Die Hybridlärche (Larix × marschlinsii, Syn.: Larix × eurolepis) ist eine Hybride aus der Gattung der Lärchen (Larix) innerhalb der Familie der Kieferngewächse (Pinaceae). Sie geht aus der Kreuzung der Europäischen Lärche (Larix decidua) mit der Japanischen Lärche (Larix kaempferi) hervor. Die Hybride entsteht spontan, wo beide Elternarten in geringer Entfernung voneinander wachsen, wird heute aber überwiegend gezielt in Samenplantagen erzeugt.

Forstwirtschaftlich ist die Hybridlärche vor allem wegen ihres ausgeprägten Heterosis-Effekts von Interesse: Die erste Kreuzungsgeneration übertrifft beide Elternarten regelmäßig im Höhen- und Durchmesserwachstum und gilt als weniger anfällig gegenüber dem Lärchenkrebs. Die Hybridlärche wird daher seit den 1950er Jahren in Mittel- und Nordeuropa angebaut und im Zuge des Klimawandels verstärkt als Anbaualternative diskutiert.

Beschreibung Habitus mini|Herbstfärbung und Zapfen der Hybridlärche Die Hybridlärche ist ein sommergrüner Baum, der in seinem Erscheinungsbild zwischen den beiden Elternarten vermittelt. Die Angaben zur Wuchshöhe schwanken je nach Quelle und Standort zwischen etwa 30 und 50 Metern; der Brusthöhendurchmesser kann 1 Meter überschreiten. Die Krone ist unregelmäßig pyramidal bis schlank-kegelförmig und damit schmaler als bei der Japanischen Lärche, im Alter jedoch etwas ausladender als bei der Europäischen Lärche. Im geschlossenen Bestand bilden sich schmale, vergleichsweise astfreie Kronen aus.

Charakteristisch ist ihre hohe Jugendwüchsigkeit: In Feldversuchen erreichten die wüchsigsten Kreuzungen bereits im Alter von 20 Jahren mittlere Höhen von über 21 Metern bei einem Brusthöhendurchmesser von rund 23 Zentimetern. Zuwächse, die sonst nur von Douglasie und Küstentanne bekannt sind.Thomas Geburek, Silvio Schüler: Hybridlärche – eine „Baumart“ mit Potenzial. In: BFW-Praxisinformation 25, 2011, S. 14–16.

Wurzeln Wissenschaftliche Erkenntnisse zum Wurzelsystem sind noch rar. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Hybridlärche, wie ihre beiden Elternarten, ein Herzwurzelsystem aus flach streichenden Seitenwurzeln und tiefer reichenden Wurzelsträngen ausbildet. Daraus ergibt sich eine im Vergleich zur Gemeinen Fichte deutlich höhere Sturmfestigkeit.

Triebe und Borke Die Färbung der Jahrestriebe ist ein wichtiges, wenn auch nicht immer eindeutiges Merkmal. Sie liegt zwischen dem Gelblich der Europäischen und dem Rötlich der Japanischen Lärche und erscheint häufig hellbraun bis orangebraun. Die Behaarung der Triebe ist schwächer ausgeprägt als bei der Japanischen Lärche, die Wachsauflage der Knospen geringer.Larix × marschlinsii. In: Conifer Database, American Conifer Society. Die Borke entwickelt sich wie bei den Elternarten von anfangs glatt und graubraun zu einer tiefgefurchten, schuppigen Schuppenborke.

Nadeln Die Nadeln stehen zu vielen in rosettigen Büscheln an den Kurztrieben und einzeln schraubig an den Langtrieben. Sie sind weich, biegsam und werden im Herbst goldgelb bis orange, bevor sie abgeworfen werden. Gegenüber der Europäischen Lärche sind sie tendenziell länger und bläulicher, ähneln darin also der Japanischen Lärche; die Spaltöffnungsbänder bleiben jedoch, wie bei der Europäischen Lärche, auf die Nadelunterseite beschränkt.

Blüten Die Hybridlärche ist einhäusig getrenntgeschlechtig (monözisch) und windblütig. Die männlichen Blüten sind gelblich und hängen an unbenadelten Kurztrieben, die weiblichen stehen aufrecht und sind rosa bis rot gefärbt. Die Blütezeit liegt in Mitteleuropa im April und Mai.

Zapfen und Samen mini|Zapfen der Hybridlärche mit schwach nach außen gebogenen Samenschuppen Die aufrecht stehenden Zapfen sind in Größe und Form intermediär und erreichen häufig eine größere Länge als die der Japanischen Lärche. Die Samenschuppen sind an der Spitze schwach bis mäßig nach außen gebogen und stehen damit zwischen den stets anliegenden Schuppen der Europäischen und den deutlich aufgerollten Schuppen der Japanischen Lärche. Die Zapfen bleiben nach dem Ausfliegen der geflügelten Samen oft noch jahrelang am Baum.

Verwechslung mini|Junge Hybridlärche in Kvinnherad, Norwegen Die Hybridlärche ist sowohl mit der Europäischen als auch mit der Japanischen Lärche leicht zu verwechseln, da sie in nahezu allen Merkmalen eine Mittelstellung einnimmt. Erschwerend kommt hinzu, dass in der forstlichen Praxis vielfach Rückkreuzungen mit einer der beiden Elternarten sowie Folgegenerationen (F2 und später) im Umlauf sind, deren Merkmale noch stärker in Richtung einer Elternart streuen. Eine sichere Ansprache im Gelände ist daher in vielen Fällen nur über Zapfenmerkmale und auch dann nicht immer möglich. Zweifelsfreie Zuordnungen erfordern genetische Untersuchungen oder die Kenntnis der Herkunft des Vermehrungsgutes.

Ökologie Wie ihre Elternarten ist die Hybridlärche eine ausgesprochene Lichtbaumart mit Pioniercharakter. Sie reagiert empfindlich auf Überschirmung und seitliche Einengung der Krone; unter Schatten stellt sich zunächst Kümmerwuchs, später das Absterben ein.

Als Vorteil gegenüber den reinen Arten gelten eine breitere Standortsamplitude, eine höhere Toleranz gegenüber Nährstoff- und Wassermangel sowie gegenüber Luftschadstoffen. Als Ursache wird die gegenüber den Elternarten erhöhte genetische Vielfalt der Hybriden diskutiert.

Die Hybridlärche geht wie die Elternarten Ektomykorrhiza-Verbindungen ein, unter anderem mit lärchenspezifischen Röhrlingen wie dem Goldröhrling (Suillus grevillei) und dem Hohlfußröhrling (Suillus cavipes).

Systematik und Nomenklatur Die Namensgebung der Hybridlärche gilt als eines der bekannteren nomenklatorischen Streitfälle unter den mitteleuropäischen Forstbaumarten. Für dasselbe oder ein sehr ähnliches Taxon wurden innerhalb weniger Jahre drei Namen veröffentlicht.

Coaz 1917 Der eidgenössische Oberforstinspektor Johann Coaz beschrieb 1917 in der Schweizerischen Zeitschrift für Forstwesen Bäume, die aus Saatgut von Japanischen Lärchen im Forstgarten Tscharnerholz bei Murten gezogen und in der Waldung des Schlosses Marschlins (Gemeinde Igis, Graubünden) kultiviert worden waren. Nach dem Kulturort benannte er sie Larix × marschlinsii.Johann Coaz: Kulturversuch mit ausländischen Holzarten in der Waldung des Schlosses Marschlins, Gemeindegebiet von Igis, in Graubünden. In: Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen. Band 68, 1917, S. 1–14 (Name auf S. 12).

Coaz schloss aus der roten Färbung der weiblichen Blüten (die Japanische Lärche blüht weißlichgrün, die Europäische rot) auf Larix decidua als Pollenspender und erkundigte sich nach dem Vorkommen dieser Art am Erntestandort. Ihm wurde ein etwa 50 Meter entfernter sowie ein rund 400 Meter südwestlich gelegener, etwa hundertjähriger Bestand Europäischer Lärchen genannt.E. Charles Nelson: What is the correct name for the Dunkeld Hybrid Larch (Larix decidua × L. leptolepis)? In: Irish Forestry. Band 37, Nr. 2, 1980, S. 112–118.

Henry & Flood 1919 Unabhängig davon waren um 1900 auf dem Dunkeld Estate in Perthshire (Schottland) Sämlinge aufgefallen, die aus Saatgut Japanischer Lärchen in unmittelbarer Nachbarschaft Europäischer Lärchen stammten und deutlich rascher wuchsen als die Mutterbäume. Auf diese Möglichkeit hatte bereits Henry John Elwes 1906 in The Trees of Great Britain and Ireland hingewiesen. Augustine Henry und M. G. Flood legten 1919 eine ausführliche Untersuchung vor, in der sie den Hybridcharakter der Bäume begründeten und den Namen Larix × eurolepis einführten.Augustine Henry, M. G. Flood: The history of the Dunkeld hybrid larch, Larix eurolepis, with notes on other hybrid conifers. In: Proceedings of the Royal Irish Academy. Band 35 B, 1919, S. 55–66. Der Name setzt sich aus den damals gebräuchlichen Artnamen Larix europaea und Larix leptolepis zusammen.

Henry und Flood bezweifelten Coaz’ Elternschaftsdeutung. Unter Berufung auf den Forstinspektor Liechti in Morat hielten sie es für wahrscheinlicher, dass die Schweizer Bäume aus einer Kreuzung von Larix leptolepis mit der benachbart stehenden Sibirischen Lärche (Larix sibirica) hervorgegangen seien.

Prioritätsfrage Die Frage, welcher Name nach dem ICNafp zu verwenden ist, hängt an zwei Punkten: an der Gültigkeit der Erstveröffentlichung und an der Frage, ob Coaz’ Pflanzen tatsächlich dieselbe Elternkombination besitzen.

Henry las seine Arbeit am 23. Juni 1919 vor der Royal Irish Academy; die Publikation mit gültiger Beschreibung erschien jedoch erst am 25. September 1919. Bereits am 21. Juli 1919 hatte Alfred Rehder denselben Dunkeld-Hybriden anhand von Pflanzen des Arnold Arboretums als Larix × henryana beschrieben.Alfred Rehder: New species, varieties and combinations from the herbarium and the collections of the Arnold Arboretum. In: Journal of the Arnold Arboretum. Band 1, 1919, S. 44–60. E. Charles Nelson wies 1980 nach, dass Henrys frühere Erwähnungen in der Irish Times (24. Juni 1919) und in der Gardeners’ Chronicle (5. Juli 1919) keine gültige Diagnose enthielten, Larix × eurolepis also nicht prioritätsberechtigt ist. Nelson kam zu dem Schluss, dass Larix × henryana zu verwenden sei – es sei denn, die Elternschaft von Larix × marschlinsii lasse sich zweifelsfrei als decidua × kaempferi klären; dann hätte Coaz’ Name von 1917 Vorrang vor beiden.

E. G. Bobrov hatte diese Gleichsetzung 1972 bereits vollzogen und Larix × marschlinsii als korrekten Namen des Dunkeld-Hybriden geführt.E. G. Bobrov: Generis Larix Mill. historia et systematica. Komarov-Lesungen 25, 1972. Ostenfeld und Larsen hatten dagegen 1930 empfohlen, Coaz’ Angaben wegen der Unsicherheiten ganz unberücksichtigt zu lassen.

Heutige Handhabung Ein einheitlicher Gebrauch hat sich bis heute nicht durchgesetzt:

Dendrologische Datenbanken und die neuere Fachliteratur verwenden überwiegend Larix × marschlinsii Coaz mit Larix × eurolepis A. Henry als Synonym. Plants of the World Online (POWO) führt dagegen Larix × eurolepis A. Henry als akzeptierten Namen, mit Larix × henryana Rehder als Synonym, und behandelt Larix × marschlinsii Coaz als davon verschiedene Hybride mit der Elternkombination Larix decidua × Larix sibirica.Larix × eurolepis A. Henry und Larix × marschlinsii Coaz. In: Plants of the World Online. Royal Botanic Gardens, Kew. In der forstlichen Praxis, im Handel und in der Gesetzgebung zum forstlichen Vermehrungsgut ist Larix × eurolepis nach wie vor der gebräuchlichste Name.

Da Coaz’ Typusmaterial nicht auffindbar ist, ist eine abschließende Klärung durch Nachuntersuchung der Originalpflanzen bislang nicht möglich gewesen.

Vorkommen Die Hybridlärche kommt nicht natürlich vor, sondern ausschließlich in Kultur beziehungsweise spontan dort, wo beide Elternarten benachbart angebaut werden. Sie wird in weiten Teilen Mittel-, West- und Nordeuropas forstlich angebaut, mit Schwerpunkten in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Dänemark und Schweden; auch aus dem Baltikum sind alte Bestände dokumentiert.Heldur Sander, Alar Läänelaid: The Dunkeld larch (Larix × marschlinsii Coaz) in Estonia. In: Dendrobiology. Band 57, 2007, S. 73–80.

Standortkundlich gilt sie als anspruchsloser als beide Elternarten. Empfohlen wird der Anbau vorrangig außerhalb des natürlichen Verbreitungsgebietes der Europäischen Lärche und dort eher auf schlechten bis mittleren Standorten.

Krankheiten und Schädlinge Der wesentliche pathologische Vorzug der Hybridlärche ist ihre deutlich geringere Anfälligkeit gegenüber dem Lärchenkrebs (Lachnellula willkommii), der die Europäische Lärche besonders in tieferen, ozeanisch geprägten Lagen befällt. In älteren Darstellungen wird die Hybride teilweise als „resistent“ bezeichnet, die Versuchsergebnisse belegen jedoch eine verminderte Anfälligkeit, keine vollständige Immunität.

Nutzung Forstwirtschaftliche Bedeutung