mini|Treffen der Gruppe Die Gesellschaft für Menschenrechte (, kurz SDH) war eine französische republikanische und frühsozialistische Vereinigung mit jakobinischen Wurzeln. Sie ging während der Julirevolution von 1830 aus der Gesellschaft der Volksfreunde hervor und gehörte zur republikanischen Opposition gegen die Julimonarchie.
Die Gesellschaft spielte eine bedeutende Rolle beim Juniaufstand von 1832 in Paris und bei den republikanischen Unruhen während der Julimonarchie.
Ursprünge Die Gesellschaft ging aus der zuvor bestehenden Gesellschaft der Volksfreunde (; 1830–1832) hervor. Diese wurde bei einer Versammlung am 30. Juli 1830 gegründet. Bei der Versammlung entstand ein erster Entwurf des Manifests der Vereinigung. Sie fiel zeitlich mit der Veröffentlichung der bekannten Proclamation du duc d’Orléans durch Adolphe Thiers zusammen. Nachdem der Versuch gescheitert war, ihre Beschwerden mit den kommunalen Behörden zu erörtern, veröffentlichte die Gesellschaft ihr Manifest in der republikanischen Zeitung La Tribune des départements.
Nach der Veröffentlichung setzte die Gesellschaft ihre Tätigkeit fort und protestierte gegen die Krönung Louis-Philippes I. Sie hatte zunächst etwa 120 Mitglieder, gewann jedoch zunehmend an Zulauf und erreichte schließlich eine Mitgliederzahl von mehr als 300. Die Aufnahme beruhte entweder auf der öffentlichen Bekanntheit eines Bewerbers oder auf dessen Bekundung republikanischen Patriotismus. Bei einzelnen Reden sollen sich etwa 1500 Zuhörer versammelt haben. Anfangs beteiligten sich jedoch nur wenige Mitglieder aus der Arbeiterklasse.
Die Gesellschaft der Volksfreunde wurde im Dezember 1832 offiziell aufgelöst und die Gesellschaft für Menschenrechte wurde ihr Nachfolger. Bekannte Mitglieder wie Louis-Auguste Blanqui, Ulysse Trélat und weitere republikanische Politiker wurden in den gegen sie geführten Verfahren freigesprochen. Vor Gericht beklagte Blanqui die Unterdrückung von 30 Millionen arbeitenden Franzosen und bezeichnete seinen Stand als das Proletariat. Maßgeblich für die Orientierung der Gruppe waren die Ideen des Frühsozialisten Henri de Saint-Simon.
Organisation Die Gesellschaft für Menschenrechte war nach dem Vorbild der Carbonari organisiert. Sie bestand aus kleinen Gruppen mit jeweils weniger als 20 Mitgliedern. Die Gruppen erhielten Namen, die an die jakobinische Tradition und die Geschichte revolutionärer Bewegungen erinnerten, darunter „Washington“, „Buonarroti“, und „Tod den Tyrannen“. Die landesweit bestehende Organisation war in Gruppen von zehn bis höchstens 19 Mitgliedern gegliedert. Dadurch konnte sie eine gesetzliche Vorschrift umgehen, nach der Vereinigungen mit mehr als 20 Mitgliedern einer behördlichen Genehmigung bedurften. Das entsprechende Gesetz wurde im Februar 1834 verschärft. Die Gesellschaft gehörte zu den ersten Organisationen, die ihre Bildungsarbeit ausdrücklich auf die Arbeiterschaft ausdehnten.
In Paris bestanden 170 Gruppen mit insgesamt ungefähr 3000 Mitgliedern. Das Netzwerk erstreckte sich auch auf die französischen Provinzen. Polizeiberichten zufolge gehörten der Gesellschaft landesweit etwa 4000 Personen an. Das offizielle Publikationsorgan war die von Armand Marrast herausgegebene Zeitung La Tribune des départements. Sie veröffentlichte ausgesprochen revolutionäre Artikel, in denen König Louis-Philippe und seine Regierung häufig scharf angegriffen wurden.
Mitglieder und Grundsätze Dem Leitungskomitee der Gesellschaft gehörten Vertreter der radikalen Linken wie Audry de Puyraveau und Voyer d’Argenson sowie jüngere republikanische Aktivisten wie Éléonore-Louis Godefroi Cavaignac, Joseph Sobrier und Joseph Guinard an. Zu den gemäßigteren Mitgliedern wurden Antoine Richard du Cantal und der deutsche Schriftsteller Georg Büchner, der unter anderem das Dramenfragment Woyzeck verfasste, gezählt. Dieser gründete in Gießen und Darmstadt einen deutschsprachigen Ableger der Organisation.Georg Büchner Historisches Lexikon der Schweiz
Innerhalb der Vereinigung setzten sich bald die radikalen Kräfte durch. Am 22. Oktober 1833 veröffentlichten sie in der Zeitung La Tribune ein Manifest der Société des droits de l’homme. Darin forderten sie die Rückkehr zu einer Staatsordnung nach jakobinischen Grundsätzen. Zu den Forderungen gehörten eine strikte Trennung von Staat und Religion, eine führende Rolle des Staates in Wirtschaft und Bildung, eine starke Begrenzung des Privateigentums sowie die Verstaatlichung und planmäßige Steuerung der Wirtschaft. Aufstand und Revolution wurden als Mittel zur Verwirklichung dieser Ziele betrachtet.
Im Jahr 1834 verband der Rechtsanwalt und Gesellschaftsangehörige Jacques-Charles Dupont de l’Eure die drei Begriffe „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ miteinander. In der von ihm herausgegebenen Revue Républicaine schrieb er:„Jeder Mensch strebt nach Freiheit und Gleichheit, doch kann er sie nicht ohne die Unterstützung anderer Menschen, nicht ohne Brüderlichkeit erlangen.“
Aktivitäten Während der Beisetzung des Generals Jean Maximilien Lamarque kam es am 5. und 6. Juni 1832 in Paris zu Unruhen, an deren Organisation die Gesellschaft beteiligt war. Der als Juniaufstand von 1832 bekannt gewordene Aufstand wurde gewaltsam niedergeschlagen. Weitere Unruhen folgten 1834 in Paris und Lyon. Im April 1834 löste die Verabschiedung eines Gesetzes, das die Tätigkeit der republikanischen Gesellschaft für Menschenrechte durch die Begrenzung zulässiger Gruppengrößen einschränken sollte, schwere Auseinandersetzungen in Paris aus. Diese griffen auch auf Lyon über. Zur Niederschlagung der Erhebung sollen rund 13.000 Polizisten und Soldaten eingesetzt worden sein. Die Kämpfe dauerten vier Tage. In einem Haus in der Rue Transnonain, aus dem zuvor Schüsse abgegeben worden waren, töteten Soldaten sämtliche Bewohner.
Das Geschehen wurde von der unter der Leitung von Charles Philipon erscheinenden Zeitschrift La Caricature aufgegriffen. Besonders bekannt wurde die Lithografie Rue Transnonain, le 15 Avril 1834 des Zeichners Honoré Daumier. Die Polizei entdeckte einen Abzug im Schaufenster des Kunsthändlers Ernest Jean Aubert in der Galerie Véro-Dodat im 1. Arrondissement von Paris. Anschließend beschlagnahmte sie möglichst viele Exemplare sowie den ursprünglichen Lithografiestein. Die heute erhaltenen Abzüge entgingen dieser Beschlagnahmung.
Am 28. Juli 1835 versuchte das aus Korsika stammende Gesellschaftsmitglied Giuseppe Fieschi gemeinsam mit zwei Mitverschwörern, König Louis-Philippe I. zu ermorden. Die Attentäter verwendeten eine als „Höllenmaschine“ bezeichnete Konstruktion aus 20 miteinander verbundenen Gewehrläufen, die gleichzeitig abgefeuert wurden. Bei dem Anschlag starben 17 Menschen, der König überlebte jedoch. Fieschi wurde selbst verletzt und festgenommen. Nach seiner Genesung wurde er zum Tode verurteilt und mit der Guillotine hingerichtet.
Die folgende Repression zwang die republikanische Bewegung in den Untergrund. Louis-Auguste Blanqui stand an der Spitze von zwei nachfolgenden Geheimgesellschaften, der „Gesellschaft der Familien“ und der „Gesellschaft der Jahreszeiten“. Die „Gesellschaft der Familien“ wurde 1836 durch polizeiliche Infiltration zerschlagen. Als Blanqui 1837 aus dem Gefängnis entlassen wurde, gründete er sie unter dem Namen „Gesellschaft der Jahreszeiten“ neu, die eine bewährte Zellenstruktur nutze, um im Geheimen agieren zu können. Diese „Gesellschaft der Jahreszeiten“ beteiligte sich 1839 an einem gescheiterten Revolutionsversuch in Paris.
Bekannte Mitglieder Louis-Auguste Blanqui Armand Barbès Joseph Fieschi Antoine Richard du Cantal Audry de Puyraveau Voyer d’Argenson Godefroy Cavaignac Joseph Sobrier Joseph Guinard Georg Büchner
Rezeption Die „Freunde des ABC“ in dem 1862 erschienenen Roman Die Elenden von Victor Hugo gelten als eine fiktionale Darstellung der Gesellschaft.
Literatur
Einzelnachweise
Kategorie:Historische Organisation (Paris) Kategorie:Historische politische Organisation Kategorie:Geheimbund Kategorie:Julimonarchie Kategorie:Frühsozialismus Kategorie:Gegründet 1830 Kategorie:Aufgelöst 1834