Als Schlüsselprobleme der Allgemeinen Didaktik hat Wolfgang Klafki wesentlichen Aufgaben und Inhalte der Allgemeinbildung und damit jeglichen Schulunterrichts bezeichnet. Dazu zählen Frieden, Umwelt, Leben in der Einen Welt, Technikfolgen, Demokratisierung, Verteilungsgerechtigkeit in der Welt, Gleichberechtigung/Menschenrechte und Glücksfähigkeit. Diese Schlüsselprobleme sollen exemplarisch zeigen, was die Wissenschaft zur Lösung individuell bzw. gesellschaftlich relevanter Probleme leistet und welche Grenzen diese Leistung hat. Im Hintergrund dieser Begründung liegt eine „Theorie des gegenwärtigen Zeitalters und seiner zukünftigen Potenzen“.Klafki: Schlüsselprobleme im Unterricht. Weinheim: Juventa (1995) S. 9–14.
These 6: Zentral ... "ist die Konzentration auf die Auseinandersetzung mit epochaltypischen Schlüsselproblemen ... Dazu gehören u. a. folgende Problemkreise: 1. Die Friedensfrage ..., 2. das Nationalitätsprinzip, 3. das Umweltproblem, 4. die rapide wachsende Weltbevölkerung, 5. die gesellschaftlich produzierte Ungleichheit innerhalb unserer Gesellschaften (näher definiert), 6. das Verhältnis der sogenannten entwickelten Industriegesellschaften zu Entwicklungsländern, 7. Gefahren und Möglichkeiten der neuen technischen Steuerungs-, Informations- und Kommunikationsmedien, 8. menschliche Sexualität und das Verhältnis der Geschlechter zueinander ...
An den Schlüsselproblemen fokussiert sollen exemplarisch die Bildungsinhalte vermittelt werden. Klafki leitet die Schlüsselprobleme aus epochaltypischen Aufgaben der Menschheit ab, die vorerst nicht so bald gelöst werden können und deshalb auf absehbare Zeit Probleme darstellen, auf die der Bildungsprozess vorzubereiten hat.Epochaltypische Schlüsselprobleme (Klafki) Die Aufstellung des Katalogs ist ein immer zu erneuernder gesellschaftlicher Prozess, da sich die Schlüsselprobleme im Lauf der Zeiten ändern. Zu den Regeln dieses Prozesses, der viele globale Aspekte und Akteure hat, sagt Klafki nichts.
Klafkis Konzept der Schlüsselprobleme wird auch genutzt zur Begründung von fächerübergreifendem Unterricht bzw. Integrationsfächern wie Gesellschaftslehre/Weltkunde, weil die Fächer angeblich die Schlüsselprobleme zu wenig in den Blick nähmen und ihren komplexen Charakter nicht erfassten.
Ob die Erziehungswissenschaft diese Theorie, die eigentlich eine schwierige philosophische oder zeithistorische Aufgabe ist, zu formulieren überhaupt in der Lage ist, bleibt offen. Skeptiker halten das Konzept für einen folgenlosen Allgemeinplatz, die Auswahl und Zahl der genannten Probleme kaum für objektiv begründbar, zumal Klafkis Liste durch ihn selbst mehrfach verändert worden istErste Liste in Klafki, Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik, Beltz 1985, S. 20f. Dort erschienen noch damals aktuelle Themen wie z. B. Freizeitgesellschaft, traditionelle und alternative Lebensformen, Recht und Grenzen nationaler Identitätsbestimmung., und damit für die mittelfristig angelegten Lehrpläne für wenig hilfreich. Die Probleme sind sehr allgemein und schließen kaum etwas zwingend von der Behandlung aus. Alltägliche schulische Inhalte wie Rechtschreibung oder Rechenregeln lassen sich nicht auf die Schlüsselproblemen beziehen. Die Sichtweisen der Schüler werden gar nicht einbezogen, obwohl es um ihre Zukunft geht.
Zu den ersten Kritikern gehörte der Erziehungswissenschaftler Hermann Giesecke.Die sachlichen Schwierigkeiten ergeben sich vor allem daraus, daß das, was ein scheinbar klares „Schlüsselproblem“ zu sein scheint - wie etwa das Problem des Friedens - , in Wahrheit sich als ungemein komplexer und sich ständig verändernder Sachverhalt darstellt, und zwar um so mehr, je präziser die didaktische Analyse wird und je mehr z. B. wegen der Verständnisfähigkeit der Schüler verdichtet und somit eben auch aus der Komplexität gestrichen werden muß. Zudem setzt ein derart strukturierter Unterricht eine besonders hohe fachliche Kompetenz des Lehrers voraus, der ja diese Komplexität selbst erst einmal begriffen haben muß, um sie dann vernünftig didaktisch reduzieren zu können. In der Praxis hat sich schnell gezeigt, daß von diesem Ansatz oft nur moralisierende Vereinfachungen übrig blieben.
Literatur Klafki, Wolfgang: Allgemeinbildung heute – Grundzüge internationaler Erziehung. In: Pädagogisches Forum, H. 1, 1993, S. 21–28 Klafki, Wolfgang: Zweite Studie: Grundzüge eines neuen Allgemeinbildungskonzeptes. Im Zentrum: Epochaltypische Schlüsselprobleme. In: Klafki, Wolfgang: Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik. 4. Aufl., Weinheim/Basel 1994 Pech, Detlef/Astrid Kaiser: Problem und Welt. In: dies. (Hrsg.): Die Welt als Ausgangspunkt des Sachunterrichts. Baltmannsweiler 2004, ISBN 978-3-89676-866-7 Barbara Koch-Priewe u. a. (Hrsg.): Das Potenzial der Allgemeinen Didaktik: Stellungnahmen aus der Perspektive der Bildungstheorie von Wolfgang Klafki, Beltz 2007, ISBN 978-3-407-32079-7
Einzelbelege
Kategorie:Allgemeine Pädagogik Kategorie:Didaktik Kategorie:Unterrichtsfach