mini|Rachel Harel Rachel Roos-Harel (geborene Roos; * 13. April 1923 in Rotterdam; † 16. November 1989 in Herzlia, Israel) war eine niederländische jüdische Widerstandskämpferin und Holocaust-Überlebende während des Zweiten Weltkriegs.
Werdegang Rachel „Didi“ Roos wurde als Tochter von Samuel Roos (1886–1927) und Betsie Engers (1889–1975) in eine wohlhabende, assimilierte jüdische Familie aus der Mittelschicht geboren und wuchs mit ihrem deutlich älteren Bruder Jacques (1913–1943) in Rotterdam auf. Die Familie lebte bis 1925 im Oude Binnenweg 38, ab 1925 im Oude Binnenweg 18 und ab Juli 1927 nach dem Tod des Vaters im Groene Hilledijk 298. Ihre Mutter war ab 1930 in zweiter Ehe mit Levie Strauss (1880–1940) verheiratet. Rachel Roos legte nach dem Besuch einer Mädchenschule das Abitur ab und absolvierte trotz anfänglicher Ablehnung durch Muttter und Stiefvater eine Ausbildung zur Kindergärtnerin. Sie spielte Hockey und Tennis und war Mitglied in einem Diskussionsclub. Im März 1940 lernte sie bei einem Wohltätigkeitsball zu Gunsten deutsch-jüdischer Flüchtlinge ihren späteren Mann, den jüdischen Architekten Marcel Hertz (1920–2001) kennen, mit dem sie sich im August 1941 verlobte.
Nach der Besetzung der Niederlande im Mai 1940 musste die Familie im Zuge der wachsenden Repressionen und Verfolgung jüdischer Bürger im Sommer 1941 ihr Geschäft schließen. Sie durften keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen, mussten ihre Bankkonten aufgeben und ihre Wertgegenstände abliefern. Die Familien Roos und Hertz tauchen im August 1942 in der Gegend um Ede und Lunteren in der Provinz Gelderland unter. Rachel Roos lebte mit ihrer Mutter und den Schwiegereltern monatelang versteckt im Haus der Eltern der früheren protestantischen Hausangestellten Martha Nattegaal. Marcel Hertz kam in Bennekom in der Gärtnerei von Jaap Nattegaal unter. Mitte 1943 erhielten sie von Jo van Bent, Leiter des Standesamts in Ede, und seiner Sekretärin Janny Laupman ausgestellte gefälschte Ausweispapiere, die sie als nicht-jüdische Evakuierte aus Rotterdam auswiesen, sowie Lebensmittelkarten und Bezugskarten für den täglichen Bedarf.
Widerstandstätigkeit und Verhaftung Rachel Roos fand bei dem protestantischen Lehrer Driekus van de Pol und seiner Frau eine Bleibe. Als sie gewahr wurde, dass er als Kommandant der Widerstandsgruppe in Lunteren im niederländischen Widerstand aktiv war, bat sie um Aufnahme in die Gruppe. Getarnt als Bäuerin aus der Region fungierte sie als Kurierin der Binnenlandse Strijdkrachten und fuhr mit dem Fahrrad von Dorf zu Dorf, um Informationen an die verstreut agierenden Widerstandsgruppen weiterzuleiten. Zudem beteiligte sie sich an weiteren gewaltfreien Widerstandsaktionen, um deutsche Anordnungen zu unterlaufen. Nach der Schlacht um Arnheim im Rahmen der Operation Market Garden am 17. September 1944 versteckten und versorgten Rachel Roos und die anderen Widerstandskämpfer die in den Wäldern der südlichen Veluwe hinter den deutschen Linien abgesprungenen Fallschirmjäger, bis eine Überführung der alliierten Soldaten über den Rhein möglich war.
Mitte November 1944 wurde Rachel Roos bei einer Kurierfahrt verhaftet, nachdem ein Mitglied ihrer Widerstandsgruppe nach Verhaftung und Folter Informationen preisgegeben hatte. Durch einen Fluchtversuch, bei dem ihr ins Bein geschossen wurde, gelang es ihr, die Widerstandsgruppe in Lunteren auf ihre Verhaftung aufmerksam zu machen. Trotz massiver Misshandlung verriet sie keine Namen. Sie wurde dann in der Zentrale des SD in Apeldoorn festgehalten, gefoltert und gezwungen, die Hinrichtung von zehn Menschen anzusehen, schwieg aber weiterhin. Die Vielzahl an Informationen, über die sie verfügte, hätte die Arbeit der gesamten Untergrundbewegung gefährden können.
Schließlich wurde sie im März 1945 in das Durchgangslager Westerbork gebracht, wo sie bei den politischen Gefangenen untergebracht wurde, ohne dass ihre jüdiche Herkunft entdeckt worden war. Am 11. April 1945 wurde das Lager Westerbork geräumt und die Gefangenen von den abziehenden Nationalsozialisten auf einen erzwungenen Fußmarsch Richtung Deutschland getrieben. Am zweiten Tag gelang Rachel Roos die Flucht. Mit einem Fahrrad gelangte sie über Zutphen zurück nach Lunteren, wo sie ihren Verlobten Marcel Hertz und später auch ihre Mutter wiedertraf.
Weiteres Leben Am 9. Mai 1945 heiratete Rachel Roos in Ede Marcel Hertz. Die standesamtliche Trauung wurde von dem Eder Standesbeamten Jo van den Bent in Anwesenheit von überlebenden Mitgliedern der Untergrundwiderstandsgruppe vorgenommen. Im August 1945 folgte die jüdische Hochzeitszeremonie, die vom Rabbiner von Rotterdam, der sich zu jener Zeit in Utrecht aufhielt, vollzogen wurde. Im April 1946 kam der erste Sohn zur Welt. Im September 1946 zog die Familie nach Rotterdam, wo Marcel Hertz Arbeit fand und eine Aufenthaltserlaubnis für die Stadt erhielt. Im Juni 1948 wurde der zweite Sohn geboren. In dieser Zeit engagierte sich das Ehepaar Hertz für den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde in Rotterdam.
Im Februar 1950 wanderte das Paar mit den zwei Söhnen nach Israel aus, ließ sich im Kibbuz Beit HaShita im Norden des Landes nieder und änderte den Familiennamen „Hertz“ in „Harel“. Später lebte die Familie in Cholon, wo 1954 der dritte Sohn zur Welt kam. 1956 wurde Rachel Roos-Harel Mitglied der Women’s International Zionist Organisation (WIZO) Tel Aviv. Nach einem weiteren Umzug nach Herzlia schloss sie sich der dortigen WIZO-Ortsgruppe an und engagierte sich außerdem im Rotary Club. Sie war in einer Organisation für hirngeschädigte Kinder aktiv und bildete Erzieherinnen in der Betreuung verhaltensauffälliger Kinder nach der Montessoripädagogik aus. In diesem Fachgebiet hatte sie sich bereits in den Niederlanden spezialisiert. Darüber hinaus sammelte sie Spenden für den Aufenthalt kranker Kinder in einem Schweizer Sommerlager.
Über ihre Aktivitäten während des Krieges sprach Rachel Roos-Harel erstmals 1983 öffentlich bei einem Vortrag vor der Ortsgruppe der WIZO in Herzlia, deren Vorsitzende sie war. Der von ihrem Sohn Shmuel Harel erstellte begleitende Film My confession: Didi Rachel Harel, 1923-1989 über ihr Leben befindet sich im United States Holocaust Memorial Museum. Rachel Roos-Harel starb 1989, kurz nachdem sie von einem Besuch in den Niederlanden anlässlich der Auszeichnung der Familie Nattegaal als Gerechte unter den Völkern durch Yad Vashem nach Israel zurückgekehrt war. Ihr Mann Marcel Hertz starb im Jahr 2001 in Kfar Saba.
Auszeichnungen mini|hochkant|Rachel Harels Medal of Freedom Rachel Hertz-Roos wurde unter anderem von der US-amerikanischen, der britischen und der niederländischen Regierung ausgezeichnet.
Im November 1946 wurde sie im Wereldmuseum Amsterdam in Anwesenheit des niederländischen Ministerpräsidenten Willem Drees, des Ministers für Soziales und Marine, des Amsterdamer Bürgermeisters Arnold Jan d'Ailly, des britischen Militärattachés sowie Vertretern des diplomatischen Korps mit der amerikanischen Freiheitsmedaille Medal of Freedom with Bronze Palm für ihren Einsatz bei der Rettung alliierter Soldaten während der Schlacht um Arnheim ausgezeichnet. Die Medaille wird im Haus der Ghettokämpfer aufbewahrt.
Im Oktober 1948 wurde sie in der britischen Botschaft mit der britischen King’s Medal for Courage in the Cause of Freedom geehrt, die an ausländische Staatsangehörige vergeben wurde, die während des Zweiten Weltkriegs die Kriegsanstrengungen der Alliierten unterstützt hatten. Auch diese Auszeichnung befindet sich im Haus der Ghettokämpfer.
Zudem wurde sie mit dem niederländischen Verzetsherdenkingskruis (Widerstands-Gedenkkreuz) ausgezeichnet.
Im Jahr 2022 wurde ihr posthum die Auszeichnung „Juden retteten Juden“ durch B’nai B’rith verliehen.
In Ede wurde die Straße „Didi Rooslaan“ nach ihr benannt.
Einzelnachweise Carmel Hakim: Rachel Hertz March 2018. In: academia.edu. Abgerufen am 20. August 2026
15 Jewish Holocaust Rescuers to be Recognized with the Jewish Rescuers Citation. In: B’nai B’rith vom 14. Dezember 2022. Abgerufen am 20. August 2026
Straatnamen van verzetsstrijders. In: Gemeinde Ede. Abgerufen am 21. August 2026
Rachel Roos. In: joodserfgoedrotterdam.nl. Abgerufen am 21. August 2026
Rachel Roos. In: joodsmonument.nl. Abgerufen am 21. August 2026
Arnoud-Jan Bijsterveld: Rachel Harel (Hertz)-Roos, verzetsstijdster. In: joodsmonument.nl vom 3. Mai 2013. Abgerufen am 21. August 2026
Het verhaal van verzet koerierster Didi Roos. In: tracesofwar.com. Abgerufen am 21. August 2026
My confession: Didi Rachel Harel, 1923-1989. Video, 45 min. In: United States Holocaust Memorial Museum. Abgerufen am 21. August 2026
Rachel Harel: Rachel Didi Ross (Hertz). Interview-Mitschrift. In: pegasusarchive.org. Abgerufen am 21. August 2026
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