommunismus“). Trotz der Verwendung von Ironie als Ausdrucksmittel verfolgt die Bewegung ihre politischen Vorstellungen und ihr Programm nach eigener Darstellung ernsthaft.

Politische Einordnung

Davide Dibitonto bezeichnete die Bewegung als politisches Gegenstück zu Roberto Vannaccis Futuro Nazionale. Während Vannaccis Partei die radikale Rechte verkörpere, stehe der Partito Capibara für die radikale Linke.

Nach Angaben des Parteimitglieds Lorenzo Robin Frosini in einem Interview mit Quotidiano Nazionale unterscheidet sich der Partito Capibara ideologisch auch deutlich von der Fünf-Sterne-Bewegung, da er antisystemische Positionen vertrete, die diese seiner Auffassung nach nicht teile.

Die Bewegung unterstützt außerdem die Anerkennung Palästinas und pro-palästinensische Organisationen.

Einordnung durch Dritte

Die Zeitung Quotidiano Nazionale verglich die politischen Vorstellungen der Bewegung mit Thomas Morus’ Werk Utopia.

Forderungen

Das politische Programm des Partito Capibara sieht eine 24-Stunden-Woche bei vier Arbeitstagen sowie einen garantierten Netto-Mindestlohn von 15 Euro pro Stunde beziehungsweise 1560 Euro monatlich vor. Um das menschliche Überleben von „endloser Arbeit“ zu entkoppeln, fordert die Bewegung die bedingungslose kostenlose Bereitstellung von sechs Grundbedürfnissen: Wohnen, Versorgungsleistungen, Lebensmittel, öffentlicher Verkehr, Bildung und Gesundheitsversorgung. Finanziert werden sollen diese Maßnahmen durch ein allgemeines Grundeinkommen von 500 Euro monatlich, das mit zunehmender wirtschaftlicher Automatisierung steigen soll, sowie durch eine strenge Vermögensteuer. Für individuelles Vermögen oberhalb von 6,66 Millionen Euro sieht die Partei eine Steuer von annähernd 100 Prozent vor.

Als praktisches Beispiel verwies die Bewegung, ohne die betreffende Person namentlich zu nennen,Zum Zeitpunkt der Aussage verfügte Giovanni Ferrero über ein geschätztes Vermögen von 48,8 bis 49 Milliarden Euro und war damit vermutlich die indirekt gemeinte Person. Der zu diesem Zeitpunkt tatsächlich reichste Italiener war allerdings Giancarlo Devasini mit einem geschätzten Vermögen von 89,3 Milliarden Euro. auf den reichsten Mann Italiens, dessen Vermögen damals mit 49 Milliarden Euro angegeben wurde. Nach dem vorgeschlagenen Modell würde sein Vermögen mit 99,9999 Prozent besteuert; dennoch wäre er nach Darstellung der Partei anschließend weiterhin Multimillionär. Als Pagella Politica Dibitonto auf die Realisierbarkeit des Programms ansprach und es als „zu schön, um wahr zu sein“ bezeichnete, antwortete dieser, es sei „zu schön, um nicht wahr zu sein“. Ziel der Bewegung ist es, bis 2032 zur größten Partei der italienischen Politik zu werden.

Anmerkungen

Weblinks

Offizielle Website

Einzelnachweise

Kategorie:Politische Organisation (Italien)