Der Schwan ist der Titel einer 1962in: Das Atelier. Zeitgenössische deutsche Prosa. Herausgegeben von Klaus Wagenbach. Fischer Bücherei Frankfurt am Main und Hamburg veröffentlichten Erzählung von Gabriele Wohmann. Sie handelt von den Ferien Milenes bei ihren Eltern, ohne ihren Geliebten Hermann, und dem dadurch ausgelösten Konfliktgefühl in einer neuen Lebenssituation.
Inhalt Im Sommer besucht Milene wie jedes Jahr, diesmal ohne Hermann, ihren Geliebten, ihre Familie – Eltern, Schwester Anna, Schwager Arthur und den Neffen – am Meer.
Sie erinnert sich an ihren letztjährigen Aufenthalt und an den herrlich „weißen Schwan“Der Schwan wird in der Literatur häufig als ambivalentes Symbol verwendet, z. B. in Rilkes gleichnamigem Gedicht. am Fischteich, der sie, wie immer, erkannt hat, „nur sie, Milene, blickten die schrägen geschliffenen Schwanenaugen an. Auf sie glitt er zu, für sie ritzte der dünne Keil sich ins trübe Wasser. […] Der Schwan und Hermann und sie.“Gabriele Wohmann: Der Schwan. In: Das Atelier. Zeitgenössische deutsche Prosa. Herausgegeben von Klaus Wagenbach. Fischer Bücherei Frankfurt am Main und Hamburg, 1962, S. 120.
„In diesem Sommer“ ist alles anders: eine „faule flache Brandung“, eine „langweilige Kette von Quallen“, „Glut der immer versteckten Sonne“. Der Schwan nimmt ihre Brötchenbröckel nicht an, wendet den Kopf von ihr weg. Von ihrer „verblüfften, kreischenden, deutenden Familie“ wird dieser Geste eine abweisende „Bedeutung […] zugesprochen“, „lächerlich angemaßt“, wie der Erzähler in personaler Form aus Milenes Sicht kommentiert. Sie fragt sich, ob der Schwan „ihr Feind [ist] wie jeder und wie alle in diesem Sommer“: „Seine Untreue förderte den Verrat“.Gabriele Wohmann: Der Schwan. In: Das Atelier. Zeitgenössische deutsche Prosa. Herausgegeben von Klaus Wagenbach. Fischer Bücherei Frankfurt am Main und Hamburg, 1962, S. 120., 121. Sie sieht ihn jetzt ohne „seine herrschaftliche Anmut“: schamlos, ungeniert, warzige Beine, schwarze Plattfüße, vorgewölbter Bauch, von Fressgier deformiert, gleichgültig, höhnisch, schrecklich, Kothaufen.
Milene fühlt die Spannung zu ihrer Familie, stellt sich vor, was man über sie denkt – sie sei ein „pessimistischer Typ“, „mürrisch“, immer mit „schlechter Laune“, „Milene mit dem Hermanngesicht“ – und reagiert mit Hassgefühlen. Sie ist oft in Gedanken, träumt von ihrem Geliebten, hat Sehnsucht nach ihm und schreibt am Familientisch, damit alle es sehen können, einen „fingierten, endlosen Brief an ihn“: „Es sind die ödesten Ferien, die Du Dir ach ohne Deine Liebe, ohne Deine herrliche Liebe …“Gabriele Wohmann: Der Schwan. In: Das Atelier. Zeitgenössische deutsche Prosa. Herausgegeben von Klaus Wagenbach. Fischer Bücherei Frankfurt am Main und Hamburg, 1962, S. 121.
„Erst später fand Milene heraus, dass die Veränderungen und ihr Unbehagen daran sie befriedigt hatten […] So war es ihr recht gewesen, jetzt stellte sie es fest, jetzt am letzten Tag vor der Abreise, jetzt, als ihre Hand noch heiß war vom beschwörenden Schütteln, Drücken. […] Jetzt, danach beschämte es sie, ab und zu etwas wirklich Dramatisches beabsichtigt zu haben. Zum Beispiel: den Schwan umzubringen […] sie war wieder aufgenommen. Ihr Verrat war nichtig.“ Sie denkt: „Geliebter Hermann, es war zum Beispiel auch nicht mehr der Schwan vom letzten Sommer. Du siehst, wie alles sich verändert hat. O diese öden, öden Ferien.“Gabriele Wohmann: Der Schwan. In: Das Atelier. Zeitgenössische deutsche Prosa. Herausgegeben von Klaus Wagenbach. Fischer Bücherei Frankfurt am Main und Hamburg, 1962, S. 122, 123.
Rezeption und Interpretation Gabriele Wohmann war in den 1970er und 1980er Jahren eine erfolgreiche, viel gelesene Autorin und gilt als eine der bedeutendsten Repräsentantinnen der Kurzgeschichte in Deutschland. Nach Reich-Ranickis Einschätzung, gibt es im „Bereich der Kurzgeschichte […] im ganzen deutschen Sprachraum nur sehr wenige Schriftsteller, die Gabriele Wohmann auch nur gleichkommen“.Marcel Reich-Ranicki: Bitterkeit ohne Zorn. In: zeit.de. 21. Juli 1967 ScheidgenIlka Scheidgen: Fünfuhrgespräche. Zu Gast bei Günter Grass, Peter Härtling, Herta Müller, Peter Rühmkorf, Dorothee Sölle, Arnold Stadler, Carola Stern, Martin Walser, Gabriele Wohmann, Eva Zeller, Kaufmann. Lahr, 2008, S. 178. und KrauseTilman Krause: Die Gréco an der Schreibmaschine. In: welt.de. 19. Mai 2012 schließen sich diesem Urteil an: „Sie gilt unbestritten als die beste Autorin in der Beherrschung der Kurzgeschichte“, bzw. als „Königin der Kurzgeschichte“.
Literaturkritiker zählen wesentliche Teile von Wohmanns Werk der Neuen Innerlichkeit und teils thematisch der Frauenbewegung zu. Viele ihrer Romane und Erzählungen handeln von Familien- und Paarbeziehungen (Wenn der Wolf geht, Sonntag bei den Kreisand, Der Antrag).
Zwar sind zu Wohmanns Hunderten von Erzählungen und Kurzgeschichten nur wenige Einzelrezensionen bekannt, aber es gibt zahlreiche Untersuchungen zu ihren Themen und Stilmerkmalen, die auch auf die zuerst in „Das Atelier“ 1962 veröffentlichte und anschließend in Sammelbände aufgenommenein: Streit 1978, in: Vor der Hochzeit 1980. Erzählung Der Schwan zutreffen: Die „zentrale Situation […] ist das Beziehungsgefüge in der Familie oder in Kleingruppen, wobei sich die Konstellationen, jeweils nur leicht verändert, wiederholen“. Wohmanns Texte setzen sich „aus minutiös beschriebenen Kleinszenen oder Dialogen zusammen, die genaue Beobachtung ersetzt die klärende Reflexion“.Hans Gerd Rötzer: Geschichte der deutschen Literatur. Epochen Autoren Werke. C. C. Buchners Verlag Bamberg 1992, S. 455. Die Analyse der Verhältnisse von Menschen untereinander habe die Autorin bei Tschechow gelernt, seine ruhige Art der Konfliktbeschreibung sei auch die ihre.Jörg Sundermeier: Nachruf Gabriele Wohmann. Die begnadete Vielschreiberin. taz, 24. Juni 2015 https://taz.de/Nachruf-Gabriele-Wohmann/!5206651/ Als „Diagnostikerin des privaten Alltags“ könne man sie mit der Kanadierin Munro, dem Amerikaner Updike oder der Engländerin Simpson vergleichen.Eichmann-Leutenegger: Diagnostikerin des privaten Alltags. Zum 80. Geburtstag von Gabriele Wohmann. https://media.herder.de/files/0003366948_0001-id-9597.pdf
Hinck verweist in seiner Untersuchung auf Bergsdorfs („Die ganz normale Katastrophe des Alltäglichen“) Bemerkung, dass sich Wohmann auf die Wirklichkeit nicht politisch agitierend, sondern psychologisch sondierend einlässt und führt weiter aus, Wohmanns Feld sei, wenn sie sich mit „der Rolle der Frau und mit den Fragen der Erziehung“ auseinandersetze, nicht „die Gesellschaftskritik, die auf durchgreifende Änderungen dringt, sondern die Enthüllung zwischenmenschlicher Unstimmigkeiten und menschlicher Unzulänglichkeiten, deren Abwegigkeit sie ins Skurrile“ verschärfe könne. Im drei Jahre nach dem Schwan veröffentlichten Roman Abschied für länger (1965) fliehe beispielsweise eine Frau aus der Bevormundung durch die Eltern zu einem Partner, den sie aber aus Enttäuschung wieder verlässt, um zu ihren Eltern zurückzukehren. Wohmann betreibe „keine Denunziation, sondern Nachbarschafts-Diagnose, die insgeheim und ganz ohne moralische Appelle auf therapeutische Wirkung setzt“.Walter Hinck: Gabriele Wohmann zum Siebzigsten Rebellion gegen die Behaglichkeit. https://www.theologie-und-kirche.de/gabriele-wohmann.html
Nach Eichmann-Leutenegger trifft Wohmanns Blick, der oft als „böser Blick“ bezeichnet worden sei, in ihren psychologischen Skizzen ungemein scharf. Ihre Diagnose falle „bissig“ aus, „jeder noch so unscheinbare Tic“ gerate ans Tageslicht. Ihre eher handlungsarmen Geschichten seien „oft übermäßig gesättigt mit Zustandsschilderungen“.Beatrice Eichmann-Leutenegger: Diagnostikerin des privaten Alltags Zum 80. Geburtstag von Gabriele Wohmann. https://media.herder.de/files/0003366948_0001-id-9597.pdf.
Von einzelnen Rezensenten wurde bemängelt, Wohmann „wiederhole sich endlos mit ihren Geschichten über verkorkste Ehepaare und Familien und ihr Themenspektrum sei zu eng“. Tatsächlich bleibe sie »immer nah an sich selbst«.Institut für Frauen-Biographieforschung Hannover/Boston. Prof. Dr. Luise F. Pusch. 2011. https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/gabriele-wohmann
In einem Interview widerspricht Wohmann dem Bild von ihr als unpolitische Autorin: „[D]ass Politik wichtig ist und in meinem Leben eine große Rolle spielt, sollte man schon merken. Kritiker haben mich oft festgelegt auf »kleine Alltagsnöte in unserem kleinen Alltag«. Aber auch in den Alltagsgeschichten spielt ja etwa Erziehung eine Rolle – das ist ja nun nicht unpolitisch. Politisch sein, kann ja auch bedeuten, nicht mit allem einverstanden zu sein.“Georg Magirius. Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, 13. Februar 2009. https://www.theologie-und-kirche.de/gabriele-wohmann.html
Veröffentlichungen Der Schwan: geschrieben 1960, veröffentlicht 1962 in Das Atelier (Erstdruck). Weitere Publikationen in Erzählsammlungen:Sämtliche Erzählungen von Gabriele Wohmann. https://doczz.net/doc/5907041/sämtliche-erzählungen-von-gabriele-wohmann Das Atelier. Zeitgenössische deutsche Prosa. Herausgegeben von Klaus Wagenbach. Fischer Bücherei Frankfurt am Main und Hamburg, 1962. Streit. Erzählungen. Grafiken von Kirsten Hammerström. Eremiten-Presse Düsseldorf (Broschur, 86), 1978. Vor der Hochzeit. Erzählungen. Rowohlt Verlag Reinbek bei Hamburg (rororo 4609), 1980.
Anmerkungen
Kategorie:Werk von Gabriele Wohmann Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Erzählung