Das Großfürstentum Ungarn oder Herzogtum Ungarn (ungarisch Magyar Nagyfejedelemség, „ungarisches Großfürstentum“; mittelgriechisch , Tourkia) war der früheste urkundlich belegte ungarische Staat im Karpatenbecken. Er entstand um 895 nach der Landnahme der Magyaren im 9. Jahrhundert. Die Magyaren nahmen dabei das Karpatenbecken in einem längerfristig geplanten, zwischen 862 und 895 erfolgten Prozess in Besitz.
Die teilweise nomadisch lebenden Magyaren bildeten einen Stammesverband, der von Árpád, dem Begründer der Árpádendynastie, geführt wurde. Die Magyaren kamen aus Etelköz, ihrem früheren Herrschaftsgebiet östlich der Karpaten.
Während dieser Zeit nahm die Macht des ungarischen Großfürsten offenbar ab, obwohl die ungarischen Kriegs- und Beutezüge in Europa vielfach erfolgreich waren. Die von ungarischen Stammesführern beherrschten Stammesgebiete entwickelten sich zu halbautonomen Herrschaften. Dazu gehörte etwa das Herrschaftsgebiet des jüngeren Gyula in Siebenbürgen. Erst unter Stephan I. wurden diese Territorien wieder vereinigt. Die teilweise nomadische ungarische Bevölkerung wurde sesshaft, und die Gesellschaft entwickelte sich von einer Stammes- zu einer staatlich organisierten Ordnung. Seit der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts verbreitete sich das Christentum. Mit der Krönung Stephans I. in Esztergom am Weihnachtstag des Jahres 1000 – nach einer anderen Datierung am 1. Januar 1001 – ging das Fürstentum in das christliche Königreich Ungarn über.
Der Zeitraum zwischen 895 und 1000 wird in der ungarischen Geschichtsschreibung als „Zeit des Fürstentums“ bezeichnet.
Etymologie Die Eigenbezeichnung des ungarischen Stammesverbandes ist nicht sicher überliefert. Nach einer auf der im 13. Jahrhundert entstandenen Chronik Gesta Hungarorum beruhenden Auffassung wurde der Verband als „Hetumoger“ beziehungsweise „Sieben Magyaren“ bezeichnet: VII principales persone qui Hetumoger dicuntur („sieben fürstliche Personen, die Sieben Magyaren genannt werden“).
Das Wort Magyar könnte vom Namen des bedeutendsten ungarischen Stammes, der Megyer genannt wurde, abgeleitet sein. Der Stammesname Megyer entwickelte sich demnach zu Magyar als Bezeichnung für das gesamte ungarische Volk.
Schriftliche Quellen bezeichneten die Magyaren bereits vor der Landnahme im Karpatenbecken als Ungarn, als sie noch in den Steppengebieten Osteuropas lebten. Georgios Monachos verwendete 837 die Bezeichnung Ungri, die Annales Bertiniani 862 ebenfalls Ungri und die Annales ex Annalibus Iuvavensibus 881 Ungari.
In zeitgenössischen, mittelgriechisch verfassten byzantinischen Quellen wurde das Land im Gegensatz zur östlichen, chasarischen Tourkia als „westliche Tourkia“ bezeichnet. Der jüdische Gelehrte Chasdai ibn Schaprut bezeichnete den Staat um 960 in einem Brief an den chasarischen Herrscher Joseph als „Land der Hungrin“, also als Land der Ungarn.
Geschichte
Einwanderung der Magyaren links|mini|Ausschnitt aus dem 1800 m² großen Rundgemälde Ankunft der Ungarn von Árpád Feszty und seinen Mitarbeitern. Es entstand zum tausendjährigen Jubiläum der ungarischen Landnahme und wird heute im Nationalen Gedenkpark Ópusztaszer gezeigt. Unmittelbar vor der Ankunft der Magyaren um 895 wurde das Karpatenbecken vom Ostfrankenreich, dem Ersten Bulgarischen Reich und dem Großmährischen Reich beherrscht. Die Magyaren verfügten über umfangreiche Kenntnisse der Region, da sie häufig von den umliegenden Herrschaftsgebieten als Söldner angeworben worden waren und seit Jahrzehnten eigene Feldzüge in dem Gebiet unternommen hatten.
Das Gebiet war seit der Zerstörung des Awarenreiches durch Karl den Großen im Jahr 803 vergleichsweise dünn besiedelt. Offenbar konnten die Magyaren daher im Verlauf des 9. Jahrhunderts weitgehend friedlich und nahezu ohne Widerstand einwandern. Die erste Erwähnung von Magyaren, die in der Region lebten, stammt aus dem Jahr 862.
Die eigentliche Landnahme begann 894, als es nach Hilfegesuchen des ostfränkischen Königs Arnulf von Kärnten und des byzantinischen Kaisers Leo VI. zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit den Bulgaren und Mährern kam.
Bei der Besetzung trafen die Magyaren in den Ebenen auf eine dünn gestreute Bevölkerung und weder auf einen gefestigten Staat noch auf eine wirksame kaiserliche Herrschaft. Sie konnten das Karpatenbecken deshalb rasch unter ihre Kontrolle bringen, das Erste Bulgarische Reich besiegen, das mährische Fürstentum auflösen und bis 900 einen eigenen Staat errichten.
Das Fehlen von Massengräbern wird als Hinweis darauf gedeutet, dass der Übergang zu einer dem früheren awarischen System ähnelnden Ordnung für die ansässige Bevölkerung friedlich verlaufen sein könnte. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass sich die Magyaren zu dieser Zeit bereits in Gebieten an der Save und der Nitra niedergelassen hatten.
Magyarische Feldzüge
mini|Ungarische Feldzüge in Europa Als kriegerisch organisierter Staat führte das Fürstentum mit seiner neu gewonnenen militärischen Stärke weitreichende Feldzüge durch, die von Konstantinopel bis nach Zentralspanien reichten. Zwischen 907 und 910 besiegten die Magyaren drei große fränkische Reichsheere entscheidend.
Nach der Schlacht von Pressburg im Jahr 907 gelang es ihnen, die rechtlich beanspruchte bayerisch-ungarische Grenze bis zur Enns auszudehnen, wo sie bis 955 verblieb. Nach der Schlacht von Pressburg griff mehr als ein Jahrhundert lang, bis 1030, kein westliches Heer die Ungarn an. Die unregelmäßig durchgeführten ungarischen Feldzüge dauerten bis 970 an. Die Niederlagen auf dem Lechfeld 955 und bei Arkadiopolis 970 leiteten jedoch eine Veränderung in der Entwicklung des ungarischen Fürstentums ein.
Übergang zur staatlichen Ordnung links|mini|Europa um 900 Der Wandel von einer hierarchisch gegliederten Stammesgesellschaft zu einer staatlich organisierten Gesellschaft setzte schließlich ein. Anfangs behielten die Magyaren eine halbnomadische Lebensweise bei und betrieben Transhumanz. Sie wanderten entlang von Flüssen zwischen Winter- und Sommerweiden und suchten dort Wasser für ihr Vieh.
Nach einer auf Ortsnamen gestützten Theorie György Györffys befand sich Árpáds Winterquartier nach der Einnahme Pannoniens um 900 möglicherweise in Árpádváros, heute einem Stadtteil von Pécs. Sein von Anonymus erwähntes Sommerquartier habe auf der Csepel-Insel gelegen. Später soll er sein Sommerquartier in den Csallóköz verlegt haben. Die genaue Lage des frühen staatlichen Zentrums ist jedoch umstritten. Gyula Kristó verortete es zwischen Donau und Theiß, während archäologische Befunde eher auf das Gebiet an der oberen Theiß hinweisen.
Das um 950 entstandene Werk De Administrando Imperio des byzantinischen Kaisers Konstantin VII. versuchte, das gesamte Land der Ungarn beziehungsweise die Tourkia genau zu beschreiben. Konstantin beschrieb die früheren Bewohner Ungarns, darunter die Mährer, frühe ungarische Siedlungen und Nachbarvölker sowie die Flüsse Temes, Maros, Körös, Theiß und Tutisz.
Da Konstantin deutlich bessere Kenntnisse über die östlichen Teile Ungarns besaß, bezeichnete Tourkia einer Theorie zufolge nicht das gesamte Gebiet des Stammesverbandes, sondern lediglich das Siedlungsgebiet eines Stammes. Als Quelle seiner Beschreibung könnte der um 950 an den fünf Flüssen herrschende Gyula II. gedient haben. Nach einer anderen, ebenfalls vorwiegend auf Konstantins Beschreibung beruhenden Hypothese begannen die Magyaren erst nach 950, das westliche Ungarn beziehungsweise Transdanubien dauerhaft zu besiedeln, da der östliche Landesteil für eine nomadische Lebensweise besser geeignet war. links|mini|Ungarischer Feldzug in die ostfränkischen Herzogtümer im Jahr 910 Aufgrund veränderter wirtschaftlicher Bedingungen, unzureichender Weideflächen für eine nomadische Gesellschaft und der fehlenden Möglichkeit zur weiteren Wanderung begann sich die halbnomadische Lebensweise zu verändern. Die Magyaren wurden sesshaft und gingen zur Landwirtschaft über, wobei der Beginn dieser Entwicklung teilweise bereits in das 8. Jahrhundert datiert wird.
Die Gesellschaft wurde homogener, indem sich die ansässige slawische und andere Bevölkerungsgruppen mit den Magyaren vermischten. Ungarische Stammesführer und ihre Sippen errichteten befestigte Zentren. Aus deren Burgen gingen später die Hauptorte der Komitate hervor. Das ungarische Dorfsystem bildete sich im Verlauf des 10. Jahrhunderts heraus.
Die Großfürsten Fajsz und Taksony begannen die Herrschaftsstruktur zu reformieren. Sie luden erstmals christliche Missionare ein und ließen Befestigungen errichten. Taksony gab das frühere Zentrum des Fürstentums, das möglicherweise an der oberen Theiß lag, auf und suchte neue Herrschaftszentren. Er führte außerdem die frühere Form des Militärdienstes wieder ein, veränderte die Bewaffnung des Heeres und organisierte umfangreiche Umsiedlungen der ungarischen Bevölkerung.
Die Konsolidierung des ungarischen Staates setzte während der Herrschaft Gézas ein. Nach der Schlacht von Arkadiopolis wurde das Byzantinische Reich zum wichtigsten Gegner der Ungarn. Die byzantinische Expansion bedrohte sie, da das unterworfene Erste Bulgarische Reich zu dieser Zeit mit den Magyaren verbündet gewesen war. Die Lage des Fürstentums verschärfte sich, als das Byzantinische Reich und das Heilige Römische Reich 972 ein Bündnis schlossen.
Im Jahr 973 nahmen zwölf angesehene magyarische Gesandte, die vermutlich von Géza bestimmt worden waren, am Hoftag Kaiser Ottos I. teil. Géza knüpfte enge Beziehungen zum bayerischen Hof, lud Missionare ein und verheiratete seinen Sohn mit Gisela, einer Tochter Herzog Heinrichs II.
Géza aus der Árpádendynastie war als Großfürst der Magyaren nur unmittelbarer Herrscher eines Teils des vereinigten Gebietes, galt jedoch nominell als Oberherr der sieben ungarischen Stämme. Er beabsichtigte, Ungarn in das christliche Westeuropa einzugliedern und den Staat nach westlichen politischen und gesellschaftlichen Vorbildern umzugestalten. Gézas ältester Sohn Stephan wurde nach dem Sieg über seinen ebenfalls den Thron beanspruchenden Verwandten Koppány erster König von Ungarn. Stephan vollendete die Vereinigung Ungarns, die Gründung des christlichen Staates und dessen Umwandlung in eine europäische Feudalmonarchie.
Christianisierung mini|Die 996 von Fürst Géza gegründete Erzabtei Pannonhalma, das erste ungarische Benediktinerkloster Der neue ungarische Staat lag an der Grenze der christlichen Welt. Seit der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts verbreitete sich das Christentum in Ungarn, nachdem Missionare aus dem Ostfrankenreich eingetroffen waren. Zwischen 945 und 963 erklärten sich die wichtigsten Amtsträger des Fürstentums, der Gyula und der Horka, zur Annahme des Christentums bereit.
Im Jahr 973 ließen sich Géza und sein gesamter Haushalt taufen. Zugleich wurde ein förmlicher Frieden mit Kaiser Otto I. geschlossen. Géza blieb nach seiner Taufe allerdings in wesentlichen Teilen den heidnischen Praktiken verbunden. Sein Vater Taksony hatte ihn noch als heidnischen Fürsten erzogen.
Im Jahr 996 gründete Géza das erste ungarische Benediktinerkloster. Während seiner Herrschaft gab die Bevölkerung ihre nomadische Lebensweise endgültig auf, und das Fürstentum entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte nach der Schlacht auf dem Lechfeld zu einem christlichen Königreich.
Staatsorganisation mini|Europa im Jahr 912 Bis 907 oder 904 stand der ungarische Staat unter einer Doppelherrschaft, die möglicherweise von den Chasaren übernommen worden war. Die Herrschaft war zwischen einem sakralen König, der in einigen Quellen als Fürst oder Khan bezeichnet wird und den Titel Kende trug, und dem militärischen Anführer, dem Gyula, aufgeteilt.
Es ist nicht bekannt, welche der beiden Funktionen Árpád beziehungsweise Kurszán ausübte. Möglicherweise endete die Doppelherrschaft nach dem Tod des Kende Kurszán, woraufhin Árpád zum alleinigen Herrscher des Fürstentums wurde.