Nikolai Nikolajewitsch Boborykin (; französisch meist Nicolas Boborykine; * 8. April 1887 in Kiew, Russisches Kaiserreich; † 16. Dezember 1963 in Paris) war ein russischer Jurist, Verwaltungsbeamter und Komponist. Nach seiner Emigration lebte er in Frankreich und besaß später die französische Staatsangehörigkeit.Französischer Reisepass von Nicolas Boborykine, unveröffentlichtes Familienarchiv; nennt als Geburtsdatum den 8. April 1887, als Geburtsort Kieff, als Nationalität française und als Beruf compositeur de musique. Ein biografisches Nachschlagewerk über die russische Emigration in Frankreich zählt ihn zu den frühen russischen Operettenkomponisten.Lew Mnuchin, Marie Avril, Véronique Lossky (Hrsg.): Российское зарубежье во Франции. 1919–2000: Биографический словарь. Band 1: А–К. Nauka / Dom-Museum Marina Zwetajewa, Moskau 2008, S. 174, ISBN 978-5-02-036268-0; Onlinefassung des Eintrags (russisch; abgerufen am 29. August 2026).
Leben
Boborykin absolvierte die Kaiserliche Rechtsschule in Sankt Petersburg. Er gehörte dem 68. Abschlussjahrgang an, der die Schule am 15. Mai 1907 verließ. Anschließend trat er in den russischen Staatsdienst ein. Er war Leiter einer Abteilung des Departements für allgemeine Angelegenheiten im Innenministerium des Russischen Kaiserreichs und führte später den zivilen Rang eines Kollegienrats.Nikolai Leontjewitsch Paschenny: Императорское училище правоведения и правоведы в годы мира, войны и смуты. Ausgabe des Komitees der Rechtsschulkasse, Madrid 1967, S. 374; digitalisierte Absolventenliste und biografische Angaben (russisch; abgerufen am 29. August 2026).
Bereits vor der Russischen Revolution beschäftigte sich Boborykin neben seiner Tätigkeit als Beamter mit Musik und Komposition. Nach der 1967 veröffentlichten Geschichte seiner Rechtsschule schrieb er in dieser Zeit mehrere Operetten. Die bislang ausgewerteten Quellen nennen ihre Titel jedoch nicht. Nach dem Russischen Bürgerkrieg emigrierte Boborykin nach Frankreich. Dort widmete er sich verstärkt der Musik und war zeitweise im Antiquitätenhandel tätig. Ein späterer französischer Reisepass weist ihn als französischen Staatsangehörigen und als Musikkomponisten aus; wann er die französische Staatsangehörigkeit erwarb, ist bislang nicht bekannt.
Boborykin gehörte dem Komitee der Unterstützungskasse der Absolventen der Kaiserlichen Rechtsschule an. Seit 1943 war er außerdem Mitglied des Verbandes zur Pflege des Andenkens an Kaiser Nikolaus II. (russisch Союз ревнителей памяти Императора Николая II).
Er war mit Marija Alexandrowna Boborykina, geborene Arzimowitsch (1889–1965), verheiratet. Sie arbeitete unter dem Künstlernamen Maria Bory als Dramatikerin und Drehbuchautorin. Nach Pashennys Geschichte der Kaiserlichen Rechtsschule war Nikolai Boborykin mit dem Schriftsteller Pjotr Dmitrijewitsch Boborykin verwandt. Der genaue Grad dieser Verwandtschaft wird dort nicht genannt. Boborykin starb am 16. Dezember 1963 in Paris. Er wurde auf dem Russischen Friedhof von Sainte-Geneviève-des-Bois beigesetzt. Seine Ehefrau wurde nach ihrem Tod 1965 im selben Grab bestattet.
Musikalisches und theatralisches Schaffen
Boborykin komponierte Operetten, Bühnenwerke, Lieder und Romanzen. In Frankreich arbeitete er mit der russischen Sopranistin Maria Kuznetsova zusammen. Für sie schrieb er nach dem biografischen Nachschlagewerk die Opéra-bouffe Inès. Pashenny zufolge wirkte Kuznetsova bei Aufführungen von Inès und La Corrida in Nizza mit.
Inès
Inès ist ein dreiaktiges Bühnenwerk nach einem Text von Yves Mirande. Das Repertorium der französischen Autorengesellschaft SACD bezeichnet es als Opéra-bouffe, während die gedruckte Partitur den Untertitel Opérette en trois actes trägt. Das Werk wurde am 27. Februar 1922 in Nizza uraufgeführt.
Die 1922 bei Max Eschig in Paris erschienene Notenausgabe nennt auf der Titelseite das Casino Municipal de Nice, Yves Mirande als Textautor und N. Boborykine als Komponisten.Nicolas Boborykine und Yves Mirande: Inès. Opérette en trois actes. Klavierauszug, Max Eschig, Paris 1922; Titel- und Impressumsseite des Exemplars im Familienarchiv.
La Corrida
La Corrida ist ein lyrisches Drama in zwei Akten nach einem Text des französischen Librettisten Henri Cain. Die Partitur bezeichnet das Werk als Drame lyrique en deux actes. Es wurde 1926 an der Oper von Nizza uraufgeführt. Henri-Claude Fantapié führt die Premiere in seiner Darstellung des Musiklebens von Nizza als épisode dramatique von Nicolas Boborykine auf.Henri-Claude Fantapié: 60 ans de vie musicale. De 1945 à nos jours. L’Harmattan, Paris 2016, S. 13, ISBN 978-2-343-08245-5; Digitalisierte Leseprobe (französisch; abgerufen am 29. August 2026).
Der Klavierauszug für Gesang und Klavier erschien bei Max Eschig. Das erhaltene Exemplar trägt einen Copyrightvermerk von 1926.Nicolas Boborykine und Henri Cain: La Corrida. Drame lyrique en deux actes. Partition chant et piano, Max Eschig, Paris 1926; Exemplar im Familienarchiv. Eine spätere Ausgabe ist unter der ISMN 9790045010911 katalogisiert.
Lieder und weitere Bühnenarbeiten
Boborykin schrieb außerdem Musik für Lieder und Romanzen. In den 1940er Jahren wurden seine Vokalwerke nach dem biografischen Nachschlagewerk unter anderem in Konzertprogramme von E. Luschnikowa und dem russischen Tenor Georgi Michailowitsch Posemkowski aufgenommen.
Die 1926 erschienene Notenausgabe Pardonne bezeichnet das Werk als Tango und nennt N. Boborykine als Komponisten. Sie erschien bei den Éditions musicales Bourcier in Paris unter der Verlagsnummer S.E.M.B. 222.N. Boborykine: Pardonne. Tango. Éditions musicales Bourcier, Paris 1926, Verlagsnummer S.E.M.B. 222; gedruckte Notenausgabe im Familienarchiv.
Unter der Namensform N. Boborykine war er außerdem an der 1932 uraufgeführten Operette Bonsoir Paris beteiligt. Seine Leistung bestand dabei im ursprünglichen Szenario, nicht in der Komposition. Das Libretto stammte von André Heuzé, Charles Tutelier und André Bay. Das SACD-Repertorium nennt Lionel Cazaux als Komponisten, während das Nachschlagewerk L’Art lyrique français die Musik Lionel Cazaux und Jacques Réal zuschreibt. Das Werk wurde am 26. November 1932 im Pariser Theater Folies Wagram uraufgeführt.
Werke (Auswahl)
Eigene Kompositionen
Inès, Opéra-bouffe beziehungsweise Operette in drei Akten; Text: Yves Mirande; Uraufführung: Nizza, 27. Februar 1922; Klavierauszug: Max Eschig, 1922. La Corrida, lyrisches Drama in zwei Akten; Text: Henri Cain; Uraufführung: Oper von Nizza, 1926; Klavierauszug: Max Eschig, 1926. Pardonne, Tango; Éditions musicales Bourcier, Paris 1926, Verlagsnummer S.E.M.B. 222. Lieder und Romanzen; einzelne Titel sind in den bisher ausgewerteten öffentlichen Quellen nicht genannt.
Szenario
Bonsoir Paris, Operette in zwei Akten; nach einem Szenario von N. Boborykine; Libretto: André Heuzé, Charles Tutelier und André Bay; Liedtexte: Jacques Monteux, Roger Féral und René Toché; Musik: Lionel Cazaux beziehungsweise Lionel Cazaux und Jacques Réal; Uraufführung: Folies Wagram, Paris, 26. November 1932.
Literatur
Lew Mnuchin, Marie Avril, Véronique Lossky (Hrsg.): Российское зарубежье во Франции. 1919–2000: Биографический словарь. Band 1: А–К. Nauka / Dom-Museum Marina Zwetajewa, Moskau 2008, S. 174, ISBN 978-5-02-036268-0. Nikolai Leontjewitsch Paschenny: Императорское училище правоведения и правоведы в годы мира, войны и смуты. Komitee der Rechtsschulkasse, Madrid 1967, S. 374. Henri-Claude Fantapié: 60 ans de vie musicale. De 1945 à nos jours. L’Harmattan, Paris 2016, ISBN 978-2-343-08245-5.
Weblinks
Nikolai Boborykin im biografischen Wörterbuch der russischen Emigration in Frankreich (russisch) Grab- und Biografiedokumentation des Russischen Friedhofs von Sainte-Geneviève-des-Bois (russisch) Inès im Repertorium der SACD (französisch)
Einzelnachweise
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