Helmut Franz Klocke (* 9. September 1904 in Leipzig; † 7. Oktober 1987 in Tisens (Südtirol)) war ein deutscher Agrarsoziologe, Germanist und sozialwissenschaftlicher Südosteuropaexperte.
Studium und Promotion Nach achtjährigem Besuch der Petrischule (Realgymnasium) in Leipzig erhielt Helmut Klocke 1923 das Reifezeugnis. Sein Studium nahm er im Sommersemester 1923 an der Universität Leipzig auf. Im Jahr 1927 beendete er „seine Studien als Germanist, Historiker, Philosoph und Soziologe (…) mit dem Dr. phil. und der Staatsprüfung für das höhere Lehramt“.Franz Hieronymus Riedl: Zur Erinnerung an Helmut Klocke. In: Südostdeutsche Vierteljahresblätter 36. Jg., Folge 4, München 1987, S. 327.Vgl. Lebenslauf in Klocke 1927 (Diss.), Anhang. Im Lebenslauf nennt Klocke zusätzlich die Geographie als Studienfach (ebd.). Gutachter war der Historiker Erich Brandenburg. Woldemar Lippert beriet Klocke bei seiner Dissertation. Helmut Klocke war ein Schüler des Soziologen Gunther Ipsen. Er gehörte Ipsens „Arbeitsgemeinschaft zur Realsoziologie Mittel- und Osteuropas“ an.
Akademische Tätigkeiten Nach einer Tätigkeit als Studienassessor an der Universität Leipzig und vielen Reisen nach Südosteuropa, wurde Helmut Klocke im Jahr 1929 Lektor für Germanistik an der Universität Szeged (Ungarn). Er übte diesen Beruf bis 1932 aus. Spätestens seit 1928 hatte Helmut Klocke Kontakt zum sogenannten Boberhaus-Kreis (Schlesien) aufgenommen,Siehe Anhang „Verbindungen der Schlesischen Jungmannschaft und des Boberhauses zur Öffentlichkeit“. In: Jürgen von der Trappen: Die Schlesische Jungmannschaft in den Jahren 1922 bis 1932. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Jugendbewegung. Diss., Universität-Gesamthochschule Essen 1996, S. 101–106 (hier: S. 102). von dem in Zusammenarbeit mit den Leipziger Soziologen „empirische Dorfwochen“ ausgingen (siehe Gunther Ipsen, Helmut Haufe, Georg Keil, Heinz Beutler). Helmut Klocke nahm 1930 an der Studienfahrt des Boberhaus-Kreises nach Rumänien teil; diese Fahrt war auf Einladung des Soziologen Dimitrie Gusti unternommen worden.Vgl. Jürgen von der Trappen: Die Schlesische Jungmannschaft in den Jahren 1922 bis 1932. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Jugendbewegung. Diss., Universität-Gesamthochschule Essen 1996, S. 251–257. Seit 1930 leitete Klocke im Rahmen der Dorferhebungen ein 26-köpfiges Team am Rumänischen Sozialinstitut (Bukarest).Vgl. Carsten Klingemann: Soziologie und Politik. Sozialwissenschaftliches Expertenwissen im Dritten Reich und in der frühen westdeutschen Nachkriegszeit, Wiesbaden 2009, S. 78.
In den Jahren 1931/32 arbeitete Helmut Klocke laut der Zeitschrift „Osteuropa“ zudem an der Universität Bordeaux (Frankreich). Er galt bald als Minderheitenkenner und sprach verschiedene west- und (süd-)osteuropäische Sprachen. In den Jahren 1934 bis 1936 war Klocke Assistent am Ungarischen Institut der Friedrich-Wilhelms-Universität (Berlin) sowie Redakteur der „Ungarischen Jahrbücher“.
Der rumänische Freyer-Schüler Anton Golopenţia beschrieb das Ungarische Institut wie folgt:„Schließlich werden Sie wahrscheinlich das Ungarische Institut am Kupfergraben besuchen, wo der Assistent Herrn Klocke ist, Ipsens Schüler, der die Runcu-Expedition leitete. Es ist das am besten organisierte Institut im Ausland, das ich je gesehen habe.“Anton Golopenţia an D. Gusti im Dezember 1934 zit. in: Irina Nastasă-Matei; Lucian Nastasă-Kovács: Kultur und Propaganda. Das Rumänische Institut in Berlin (1940–1945). Übersetzt und herausgegeben von Larisa Schippe. Frank & Timme, Berlin 2023, S. 283 f. (Schreibweise im Original)Nach der Redaktion der Zeitschrift „Osteuropa“ führte Helmut Klocke „als Assistent am Ungarischen Institut Berlin im Auftrag von Professor Dr. G. Ipsen dorfsoziologische Untersuchungen in Ungarn und Rumänien durch.“Die Redaktion: Wir gratulieren: Helmut Klocke – 80 Jahre. In: Osteuropa, September 1984, Band 34, Nr. 9 , S. 756.
Helmut Klocke hatte zudem Kontakt zur Hauptredaktion des Handwörterbuch des Grenz-und Auslandsdeutschums.Den Einfluss der Ipsen-Gruppe auf die Redaktion betonend: Carsten Klingemann: Soziologie und Politik, Wiesbaden 2009, S. 90, 104. Auf die Vermittlung Ipsens ging ebenfalls zurück, dass Helmut Klocke ursprünglich als Teilnehmer am Bukarester Internationalen Soziologiekongress (1939) vorgesehen war (neben Hans Raupach u. a.). Ein schriftlicher Beitrag von Klocke zum Kongress ist nicht überliefert.
Politisch-adminstrative und politikberatende Aktivitäten im „Dritten Reich“ 1936 verließ Helmut Klocke die akademische Sphäre und wechselte in das Reichsluftfahrtministerium (Hermann Göring). Klocke arbeitete dort bis Kriegsende in der Position eines Regierungsrats „als Wirtschaftsbeobachter für Südosteuropa und die Sowjetunion.“Franz Hieronymus Riedl: Zur Erinnerung an Helmut Klocke. In: Südostdeutsche Vierteljahresblätter, 36. Jg. (1987), Folge 4, S. 328. Helmut Klocke gehörte während des Krieges der Abteilung „Fremde Luftwaffen Ost“ an.
Schon ab 1934 war Helmut Klocke als Südosteuropa-Experte (mit Schwerpunkt Ungarn) in der Politikberatung gefragt. 1938 fungierte Klocke für das Auswärtige Amt „als Berater bei den Verhandlungen zum Ersten Wiener Schiedsspruch, befasst mit der Frage der volkstumsmäßigen Abgrenzung zwischen Madjaren einerseits, Slowaken und Karpathenruthenen andererseits.“Carsten Klingemann: Soziologie und Politik. Wiesbaden 2009, S. 45 (und dazu: S. 78, 234).
Im März 1942 nahm Klocke an der "Osttagung der deutschen Wissenschaftler" teil.Carsten Klingemann: Sozialwissenschaftler im Einflußbereich Alfred Rosenbergs. In Jahrbuch für Soziologiegeschichte 1993, Leske+Budrich, Opladen 1995, S. 137 f.
Helmut Klocke war „Kontaktmann zur Südostdeutschen Forschungsgemeinschaft in Wien“.David Hamann: Gunther Ipsen und die völkische Realsoziologie. In: Michael Fahlbusch; Ingo Haar (Hrsg.): Völkische Wissenschaften und Politikberatung im 20. Jahrhundert : Expertise und "Neuordnung" Europas. Schöningh, Paderborn 2010, S. 183.
Helmut Klocke in der Bundesrepublik Deutschland Franz H. Riedl schrieb in seiner Darstellung zum Werdegang Klockes in der Bundesrepublik: „1946 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen, befasste er sich wieder unter wirtschaftlichem Aspekt mit Südosteuropa, als Dozent für Ostwirtschaft an der Hochschule für Politik in München, dem Münchener Osteuropa-Institut und seit 1956 als Beamter einer Zweigstelle des Bonner Bundeskanzleramts.“ Tatsächlich stand Klocke bereits seit 1947 in Diensten der Organisation Gehlen, aus der 1956 der Bundesnachrichtdienst (BND) hervorgehen sollte. Helmut Klocke leitete in der Organisation Gehlen ab März 1947 den Arbeitsbereich „Economical Evaluation“ in der Auswertungsgruppe.Thomas Wolf: Die Anfänge des BND. Gehlens Organisation – Prozess, Legende und Hypothek. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 64. Jahrgang, Heft 2 (April 2016), S. 191–225 (hier s. 210). Siehe in diesem Kontext die Rollen von: Theodor Oberländer, Hans Koch (Historiker).
Da Klocke in den 1950er und 1960er Jahren nicht mehr im Umfeld von Gunther Ipsen (Sozialforschungsstelle Dortmund) tätig war, ging er offenbar eher auf Distanz zum ehemaligen Lehrmeister: In einer für Ipsen vorgesehenen Festschrift (1967) fehlte Klocke – obwohl er eigentlich als Beiträger vorgesehen war.Ulrike Kändler: Entdeckung des Urbanen. Die Sozialforschungsstelle Dortmund und die soziologische Stadtforschung in Deutschland, 1930 bis 1960, transcript, Bielefeld 2016, S. 251.
Helmut Klocke schrieb zahlreiche Rezensionen zu seinen Themengebieten.
Nach 1945 lebte Helmut Klocke viele Jahre in Pöcking (Oberbayern).
Wissenschaftsgeschichtliche Einordnung Der Ungarn-Kenner Klocke entfaltete nach 1945 eine größere Wirkung in der Osteuropa-Forschung der frühen Bundesrepublik Deutschland, d. h. unter den Bedingungen des Kalten Krieges (u. a. „Arbeitsgemeinschaft für Osteuropaforschung“) und als Mitarbeiter der Organisation Gehlen. Riedl urteilte: „Helmut Klocke war wegen der Gründlichkeit, Zuverlässigkeit und erstaunlichen Informiertheit seines Wissens von Wirtschaft und Nationalitäten Südosteuropas hoch angesehen.“ Antisemitische Äußerungen lassen sich sowohl bei Helmut KlockeVgl. Beispiele in: Sonja Schnitzler: Soziologie im Nationalsozialismus zwischen Wissenschaft und Politik. Wiesbaden 2012, S. 296 ff. als auch bei dem oft mit Klocke zusammen genannten Helmut Haufe finden.
Trotz seiner zahlreichen Beiträge zur Gesellschaft Ungarns – speziell im Bereich der SozialstrukturforschungVgl. Hansjörg Gutberger: Volk, Raum und Sozialstruktur. Sozialstruktur- und Sozialraumforschung im „Dritten Reich“, Münster: LIT ²1999 (1996). – hat Helmut Klocke keinen sonderlich tiefen Eindruck in der ungarischen Soziologie (und auch nicht in den deutschsprachigen Soziologien) hinterlassen.Das war in den 1930er Jahren anders. Arpad Török betont in seiner Rezension über Klocke 1937 bereits im ersten Satz: "Die soziologischen Studien des Verfassers über Ungarn sind auch in Ungarn bekannt und geschätzt, wenn ihm mitunter auch widersprochen wird." In: Zeitschrift für Politik, Nr. 6, Juni 1937, S. 388. Der international renommierte und mit den deutschsprachigen Soziologien eng verbundene ungarische Soziologe Rudolf Andorka erwähnt Helmut Klocke in seiner einschlägigen „Einführung in die soziologische Gesellschaftsanalyse“ (Ungarn im europäischen Vergleich) nicht.Vgl. Rudolf Andorka: Einführung in die soziologische Gesellschaftsanalyse. Ein Studienbuch zur ungarischen Gesellschaft im europäischen Vergleich. Leske + Budrich, Opladen 2001.
Klocke ist aber wisenschaftsgeschichtlich von Bedeutung, weil an dem typischen Mix aus akademisch-administrativer Berufsrolle, an der teils direkten Politikberatung, an seinem geheimdienstlichen Wissen, an den durch die Jugendbewegung initiierten Netzwerken (in denen er sich bewegte) und z. T. an seinem empirischen Zugang Kontinuitätslinien über 1933, aber auch über 1945 hinweg sichtbar werden.
Schriften (Auswahl)
Gesellschaftliche Kräfte und ungeschriebene Verfassungswirklichkeit in Ungarn 1933-1938. In: Ungarn-Jahrbuch. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, Bd. 9 (1978), S. 159–195. Bemerkungen zur Soziologie in Ungarn. In: Ungarn-Jahrbuch. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, Bd. 8 (1977), S. 231–246. Die Pfeilkreuzlerherrschaft in Ungarn (16. Oktober 1944 – 4. April 1945). In: Ungarn-Jahrbuch. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, Bd. 8 (1977), S. 129–154. Bozena Nemcová und die soziale Problematik ihrer Zeit. In: Nordost-Archiv. Franz Steiner Verlag, Stuttgart, Bd. 6 (1973), 26/27, S. 14–18. Zur Sozialstruktur der landwirtschaftlichen Bevölkerung Ungarns. In: Osteuropa-Archiv. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, Bd. 23 (1973), 1, S. 29–42. Zur Publizistik über die Lage der böhmischen Bauern im 18. Jahrhundert und im Vormärz. In: Der Bauer Mittel- und Osteuropas im sozio-ökonomischen Wandel des 18. und 19. Jahrhunderts. Böhlau, Köln 1973, S. 253–273. Zum Wandel der ungarischen Sozialstruktur: Referat In: Kulturpolitisches Seminar / Ungarndeutsche Landsmannschaft e.V., Gerlingen, Bd. 3 (1972), S. 1–18. Zur ungarischen Volkszählung 1970. In: Osteuropa-Archiv. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, Bd. 22 (1972), 10, S. 737–747. Begegnungen mit der Dorfforschung in Ungarn und Rumänien. In: Gespräch und Aktion in Gruppe und Gesellschaft: 1919–1969; Freundesgabe für Hans Dehmel; im Auftrag des Boberhauskreises hrsg. von Walter Greiff. Frankfurt/Main: dipa-Verlag, 1970, S. 194–200. Die Volksrepublik Ungarn. In: Osteuropa und die Hoffnung auf Freiheit. Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1967, S. 193–199. 7. Internationale Hochschulwoche der Südosteuropa-Gesellschaft und des Südost-Institutes, München, 1. bis 4. November 1964 in Starnberg am See. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, Neue Folge, Bd. 13 (1965), Heft 1, S. 156–158. Typische Züge der Agrargesellschaft in West und Ost. In: Österreichische Osthefte. LIT-Verlag, Wien, Bd. 4 (1962), 4, S. 257–269.