GTM (Iridium) 2007 ist ein Musikalbum des Anthony Braxton Sextet +1. Die vom 28. April bis 1. April 2007 im Iridium Jazz Club in New York City entstandenen Aufnahmen erschienen vom 1. März bis 1. Oktober 2012 auf acht Compact Discs und als Download auf dem Eigenlabel New Braxton House.
Hintergrund Anthony Braxton trat 2007 mit seinem Septett, von ihm „Sextett+1“ genannt, für vier Abende im Iridium auf – das seinem Engagement an gleicher Stelle im Jahr 2006 folgte, das auf der umfangreichen Box 9 Compositions (Iridium) 2006 (Firehouse 12, 2007) dokumentiert ist. Die Kernbesetzung – Taylor Ho Bynum an verschiedenen Blechblasinstrumenten, Jay Rozen an Tuba und Euphonium, Mary Halvorson an der Gitarre, Aaron Siegel am Schlagzeug, Carl Testa am Bass und an der Bassklarinette sowie Jessica Pavone an Bratsche, Geige und Bassgitarre – wurde jeden Abend durch wechselnde Gastmusiker, größtenteils Braxtons Doktoranden, verstärkt. Dies waren die Flötistin Nicole Mitchell, die Holzbläser Matthew Welsh und Matt Bauder, sowie die Fagottistin Katherine Young und die Bratschistin Stephanie Griffin.
Jedes einstündige Set konzentrierte sich auf ein einzelnes Stück aus Braxtons „Ghost Trance Music“ – „einem Kompositionsrahmen, der die Integration beliebiger anderer Braxton-Kompositionen sowie viel Raum für individuellen Ausdruck innerhalb der Erzählung des Hauptstücks ermöglicht“, schrieb John Sharpe. Das Ensemble folgte der Partitur etwa fünf Minuten lang unisono, bevor es sich „in einem schwindelerregenden Flickenteppich“ aus ineinandergreifenden und sich überlappenden Episoden von Untergruppen der Gruppe abspielte, basierend auf grafischem oder standardisiertem Notenmaterial oder Improvisationen, die nicht länger als drei oder vier Minuten dauerten. Allianzen bildeten sich und verfolgten kurzzeitig ihre eigenen Wege, bevor sie sich wieder auflösten und in neuen Vereinigungen neu formierten, wobei alle möglichen Instrumentalkombinationen erkundet wurden – ein Spiel, das durch die Vielzahl an Instrumenten fast aller Bandmitglieder ins Unermessliche erweitert wurde.
Titelliste Anthony Braxton Sextet +1: GTM (Iridium) 2007 (New Braxton House – NBH022) GTM (Iridium) 2007 Volume 1 – Set 1 Composition No. 254 55:56
GTM (Iridium) 2007 Volume 1 – Set 2 Composition No. 322 1:04:48
GTM (Iridium) 2007 Volume 2 – Set 1 Composition No. 255 1:04:02
GTM (Iridium) 2007 Volume 2 – Set 2 Composition No. 362 1:04:44
GTM (Iridium) 2007 Volume 3 – Set 1 Composition No. 259 52:53
GTM (Iridium) 2007 Volume 3 – Set 2 Composition No. 346 1:01:12
GTM (Iridium) 2007 Volume 4 – Set 1 Composition No. 266 1:04:05
GTM (Iridium) 2007 Volume 4 – Set 2 Composition No. 348 59:12
Die Kompositionen stammen von Anthony Braxton.
Rezeption Nach Ansicht von John Sharpe, der die Konzerte in All About Jazz rezensierte, ist Braxton zwar für die Auswahl der Hauptstücke seines Ensembles sowie für den Beginn und das Ende der Aufführungen verantwortlich – geleitet von seiner riesigen Sanduhr –, doch würde er seinen Mitwirkenden die Gestaltung des Ablaufs zwischen diesen beiden Punkten überlassen. Er vergleiche dieses Modell mit dem politischen System der USA, in dem die einzelnen Bundesstaaten unter dem Dach der Bundesregierung autonom agieren. Klinge das etwas akademisch, so sei die daraus entstandene Musik mit ihrer überschäumenden Begeisterung und lässigen Virtuosität alles andere als das gewesen. mini|Taylor Ho Bynum auf dem Moers Festival 2007 Die zusätzliche Besetzung würde sowohl die Komplexität als auch die musikalischen Möglichkeiten des Ensembles steigern, so Sharpe weiter. An den vier Abenden hätte die junge Band eine faszinierende Ensemblemusik präsentiert, die Jazz, zeitgenössische Musik und alles dazwischen miteinander verband – ein Klangerlebnis, das Genregrenzen sprengte und völlig neuartig war. Dieses Sextett sei das, was Braxton am ehesten als funktionierendes Ensemble bezeichnen könne, und würde, zusammen mit ähnlichen Besetzungen mit denselben Musikern, einen weiteren Höhepunkt seiner Kreativität darstellen, der den klassischen Quartetten der siebziger und späten achtziger/frühen neunziger Jahre ebenbürtig sei.
Auch Soli hätten inmitten des dichten Ensemblespiels ihren Platz gefunden, wobei Braxton und Bynum die herausragendsten Protagonisten waren, aber auch alle anderen Ensemblemitglieder ihre Chance nutzten, ihr Können zu zeigen, meint Sharpe. Erweiterte Spieltechniken seien allgegenwärtig gewesen: Rozen hätte sein Euphonium einmal um 360 Grad gedreht, ohne seinen Spielfluss zu unterbrechen, und erzeugte beinahe elektronische Klangfarben, indem er eine Alufolie-Kuchenform in den Schallbecher seiner Tuba einführte. Bynum habe vor Energie gesprüht: Er nutzte Dämpfer, um seine Linien zu vokalisieren, und evozierte mit seinem ausdrucksstarken Wah-Wah-Effekt mitunter Duke-Ellington-artige Texturen. Braxtons unverwechselbare Stimme sei immer wieder aus dem Klangteppich hervorgetreten, mit Knurren, Wimmern und Multiphonics sowie seinen typischen rasanten Läufen. Braxton hatte erklärt, die Gäste seien eingeladen worden, um ihnen die Erfahrung zu ermöglichen, vor einem New Yorker Publikum zu spielen. Diejenigen, die die prägnantesten Beiträge leisteten, hätten wenig überraschend zu den erfahreneren Musikern gehört: Nicole Mitchell, Matt Bauder und Matthew Welch.
Jedes der acht Sets würde auf wunderbare Weise anders und doch gleichzeitig ein in sich geschlossenes Ganzes bilden, Teil einer nie endenden Melodie, wie Braxton seine „Ghost Trance Musics“ charakterisiert hat. Es wäre zutiefst berührend zu sehen, wie Braxton, in einem Alter, in dem viele vielleicht geneigt wären, sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen, unermüdlich und kompromisslos vorwärts trieb, angetrieben und beflügelt von seinen jungen Kollegen, seiner Vision folgend. Sein Vertrauen in seine Mitstreiter sei reichlich belohnt worden, denn sie führten seine Musik in neue und vielfältige Richtungen, ohne dabei seine Konzeption zu verleugnen. Die Musik, die an den vier Abenden eingespielt wurde, habe so viele Details geboten, dass sich monatelanges, intensives Wiederhören lohne.
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Einzelnachweise
Kategorie:Album (Jazz) Kategorie:Album (Neue Improvisationsmusik) Kategorie:Album 2012 Kategorie:Livealbum Kategorie:Anthony-Braxton-Album