mini|Benedetto Ghirlandaio: Geburt Christi (Natività), 1490, Tempera auf Holz, 147 × 144 cm, Kirche Notre-Dame, Aigueperse (Auvergne) Benedetto Ghirlandaio (eigentlich Benedetto Bigordi, auch Benedetto del Ghirlandaio; * wahrscheinlich 1459 in Florenz; † 17. Juli 1497 ebenda) war ein italienischer Maler, Miniaturmaler und Zeichner der Florentiner Renaissance. Die widersprüchlichen und teils legendenhaften Darstellungen seiner angeblich außergewöhnlichen Begabung und seines Frankreichaufenthalts durch Vasari und Condivi prägten lange das Bild des Künstlers, ohne durch das erhaltene, gesicherte Werk Nativität von Aigueperse bestätigt zu werden. Die neuere kunsthistorische Forschung (u. a. Mather 1948, Venturini 1992, Cadogan 2000) hat die überlieferten biografischen Angaben anhand von Archivquellen überprüft und teilweise korrigiert. Dabei konnte das eigenständige künstlerische Profil Benedettos innerhalb der Ghirlandaio-Werkstatt nur begrenzt erfasst werden.

Leben Benedetto Ghirlandaio war der dritte Sohn des Tommaso di Currado di Doffo Bigordi und dessen Frau Antonia. Er war der jüngere Bruder der Maler Domenico Ghirlandaio (1449–1494) und Davide Ghirlandaio (1452–1525). Ridolfo Ghirlandaio, der Sohn Domenicos, war sein Neffe. Ab Juni 1494 war er über seine Stiefschwester Alessandra, die den Maler Sebastiano Mainardi heiratete, mit diesem verschwägert.

Aus der väterlichen Steuererklärung von 1480 geht hervor, dass Benedetto zunächst als Miniaturmaler tätig war, diesen Beruf jedoch wegen einer Sehbehinderung aufgeben musste. In einer amtlichen Abschrift der Erklärung ist von dem Verlust eines Auges und der Behandlung des anderen die Rede. Ob und in welchem Umfang er in der Folge noch künstlerisch tätig sein konnte, lässt sich aus den Dokumenten nicht sicher erschließen. Wie seine Brüder wurde er 1480 amtlich nicht als Maler, sondern als Goldschmied geführt. Im Gegensatz zu seinem Bruder Davide erscheint Benedettos Name nicht in den erhaltenen Dokumenten zu Werken Domenicos. Dennoch wird auch für ihn eine Tätigkeit als Werkstattgehilfe des Familienbetriebs angenommen, wenn auch möglicherweise in loserer Bindung. Für den 29. Januar 1480 ist seine Mitgliedschaft in der Compagnia di San Paolo belegt. Zwischen September 1481 und April 1482 ist im Verzeichnis dieser Bruderschaft seine Abwesenheit von Florenz vermerkt. Da sich seine beiden Brüder im selben Zeitraum ebenfalls außerhalb der Stadt aufhielten und Domenico an der Freskenausstattung der Sixtinischen Kapelle beteiligt war, wird ein gemeinsamer Romaufenthalt der drei Brüder angenommen. Eine Mitwirkung Benedettos an der Berufung der ersten Jünger, der nicht erhaltenen Auferstehung und einigen Papstbildnissen in der Sixtinischen Kapelle ist nicht auszuschließen; stilkritisch lässt sie sich jedoch nicht zweifelsfrei nachweisen. Auch eine Beteiligung an der Ausstattung der Sassetti-Kapelle in Santa Trinita und der Sala dei Gigli im Palazzo Vecchio in Florenz gilt bis etwa Mitte der 1480er Jahre als möglich. Eine Mitarbeit an der Ausmalung der Tornabuoni-Kapelle in Santa Maria Novella wird dagegen ausgeschlossen, da für diesen Zeitraum eine wesentlich längere Abwesenheit Benedettos von Florenz belegt ist. Er hielt sich von März 1486 bis Ende 1493 in Frankreich auf, mit einer kurzen Unterbrechung. mini|Benedetto Ghirlandaio (zugeschrieben): Bildnis einer jungen Frau, um 1495, Öl auf Holz, 44,1 × 31,4 cm, Minneapolis Institute of Art, Minneapolis Sowohl Giorgio Vasari als auch Ascanio Condivi berichteten von diesem Frankreichaufenthalt, datierten und begründeten ihn jedoch unterschiedlich. Beide Überlieferungen gelten als der Künstlerlegende zuzurechnen. Condivi vermutete, Domenico habe den begabteren jüngeren Bruder fortgeschickt, um nicht in dessen Schatten zu stehen. Vasari führte an, Benedetto habe seine Begabung nach Domenicos Tod durch ein ziellos-vagabundierendes Leben vergeudet. Wenige Zeilen später berichtete Vasari jedoch widersprüchlich von einer erfolgreichen Tätigkeit Benedettos in Frankreich, die sogar mit königlichen Privilegien honoriert wurde. Für diese Tätigkeit gibt es jedoch keine urkundliche Bestätigung. Das einzige gesichert während dieses Aufenthalts entstandene Werk, eine datierte Geburt Christi (die Jahreszahl ist nur unvollständig erhalten) und signierte Darstellung, befindet sich in der Kirche Notre-Dame d’Aigueperse in Aigueperse (Auvergne) und ist von bescheidener künstlerischer Qualität. Dies lässt die literarischen Überlieferungen zu einer außergewöhnlichen Begabung Benedettos wenig glaubhaft erscheinen. Das Altarbild, das in Komposition und Beiwerk deutliche Einflüsse der flämischen Malerei zeigt, entstand im Auftrag von Gilbert de Bourbon, Comte de Montpensier et Dauphin d’Auvergne. Dieser war seit 1482 mit Chiara Gonzaga verheiratet. Als möglicher Anlass der Auftragsvergabe wird die Geburt von Charles III. de Bourbon am 17. Februar 1490 diskutiert. Bemerkenswert ist, dass sich Benedetto neben Mitgliedern der Stifterfamilie selbst porträtierte.

Auf der Grundlage dieses gesicherten Werks wurden Benedetto stilkritisch weitere Arbeiten zugeschrieben, darunter das Bildnis des Louis II. de la Trémoille (Chantilly, Musée Condé), die aus der Kirche Santo Spirito in Florenz stammende Kreuztragung (Paris, Louvre) sowie ein Frauenbildnis (Minneapolis Institute of Art). Die Zuschreibung einer Miniatur mit der Vision des Jeremia aus der zweibändigen Bibel des Federico da Montefeltro (Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Urb. lat. 2, fol. 89) gilt in der Forschung hingegen als nicht überzeugend.

Über Benedettos künstlerische Tätigkeit nach seiner Rückkehr nach Florenz ist wenig bekannt. Vasari führte sie auf seine erneute Einbindung in die Familienwerkstatt zurück. Gemeinsam mit seinem Bruder Davide und weiteren Werkstattmitarbeitern soll er nach dem Tod von Domenico an der Vollendung dessen unfertig gebliebenen Werke mitgewirkt haben. Sein Anteil an der Fertigstellung des Tornabuoni-Altars (Auferstehung Christi, Berlin; Heiliger Antoninus, ehemals Berlin; Heilige Katharina, München) sowie an dem von der Familie Malatesta in Auftrag gegebenen Altarbild mit den Heiligen Sebastian, Vinzenz Ferrer und Rochus (Rimini, Pinacoteca Comunale), das bis 1496 in der nun von Davide geleiteten Werkstatt vollendet wurde, bleibt jedoch unklar. Die gemeinsame Tätigkeit der beiden jüngeren Ghirlandaio-Brüder ist dagegen für mehrere Arbeiten am Dom von Pisa dokumentarisch gesichert, darunter der im April 1496 entstandene Karton mit einer Marienkrönung als Vorlage für ein Chorfenster.

Neben dem signierten Geburtsbild aus Aigueperse dürfte Benedetto auch die Tafel mit der Heiligen Lucia und dem Stifter Tommaso Cortesi in Santa Maria Novella in Florenz geschaffen haben, wenngleich ein Zahlungsbeleg von 1494 allein an Davide gerichtet ist. In der ersten Ausgabe seiner Vite schrieb Vasari das Werk Benedetto zu, in der zweiten Ausgabe bezeichnete er es hingegen fälschlicherweise als Gemeinschaftsarbeit mit Francesco Granacci und Jacopo del Tedesco. Für die Darstellung der Stifterfigur wird zudem eine mögliche Beteiligung Davides diskutiert. Über Benedettos spätere familiäre Verhältnisse ist wenig überliefert. Wenige Monate nach Domenicos Tod heiratete er Diamante di Leonardo di Lorenzo Urbani und lebte, getrennt von seinem Bruder Davide, in einem Haus in der Via Fiesolana in Florenz. Im Sterberegister der Compagnia di San Paolo ist neben dem Todesdatum die Berufsbezeichnung miniatore vermerkt, an anderer Stelle ergänzt um pittore.

Literatur

Giorgio Vasari: Le vite de’ più eccellenti pittori, scultori ed architettori. Hrsg. von Gaetano Milanesi. Bd. VI. Florenz 1881, S. 531–533. Ascanio Condivi: Vita di Michelagnolo Buonarroti, raccolta per Ascanio Condivi da la Ripa Transone. Rom 1553. Rufus Graves Mather: Documents concerning the Ghirlandaio Workshop. In: The Art Bulletin. Bd. 30, 1948, S. 47–49. Mirella Levi d’Ancona: Una miniatura firmata di Domenico Ghirlandaio e un'altra qui attribuita a Benedetto Ghirlandaio. In: Scritti di storia dell’arte in onore di Mario Salmi. Bd. II. Rom 1962, S. 340–361. Charles Samaran: Présence d'un artiste italien en Bourbonnais à la fin du XVe siècle. In: Comptes rendus des séances de l’Académie des Inscriptions et Belles-Lettres. 1961, Paris 1962, S. 102 ff. Linda Venturini: Benedetto Ghirlandaio. In: Mina Gregori u. a. (Hrsg.): Maestri e botteghe. Pittura a Firenze alla fine del Quattrocento. Ausstellungskatalog, Palazzo Strozzi. Cinisello Balsamo 1992, S. 109–113, 125–146. Ronald G. Kecks: Ghirlandaio. Catalogo completo. Firenze: Octavo / Franco Cantini, 1995. Wolfram Prinz, Max Seidel (Hrsg.): Domenico Ghirlandaio, 1449–1494. Atti del Convegno internazionale, Firenze, 16–18 ottobre 1994. Firenze: Centro Di, 1996. Jean K. Cadogan: Domenico Ghirlandaio. Artist and Artisan. New Haven/London: Yale University Press, 2000. Ronald G. Kecks: Domenico Ghirlandaio und die Malerei der Florentiner Renaissance. München [u. a.]: Deutscher Kunstverlag, 2000 (= Italienische Forschungen des Kunsthistorischen Instituts in Florenz. 4. Folge, Bd. 2). Takuma Ito: Ghirlandaio Brothers Reconsidered: The Master of the Saint Louis Madonna as the Young Benedetto Ghirlandaio. In: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes. Bd. 83, Nr. 1, 2020, S. 81–130. Emmanuel Bénézit: Dictionary of artists. Band 6: Gémignani – Herring. Paris, 2006. Allgemeines Künstlerlexikon Online (AKL) / Artists of the World Online. De Gruyter, 2009.

Weblinks

Treccani

Einzelnachweise

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