Das Kırşehir-Massiv ist ein Mikrokontinent innerhalb des Alpidisch-Himalayischen Gebirgsgürtels in Inneranatolien. Es bildet in der Zentraltürkei ostsüdöstlich von Ankara zwischen Kırıkkale und Yozgat im Norden, Sivas im Nordosten, Kayseri im Osten, Niğde im Süden und Aksaray im Westen einen etwa 300 × 200 km großen, dreieckigen Grundgebirgskörper metamorpher und plutonischer Gesteine, der von der Wissenschaft als Zentralanatolischer Kristallinkomplex (Englisch: CACC / Central Anatolian Cristalline Complex) bezeichnet wird.

Anmerkungen zum Namen Problematisch und zum Teil widersprüchlich gestaltet sich die verwirrende Namensgebung für die heute als Central Anatolian Crystalline Complex (Deutsch: Zentralanatolischer Kristallinkomplex) CACC gebräuchliche Bezeichnung des Kırşehir-Massivs, denn dieser Komplex wird von namhaften Wissenschaftler nicht nur unterschiedlich bezeichnet, sondern auch in seinen Ausdehnungen verschieden umrissen. Nicht zu verwechseln ist der CACC Inneranatoliens mit dem bisweilen gebräuchlichen Akronym CACC (Central Alpine Crystalline Complex; deutsch: Zentralalpiner Kristallinkomplex) in den Zentralalpen. Historisch namengebend für den anatolischen Kristallinkomplex waren fraglos die wissenschaftlichen Untersuchungen von Peter von Tchihatcheff (1867), der das Kırşehir-Massiv als „Massif de Kirchehir“ östlich von Ankara und um die Stadt Kırşehir bezeichnete, dabei aber nur einen kleinen Part der derzeit gebräuchlichen regionalen Abdeckung umreißt. Kurt Leuchs dagegen meinte 1948, dass auch das westlich anschließende Tuz-Gölü-Becken einen altkristallinen Sockel besitzt, den er Lykaonisches Massiv nannte und mit dem Kırşehir-Massiv zur Inner-Anatolischen Masse zusammenfasste. İhsan Ketin nennt das Kırşehir-Massiv 1955 bereits Orta Anadolu Kristalin Masifi / Orta Anadolu Masifi (Deutsch: Zentralanatolisches Kristallinmassiv / Mittelanatolisches Kristallinmassiv), und er versteht darunter den autochthonen, kristallinen und magmatischen Kern Zentralanatoliens, der sich zwischen Yozgat, Kırşehir und Niğde erstreckt. links|mini|Hügelland des Kırşehir-Massivs nördlich von Kırşehir. mini|Kızılırmaktal bei Kırıkkale. links|mini|Salzausblühung in den oligo-miozäne Sedimenten am Delice Irmağı bei Delice. Der türkische Geomorphologe Nuri Güldalı (1979) andererseits spricht vom mittelanatolischen Grundgebirge im Gebiet des mittleren Kızılırmak und beschränkt es dabei weitgehend auf die ausgedehnten, ziemlich einheitlichen Lavaplateaus und die flachwelligen tertiären Hügelländer innerhalb des Kızılırmakbogens südlich von Kırıkkale und Yozgat , die, zerschnitten vom Delice Irmağı und seinen Tributären, vereinzelt von Gebirgsstöcken und Höhenzügen unterbrochen werden. Als wichtigste Gebirgsmassive nennt er den Beherek Dağı (1497 m), den Kargasekmez Dağı (1627 m), den Kökenes Dağı (1524 m), den Yazır Dağı (1683 m) und das Akdağ-Massiv (2272 m), alles Horstschollen des einst einheitlichen mittelanatolischen Grundgebirges, das auch als "Kırşehir-Massiv" und in alten Arbeiten aIs "Halysmasse" bekannt ist. Der türkische Geologe Yavuz Erkan (1981) benennt das kristalline Massiv als Kırşehir-Massif bzw. Kızılırmak-Massif, und bei seinem Kollegen Ali Mehmet Celal Şengör (1984) heißt es Kırşehir-Kontinent. Das Team um den türkischen Geologen Naci Görür benutzte 1984 den Begriff Kırşehir-Block, und die Geologen um M. Cemal Göncüoğlu verwendeten 1991 die Bezeichnung Zentralanatolischer Kristallinkomplex. Die Wissenschaftler der Teams von T. Kemal Türeli (1993), Durmuş Boztuğ (1994) sowie Nurdane Ilbeyli und Julian A. Pearce (1997) sprechen vom Kırşehir-Massiv als vom zentralanatolischen post-kollisionalen Magmatismus. Das Team um Mualla Cengiz Çinku führte 2016 das Massiv als „Niğde-Kırşehir-Massiv“ bzw. als Zentralanatolischer Block.

Forschungsgeschichte links|mini|Die Landschaft der granitischen Formationen der Bozok-Batholithe des Bozok-Plateaus (Bozok Yaylası) ist geprägt von ausgedehnten, trockenen und leicht gewellten Hochplateaus im Bogen des Flusses Kızılırmak. Die Forschungsgeschichte zum Kırşehir-Massiv begann zwischen 1853 und 1869 mit den grundlegenden geologischen Untersuchungen des Naturforschers Peter von Tchihatcheff während seiner Reisen durch Kleinasien, wo er die granitischen Formationen der Bozok-Batholithe auf dem Bozok-Plateau (Bozok Yaylası) in der Kırşehir-Region südlich von Yozgat untersuchte. Seine Ergebnisse wurden Ende des 19. Jahrhunderts partiell aufgegriffen, als der Unternehmer, Kaufhausbesitzer und spätere Geheime Kommerzienrat Roman Oberhummer und der Gymnasialprofessor, Philologe, Geograph und Schriftsteller Heinrich Zimmerer 1899 ihre Reiseschilderungen und Studien durch Syrien und Kleinasien veröffentlichten und darin Peter Tchihatcheffs geologische Einschätzungen zur „granitischen Halysmasse“ vermerkten. Ab den 1930er und 1940er Jahren führte das türkische Bergbauforschungs- und Erkundungsinstitut (MTA, Maden Tetkik ve Arama Enstitüsü in Ankara) großflächige systematische Kartierungen durch. Dabei entstanden u. a. bedeutende frühe Publikationen, die die tektonische Instabilität und Bruchlinien rund um das Kırşehir-Massiv nach dem schweren Erdbeben von 1938 detailliert beschrieben. In den späten 1940er Jahren ordneten Ernst. Lahn und Necdet Egeran in einem zusammenfassenden Werk über die Geologie der Türkei das Kırşehir-Massiv als „Kızılırmak Masifi“ erstmals umfassend in den orogenen Gürtel und die geotektonischen Großeinheiten der Türkei ein. Zehn Jahre später Mitte der 1950er Jahre bot der türkische Geologe Cahit Erentöz eine grundlegende Synthese der türkischen Geologie, die auf den Kartierungen des MTA-Instituts basierten und stratigraphische Abfolgen vom Paläozoikum bis zum Tertiär sowie tektonische Einheiten der Alpidischen Orogenese abdeckten. Er befasste sich dabei in seinem Werk über die alten kristallinen Grundgebirge u. a. auch mit dem Kırşehir-Massiv. Anfang der 1970er Jahre erschien Roland Brinkmanns klassisches Grundlagenwerk zur Klärung der komplexen Strukturen der kristallinen Grundgebirge Anatoliens, in dem er sich u. a. mit dem Kırşehir-Massiv als einem der wichtigsten tektonischen Einheiten der Türkei auseinandersetzt, die im Zuge der Schließung des Tethys-Ozeans und der Kollision verschiedener Kontinentalplatten deformiert wurden. In einem begleitenden Werk zu den thematischen Karten des Tübinger Atlas des Vorderen Orients beschrieb Nuri Güldalı dann Ende der 1970er Jahre im Kontext zur Geomorphologie der Türkei aus geographisch-geologischer Sicht detailliert den Landschaftscharakter des Gebiet des mittleren Kızılırmak-Gebietes und des mittelanatolischen Grundgebirges. Seine Ausführungen, die Wolf-Dieter Hütteroth 3 Jahre später in seiner wissenschaftlichen Länderkunde über die Türkei regionsübergreifend kurz einbrachte, behielten ihre Gültigkeit bis zu der Neuauflage des Hütteroth'schen Werkes aus dem Jahre 2002.

Bereits 2001 hatte sich das hochkarätige Geologenteam um die Amerikanerin Donna L. Whitney wissenschaftlich mit dem Mikrokontinent des Zentralanatolischen Kristallinkomplexes (CACC) innerhalb des Alpidisch-Himalayischen Orogens in Inneranatolien intensiv auseinandergesetzt und damit nicht nur eine neue Bezeichnung für das Kırşehir-Massiv, sondern auch alternative Interpretationsansätze für das alte Grundgebirgsmassiv angestoßen, die in der Folgezeit ein breites Spektrum von Wissenschaftlern als Forschungs-Leitlinie dienten. Darunter waren (2003) die Mineralogen und Tektoniker um den türkischen Geologen Yusuf K. Kadioglu, (2005) der Geochemiker Julian A. Pearce sowie die Geowissenschaftlerin Nurdane Ilbeyli, dann (2008) der türkische Geologe Aral I. Okay und (2009) erneut die Geologen und Geochemiker um die Geologin Nurdane İlbeyli. Der französische Wissenschaftler Côme Lefebvre, Geologe und Forscher an der University von Minnesota, lieferte dann 2011 in seiner Dissertation eine umfangreiche Zusammenstellung dieser jüngsten Bearbeitungsansätze. Seit Mitte der 2010er Jahre wird das Problem des Zentralanatolischen Kristallinkomplexes (CACC / Kirşehir-Massiv) erneut kontrovers diskutiert: 2016 rekonstruierten Wissenschaftler um den niederländischen Geowissenschaftler Douwe J. J. van Hinsbergen die kreidezeitliche Plattentektonik und Paläogeographie Zentralanatoliens über geochronologische, paläomagnetische und plattentektonische Daten, bezweifelten dabei die Existenz eines „Inner-Tauriden-Ozeans“ (Tethys) und erklärten die Entstehung des Kırşehir-Massivs durch schräge Subduktion und Krustendeckenstapelung. Zur gleichen Zeit veröffentlichte das türkische Wissenschaftler-Team um Cengiz Çinku eine Studie, die anhand paläomagnetischer Daten seit dem späten Mesozoikum eine zweiphasige orogene Krümmung im "Niğde-Kırşehir-Massiv" und in den Tauriden belegt. Demnach entstand die geologische Struktur des Kırşehir-Massivs durch tektonisch bedingte eozäne Rotationen einzelner Plattenteile infolge der Neotethys-Schließung und eine post-miozäne Rotation durch die Westverschiebung Anatoliens.

Geologisch-tektonischer Überblick links|mini|400x400px|Die Karte zeigt die geologische Situation des Kırşehir-Massivs (CACC). Die Geologie des Kırşehir-Massivs ist eng mit der Entwicklung der sogenannten Tethys-Ozeane verknüpft. Diese Gewässer werden üblicherweise in Neo-Tethys und Paläo-Tethys unterteilt, obwohl es unter Wissenschaftlern kaum Konsens über die Definition dieser Begriffe und die Lage dieser Ozeane gibt. Dennoch hat man aus der Sicht der anatolischen Geologie überzeugende Gründe für die Annahme zweier eigenständiger Ozeane anstelle eines einzigen, durchgehenden Tethys-Ozeans, denn auf Existenz und zeitliche Ausdehnung ehemaliger Ozeane lässt sich aus deren erhaltenen Relikten – Ophiolithen und Akkretionskomplexen – schließen. Paläogeografische Rekonstruktionen zeigen zudem, dass es ein solches Gewässer mindestens seit dem Karbon als große Bucht zwischen Gondwana und Laurussia gab: Die Ophiolithe und ophiolithischen Melangen in Anatolien stellen Fragmente derartiger ozeanischer Bereiche aus der Trias und jüngeren Epochen dar. Drei tektonische Haupteinheiten, in die sich die Türkei geologisch gliedert, waren einst von einem solchen Tethys-Ozean umgeben und sind heute dort durch Suturzonen voneinander getrennt:. Es handelt sich um großräumige, komplexe tektonische Nahtstellen in der Erdkruste, wo zwei Kontinentalblöcke oder Platten miteinander kollidieren und verschmelzen: Im Norden die Pontiden (heute Pontisches Gebirge), im Süden die Anatoliden-Tauriden, ehemals Bestandteil des alten Südkontinents Gondwana, und im Südosten die Arabische Plattform, Teil der Arabischen Platte. Sie markieren die tektonischen Linien oder Zonen, entlang derer die entsprechenden Ozeanteile „verschwunden“ sind. Ihre vollständige Schließung führte zur Bildung der İzmir-Ankara-Erzincan-Suturzone zwischen den Pontiden und den Anatoliden-Tauriden. Diese Anatoliden-Tauriden-Suturzone zeigt noch Affinitäten zu Gondwana, war jedoch durch den südlichen Arm der Tethys von der Hauptmasse Gondwanas getrennt. Sie grenzt entlang der Assyrischen Sutur (Bitlis-Zagros-Suturzone / Bitlis-Sutur-Zone) an die Arabische Plattform, deren Nordrand durch Südostanatolien südlich dieser Sutur verläuft.