mini|Richard Gerstl: Mathilde Schönberg, 1907 (Österreichische Galerie Belvedere) Mathilde Schönberg (* 7. September 1877 in Wien als Mathilde Zemlinsky; † 18. Oktober 1923 ebenda) war eine österreichische Malerin. Als Schwester des Komponisten Alexander von Zemlinsky und erste Ehefrau des Komponisten Arnold Schönberg war sie Teil des künstlerischen Umfelds der Wiener Moderne. Zu den prägenden Ereignissen ihrer Biografie zählt ihre Liebesbeziehung mit dem Maler Richard Gerstl im Jahr 1908, der sie mehrfach porträtierte und sich noch im selben Jahr das Leben nahm.
Leben Mathilde Schönberg wurde als jüngstes von drei Kindern des Kaufmanns Adolf Semlinsky, später „von Zemlinszky“ (* 1845) und seiner Ehefrau Clara Semo (* 1848) in Wien geboren. Ihr Bruder Alexander, der spätere Komponist Alexander von Zemlinsky, war sechs Jahre älter. Ihre Schwester Bianca war 1874 kurz nach ihrer Geburt gestorben.
Ihr Vater konvertierte 1870 vom Katholizismus zum Judentum und wurde Sekretär der türkisch-israelitischen Kultusgemeinde. Ihre Mutter Clara Semo stammte aus Sarajevo; ihr Vater war sephardischer Jude, ihre Mutter Muslimin. Die Zemlinkys lebten im 2. Wiener Gemeindebezirk, der Leopoldstadt, zunächst in der Odeongasse. Vor Mathildes Geburt zog die Familie in eine größere Wohnung in die Springergasse 6 um. 1882 zog die Familie in die Pillersdorfgasse 3, wo sie bis 1892 wohnte.
Über Mathildes Schulbildung ist bislang wenig bekannt. Das familiäre Umfeld war durch die sephardisch-jüdische Herkunft der Mutter und die Einbindung des Vaters in die türkisch-israelitische Gemeinde Wiens geprägt. Die Familie legte großen Wert auf eine strenge Erziehung sowie sprachliche und musische Bildung. Angesichts der im Elternhaus geförderten Bildung ist anzunehmen, dass auch Mathilde mit der musikalischen Ausbildung ihres Bruders in Berührung kam; ein eigener Musikunterricht ist für sie jedoch nicht belegt.
Arnold Schönberg lernte Mathilde Zemlinsky über ihren Bruder Alexander kennen, mit dem Schönberg seit den 1890er Jahren befreundet war. Ihre Liebesbeziehung geht auf den Sommer 1899 zurück, als Schönberg gemeinsam mit dem Geschwisterpaar einen Ferienaufenthalt in Payerbach an der Rax verbrachte. Während dieses Aufenthalts entstand Schönbergs Streichsextett Verklärte Nacht, das auf einem Gedicht von Richard Dehmel basiert. Das Gedicht behandelt die Begegnung eines Paares, bei der die Frau ihrem Geliebten gesteht, von einem anderen Mann ein Kind zu erwarten. Die Beziehung führte schließlich zur Ehe: Am 7. Oktober 1901 heirateten Arnold Schönberg und Mathilde Zemlinsky standesamtlich in Pressburg (heute Bratislava); am 18. Oktober folgte die kirchliche Trauung in der Lutherischen Pfarrkirche in der Dorotheergasse in Wien. Im März 1898 konvertierte Mathilde Schönberg zum evangelischen Glauben, zwei Tage nach der Konvertierung ihres Mannes.
Mathilde Schönberg war zum Zeitpunkt ihrer Heirat bereits schwanger. Im Juni 1900 starb ihr Vater. Durch Vermittlung Alexander Zemlinskys lernte Schönberg Ernst von Wolzogen vom Berliner Kabarett Überbrettl kennen, der ihn für die kommende Saison an sein Buntes Theater in Berlin als Komponist, Arrangeur und Kapellmeister engagierte. Im Dezember zog das Paar nach Berlin, wo ihr erstes Kind Gertrud (1902–1947), genannt Trudi, geboren wurde.
Als Arnold Schönbergs Vertrag am Stern’schen Konservatorium in Berlin im Frühjahr 1903 endete, kehrten sie nach Wien zurück. Die Familie bezog im Herbst eine Wohnung in der Liechtensteinstraße 68–70 im 9. Wiener Gemeindebezirk. Im selben Sommer zog auch Mathilde Schönbergs Bruder in eine Wohnung auf demselben Stockwerk.
Die Wohnung in der Liechtensteinstraße war nicht nur der Lebensmittelpunkt der Familie, sondern wurde zunehmend auch zu einem Treffpunkt des künstlerischen Umfelds Arnold Schönbergs. Hier unterrichtete Schönberg unter anderem Alban Berg und Anton Webern, während sich sein Freundes- und Schülerkreis regelmäßig in seinem häuslichen Umfeld bewegte. Auch Mathilde Schönberg war damit unmittelbar in das musikalische und gesellschaftliche Umfeld ihres Mannes eingebunden. Am 22. Juni 1906 wurde dort ihr Sohn Georg geboren.
Im selben Jahr kam der Maler Richard Gerstl erstmals in die Wohnung der Familie Schönberg. Arnold Schönberg hatte ihn eingeladen, um ihm und seiner Frau Unterricht im Malen zu geben. Gerstl hielt sich in der Folge wiederholt im Schönberg’schen Haushalt auf und fertigte dort seine ersten Porträts der Familie an. Im Mai 1906 entstand das lebensgroße Porträt Arnold Schönbergs; im Juni folgte das Doppelporträt Mathilde und Gertrud Schönberg. Mathilde Schönberg war darauf gemeinsam mit ihrer Tochter Gertrud dargestellt. Gerstl wurde in den Schönberg-Kreis zunehmend einbezogen. Im Laufe dieser Zeit entstand eine Liebesbeziehung zwischen ihm und Mathilde Schönberg, welche im Herbst 1908 endete. Gerstl verlor in der Folge den Kontakt zu Schönberg und zog sich zunehmend in sein Wiener Atelier zurück, wo er sich am 4. November 1908 das Leben nahm.
Mathilde Schönberg starb am 18. Oktober 1923 nach mehrmonatiger Krankheit im Auersperg-Sanatorium (heute ein Hotel) im 8. Wiener Gemeindebezirk. Vier Tage später wurde sie auf dem evangelischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs beigesetzt; das Grab ist heute nicht mehr erhalten.
Beziehung zu Richard Gerstl 1907 und 1908 wurde Gerstl von Schönberg zu den gemeinsamen Sommeraufenthalten der Familie in Gmunden eingeladen. Während des Aufenthalts im Sommer 1908 hielt er sich in einer Unterkunft in der Nähe des von den Schönbergs bewohnten Bauernhauses auf und fertigte mehrere Porträts aus deren Umfeld an. In dieser Zeit intensivierte sich die Beziehung zwischen Gerstl und Mathilde Schönberg. Ende August 1908 wurden beide von Arnold Schönberg in einer kompromittierenden Situation überrascht. Mathilde Schönberg verließ daraufhin gemeinsam mit Gerstl Gmunden. Da sie den letzten Zug nach Wien nicht mehr erreichten, verbrachten sie die Nacht in einem Gasthof in Gmunden und reisten am folgenden Tag nach Wien weiter. Dort lebten sie für einige Tage in einer Pension in Nußdorf.
Schönberg machte seine Frau ausfindig, woraufhin sie Ende August zur Familie zurückkehrte. Die Beziehung zu Gerstl war damit zunächst nicht vollständig beendet. Gerstl bezog im Herbst 1908 ein Atelier in der Liechtensteinstraße 20; nach der überlieferten Korrespondenz und späteren Rekonstruktionen besuchte Mathilde Schönberg ihn dort weiterhin. Zugleich wurde Gerstl aus dem engeren Kreis um Schönberg ausgeschlossen. Mathilde Schönberg kehrte schließlich, auch auf Anraten von Schönbergs Schüler Anton Webern, zu ihrem Mann und ihren Kindern zurück.
Am 4. November 1908 kam es zum endgültigen Ende der Beziehung. Gerstl nahm sich an diesem Tag in seinem Atelier das Leben; er wurde am folgenden Tag tot aufgefunden. Einen unmittelbaren ursächlichen Zusammenhang zwischen der Trennung und seinem Suizid lässt sich aus den überlieferten Quellen nicht eindeutig ableiten. Mathilde Schönberg setzte sich in den Tagen danach in Briefen an Gerstls Bruder Alois mit seinem Tod auseinander. In einem Schreiben vom 9. November 1908 beschrieb sie den Tod als für sie schwerwiegendes und schmerzliches Ereignis:
Einfluss auf die Kunst Die Beziehung zwischen Mathilde Schönberg und Richard Gerstl fand auch in den künstlerischen Arbeiten ihres Umfelds ihren Niederschlag. Häufig wird insbesondere Schönbergs Zweites Streichquartett op. 10 mit der Ehekrise und der Beziehung Mathilde Schönbergs zu Gerstl in Verbindung gebracht. Das Werk entstand jedoch bereits vor der Aufdeckung der Affäre im August 1908, sodass ein unmittelbarer Einfluss der Ereignisse auf Schönbergs Hinwendung zur Atonalität als nicht gesichert gilt. Der vierte Satz, Entrückung, entstand im Sommer 1908 und markiert Schönbergs ersten konsequenten Schritt in eine freie atonale Tonsprache; das Werk wurde später seiner Frau gewidmet.
Die persönliche Krise der folgenden Monate spiegelte sich dagegen in späteren Kompositionen deutlicher wider. Insbesondere das Monodram Erwartung op. 17 (1909) und das Musikdrama Die glückliche Hand op. 18 (1910–1913) werden mit den Erfahrungen der Ehekrise und den Folgen der Beziehung seiner Frau zu Gerstl in Verbindung gebracht. Auch in der späteren Rezeption wurden weitere Werke aus dem Umfeld der Zweiten Wiener Schule mit Mathilde Schönberg und der Affäre in Zusammenhang gebracht, darunter Alexander von Zemlinskys Oper Eine florentinische Tragödie (1915/1916) und Alban Bergs Kammerkonzert (1923–1925). Solche biografischen Deutungen sind jedoch teilweise umstritten und lassen sich nicht bei allen Werken eindeutig belegen.
Der Kunsthistoriker und Kurator Diethard Leopold wies anlässlich der Gerstl-Ausstellung im Leopold Museum auf die nahezu gleichzeitige künstlerische Entwicklung Gerstls und Schönbergs im Sommer 1908 hin. Die stilistische Neuerung Schönbergs lässt sich demnach nicht allein als unmittelbare Reaktion auf die Ehekrise und die Beziehung Mathilde Schönbergs zu Gerstl verstehen, zugleich stellt die zeitliche Nähe der künstlerischen Entwicklungen von Schönberg und Gerstl eine bemerkenswerte Parallele dar.
Darstellung als Porträtierte Mathilde Schönberg wurde von Richard Gerstl in den Jahren zwischen 1906 und 1908 mehrfach portraitiert. Die Werke entstanden in unterschiedlichen Phasen ihrer Bekanntschaft und zeigen sie sowohl gemeinsam mit ihrer Tochter Gertrud als auch im Einzelporträt. Zu den frühen Arbeiten zählt das um Juni 1906 entstandene Doppelporträt Mathilde und Gertrud Schönberg, das in der Wohnung der Familie in der Liechtensteinstraße 68/70 entstand. Weitere Darstellungen entstanden während der Sommeraufenthalte der Schönbergs im Salzkammergut und in Wien.
Die Porträts dokumentieren zugleich die stilistische Entwicklung Gerstls von einer stärker gegenständlichen Darstellung hin zu einer zunehmend expressiven Malweise, die sich in seinen späten Werken teilweise bis an die Grenze zur Abstraktion entwickelte.
+TitelEntstehungszeitTechnikNr. Ort; MuseumDoppelbildnis Mathilde und Gertrud Schönbergca. 1906Öl auf LeinwandInv. 5852Österreichische Galerie BelvedereMathilde Schönberg II1907Tempera auf LeinwandRG34Österreichische Galerie BelvedereBildnis der Mathilde Schönberg im Atelier1908Öl und Mischtechnik auf LeinwandInv. K.G 77Stiftung Sammlung KammMathilde Schönberg im Garten1908Öl auf LeinwandInv. 642LeopoldmuseumHalbfigurenportrait Mathilde Schönberg (Identifizierung nicht ausdrücklich gesichert)1908Öl auf LeinwandRG57PrivatsammlungSitzender weiblicher Akt (Identifizierung nicht ausdrücklich gesichert)1908Tempera auf LeinwandInv. 648Leopoldmuseum
Darüber hinaus ist Mathilde Schönberg in mehreren Gruppen- und Familienbildern Richard Gerstls dargestellt. Im Familienbild Die Familie Schönberg von Ende Juli 1908 ist sie gemeinsam mit Arnold Schönberg und ihren Kindern Gertrud und Georg zu sehen. Im ebenfalls Ende Juli 1908 entstandenen Gruppenbildnis mit Schönberg ist sie neben ihrem Mann dargestellt; zu den weiteren abgebildeten Personen gehören unter anderem ihr Bruder Alexander von Zemlinsky und dessen Frau Ida sowie Karl und Mizzi Horwitz. Bei dem im Juli 1908 entstandenen Doppelbildnis (grüner Hintergrund) wird die weibliche Figur teilweise als Mathilde Schönberg identifiziert; diese Zuordnung gilt jedoch als nicht gesichert.
Persönlichkeit Die geringe Zahl an überlieferten Quellen zu Mathilde Schönbergs eigener Person hat dazu beigetragen, dass sie in der Forschung lange Zeit vor allem aus der Perspektive ihres Umfelds und ihrer Beziehungen betrachtet wurde. Dadurch entsteht mitunter das Bild einer Frau, die nur am Rand der gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen ihrer Zeit stand und hinter den stärker als selbstbestimmt wahrgenommenen Frauenfiguren der Wiener Moderne, etwa Lina Loos, Alma Mahler oder Emilie Flöge zurücktritt.