Die Nickel Defense ist eine Personalauswahl der Defense im American Football. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass fünf Defensive Backs auf dem Feld stehen, während die Grundformationen 4-3 Defense und 3-4 Defense nur vier vorsehen. Der zusätzliche, fünfte Defensive Back wird Nickelback genannt. Der Name geht auf das nordamerikanische 5-Cent-Stück zurück, das umgangssprachlich als Nickel bezeichnet wird.

Die verbreitetste Form ist die 4-2-5 mit vier Defensive Linemen, zwei Linebackern und fünf Defensive Backs. Daneben stehen die 3-3-5 sowie die Big Nickel, bei der als fünfter Defensive Back ein dritter Safety statt eines dritten Cornerbacks eingesetzt wird. Ursprünglich war die Nickel Defense eine Situationsformation für erwartete Passspielzüge. In der National Football League (NFL) ist sie seit den 2010er Jahren die am häufigsten gespielte Personalauswahl und hat die klassischen Grundformationen als faktische Basis abgelöst.

Geschichte

Jerry Williams trainierte von 1957 bis 1963 die Defensive Backs der Philadelphia Eagles. Nach Darstellung des Journalisten Grant Cohn stellte er im NFL Championship Game 1960 gegen die Green Bay Packers erstmals fünf statt vier Defensive Backs auf und begründete damit die Nickel Defense. Philadelphia gewann das Spiel mit 17:13. Cohn zählt Williams deshalb zu den vier einflussreichsten Defensivtrainern der NFL-Geschichte. Er begründet das damit, dass die Nickel Defense inzwischen die Basisformation der Liga sei, während frühere Darstellungen den Beginn der modernen Defense auf die Erfindung der 4-3 oder der 3-4 datierten.

Einen frühen Vorläufer der späteren Big-Nickel-Varianten spielte Fritz Shurmur 1996 als Defensive Coordinator der Green Bay Packers. Shurmur brachte mit Eugene Robinson, Mike Prior und LeRoy Butler drei Safeties gleichzeitig auf das Feld. Butler, eigentlich Strong Safety, übernahm dabei die Nickel-Rolle und deckte Tight Ends und Slot Receiver, wurde aber auch für Blitzes über außen eingesetzt. Green Bay stellte in dieser Saison die statistisch beste Defense der Liga, ließ 13,1 Punkte pro Spiel zu und fing 26 Pässe ab, bei nur zwölf zugelassenen Touchdownpässen.

Spielprinzip

mini|zentriert|hochkant=1.8|4-2-5 gegen eine Offense mit drei Wide Receivern. Der Nickelback (N) deckt den Slot Receiver, hinter der Line of Scrimmage stehen nur sechs weitere Verteidiger.

In den Grundformationen stehen vier Defensive Backs auf dem Feld, in der Nickel Defense fünf. Der fünfte wird als Nickelback bezeichnet. Der Begriff leitet sich vom amerikanischen 5-Cent-Stück ab, das Nickel genannt wird. Eingesetzt wird die Formation in Situationen, in denen ein Passspielzug zu erwarten ist, etwa im dritten Versuch.

Die Nickel Defense ersetzt einen Linebacker durch einen zusätzlichen Cornerback oder Safety. Der Wechsel ist sowohl aus einer 4-3 als auch aus einer 3-4 Defense möglich. Ziel ist es, athletischere Spieler auf das Feld zu bringen, die decken und im freien Raum tackeln können, um Formationen mit drei oder mehr Wide Receivern zu begegnen. Im Regelfall kommt ein zusätzlicher Cornerback für einen Linebacker und stellt sich im Slot auf, um dort einen Wide Receiver oder einen Tight End zu decken. Je nach Formation der Offense spielt der Nickelback im Slot oder nahe der Box, also im Bereich unmittelbar hinter der Line of Scrimmage. Die Rolle ist damit eine Hybridposition, die gegen den Lauf und gegen den Pass gleichermaßen wirksam sein muss.

Der Preis dieser Umstellung ist eine schwächer besetzte Box. Der frühere NFL-Profi Matt Bowen beziffert Nickel-Fronten auf sechs oder sieben Spieler nahe der Line of Scrimmage und beschreibt sie als anfällig gegen das Laufspiel. Steht die Defense mit zwei tiefen Safeties und folgt der Nickelback zusätzlich dem zweiten Receiver nach außen, bleiben nur sechs Verteidiger in der Box, was der Offense günstige Blockverhältnisse verschafft. Gelangt der Runningback durch die Linie, müssen die tief stehenden Safeties den Tackle machen. Misslingt das, entsteht ein großer Raumgewinn. Die Defense steht damit vor der doppelten Aufgabe, in ihren Nickel-Deckungen die tiefen Routen zu unterbinden und zugleich das Laufspiel zu stützen.

Varianten

Zwei Grundformen werden unterschieden. In der 4-2-5 stehen vier Defensive Linemen, zwei Linebacker und fünf Defensive Backs auf dem Feld. Ersetzt wird ein Linebacker, entweder durch einen dritten Cornerback oder durch einen dritten Safety. In der 3-3-5 wird stattdessen ein Defensive Lineman ersetzt, sodass drei Linemen, drei Linebacker und fünf Defensive Backs spielen. mini|zentriert|hochkant=1.8|3-3-5. Gegenüber der 4-2-5 wird nicht ein Linebacker, sondern ein Defensive Lineman durch den fünften Defensive Back ersetzt.

Als Big Nickel wird die Variante bezeichnet, bei der als fünfter Defensive Back ein zusätzlicher Safety kommt, der als Hybrid aus Linebacker und Cornerback spielt. Er deckt ebenfalls Tight Ends und Slot Receiver, verteidigt aber wirksamer gegen den Lauf und bringt Größe, Kraft und Reichweite mit, um sich gegen große, passstarke Tight Ends zu behaupten. Gedacht ist die Variante vor allem gegen Offenses, die überwiegend aus dem 12 Personnel spielen, also mit einem Running Back, zwei Tight Ends und zwei Wide Receivern. Big Nickel wird sowohl aus 4-2-5- als auch aus 3-3-5-Aufstellungen gespielt, daneben aus 2-4-5- und 1-5-5-Fronten. Stehen drei Safeties auf dem Feld, fällt es dem Quarterback zudem schwerer, mögliche Pass Rusher aus der zweiten Reihe zu erkennen.

mini|zentriert|hochkant=1.8|Big Nickel gegen 12 Personnel. Der fünfte Defensive Back ist ein dritter Safety (S), der nahe der Box aufgestellt wird.

Werden statt fünf, sechs oder sieben Defensive Backs eingesetzt, spricht man nicht mehr von Nickel, sondern von Dime beziehungsweise Quarter Defense.

Anforderungen an die Spieler

Der Nickelback muss im freien Raum sicher tackeln und das Laufspiel stützen können. Körperbau und Athletik richten sich danach, gegen wen er überwiegend antritt. Lange und körperlich starke Spieler eignen sich besser gegen passstarke Tight Ends, kleinere und antrittsschnelle Cornerbacks besser gegen typische Slot Receiver.

Manndeckung aus dem Slot allein reicht nicht aus. Nach dem Analysten Cody Alexander muss ein Nickelback Lücken in der Box füllen, auf Motions der Offense reagieren und eine große Bandbreite an Deckungstechniken beherrschen. Ein Slot Cornerback, der auch nahe der Box eingesetzt werden kann, erspart der Defense den Personalwechsel. mini|hochkant|Tyrann Mathieu, den Bucky Brooks zu den geeigneten Safeties für die Big-Nickel-Rolle zählte Für die Big-Nickel-Rolle beschreibt Bucky Brooks das Idealprofil als harten Tackler mit cornerbackähnlichen Deckungsfähigkeiten, wendig genug für Slot Receiver und kräftig genug für die Auseinandersetzung mit großen Tight Ends zwischen den Hashmarks. Viele der dafür geeigneten Safeties spielten im College oder zu Beginn ihrer Profikarriere Cornerback.

Bis 2021 hatte die Bedeutung der Position stark zugenommen. Teams wählen im NFL Draft gezielt Defensive Backs für diese Rolle aus. Die Buffalo Bills richteten mit Jim Salgado eigens eine Trainerstelle für die Nickel-Position ein, was bis dahin unüblich war.

Verbreitung

Zwischen 2008 und 2023 stieg der Anteil der Nickel Defense in der NFL deutlich an. Nach Zahlen von Pro Football Focus, die der Journalist Peter King veröffentlichte, stieg der Anteil der Spielzüge mit fünf oder mehr Defensive Backs von 43,4 Prozent in der Saison 2008 auf 63,4 Prozent in der Saison 2015. Es war der siebte Anstieg in Folge. Für Aufstellungen mit genau fünf Defensive Backs weist Cody Alexander 55,5 Prozent für die Saison 2019 und rund 67 Prozent für die Saison 2023 aus. Im selben Zeitraum sank der Anteil der Grundformationen von rund 27 auf 21,2 Prozent. In der Saison 2023 spielten nur die Tampa Bay Buccaneers und die Pittsburgh Steelers mehr als ein Drittel ihrer Spielzüge aus einer Grundformation. Alexander bezeichnet die Nickel Defense deshalb als neue Grundformation der Liga. Die Auswertung der NFL selbst kam für die ersten drei Spielwochen der Saison 2022 auf über 65 Prozent Nickel-Anteil und auf ein Verhältnis von Nickel zu Grundformation von mehr als 2,5 zu 1.

Einzelne Mannschaften gingen weiter. Die Buffalo Bills, eines der ersten Teams, das die Nickel Defense vollständig zur Basis machte, spielten in der Saison 2021 90,3 Prozent ihrer Defensivspielzüge mit fünf Defensive Backs.

Ursache der Entwicklung ist die Offense. Weil dort zunehmend aus dem 11 Personnel gespielt wird, also mit einem Running Back, einem Tight End und drei Wide Receivern, kann die Defense einen Lineman oder Linebacker durch einen Defensive Back ersetzen. Der Anteil der Formationen mit drei oder mehr Wide Receivern stieg zwischen 2010 und 2022 von 55 auf 65 Prozent aller Offensivspielzüge.

Auch im College Football wird die Nickel Defense als Basisformation gespielt. Gary Patterson entwickelte an der Texas Christian University (TCU) eine 4-2-5 mit fünf Defensive Backs und nur zwei Linebackern, die gezielt gegen Spread-Formationen, gegen Option- und Run-Pass-Option-Spielzüge sowie gegen das hohe Tempo des No-Huddle ausgelegt war. Nick Saban beschrieb das zugrunde liegende Problem damit, dass eine Offense ohne Huddle der Defense die situationsabhängigen Wechsel nimmt, weil deren Spieler das Feld nicht mehr verlassen können. Pattersons Antwort darauf war, von vornherein mit fünf Defensive Backs aufzustellen, sodass ein Wechsel fast nie nötig ist. TCU spielte dabei mit drei Safeties, und die Ansagen für die Front und für die Deckung waren voneinander unabhängig. Bis 2015 hatte TCU unter Patterson viermal die landesweite Statistik der Total Defense angeführt.

Siehe auch 4-3 Defense 3-4 Defense Dime Defense

Weblinks Hard Knocks: Playing Defense With TCU's Gary Patterson, ausführliche Analyse der 4-2-5 von Gary Patterson durch Chris B. Brown auf grantland.com (englisch)

Einzelnachweise

Kategorie:Taktik (Gridiron Football)