mini|Uwe Johnson (1960)

Osterwasser ist der Titel eine 1964in der Süddeutschen Zeitung vom 1. Februar und in Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main erschienenen Erzählung von Uwe Johnson. Die 13-jährige Gesine Cresspahl wird bei dem Versuch, vor Sonnenaufgang aus einem Graben im Wald Osterwasser zu holen, von einem deutschen Soldaten überfallen und von Jakob, dem Sohn ihrer Haushälterin, vor einer Vergewaltigung bewahrt.

Inhalt Die Handlung spielt im Frühjahr, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, im fiktiven mecklenburgischen Städtchen Jerichow. Im Cresspahl-Haus sind Vertriebene aus dem Osten untergebracht. In der Nähe gibt es ein russisches Militärlager und der Vater hat seiner 13-jährigen Tochter Gesine verboten, im Kleid aus dem Haus zu gehen.

Am Anfang der Erzählung betrachtet sich Gesine im Spiegel und erinnert sich an den Osterwasser-Brauch, der eine schöne Haut verspricht. Im letzten Jahr hat sie die Gelegenheit verschlafen. Als Jakob, der 6 Jahre ältere Sohn ihrer Haushälterin, mit einem Kaninchen, Butter und Eiern für das Fest von seiner Arbeit auf einem Bauernhof heimkehrt, fragt sie ihn nach dem Ritual. Er erzählt ihr, in seiner Heimat Pommern, aus der er mit seiner Mutter geflohen ist, gehe man in der Osternacht vor Sonnenaufgang schweigsam zu einer Quelle oder einem Fluss und wasche sich mit dem Wasser oder trinke es.

In der Nacht vor Ostern schleicht sich Gesine im Konfirmationskleid ihrer Tante aus dem Haus und läuft, weil es in der Gegend keine Quelle gibt, auf Fahr- und Feldwegen, an einem Biwak russischer Soldaten vorbei zu einem Wassergraben im Gräfinnenwald. Als sie Wasser schöpfen will, wird sie von einem Mann überfallen. Es kommt zum Kampf. Jakob ist ihr gefolgt und schlägt den Angreifer mit Gesines Unterstützung nieder. Später hört man von der Festnahme eines aus der Gefangenschaft entflohenen deutschen Soldaten, der sich im Wald versteckt hat. Als sie sich der Stadt nähern, „zittert[-] der Bischofsmützenturm schon im Tageslicht“.Uwe Johnson: Osterwasser. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 16. Bevor sie ihr Haus betritt, steigt Gesine in das schwarzklare Wasser des Wehrgrabens und reinigt ihr Gesicht von den Tränen. Den Oster-Kirchgang verschläft sie.

Lange später noch treibt „das Datum von Ostern, ein geöffnetes Fenster, davor rasch ins Frühjahr laufende Luft ihr Herz so schnell“. Gesine, ihre „Hand im wassersträhnigen Haar“, lässt sich durch „den Widerschein des Blicks in Jakobs Gesicht“ sagen, „dass Weinen gegen Osterwasser nicht bedeutet, damit du schön wirst, gut zu sein“.Uwe Johnson: Osterwasser. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 17.

Einordnung in die Gesine-Jakob-Handlung Die nach Johnsons Angabe 1963 entstandene und 1964 veröffentlichte Osterwasser-Geschichte spielt in der Jerichow-Welt, die in den Jahrestagen genau beschrieben wird, und enthält zentrale Motive und Vorausdeutungen, die auch in Johnsons Romanen, im vier Jahre zuvor publizierten Jakob-Roman (1959) und in den zwischen 1970 und 1981 erschienenen Jahrestagen, eine Rolle spielen: literaturlexikon.uni-saarland.de/lexika/kleines-adressbuch-fuer-jerichow-und-new-york/lexikon-a-c die Kriegs- und Nachkriegssituation in Jerichow, Aufnahme Jakobs und seiner Mutter bei Crespahl Anfang 1945, Entwicklung einer Art Patchworkfamilie mit einem Schwester-Bruder-Verhältnis zwischen Jakob und Gesine, Arbeiten, u. a. Schwarzhandel, und Liebschaften Jakobs, Gesines Eifersucht, Liebesbeziehung Jakobs und Gesines.

In Mutmaßungen erzählt Gesine von der nächtlichen Wanderung als 13-Jährige mit Jakob durch den Gräfinnenwald.Uwe Johnson: Mutmaßungen über Jakob. Fischer Bücherei Frankfurt am Main, S. 126, 127. Im ersten Band der JahrstageUwe Johnson: Jahrstage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1985, Bd. 1, S. 140 wird der Gräfinnenwald als Vergewaltigungsort genannt: Amalie Creutz wurde dort 1945 von elf Rotarmisten vergewaltigt.

Nach Mecklenburg markieren die in Karsch, und andere Prosa veröffentlichten kurzen Geschichten „den entstehungsgeschichtlichen Beginn von Johnsons epischer Ausarbeitung der Jerichow-Welt vom Früh- zum Spätwerk hin: Versuche, einen erzählerischen Zugang zu Jakobs Freundin Gesine zu finden.“Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 111.

Rezeption und Interpretation Umfang und Zeitpunkt der Veröffentlichung der kleinen Texte in Karsch, und andere Prosa, vier Jahre nach dem Jakob-Roman, führten einige Kritiker zu dem Urteil, es handele sich bei den Erzählungen „um verworfene Versuche, Resteverwertung,Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 109. und ein Stück »Nachlass zu Lebzeiten«, kein Hauptwerk“.

Blöckner nimmt den Autor gegenüber diesen Bewertungen in Schutz: Ein Schriftsteller wie Johnson bewege seine Themen weiter in sich und befrage sie nach der Wahrheit, „die vollständig gezeigt zu haben, er nie behauptet hatte.“Günther Blöcker: Uwe Johnsons anderes Deutschland. In: Merkur 18, 1964, S. 590–592. Und in: Rainer Gerlach und Matthias Richter (Hrsg.): Uwe Johnson. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1984, S. 201. Entsprechend dieser schriftstellerischen Haltung wird in Osterwasser „am epischen Gewebe des Jakob-Romans und der Jerichow-Welt weitergesponnen.“Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 111.

Mecklenburg wendet sich gegen den „Kritiker-Topos einer nostalgisch-provinzialistischen Verengung“, der die Rezeptionsgeschichte durchziehe: „Niemals grenzte etwas in Johnsons Werk an ›Heimatkunst‹ oder gar an ›Blut und Boden‹.“Bezug zu den Vorbehalten westdeutscher Verleger gegen Johnsons Frühwerk: zuviel Natur, Stil und Aufbau seien eher konventionell. Walter Maria Guggenheimer: Nachwort. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 85. Sein Regionalismus sei „eine Dimension seines erzählerischen Realismus, seiner Intention, die Menschen […] »baben der Erde« zu zeigen, in Gegenden, »Lebensgebieten«“.Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 112. Auf das Osterwasser bezogen, lobt Mecklenburg die „höchste poetische Intensität, die größte atmosphärische Dichte - ein Meisterstück der kleinen Form“: Frühling, schlafende Kleinstadt, Landschaft mit Erlenholz und Schilfwiese, „sinnliche Berührung mit der Natur“, erwachende, erotische Weiblichkeit, Schönheitswunsch, das „vieldeutige Katzenmotiv“. Diese Geschichte habe einerseits „idyllische Züge: Naturnähe“, „das naiv-abergläubische Abenteuer“ einer Dreizehnjährigen, die magische Welt des Osterwasserbrauchs. Dagegen stünden aber „scharf konturiert die Züge des Nachkriegselends“: Hunger, Selbst- und Kindsmorde im Bruch, russisches Militärlager, eine dramatische Vergewaltigungs- und Zweikampfszene. Das sei alles „recht locker, skizzenhaft hingetupft, mit vielen kleinen Sprüngen und Leerstellen“, doch „sehr sorgsam durchgeplant und fugenfest gebaut“.Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 99, 100.

Sein grundsätzliches Lob einschränkend, merkt Mecklenburg an, die zeitbezogenen Motive sollten bei einer kritischen neuen Lektüre befragt werden: die „wohl männliche Phantasie des Erzählers“, sein erzählerischer Gerechtigkeitssinn bzw. Eigensinn, der „superbrüderliche Beschützer“, die „symbolische Zuweisung des Vergewaltigungsmotiv an einen kaputten Wehrmachtssoldaten in einer von Sowjettruppen besetzten Szenerie“.Norbert Mecklenburg: Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre. In: Uwe Johnson: Karsch, und andere Prosa. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, S. 101.

Anmerkungen

Kategorie:Erzählung Kategorie:Werk von Uwe Johnson Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert)