mini|300px|Thermen von Coriovallum mit Resten der Hypokausten Coriovallum ist der Name einer antik römischen Siedlung (Vicus) mit einer großen Thermenanlage auf dem Gebiet der heutigen Stadt Heerlen im Südosten der niederländischen Provinz Limburg.

Lage, Geologie, Geomorphologie, Etymologie und Forschungsgeschichte mini|Schematische Darstellung Coriovallums im heutigen Kartenbild Coriovallum war eine römische Siedlung, die vom Ende des ersten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung bis zum Ende des vierten / Beginn des fünften Jahrhunderts unserer Zeitrechnung auf dem Gebiet des heutigen Heerlens lag. In der Antike befand sich der Vicus am Kreuzungspunkt zweier römischer Fernstraßen, deren eine, die auch mit der modernen Wortschöpfung Via Belgica bezeichnet und touristisch vermarktet wird, von Gesoriacum (Boulogne-sur-Mer) über Atuatuca Tungrorum und Mosa Traiectum zur Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln) führte, während die andere („Via Treverorum“) von Vetera/Colonia Ulpia Traiana (Xanten) über Aquae Granni (Aachen) zur Augusta Treverorum (Trier) verlief. Administrativ gehörte Coriovallum zunächst zur Provinz Gallia Belgica, ab domitianischer Zeit zur Germania inferior und in der Spätantike zur Germania secunda.

Geologisch liegt das römische Siedlungsgebiet in einem Bereich Zuid-Limburgs, in dem Gesteine aus dem Karbon, dem Quartär, dem Tertiär und der Kreidezeit an die Oberfläche treten. Südlimburg wiederum ist Bestandteil des Ardennen-Rheinland-Massivs (auch rhenoherzynische Zone des Rheinischen Schiefergebirges genannt), das durch Erosion zu einer Rumpffläche abgeflacht wurde. Diese Fläche wurde am Ende des Tertiärs durch tektonische Prozesse angehoben. Die Maas und ihre Nebenflüsse transportierten große Mengen an Geröll aus Frankreich und den Ardennen heran. Das kiesigen Geröll lagerte sich in Terrassen ab. Die Terrassenbildung und entsprechende Vertiefungen schufen die sanft hügelige Landschaft Landschaft, wie sie sich heute noch darstellt. Nach Süden und Osten wird das Geländerelief Heerlens zunehmend hügeliger, nach Nordwesten hin zunehmend flacher. Während der letzten Eiszeiten wurden weite Teile Südlimburgs von Löss bedeckt, der jedoch an steileren Hängen und Tälern bald wieder abgetragen wurde. Dort, wo er liegen blieb, bildeten sich fruchtbare, für Ackerbau geeignete Böden. Von ökonomischem Nutzen waren und/oder sind auch der sogenannte Kunrader Kalkstein als Baumaterial,Werner M. Felder: Ontsluitingen van de Kunrader Kalksteen, deel I. In: Grondboor & Hamer, Band 32, Nummer 4, 1978, S. 86–121 (Digitalisat). feine weiße Quarzsande zur Glasherstellung,Zu den Quarzsanden der Lagerstätte Heerlen auf euroquarz.de, abgerufen am 30. August 2026. sowie Steinkohle und marginale Mengen Braunkohle.Peter W. Bosch: Geologie van Heerlen en omgeving. In: Grondboor en Hamer, Jahrgang 41, 1987, Nummer 3/4, S. 64–70 (Digitalisat).Mateus Kroth, João P. Trabucho-Alexandre, Mariana Pinheiro Pimenta, Geert-Jan Vis, Eva De Boever: Facies characterisation and stratigraphy of the upper Maastrichtian to lower Danian Maastricht Formation, South Limburg, the Netherlands. In: Netherlands Journal of Geosciences 103, 2024 Digitalisat:

Über die Etymologie des römischen Namens Coriovallum besteht kein Konsens. Die Endung „-vallum“ scheint auf eine Befestigungsanlage oder ein Militärlager zu weisen, wofür es jedoch kaum archäologische Nachweise gibt. Lange war die Lage des auf der Tabula Peutingeriana und im Itinerarium Antonini verzeichneten Coriovallums ungesichert. Noch Anfang des 19. Jahrhunderts postulierte der als erster Archäologe Limburgs geltende Martin Cudell (1773–1845), der Fundort müsse im „Ravensbosch“, einem Wald bei Valkenburg aan de Geul liegen.Über Martin Cudell: Martin Cudell, 1773 - 1845 in: Het land van Herle, 30. Jahrgang, 2. Lieferung, 1980, S. 25–39 (Digitalisat). Erst 1875 identifizierte der Archäologe und Priester Jos Habets (1829–1893) Coriovallum richtigerweise mit Heerlen.Jos Habets: Recherches sur la situation de la station romaine Coriovallum. 1875. Für die archäologischen Untersuchungen in der ersten Hälfte des 20: Jahrhunderts zeichneten insbesondere Albert van Giffen und Willem Glasbergen verantwortlich.Albert van Giffen: Thermen en Castella te Heerlen (L.). Een rapport en een werkhypothese. In: L'Antiquité Classique, Nummer 17-1, 1948, S. 199–236 (Digitalisat).Albert van Giffen, Willem Glasbergen: Thermen en castella te Heerlen-Coriovallum. Sonderdruck aus Miscellanea philologica historica et archaeologica in honorem Huberti van de Weerd, l'antiquite classique, Nummer 17, 1948. Zwischen 1950 und 2000 wurden im Zusammenhang mit Bauarbeiten wiederholt archäologische Befunde untersucht, jedoch nicht vollständig analysiert und dokumentiert.

Archäologische Befunde und Siedlungsgeschichte mini|Grabstein des Marcus Iulius Historische Hintergründe und epigraphische Zeugnisse Ursächlich für die Gründung Coriovallums im zweiten Jahrzehnt vor unserer Zeitrechnung war möglicherweise die Errichtung einer logistischen Basis für die Drusus-Feldzüge der Jahre 12 bis 8 v. u. Z., um die in der Germania magna operierenden Truppen mit Getreide zu versorgen. Möglicherweise wurde dieses Depot von Vexillationes der Legio V Alaudae angelegt, worauf militärische Funde dieser Zeit und dieses Verbandes weisen, darunter der Grabstein des Marcus Iulius: = HD082620

Der neue Platz diente neben seiner logistischen Funktion wohl ursprünglich primär zur Bewachung der Straßenkreuzung. Möglicherweise errichteten die Legionäre dort ein Kastell, wofür jedoch einzig zwei Spitzgräben im Zentrum des Ortes sprechen könnten, die erst um das Jahr 160 wieder verfüllt wurden. Zusätzlich gibt es zahlreiche Funde von Militaria, wie Speer- und Pfeilspitzen sowie Rüstungsfragmente bei einer gleichzeitig geringen Anzahl ziviler Funde in der frühen Zeit. Während die frühe Forschung primär diesen militärischen Aspekt in den Vordergrund rückte, deuten jüngere Untersuchungen auf eine hauptsächlich zivile Funktion der Siedlung, auch weil keinerlei Spuren einer Ummauerung entdeckt wurden und die Spitzgräben inzwischen als im Kontext der Thermen stehend betrachtet werden (siehe unten im Abschnitt Thermen).Jeff Nelissen: Leven in Romeins Heerlen (Coriovallum). Bachelorarbeit, Katholieke Universiteit Leuven, Leuven 2015/2016, S. 63–75 (Digitalisat). mini|Votivinschrift des Marcus Sattonius Iucundus, Kopie im LVR-RömerMuseum Xanten In der mittleren Kaiserzeit, etwa von Commodus bis zur Zeit der Soldatenkaiser, geht das Fundmaterial (darunter auch die Münzen und Fibeln) deutlich zurück. Bei den Keramiken steigt der Anteil der einheimischen Heerlener Ware gegenüber Importkeramiken an. Aus dieser Zeit stammt die Votivinschrift des Marcus Sattonius Iucundus: = HD019126

Wesley Holland: Coriovallum, een succes verhaal. De economische ontwikkeling van Coriovallum tussen 20 v. Chr. en 400 n. Chr. Radboud universiteit Nijmegen, Nijmegen 2015 (Digitalisat).Joes Minis, Stefan Schorn: Lateinische Inschriften aus dem Thermenmuseum in Heerlen (Niederlande). In: Ancient Society, Nummer 48, 2018, S. 221–261 (Digitalisat).

Thermen mini|Modell der Thermen (2013),AO: Thermenmuseum Die größte und besterhaltene bauliche Anlage Coriovallums sind die Thermen, die zugleich das größte erhaltene römische Bauwerk der Niederlande darstellen. Sie wurden 1935 vom Stadtarchivar und Stadtarchäologen Piet Peters entdeckt, in den Jahren 1940/1941 ausgegraben und 1948 erstmalig von Albert van Giffen und Willem Glasbergen publiziert und befinden sich seit 1977 unter dem Schutzbau des Thermenmuseums Heerlen (siehe weiter unten im Abschnitt Präsentation und Denkmalschutz).Offizielle Webpräsenz des Romeins Museum in Heerlen (niederländisch), abgerufen am 29. August 2026. Die Thermen waren nicht das erste Bauwerk Coriovallums (siehe im Abschnitt Vicus), sondern wurden erst zwischen den Jahren 65 und 73 errichtet, worauf datierbare Funde wie Münzen, Terra Sigillata und sonstige Keramik verweisen. In dieser frühen Phase gehörten sie zu einer 40 m mal 15 m (= 600 m²) umfassenden Anlage vom Reihentyp, bei der auf ein großes Apodyterium (Umkleideraum) mit zwei Nischen, ein Frigidarium (Kaltbaderaum) mit zwei Kaltwasserbecken, ein Tepidarium (Laubaderaum) und ein mit seitlichen Apsiden für die Labra (Waschbecken) versehenes Caldarium (Heißbaderaum) mit einem zwei mal sieben Meter großen Warmwasserbecken von Norden nach Süden aufeinander folgten, während sich an der westlichen Seite ein rundes Sudatorium (Schwitzbad) an das Tepidarium anschloss. Die Beheizung erfolgte zentral über ein Praefurnium (Heizstelle) südlich des Caldariums. Ein noch zu zwei Drittel erhaltenes Labrum aus Belgischem Blaustein wurde bei den 1940er Ausgrabungen geborgen. Einen separaten Außenbereich für Sport und Spiele gab es zu dieser Zeit noch nicht, jedoch war das Apodyterium groß genug, um dort sportliche Übungen auszuführen. Die Wasserversorgung erfolgte von der Quelle des „Caumerbeeks“ südöstlich der Anlage, das Brauchwasser wurde nach Nordwesten in den „Geleenbeek“ abgeleitet.

In der späten flavischen oder der trajanischen Zeit wurde die Anlage ummauert und dadurch auf mehr als 2000 m² vergrößert. Es wurden drei zusätzliche Räume unklarer Funktion errichtet und zwei Palaestrae östlich und westlich des Kerngebäudes geschaffen, die an jeweils zwei Seiten von Portiken flankiert waren. In der westlichen Palaestra wurde eine rund 57.000 Liter fassende Natatio (Freibad) angelegt, durch deren zusätzliches Brauchwasseraufkommen das Abwassersystem des Badehauses erweitert werden musste.

In der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts wurden massive Veränderungen vorgenommen. Ein fünf bis sechs Meter tiefer und neun breiter Spitzgraben wurde an der Vorder- und der Rückseite in jeweils zehn Metern Abstand parallel zur Ummauerung ausgehoben, der Aushub möglicherweise zur Aufschüttung eines Erdwalls genutzt. Derartige Befestigungen sind aus dieser Zeit an der gesamten sogenannten „Via Belgica“ bekannt. Im dritten und vierten Jahrhundert wurde der Badekomplex grundlegend umgestaltet: Mauern wurden versetzt und die Westwand des Caldariums wurde abgerissen, um Platz für einen neuen Vorbau zu schaffen, wodurch die Thermen insgesamt vom bisherigen Reihentypus zum Blocktypus umgewandelt wurden. Caldarium, Sudatorium und Tepidarium erhielten separate Praefurnia, Die Baumaßnahmen dieser Zeit waren qualitativ minderwertig und wurden unter Verwendung von Spolien ausgeführt, die überwiegend von älteren Gebäuden und von den Gräberfeldern des Ortes stammen. In dieser Form wurde das Balneum noch wenigstens ein weiteres Jahrhundert lang, vielleicht sogar bis zum Ende des Weströmischen Reiches genutzt.Karen Jeneson, Wouter K. Vos (Hrsg.): Roman bathing in Coriovallum. The thermae of Heerlen revisited. Cultural Heritage Agency of the Netherlands, Amersfoort 2020, ISBN 978-90-5799-324-4 (Digitalisat).Karen Jeneson: Vier eeuwen baden in Coriovallum. Het Romeinse badhuis van Heerlen (NL) opnieuw bekeken. In: Signa 11. Revue éditée par le Comité pour la diffusion de la recherche en archéologie gallo‑romaine, 99, 2022, S. 99–108 (Digitalisat).

Im Jahr 2020 wurden die Fundmünzen aus dem Thermenbereich analysiert. Aus dieser Analyse ergibt sich folgende Münzreihe:Paul Beliën: De munten uit de Romeinse tijd gevonden op het Thermenterrein in Heerlen. In: Karen Jeneson, Wouter K. Vos (Red.): Roman bathing in Coriovallum. The thermae of Heerlen revisited. (= Nederlandse Archeologische Rapporten, 65), Amersfoort 2020, S. 141–143 (Digitalisat). mini|Römische Münzen aus CoriovallumAO: Thermenmuseum Heerlen