mini|Büste von Wanyan Liang Wanyan Liang (; Geburtsname Digunai; auch bekannt unter seinem formellen Titel Prinz von Hailing (chinesisch Hailing Wang); * 24. Februar 1122 im Kreis Huining (heute Acheng, Harbin, Provinz Heilongjiang); † 15. Dezember 1161 in Guazhou Ferry nahe Yangzhou) war von 1150 bis 1161 der vierte Kaiser der über einen Teil Nord-Chinas regierenden Jin-Dynastie. Er kam durch eine Usurpation an die Macht und regierte despotisch. Zahlreiche Gegner, darunter auch viele Mitglieder des Kaiserclans, fielen seinen politischen Säuberungen zum Opfer. Zu seiner Regierungspolitik gehörte die noch stärkere Sinisierung des Jurchen-Adels. Nach einem erfolglosen Feldzug gegen das Song-Reich wurde er von einer Offiziersgruppe ermordet.

Leben Abstammung; frühes Leben Wanyan Liang war laut dem Geschichtswerk Jinshi der zweitälteste Sohn von Lady Da und Wanyan Zonggan († 1141), dem ältesten Sohn des Dynastiegründers Wanyan Aguda (nachmaliger Kaiser Taizu). Während der Herrschaft des Jin-Kaisers Xizong (regierte 1135–1150) wurde der 18-jährige Wanyan Liang 1140 als Mitglied des imperialen Clans zum General des Staatsschutzes ernannt. Er leistete als Kommandant von zehntausend Soldaten Militärdienste unter dem Prinzen von Liang, Wanyan Zongbi, und wurde zum General der leichten Kavallerie befördert. Seit 1144 war er auch General der Drachen- und Tigergarde und hatte die Leitung von Zhōngdū („Mittlere Hauptstadt“; heute Peking) inne. Im Mai 1147 von Kaiser Xizong in die damalige Hauptstadt des Jin-Reichs, Huining (heute Acheng, Harbin), berufen, wurde Wanyan Liang im November 1147 stellvertretender Direktor zur Linken im Staatsministerium, erhielt dadurch bedeutende Macht und besetzte staatliche Schlüsselpositionen mit seinen Vertrauten. Im Mai 1148 wurde er zum Großakademiker der Halle der Regierung, im November 1148 zum Kanzler und zwei Monate später auch zum Marschall der Hauptstadt ernannt. Er versuchte die Gunst einflussreicher Familien zu gewinnen.

Als Bewunderer der chinesischen Kultur studierte Wanyan Liang die chinesischen Klassiker. Durch seine vielen Begegnungen mit Chinesen des Song-Reichs beeindruckt, eignete er sich typisch chinesische Gebräuche wie das Schachspielen und Teetrinken an. Er pflegte gern den Umgang mit renommierten Gelehrten der Song-Dynastie, die im Jin-Reich lebten, und war versiert in Dichtung und Literatur.

Usurpation des Throns Kaiser Xizong wurde immer unzufriedener über den Machtzuwachs von Wanyan Liang, degradierte ihn im Frühling 1149 und sandte ihn nach Bianjing (heute Kaifeng), wo er die Leitung der dortigen lokalen Abteilung für Staatsangelegenheiten übernehmen sollte. Bald wurde Wanyan Liang nach Huining zurückberufen und wieder als Großakademiker der Halle der Regierung eingesetzt. Dennoch war er damals bereits zur Durchführung eines Putsches zum Sturz des Kaisers entschlossen. Dabei kam ihm zugute, dass Xizong, der offenbar unter Verfolgungswahn litt, wiederholt hohe Beamte und sogar Mitglieder seines eigenen Clans unter fadenscheinigen Gründen töten ließ, wodurch sich der Kaiser in der Führungselite unbeliebt machte. Zwei hochrangige Regierungsbeamte, Tangguo Bian und Wanyan Bingde, die auf Befehl von Xizong mit Stockhieben bestraft worden waren, schmiedeten mit dem ersten Minister des Gerichtshofs für Rechtskontrolle, Wanyan Wudai, ein Komplott zur Ermordung des Kaisers, in die auch Wanyan Liang eingeweiht wurde. Wanyan Liang forderte, dass er der neue Herrscher werden müsse. Der Gardegeneral Wanyan Tesi schöpfte aber Verdacht und informierte Kaiser Xizong, der daraufhin Tangguo Bian auspeitschen ließ.

Xizong war jedoch nur unzureichend über die Details der Verschwörung unterrichtet, und Wanyan Liang gelang es, das Misstrauen des Kaisers auf Wanyan Tesi lenken. In einer Säuberungswelle ließ Xizong nun Wanyan Tesi, die Prinzen Wanyan Yuan und Wanyan Aleng und andere vermeintliche Schuldige hinrichten. Hierdurch isolierte er sich noch weiter am Hof. Am 9. Januar 1150 drangen die Verschwörer nachts in den Palast ein, in dem Xizong schlief, um ihn zu töten. Da Xingguo, der zu den persönlichen Bediensteten des Kaisers gehörte, hatte sich zur Teilnahme am Komplott bereit erklärt und das Schwert Xizongs, das dieser nachts immer neben sein Bett zu legen pflegte, heimlich an einer anderen Stelle verräumt. Der Kaiser konnte sich daher nicht mit seinem Schwert gegen die Attentäter wehren und wurde ermordet. Daraufhin bestieg der 27-jährige Wanyan Liang den Thron.

Despotische Regierung; Sinisierungspolitik Sowohl Jin- als auch Song-Quellen charakterisieren Wanyan Liang nach seiner Usurpation als blutdürstigen, despotischen Tyrannen. So ließ er zahlreiche seiner Gegner, darunter viele Mitglieder der Kaiserfamilie (u. a. über 70 Nachkommen des zweiten Jin-Kaisers Taizong), ermorden. Auch nahm er die Gemahlinnen und Konkubinen etlicher getöteter Prinzen in seinen eigenen Harem auf. Entsprechend wird er in den Quellen als sehr ausschweifend beschrieben. Im Jinshi, dem offiziellen Geschichtswerk der Jin-Dynastie, wird er nicht als Kaiser anerkannt. Die Quellen bezeichnen ihn stets als Prinz von Hailing (chinesisch Hailing Wang), und posthum wurde er 1180 sogar zu einem einfachen Bürger degradiert.

Wanyan Liangs Gewaltakte lassen sich teilweise auf sein Bestreben zurückführen, die Mitsprache von Angehörigen des Kaiserclans bei Regierungsangelegenheiten weiter zurückzudrängen, um eine autokratische Monarchie errichten zu können. Seine Vorliebe für die chinesische Kultur mag ihn ebenfalls veranlasst haben, hohe Adlige der Jurchen, die sich für die Beibehaltung der althergebrachten feudalen Lebensweise und Sitten ihres Stamms einsetzten, auszuschalten. Er ordnete viele Reformen des Zeremoniells sowie der Steuerpolitik und Verwaltung an, um die Sinisierung der Jurchen und ihres Staats weiter voranzutreiben. Zu seinen diesbezüglichen Maßnahmen gehörte auch die 1153 erfolgte Verlegung der wichtigsten Hauptstadt des Jin-Reichs von dem in der Mandschurei, dem unterentwickelten Stammland der Jurchen, gelegenen Huining nach dem zentraler gelegenen Zhōngdū (heute Peking). Dort schlug der Herrscher nun seine Residenz auf. Er ließ die Stadt erweitern sowie neue Paläste errichten. 1157 befahl Wanyan Liang die Zerstörung von Ahnentempeln sowie Villen der Jurchen-Häuptlinge in Huining und stufte den Verwaltungsrang dieser Stadt auf eine einfache Präfektur zurück. Die Erhebung der früheren Song-Metropole Bianjing (heute Kaifeng) zur „Südlichen Hauptstadt“ und die Verlegung wichtiger Regierungsbehörden dorthin markierte eine weitere Verschiebung des politischen Zentrums und diente zur Vorbereitung des geplanten Feldzugs gegen das im Süden gelegene Song-Reich.

Verwaltungsreformen Bezüglich der politischen Verwaltung des Jin-Staats schwächte Wanyan Liang zunächst die Positionen der drei „Lehrer“ (Sanshi) und drei „Herzöge“ (Sankung), die dem Rang nach hinter dem Kaiser die höchste Stellung einnahmen. Schließlich schaffte er 1156 deren gemeinsame Aufsicht über die drei Regierungsabteilungen (Sansheng) – d. h. die Staatskanzlei (Shangshusheng) mit den ihr unterstellten sechs Ministerien, die kaiserliche Kanzlei (Menxiasheng) und das Zentralsekretariat (Zhongshusheng) – ab. Gleichzeitig beseitigte er das von der früheren Tang-Dynastie übernommene System der „Drei Regierungssabteilungen und sechs Ministerien“, in dem er die kaiserliche Kanzlei und das Zentralsekretariat auflöste und nur die Staatskanzlei mit den sechs Ministerien beibehielt. Diese unterstand direkt dem Kaiser und fungierte als höchstes Exekutivorgan der Zentralregierung. Die politische Reform Wanyan Liangs dauerte bis zum Ende der Jin-Dynastie fort. Ferner schaffte der Kaiser das Marschallsamt ab und ersetzte es durch das Zentralbüro für militärische Angelegenheiten. Damit wollte er verhindern, dass der Oberbefehlshaber der Streitkräfte weiterhin über eine große Militärmacht verfügte und für die Zentralregierung schwer zu kontrollieren war. Durch diese Reformen der Zivil- und Militärverwaltung versuchte er die zentrale kaiserliche Autorität weiter zu steigern. Der Schwächung des Einflusses des Jurchen-Adels diente nicht nur die Exekution kaiserlicher Prinzen, sondern auch die Berufung von Nicht-Jurchen in höchste Staatsämter. Zu den Auserwählten gehörten u. a. Da Gao und Zhang Hao, die aus dem ehemaligen Reich Balhae stammten, sowie der Chinese Zhang Tonggu.

Wirtschaftspolitik Wanyan Liang setzte die Umsiedlung der Jurchen in südlichere Gebiete des Jin-Reichs fort und reorganisierte die in „Bataillone“ und „Kompanien“ eingeteilten Truppen (sog. Meng'an-Mouke-Einheiten) der Jurchen. Nach ihrer Umsiedlung wurden diesen Militäreinheiten von ihnen zu bewirtschaftende Ländereien zugewiesen, die durch die Beschlagnahmung von widerrechtlich angeeignetem Staatsland und brachliegendem Weideland in der Zentralchinesischen Ebene verfügbar geworden waren. Aufgrund dieser Maßnahme wurden zahlreiche Adlige der Jurchen feudale Grundbesitzer. Chinesen durften frei gebliebenes Land pachten. Durch die Erweiterung des feudalen Haushaltsregisters des Staates stiegen die Steuereinnahmen.

Der Kaiser reformierte auch das Währungssystem durch die Einführung von eigenem Papiergeld (Jiaochao), das erstmals 1154 im Jin-Reich ausgegeben wurde. Bisher hatte die Jin-Dynastie nur alte Münzen des Liao- und Song-Reichs prägen lassen, doch der Finanzminister Cai Songnian erhielt nun den Auftrag, den Druck und die Emission des neuen Papiergelds zu überwachen. Es wurde ein Schatzamt geschaffen, das für den Druck, die Ausgabe und den Umtausch der Währung zuständig war. 1157 ordnete Wanyan Liang zudem die Prägung eigener Kupfermünzen an, die den Namen Zhenglong Yuanbao erhielten und ebenfalls neben den alten Münzen im Umlauf waren. Zu diesem Zweck wurden drei Münzprägeanstalten in Zhōngdū (heute Peking) und der Präfektur Jingzhao (heute Xi’an, Shaanxi) errichtet. Mit der Emission seiner eigenen Währung sicherte sich der Hof die Kontrolle über die Geldzirkulation und festigte auch aus wirtschaftlicher Perspektive seine zentralisierte Machtausübung.

Gescheiterter Feldzug gegen die Song Mit der Sinisierung seines Reichs nicht zufrieden, wollte Wanyan Liang der Kaiser von ganz China werden. Er hielt sich für diesen Herrschaftsanspruch für ebenso legitimiert wie der Song-Kaiser. Daher plante er einen Eroberungskrieg gegen das Song-Reich, für den ihm die 1158 erhobene Anschuldigung, dass die Song entgegen dem von ihnen 1142 mit dem Jin-Reich geschlossenen Vertrag rechtswidrig Pferde in Grenzmärkten kaufen würden, als Vorwand diente. Ab 1159 begann er umfangreiche Kriegsvorbereitungen und schickte den Kriegsminister zur Inspektion der Grenze mit dem Reich der Westlichen Xia-Dynastie, um möglichen Störungen durch dortige Unruhen vorzubeugen. Zahlreiche Pferde wurden requiriert und in Zhōngdū wurde ein großes Waffenlager errichtet. Die Rekrutierung von Chinesen im ganzen Jin-Reich, die sich als Soldaten um geplanten Feldzug beteiligen sollten, führten vor allem im Südosten des Reichs zu kleineren Aufständen, wo sich viele Betroffene gegen ihre Einziehung wehrten.