mini|Fol. 1r mit einer großen Zierinitiale P und einem spätmittelalterlichen Besitzvermerk (Kloster Werden). Der Haupttext ist in einer Halbunziale geschrieben.

Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Theol. lat. fol. 354 ist ein im letzten Drittel des 8. Jahrhunderts im Kloster Corbie geschriebener Codex, der eine Abschrift der Moralia in Iob Gregors des Großen enthält. Er wurde von mehreren Händen überwiegend in Halbunziale, teilweise in karolingischer Minuskel geschrieben und später von weiteren Schreibern korrigiert und ergänzt. Die Handschrift spielt in der Erforschung der westeuropäischen Schriftgeschichte eine bedeutende Rolle und wird in der paläographischen Forschung oft nach seinem Eintrag im Katalog Codices Latini Antiquiores als „CLA VIII 1067“ zitiert.

Kodikologie und Paläographie Der Codex umfasst 220 Blatt Pergament, meist in Quaternionen; die Lagenzählung ist teilweise irrig. Die Blätter messen 31,5 × 22 cm, der Schriftspiegel 23,5 bis 27,5 cm × 16 bis 18 cm. Der Text ist in zwei Spalten mit meist 22 oder 31–33 Zeilen geschrieben. Überschriften sind durch Unzialschrift und rote Tinte hervorgehoben, ansonsten ist der Buchschmuck bescheiden; nur eine große (fol. 1r) und fünf kleinere Initialen sind aufwändiger gestaltet. Die Ornamentik der Initialen (Flechtband, Fische, Vögel, Blätter) ist für Corbie typisch und besonders eng mit der Ausstattung des Codex Sankt Petersburg, Russische Nationalbibliothek, F.v.I.6 (CLA XI 1602; „Leuchtar-Codex“) verwandt.Tino Licht: Halbunziale. Schriftkultur im Zeitalter der ersten lateinischen Minuskel (III.-IX. Jahrhundert) (= Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters Band 20). Hiersemann, Stuttgart 2018, S. 337–339.

Der Berliner Codex ist überwiegend in einer besonderen Form der Halbunziale geschrieben, dem Leuchtar-Typ, benannt nach dem Abt, der den Sankt Petersburger Leuchtar-Codex in Auftrag gab. Außer diesen beiden Codices ist nur noch ein weiterer (CLA XI 1601) bekannt, der diesen Typ Halbunziale enthält.David Ganz: Corbie in the Carolingian renaissance. Thorbecke, Sigmaringen 1990, ISBN 978-3-7995-7320-7 (online), S. 42–43. Insgesamt zehn Seiten der Berliner Handschrift stehen entweder auf Rasur oder auf nachträglich ersetzten Blättern. Die Schreiber dieser Seiten schrieben überwiegend eine karolingische Minuskel, ahmten teilweise aber auch die Halbunziale des restlichen Codex nach. Eine besondere Rolle für die Erforschung dieser Schrift spielen die drei in Minuskel geschriebenen Seiten auf fol. 1v–2v (siehe unten).

Inhalt Der Codex enthält den letzten Teil (Bücher 28–35) der Moralia in Hiob Gregors des Großen, der auf fol. 1r auch so, als pars ultima, bezeichnet wird. Die Bände mit den übrigen Teilen der Moralia sind verloren. Auf fol. 220r findet sich ein Kolophon (omnis labor finem habet praemium eus non habet finem).

Forschungsgeschichte mini|Beginn der Passage in karolingischer Minuskel auf fol. 1v. Gut erkennbar sind das unziale a, das Minuskel-n und die keulenförmige Verdickung der meisten Oberlängen. Neben et (z. B. in debuisset, Zeile 1) und st (z. B. in est in Zeile 2) treten auch mehrfach ra (z. B. in conparatione in Zeile 1) und er (z. B. in seruum in Zeile 4) sowie einmal ae (am Ende von Zeile 9) als Ligaturen auf. Mit der Faksimilierung als Beispiel der Halbunziale in den Schrifttafeln, die Wilhelm Arndt 1874 herausgab,Schrifttafeln zum Gebrauch bei Vorlesungen und zum Selbstunterricht. Heft 1. Königliche Hof-Steindruckerei, Berlin 1874 . wurde der Codex der Forschung erstmals in Form von lithographierten Schriftproben zugänglich gemacht. Seit Ernst Heinrich Zimmermann in seinem Tafelwerk Vorkarolingische Miniaturen 1916 zwei fast identische Initialen aus Theol. lat. fol. 354 und dem Sankt Petersburger Leutchar-Codex auf einer Tafel reproduziert hatte,Ernst Heinrich Zimmermann: Vorkarolingische Miniaturen, Berlin 1916, Tafel 118, Abbildungen a und b (Berlin) sowie c (Sankt Petersburg). war der kunsthistorischen und paläographischen Forschung zudem die nahe Verwandtschaft dieser beiden Handschriften bekannt. Dennoch zögerte Zimmermann, eine Entstehung in Corbie als sicher zu behaupten.Ernst Heinrich Zimmermann: Vorkarolingische Miniaturen, Berlin 1916, S. 74. Erst Paul Liebaert, Wallace Martin Lindsay und später Lesley Webber Jones nahmen, teils noch vorsichtig, die Entstehung in Corbie unter Abt Leutchar an.Paul Liebaert (†): Some early scripts of the Corbie scriptorium. Ed. Wallace Martin Lindsay. In: Palaeographia Latina. Band 1, 1922, S. 62–68, hier S. 64.Wallace Martin Lindsay: The Letters in Early Latin Minuscule (till c. 850). In: Palaeographia Latina. Band 1, 1922, S. 7–61, hier S. 22.Leslie Webber Jones: The Scriptorium at Corbie: II. The Script and the Problems, in: Speculum 22 (1947), S. 375–394, hier S. 385.

Die Vielfalt der Schriften und Hände im Berliner Codex hatte zunächst Valentin Rose in seinem Katalog ausführlicher beschrieben.Valentin Rose: Verzeichniss der Lateinischen Handschriften der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Zweiter Band: Die Handschriften der Kurfürstlichen Bibliothek und der Kurfürstlichen Lande - Erste Abteilung (= Die Handschriften-Verzeichnisse der Königlichen Bibliothek zu Berlin Band 13). Asher, Berlin 1901, S. 99–100 Michael Tangl hob als erster eigens hervor, dass die Minuskel auf fol. 1v–2v trotz des Alters des Codex (er datierte ihn in die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts) keine Ergänzung sein könne, sondern dass die Schrift fortlaufe.Wilhelm Arndt / Michael Tangl: Schrifttafeln zur Erlernung der lateinischen Palaeographie. 4. Auflage, 3 Bde., Berlin 1904, hier Heft 1, S. 2–3. Die Halbunziale in CLA VIII 1067 identifizierte zuerst Liebaert aufgrund der Ähnlichkeit mit dem Sankt Petersburger Codex mit dem sogenannten Leutchar-Typ dieser Schrift.

Elias Avery Lowe, der in seinem Frühwerk von der Entstehung der karolingischen Minuskel aus der Halbunziale ausging, zitierte den Codex als Beleg für diese These und nannten ihn eines der wichtigsten Erzeugnisse des Skriptoriums von Corbie.Elias A. Lowe: Introduction. In: Codices Latini Antiquiores. Part VI: France: Abbeville-Valenciennes, Oxford 1953, S. v–xxx, hier S. xii. Dabei stützt er sich darauf, dass der Codex überwiegend in Halbunziale geschrieben ist, fol. 1v–2v und fol. 49v aber von Schreibern des gleichen Skriptoriums in Minuskelschrift geschrieben worden seien.

Die Minuskel auf fol. 49v, die er nur von Reproduktionen kannte, deutete Lowe zunächst als „Geburtsstunde“ der sogenannten Maurdramnus-Minuskel, die er als Frühform der karolingischen Minuskel ansah. Als er den Berliner Codex im Original studieren konnte, erkannte die Passagen auf fol. 49v als spätere Ergänzungen: Die Schrift auf fol. 47v und 50v steht auf Rasur, das Bifolium dazwischen (fol. 48–49) wurde nachträglich eingefügt. Lowe zog daher seine Deutung zur „Geburtsstunde“ der sogenannten Maurdramnus-Minuskel zurück, hielt aber explizit an seiner These zu deren Entstehung aus der Halbunziale fest.Elias A. Lowe: Introduction. In: Codices Latini Antiquiores. Part VIII: Germany. Altenburg – Leipzig, Oxford 1959, S. v–xii, hier S. x.

Die Minuskel-Passagen auf fol. 1v–2v des Berliner Codex beschrieb Lowe nicht zuletzt aufgrund des hier zu findenden unzialen a als eine „frühe karolingische Minuskel“, die offenbar älter als die Maurdramnus-Minuskel sei,Elias A. Lowe: Codices Latini Antiquiores. Part VIII: Germany. Altenburg – Leipzig, Oxford 1959, hier Nr. 1067a (online): "A rather well-developed early Caroline minuscule, apparently antedating the Maurdramnus type, is used on foll. 1v–2v: a is the rule." d. h. älter als jene Schrift, die er selbst 1953 noch als älteste Form der karolingischen Minuskel bezeichnet hatte. Ludwig Bieler nahm dies als Beweis dafür, dass das die Maurdramnus-Minuskel in Corbie unter Abt Leutchar aus der Halbunziale entwickelt worden sei.Ludwig Bieler: [Rezension zu:] E. A. Lowe. Codices Latini Antiquiores. A Palaeographical Guide to Latin Manuscripts Prior to the Ninth Century. In: The American Journal of Philology. Band 75, Nr. 3, 1954, S. 323–326 (). Auch Bernhard Bischoff stimmte Lowes Datierung von fol. 1v–2v vorsichtig zu und sprach von einer „der Maurdramnus-Minuskel wahrscheinlich vorausgehenden Minuskel“, ohne diese mit der karolingischen Minuskel zu identifizieren.Bernhard Bischoff: Paläographie. Mit besonderer Berücksichtigung des deutschen Kulturgebietes. In: Wolfgang Stammler (Hrsg.): Deutsche Philologie im Aufriss Band 1, 2. Auflage Berlin 1957, S. 379–452, hier S. 413. Hingegen hat Tino Licht die drei Seiten als frühestes datierbares Beispiel der karolingischen Minuskel bezeichnet.Tino Licht: Die älteste karolingische Minuskel. In: Mittellateinisches Jahrbuch, Nr. 47, 2012, S. 337–346.

Faksimiles (chronologisch) Wilhelm Arndt / Michael Tangl: Schrifttafeln zur Erlernung der lateinischen Palaeographie. 4. Auflage, 3 Bde., Berlin 1904, hier Tafel 5. (Online; Schriftproben von fol. 204r und 49r, übernommen aus der ersten Auflage 1874.) Ernst Heinrich Zimmermann: Vorkarolingische Miniaturen, Berlin 1916, Tafel 118. (Online; Initialen von fol. 1r und 129v.) Elias A. Lowe: Codices Latini Antiquiores. Part VIII: Germany. Altenburg – Leipzig, Oxford 1959, Nr. 1067. (Online; Schriftproben von fol. 2r, 46v und 152v.) Andreas Fingernagel: Die illuminierten lateinischen Handschriften süd-, west- und nordeuropäischer Provenienz der Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz: 4.–12. Jahrhundert; Teil 2. Abbildungen (= Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz. Kataloge der Handschriftenabteilung: Reihe 3. Illuminierte Handschriften Band 2, Teil 2). Harrassowitz, Wiesbaden 1999, S. 92–93, Abb. 144–148. (Online; Initialen fol. 1r, 23v, 129v, 152v und 183r.) Julia Becker / Tino Licht: Karolingische Schriftkultur. Aus der Blütezeit des Lorscher Skriptoriums. Schnell und Steiner, Regensburg 2016, Tafel 6 (fol. 1v).

Literatur Tilo Brandis / Gerard Achten (Hrsg.): Zimelien: Abendländische Handschriften des Mittelalters aus den Sammlungen der Stiftung Preussischer Kulturbesitz Berlin. Ausstellung 13. Dez. 1975 – 1. Febr. 1976, Sonderausstellungshalle der Staatlichen Museen Berlin-Dahlem, Lansstrasse 8. Reichert, Wiesbaden 1976, S. 17, Nr. 15. Andreas Fingernagel: Die illuminierten lateinischen Handschriften süd-, west- und nordeuropäischer Provenienz der Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz: 4.–12. Jahrhundert; Teil 1. Text (= Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz. Kataloge der Handschriftenabteilung: Reihe 3. Illuminierte Handschriften Band 2, Teil 1). Harrassowitz, Wiesbaden 1999, S. 53–54, Nr. 55. (Online.) Elias A. Lowe: Introduction. In: Codices Latini Antiquiores. Part VI: France. Abbeville – Valenciennes, Clarendon Press, Oxford 1953, S. v–xxx, hier S. xii. Elias A. Lowe: Codices Latini Antiquiores. Part VIII: Germany. Altenburg – Leipzig. Clarendon Press, Oxford 1959, S. x sowie Nr. 1067a und 1067b. Valentin Rose: Verzeichniss der Lateinischen Handschriften der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Zweiter Band: Die Handschriften der Kurfürstlichen Bibliothek und der Kurfürstlichen Lande - Erste Abteilung (= Die Handschriften-Verzeichnisse der Königlichen Bibliothek zu Berlin Band 13). Asher, Berlin 1901, S. 99–100 (Nr. 312). (Online.)

Weblinks Digitalisat. Beschreibung im Handschriftenportal. Beschreibung von CLA VIII 1067a und 1067b in der Datenbank Earlier Latin Manuscripts.

Einzelnachweise

Kategorie:Handschrift der Staatsbibliothek zu Berlin Kategorie:Handschrift (8. Jahrhundert) Kategorie:Handschrift (Christentum) Kategorie:Buch Ijob Kategorie:Bilderhandschrift (8. Jahrhundert) Kategorie:Karolingische Buchmalerei