Gespräch im Gebirg ist der Titel einer 1960in der Neuen Rundschau, Heft 2 veröffentlichten, beziehungsreich verschlüsselten Erzählung von Paul Celan, in der sich der Autor mit der literarischen Verarbeitung des Holocausts auseinandersetzt und sich zu seinem Judentum bekennt.
Inhalt Celans stark verschlüsselte ErzählungPaola Gnani: Paul Celans ‚Gespräch im Gebirg‘: eine Legitimation des Daseinsrechts der Dichtung nach dem Genozid und ein Bekenntnis zum Judentum. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik, Band 56, Ausgabe 3, 2024, S. 175 – 194. https://www.peterlang.com/document/1609449 gliedert sich in drei Teile: die Einleitung mit dem Weg des kleinen Juden ins Gebirge, das Gespräch mit dem großen Juden über Gott und die Welt und in den langen Monolog des Juden Klein über sein Leben und sein Bekenntnis.
Der Jude Klein, „Sohn eines Juden“, verlässt nach Sonnenuntergang „sein Häusl“ und „zockelt“ auf der Straße, „der schönen, der unvergleichlichen“, daher: „unterm Gewölk“, „im Schatten, dem eigenen und dem fremden“ – denn „da Gott ihn hat einen Juden sein lassen, gehört ihm eigentlich nichts, nur ausgeliehen und nicht zurückgegeben“. Mit ihm geht sein Name, „der unaussprechliche“, und sein Stock klopft beim Gehen auf den Steinweg und spricht: „[H]örst du mich […] ich bin’s, ich. Ich und der, den du hörst, zu hören vermeinst, ich und der andere“.Paul Celan: Gespräch im Gebirg. In: Klaus Wagenbach (Hrsg.): Das Atelier. Zeitgenössische deutsche Prosa. Fischer Bücherei Frankfurt am Main, 1962, S. 124.
Klein geht aus den „Niederungen“, wo man ihn hat „wohnen lassen unten, wo er hingehört“, wie „Lenz durchs Gebirg“ und begegnet seinem großen, um „ein Viertel Judenleben“ älteren Vetter. Sie bleiben stehen und Kleins Stock schweigt vor Groß‘ Stock: „Still war’s also, still oben im Gebirg“, aber dann fangen beide zu sprechen an. „Denn Jud und Natur, das ist zweierlei, immer noch, auch heute, auch hier.“ Ihr Blick auf die Natur ist verschleiert: Vor ihren Augen hängt ein beweglicher Schleier, „kaum tritt ein Bild ein, so bleibt’s hängen im Geweb, und schon ist ein Faden zu Stelle, der sich da […] herumspinnt ums Bild […] und zeugt ein Kind mit ihm, halb Bild und halb Schleier“.Paul Celan: Gespräch im Gebirg. In: Klaus Wagenbach (Hrsg.): Das Atelier. Zeitgenössische deutsche Prosa. Fischer Bücherei Frankfurt am Main, 1962, S. 124, 125.
„Die Geschwätzigen“ sprechen miteinander vertraut („weißt du und siehst“, „Versteh ich, versteh ich“) über die dreifache Faltung der Erde „hier oben“, mit einem Wasser in der Mitte von einem Gletscher. Aber man „sollt’s nicht, sagen“, es sei die Sprache, „die hier gilt“: „ohne Ich und Du“, lauter Er, Es, Sie. Aber die Erde sei nicht für sie beide gedacht. Warum er gekommen sei? „Wie ich hab reden müssen, vielleicht, zu mir oder zu dir […] mit dem Mund“, denn der Stock spricht, „weil niemand ihn hört, niemand und Niemand, und dann sagt er […] Hörst du?“ Aber „der antwortet nicht […] der sich gefaltet hat, dreimal, und nicht für die Menschen“.
Aber er, der Kleine mit dem Schatten, kann sagen: „[I]ch bin da […] Gekommen mit dem Stock, ich und kein andrer […] ich mit meiner Stunde, der unverdienten […] den’s nicht getroffen hat, ich mit dem Gedächtnis […] der Gedächtnisschwäche.“Paul Celan: Gespräch im Gebirg. In: Klaus Wagenbach (Hrsg.): Das Atelier. Zeitgenössische deutsche Prosa. Fischer Bücherei Frankfurt am Main, 1962, S. 125. Und er spricht in einem langen Monolog über seine Ausgrenzung als Jude aus der Gesellschaft, und über „die andern, die anders waren als ich“, die „vielen“, die den „Einen“ nicht liebten und er, der sie nicht liebte, die ihn nicht lieben konnten. Er liebte dagegen beim Schabbat das Abbrennen der Kerzen, weil an diesem Abend der siebte Tag begann, „auf den der erste folgen sollte“. Diesen ersten Tag liebte er und nicht den letzten.
Und deshalb wandert er mit seinem sprechenden und schweigenden Stock in die Bergnatur, über der jetzt ein Stern erscheint, der „Hochzeit halten“ will mit dem Gebirg und dann im Auge der Betrachter halb Schleier, halb Stern sein wird. Klein schließt seinen Monolog mit dem Bekenntnis: „ich hier und ich dort, ich begleitet vielleicht – jetzt! – von der Liebe der Nichtgeliebten, ich auf dem Wege hier zu mir, oben.“Paul Celan: Gespräch im Gebirg. In: Klaus Wagenbach (Hrsg.): Das Atelier. Zeitgenössische deutsche Prosa. Fischer Bücherei Frankfurt am Main, 1962, S. 127.
Entstehungsgeschichte Die Tiefendimension der Erzählung ist ohne Hintergrundinformationen schwer verständlich. In seiner Büchner-Preis-Rede erwähnte Paul Celan 1960 die Entstehungsgeschichte seines zu Anfang des Jahres publizierten kleinen Prosatextes „Gespräch im Gebirg“:
Szondi hatte für Ende Juli ein Treffen Celans und Adornos in Sils Maria, wo Nietsche zu seinem Zarathustra inspiriert wurde, arrangiert, um über die Literatur nach dem Holocaust zu diskutieren. Adorno vertrat in einem EssayKulturkritik und Gesellschaft. In: Soziologische Forschung in unserer Zeit. Leopold von Wiese 75. Geburtstag (1951). die Auffassung, nach Auschwitz sei es unmöglich, ein Gedicht zu schreiben: „Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegen über: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich wird, heute Gedichte zu schreiben.“
Celan ist anderer Auffassung. Es sei das Recht des Einzelnen, sein Leiden Wort werden zu lassen. Dichtung habe den Weg der Kunst zu gehen, und mit jedem neuen Gedicht und jeder neuen Erzählung werde die Fortsetzbarkeit der Kunst neu verhandelt.Axel Gellhaus: Das Gespräch im Gebirg. Deutschlandfunk. Das Feature, 30. Juli 2004.https://www.hoerspielundfeature.de/das-feature-das-gespraech-im-gebirg-100.html Auch Celan sah den Holocaust als „Nullpunkt“, aber zugleich als Beginn eines „radikalen Umbauprozess von den Ausdrucksmöglichkeiten der deutschen Sprache“.Paola Gnani: Paul Celans ‚Gespräch im Gebirg‘: eine Legitimation des Daseinsrechts der Dichtung nach dem Genozid und ein Bekenntnis zum Judentum. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik, Band 56, Ausgabe 3, 2024, S. 175 – 194. https://www.peterlang.com/document/1609449
Celan änderte seine Planung, wartete nicht die Ankunft Adornos ab und reiste am 23. Juli nach Paris. Dort verarbeitete er seine Replik auf Adorno in Form einer Erzählung, die zuerst den Titel Gespräch im Graubünden tragen sollte. 1960 wurde sie in der zweiten Jahresnummer der Zeitschrift Die Neue Rundschau mit dem neuen Titel Gespräch im Gebirg veröffentlicht. Hinter dem Juden Klein verbirgt sich der Autor, hinter dem „um ein Viertel Judenleben ältre[n] der siebzehn Jahre ältere Adorno“.
In den Aussagen des Juden Klein drückt, in Gnanis Interpretation, Celan nicht nur seine „poetologische Stellungnahme zu Adornos Diktum“ aus, den Wunsch, „dass Adorno das Daseinsrecht seiner Dichtung nach Auschwitz anerkennt“, sondern auch „das Bekenntnis zum Judentum“:Paola Gnani: Paul Celans ‚Gespräch im Gebirg‘: eine Legitimation des Daseinsrechts der Dichtung nach dem Genozid und ein Bekenntnis zum Judentum. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik, Band 56, Ausgabe 3, 2024, S. 190. https://www.peterlang.com/document/1609449 „Und mein Stock, der hat gesprochen, hat gesprochen zum Stein, […] und der Stein, sagst du, der kann sprechen.“ Während dieser Worte, steigt ein Stern über dem Gebirge und den beiden Juden auf: „Und ich weiß, ich weiß, Geschwisterkind, ich weiß, ich bin dir begegnet, hier, und geredet haben wir, […] die wir hier gingen und einander trafen, wir hier unterm Stern, wir, die Juden“. „[W]ir, die Juden“, Klein und Groß, d. h. Celan und Adorno, verbinden sich mit dem Schicksal des jüdischen Volkes unter dem Symbol des Sterns.Paul Celan: Gespräch im Gebirg. In: Klaus Wagenbach (Hrsg.): Das Atelier. Zeitgenössische deutsche Prosa. Fischer Bücherei Frankfurt am Main, 1962, S. 126, 127.
Celans Annäherung an das Judentum in den 1950er Jahren galt weniger dem Glaubensinhalt oder einer theologischen Tradition, sondern beruhte „auf seiner Position als Außenseiter in der Gesellschaft“ und auf seiner Entscheidung, in der Sprache zu dichten und für die Juden Partei zu ergreifen, „die auch die Sprache der Mörder von Auschwitz gewesen war“.Jean Bollack: Histoire d’une lutte. In: Lignes 21/1994, S. 217. Zitiert in: Paola Gnani: Paul Celans ‚Gespräch im Gebirg‘: eine Legitimation des Daseinsrechts der Dichtung nach dem Genozid und ein Bekenntnis zum Judentum. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik, Band 56, Ausgabe 3, 2024, S. 193. https:// www.peterlang.com/document/1609449
Interpretation Nach Gnani, Professorin an der Universität Bologna,Paola Gnani: Paul Celans ‚Gespräch im Gebirg‘: eine Legitimation des Daseinsrechts der Dichtung nach dem Genozid und ein Bekenntnis zum Judentum. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik, Band 56, Ausgabe 3, 2024, S. 190. https://www.peterlang.com/document/1609449 erscheint die mit jiddischen Merkmalen gemischte Sprache einfach und alltäglich, sie ist jedoch an vielen Stellen verschlüsselt.
„Im Laufe des Gesprächs im Gebirg wird der Dialog von Klein und Groß immer intensiver und ihre Stimmen vermischen sich, bis das Zwiegespräch zu einem Selbstgespräch wird, in dem die verschiedenen Erzählformen des Textes zu einer subjektiven Aussage konvergieren und sich als »ausdifferenziertes Rollenspiel zwischen verschiedenen Ich-Projektionen«Theo Buck: Kommentar zu Celans Gespräch im Gebirg. In: Paul Celan – Gespräch im Gebirg mit einem Kommentar von Theo Buck. Aachen 2002, S. 21–22. von Celan selbst erweisen.“Paola Gnani: Paul Celans ‚Gespräch im Gebirg‘: eine Legitimation des Daseinsrechts der Dichtung nach dem Genozid und ein Bekenntnis zum Judentum. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik, Band 56, Ausgabe 3, 2024, S. 187. https://www.peterlang.com/document/1609449
Am Schluss der Erzählung steht ein persönliches Bekenntnis: „Ich hier, ich“. Nach Gnani spiegeln die Aussagen der Juden Klein Celans Haltung zum Judentum und zur Frage nach der Abwesenheit Gottes während der Verfolgungen von seinem „auserwählten Volk“, mit Anspielungen auf die christliche Vorstellung von der Dreifaltigkeit („der der sich gefaltet hat, dreimal“). Klein nennt Gott „Niemand“ und fragt, zu wem der Stein rede: „der redet zu niemand, weil niemand ihn hört, niemand und Niemand und dann sagt er, er und nicht sein Mund und nicht seine Zunge, sagt er und nur er: Hörst du? […] Hörstdu, das ist der mit den Gletschern, der der sich gefaltet hat, dreimal, und nicht für die Menschen“.Paul Celan: Gespräch im Gebirg. In: Klaus Wagenbach (Hrsg.): Das Atelier. Zeitgenössische deutsche Prosa. Fischer Bücherei Frankfurt am Main, 1962, S. 126. Trotz diesen kritischen Fragen stehen die beiden Juden am Ende unter dem Stern, als Davidstern oder Judenstern deutbar. Wenn er ins Gebirg „hinein will, wird er Hochzeit halten müssen und bald nicht mehr er sein, sondern halb Schleier, halb Stern“.Paul Celan: Gespräch im Gebirg. In: Klaus Wagenbach (Hrsg.): Das Atelier. Zeitgenössische deutsche Prosa. Fischer Bücherei Frankfurt am Main, 1962, S. 126.
Die Erzählung ist nach Gnani voller Symbolik und intertextueller Bezüge, die auf Autoren, mit denen sich der Autor verbunden fühlte, und literarische Motive verweisen:
Der Schatten symbolisiert den Verlust der jüdischen Vergangenheit und das Gewölk erinnert an den aufsteigenden Rauch aus den Krematorien der Konzentrationslager. Der Stock stellt einmal den Schreibstift des Dichters dar. Zum anderen verweist der Wanderer mit einem Stock auf das Bild des „ewigen Juden“. „Gebirge“, „Schatten“, „Stern“ haben einen Bezug zur Figur des „ewigen Juden“