Das sehr seltene Mineral Natanit ist ein Eisen-Zinn-Hydroxid aus der Mineralklasse der „Oxide und Hydroxide“ und hat die idealisierte chemischen Zusammensetzung Fe2+Sn4+(OH)6. Strukturell gesehen ist Natanit ein nicht stöchiometrischer Doppelperowskit aus der Perowskit-Supergruppe.

Natanit kristallisiert mit kubischer Symmetrie und bildet oktaederförmige Kristalle mit Kantenlängen von wenigen Mikrometern bis Millimetern. Die Farbe der glasglänzenden Kristalle ist gelb bis orange oder grünlich braun.

Die Typlokalität sind die hydrothermalen Gänge in den Kalksteinen und Schiefern der Mushiston Zinn-Lagerstätte 35 km südlich von Pandschakent in der Provinz Sughd, Tadschikistan.

Etymologie und Geschichte Die ersten Synthesen der Verbindung FeSn(OH)6 führten Hugo Strunz und B. Contag 1960 am Institut für Mineralogie der Technischen Universität Berlin durch. Ausgehend von der Entdeckung des Minerals Stottit (FeGe(OH)6) führten sie systematische Untersuchungen verschiedener Hexahydroxostannate des gleichen Verbindungstyps durch.

1966 beschrieben P. L. C. Grubb und P. Hannaford Einschlüsse in Kassiterit aus der Pelepah Kanan-Zinnmine in Zentral-Johor, Malaysia, bei denen es sich vermutlich um FeSn(OH)6 handelte.

Vier Jahre später berichteten B. H. Geier und J. Ottmann von einem Zinn-Analog des Stottit (FeGe(OH)6) aus der Tsuneb-Lagerstätte (Mineral D, (Fe,Mn)(Sn,Ge)(OH)6).

Im Pitkaranta Mienengebiet in Karelien wurden 1977 Wickmanit-Schoenfliesit-Mischkristalle beschrieben, die bis zu 40 Mol-% der Eisen-Komponente FeSn(OH)6 enthielten.

Die sowjetischen Lagerstättenforscher N. K. Marshukva, G. A. Sidorenko und N. I. Chistyakova untersuchten die Minerale der Oxidationszone der Zinnlagerstätte Mushiston, deren Zinnvorkommen bereits in der Bronzezeit abgebaut wurden. Ende der 1970er Jahre beschrieben sie dort noch unbenannte Analoge des Schoenfliesit (MgSn(OH)6) mit variablen Gehalten von Eisen (Fe2+), Zink (Zn2+) und Kupfer (Cu2+). Anfang der 1980er Jahre gelang ihnen schließlich die Beschreibung der neuen Minerale Vismirnovit (ZnSn(OH)6) und Natanit (FeSn(OH)6) mit Proben aus Mushiston. Natanit benannten sie nach dem sowjetischen Professor Natan (Anatoly) Il'ich Ginzburg, der viel zu den Verwitterungsprozessen von Zinnlagerstätten geforscht hatte.

Klassifikation Die strukturelle Klassifikation der International Mineralogical Association (IMA) zählt den Natanit zur Gruppe der nicht stöchiometrischen Doppelperowskite mit unbesetzter A-Position in der Perowskit-Supergruppe. Hier bildet er zusammen mit Burtit, Jeanbandyit, Mushistonit, Nancyrossit, Schoenfliesit, Vismirnovit und Wickmanit die Schoenfliesit-Untergruppe.

Da Natanit erst 1980 als neues Mineral anerkannt worden ist, ist es in der letztmalig 1977 überarbeiteten Systematik der Minerale nach Strunz (8. Auflage) noch nicht verzeichnet.

In der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, erhielt das Mineral die System- und Mineralnummer IV/F.16-040. Dies entspricht der neu definierten Abteilung „Hydroxide und oxidische Hydrate (wasserhaltige Oxide mit Schichtstruktur)“, wo Natanit zusammen mit Burtit, Mushistonit, Schoenfliesit, Vismirnovit und Wickmanit die „Schoenfliesitgruppe“ mit der Systemnummer IV/F.16 bildet.

Die von der IMA zuletzt 2009 aktualisierte 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Natanit in die Abteilung „Hydroxide (ohne V oder U)“ ein. Diese ist weiter unterteilt nach der möglichen Anwesenheit von OH und/oder H2O sowie der Kristallstruktur. Das Mineral ist hier entsprechend seiner Zusammensetzung und seinem Aufbau in der Unterabteilung „Hydroxide mit OH, ohne H2O; eckenverknüpfte Oktaeder“ zu finden, wo es zusammen mit Burtit, Mushistonit, Schoenfliesit, Vismirnovit und Wickmanit die „Schoenfliesitgruppe“ mit der Systemnummer 4.FC.10 bildet.

In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Natanit die System- und Mineralnummer 06.03.06.03. Dies entspricht ebenfalls der Klasse der „Oxide und Hydroxide“ und dort der Abteilung der „Hydroxide und hydroxyhaltige Oxide“. Hier ist er zusammen mit Burtit, Mushistonit, Schoenfliesit, Vismirnovit und Wickmanit in der „Wickmanitgruppe“ mit der Systemnummer 06.03.06 zu finden.

Chemismus Natanit ist das Eisen-Analog von Wickmanit sowie das Zinn-Analog von Stottit und hat die Endgliedzusammensetzung ☐2Fe2+Sn4+(OH)6, worin ☐ für eine Leerstelle auf der A-Position steht.

Natanit bildet Mischkristalle mit Wickmanit (MnSn(OH)6) und Schoenfliesit (Mg2+Sn(OH)6) sowie Vismirnovit (ZnSn(OH)6) und Mushistonit (CuSn(OH)6) entsprechend der Austauschreaktion Fe2+ = Mn2+ (Wickmanit) Fe2+ = Mg2+ (Schoenfliesit) Fe2+ = Zn2+ (Vismirnovit) Fe2+ = Cu2+ (Mushistonit)

Kristallstruktur Natanit kristallisiert mit kubischer Symmetrie der und den Gitterparametern a=7,759(6) Å sowie 4 Formeleinheiten pro Elementarzelle.

Natanit hat die Struktur von Perowskit. Die von 12 Hydroxid-Ionen kuboktaedrisch umgebene A-Position ist unbesetzt. Die 6-fach koordinierte, oktaedrische B-Position ist in 2 Positionen aufgespalten, die von Eisen (Fe2+) und Zinn (Sn4+) besetzt sind.

Bildung und Fundorte Natanit ist ein Sekundärmineral und bildet sich in der Oxidationszone von Zinnlagerstätten bei der Umwandlung z. B. von Kassiterit.

Bisher (Stand 2026) ist Natanit an rund 15 Fundorten dokumentiert werden. Seine Typlokalität sind die hydrothermalen Gänge in den Kalksteinen und Schiefern der Mushiston Zinn-Lagerstätte 35 km südlich von Pandschakent in der Provinz Sughd, Tadschikistan. Natanit ist hier vergesellschaftet mit Varlamoffit, Malachit, Azurit, Goethit und anderen Sekundärminelaten.

Siehe auch Liste der Minerale

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise Fundortliste für Natanit beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat (englisch), abgerufen am 29. August 2026.

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