Ole Ivar Lovaas (* 8. Mai 1927 in Lier; † 2. August 2010 in Lancaster) war ein norwegisch-US-amerikanischer klinischer Psychologe und emeritierter Professor an der University of California, Los Angeles (UCLA).Margalit Fox: O. Ivar Lovaas, Pioneer in Developing Therapies for Autism, Dies at 83 auf New York Times vom 22. Aug. 2010, abgerufen am 10. August 2026. Kamil Özerk; Svein Eikeseth; Gunvor Dalby Vea; Meral Özerk: Ole Ivar Lovaas - His Life, Merits and Legacy. In: International Electronic Journal of Elementary Education, 2016, 9 (2), S. 243–262

Leben Er wurde nahe Oslo als Sohn von Hildur and Ernst Albert Løvaas geboren, er war das zweite von drei Kindern. Sein Vater war Uhrmacher und später Journalist. Während der Besatzung Norwegens durch die Nationalsozialisten schloss er 1940/41 im Alter von 14 Jahren die Hegg-Grundschule ab, dann begann er im Schuljahr 1941/42 den Besuch der dreijährigen Drammen Realskole und besucht anschließend 1944 bis Frühjahr 1947 die Lateinschule (Gymnasium) in Drammen. Er war sehr musikinteressiert und spielte Geige. Für die Behauptung, er sei während der Besatzungszeit gezwungen gewesen, harte Feldarbeit zu leistenAlan Zarembo: Ole Ivar Lovaas dies at 83; UCLA psychology professor pioneered autism treatment auf Los Angeles Times vom 6. August 2010, abgerufen am 10. August 2026., finden sich in seinen Schulunterlagen keine Belge; im Gegenteil, es wurde belegt, dass sein Vater der faschistischen Kollaborateurspartei Nasjonal Samling angehörte und eine führende Persönlichkeit im Propagandaapparat der von Deutschland eingesetzten faschistischen Regierung war. Nach dem Krieg wurde er 1946 wegen Landesverrats zu viereinhalb Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Ole selbst war aktives Mitglied und örtlicher Anführer der faschistischen Jugendbewegung.Å. B. Gjerde: Hidden Nazi past: Ole Ivar Lovaas during the German occupation of Norway. In: History of the Human Sciences, 2025, 38 (3–4), S. 58–81. Nach seinem Abschluss an der Lateinschule in Drammen trat er 1948 für 18 Monate in die norwegische Luftwaffe ein und leistete seine Grundausbildung sowie eine Tätigkeit als Sanitäter auf Tromøy und später am dem Flughafen Fornebu und dem Flughafen Gardermoen. Er kam nach dem Krieg mit einem Musikstipendium für das Luther College in Decorah in die Vereinigten Staaten. Er schloss sein Studium 1951 mit einem Bachelor of Arts in Soziologie ab. 1954 erwarb er einen Master of Science in Klinischer Psychologie an der University of Washington und 1958 promovierte er hier im Fach Psychologie.

Zu Beginn seiner Laufbahn arbeitete er bei der Pinel Foundation, deren Schwerpunkt auf der Freudschen Psychoanalyse lag. Neben der psychoanalytischen Ausbildung wurde Lovaas auch in der experimentellen Psychologie nach Clark L. Hull geschult. Nach seiner Promotion nahm er 1958 bis 1961 eine Stelle als Assistenzprofessor am Child Development Institute der University of Washington an, wo er mit der Verhaltensanalyse in Berührung kam. Er wechselte 1961 an der University of California und lehrte seitdem als Professor für Psychologie, zudem forschte am dortigen Neuropsychiatric Institute mit autistischen Kindern. 1994 wurde er zum emeritierten Professor für Lern- und Verhaltenspsychologie am Fachbereich Psychologie ernannt.

Nach seiner Emeritierung war er weiter wissenschaftlich und klinisch tätig, so gründete er das Lovaas Institute for Early Intervention (LIFE), das auf seiner Forschung basierende Interventionsmaßnahmen anbietet. Im Jahr 1995 erhielt er Fördermittel des National Institute of Mental Health (NIMH), um eine umfassendere Replikation seiner Studie von 1987 zu koordinieren. Die Ergebnisse aus diesen Studien wurden bis 2009 publiziert.S. Eikeseth; T. Smith; E. Jahr; S. Eldevik: Outcome for Children with Autism who began Intensive Behavioral Treatment between Age Four and Seven: A Comparison Controlled Study. In: Behavior Modification, 2007, 31, S. 264–278.D. Hayward; S. Eikeseth; C. Gale; S. Morgan: Assessing progress during treatment for young children with autism receiving intensive behavioural interventions. In: Autism, 2009, 13, S. 613–633.

Werk mini|O. Ivar Lovaas’ ABA-Experimente mit autistischen Kindern (1965) Er zählt zu den Pionieren auf dem Gebiet der Behandlung von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Bereits in den 1960er Jahren fand er an der UCLA seine ersten autistischen Forschungssubjekte in staatlichen psychiatrischen Einrichtungen. Mithilfe der Prinzipien der Angewandten Verhaltensanalyse (Applied Behavior Analysis (ABA)) verhalf er einigen dieser Kinder dazu, die staatlichen Einrichtungen zumindest vorübergehend zu verlassen. Seine Studie aus dem Jahr 1987 fasste die Ergebnisse mehrerer Jahre zusammen: Von 19 Kindern, die wöchentlich 40 Stunden dieser Behandlung erhielten, konnten neun später reguläre erste Klassen besuchen; zudem steigerten sie ihre IQ-Werte erheblich. Vergleichsgruppen, die weniger oder gar keine Therapie erhielten, schnitten weitaus schlechter ab. Aus diesen Erfahrungen hat er eine der Standardbehandlungen für Autismus entwickelt.

Zeitweise untersuchte er auch die Auswirkungen kontingenter aversiver Reize. Damit wollte er Kindern helfen, schwerwiegende, stark beeinträchtigende Verhaltensweisen abzulegen. Dies umfasste in den 1960er Jahren den Einsatz schwacher Elektroschocks bei lebensbedrohlicher Selbstverletzung oder Aggressionen von in Einrichtungen untergebrachten Kindern mit Autismus sowie in den 1970er und 1980er Jahren Schläge auf den Oberschenkel bei weniger dringlichen, aber dennoch verheerenden Problemverhalten. Der Einsatz kontingenter Elektroschocks führte zu einer raschen Verringerung selbst extremster Verhaltensweisen – etwa wenn Kinder sich stündlich tausendfach hart ins Gesicht schlugen, sich die Fingerkuppen abkauten, den Kopf gegen die schärfsten verfügbaren Gegenstände schlugen oder sich in die Augen stachen. Es konnte so gezeigt werden, dass sich wirksame Interventionen entwickeln ließen, um dieses stark beeinträchtigende und oft lebensbedrohliche Verhalten zu lindern; dies war entscheidend für den Nachweis, dass Menschen mit Autismus nicht dauerhaft in Kliniken untergebracht werden mussten, sondern in ihrem sozialen Umfeld leben konnten. Ende der 1980er Jahre kam er zu dem Schluss, dass der Einsatz aversiver Maßnahmen hinfällig geworden war, da nicht-aversive Interventionen inzwischen so ausgereift und erfolgreich waren, dass aversive Methoden nicht mehr benötigt wurden.

Eine seiner ehemaligen Doktorandinnen, Doreen Granpeesheh hat, basierend auf diesen Erfahrungen, 1990 das „Center for Autism and Related Disorders“ (CARD) gegründet, in dem die Angewandte Verhaltensanalyse standardmäßig durchgeführt wird; dieses Verfahren wird in den USA an 105 Standorten praktiziert.Center for Autism and Related Disorders, abgerufen am 10. August 2026.

Ehrungen/Positionen „Edgar Doll Award“ der APA-Abteilung 33 (Division 33) der American Psychological Association (APA) „Lifetime Research Achievement Award“ der Abteilung 53 der APA „Fellow“ der Abteilung 7 der APA Auszeichnung für die wirksame Darstellung der Verhaltensanalyse in den Massenmedien von der Association for Behavior Analysis International „California Senate Award“ (Ehrendoktortitel) „Champion of Mental Health Award“ von Psychology Today Guggenheim-Stipendium 1979: Wissenschaftlicher Beirat des May InstituteMay Institute abgerufen am 11. August 2026.

Privates Nach dem Zweiten Weltkrieg heiratete er seine Kommilitonin Beryl Scoles, eine Krankenschwester in der Psychiatrie; aus der Ehe gingen vier Kinder hervor: die Töchter Kari, Lisa und Randi sowie Sohn Erik. Das Paar ließ sich später scheiden und er heiratete Nina Watthen, die er in den 1980er Jahren bei einer Vortragsreise in Norwegen kennengelernt hatte. Er starb mit 83 Jahren an den Folgen einer Infektion, die sich nach einer Operation wegen eines gebrochenen Hüftknochens entwickelt hatte; zudem litt er zu diesem Zeitpunkt an der Alzheimer-Krankheit.

Publikationen (Auswahl) Monografien Teaching individuals with developmental delays: Basic intervention techniques. Pro-Ed., Austin 2002, ISBN 978-0890798898. Spanische Ausgabe: Enseñanza de niños con trastornos de desarrollo. Martinez Roca, Madrid 1994, ISBN 978-8427013896. Teaching Developmentally Disabled Children (The ME Book). University Park Press, Baltimore 1981, ISBN 978-0839115670. Türkische Ausgabe: Ben Kitabı Gelişimsel Yetersizliği Olan Çocuklara Öğretme Rehberi. Sistem Yayincilik, Ankara 2005, ISBN 978-9-75-322403-1. The Autistic Child: Language Development Through Behavior Modification. John Wiley & Sons, Hoboken 1977, ISBN 978-0-47-015065-8. Mit Bradley D. Bucher: Perspectives in Behaviour Modification with Deviant Children. Prentice Hall, Upper Saddle River 1974, ISBN 978-0-13-657130-8.

Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge Mit J. J. McEachin; T. Smith: Long-term outcome for children with autism who received early intensive behavioral treatment. In: American Journal of Mental Retardation, 1993, 97, S. 359–372. Mit D. Granpeesheh: The young autism project. Poster presented at the Annual Convention of the Association for Behavior Analysis, New York, NY 1988. Behavioral Treatment and Normal Educational and Intellectual Functioning in Young Autistic Children. In: Journal of Consulting and Clinical Psychology, 1987, 55 (1), S. 3–9. Behavioural treatment and normal intellectual and educational functioning in autistic children. In: Journal of Consulting and Clinical Psychology, 1987, 55, S. 3–9. Mit C. Newsom; C. Hickman; Self-stimulatory behavior and perceptual reinforcement. In: Journal of Applied Behavior Analysis, 1987, 20, S. 45–68. Mit C. D. Newsom: Behavior modification with psychotic children. In: H. Leitenberg (Hrsg.): Handbook of Behavior Modification and Therapy (S. 303–360). Appleton-Century-Crofts, New York 1976, ISBN 978-0133725087. Mit G. Freitag; M. I. Kinder; B. D. Rubenstein; B. Schaeffer; J. W. Simmons: Establishment of social reinforcers in two schizophrenic children on the basis of food. In: Journal of Experimental Child Psychology, 1966, 4, S. 109–125. Mit J. P. Berberich; B. F. Perloff; B. Schaeffer: Acquisition of imitative speech by schizophrenic children. In: Science, 1966, 151, S. 705–707. The control of food-intake in children by reinforcement of relevant verbal behavior. In: Journal of Abnormal Social Psychology, 1964, 68, S. 672–678. The effect of exposure to symbolic aggression on aggressive behavior. In: Child Development, 1961, 32, S. 37–44. The interaction between verbal and nonverbal behavior. In: Child Development, 1961, 32, S. 329–336

Weblinks In Memory of Dr. O. Ivar Lovaas, Autism Pioneer auf May Institute vom 17. August 2010, abgerufen am 11. August 2026. Fran Lowry: Death of Ole Ivar Lovaas Saddens Autism Community auf Medscape vom 14. September 2010, abgerufen am 11. August 2026.

Literatur Paul Probst: Nachruf auf Ole Ivar Lovaas (8.5.1927–2.8.2010) . In: Heilpädagogische Forschung, 2010, 4, S. 193–201.

Einzelnachweise

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