mini|hochkant|Mounira El Mahdeya in den 1920er Jahren Mounira El Mahdeya, auch Monira Elmahdiyya, geboren als Zakiyya Hesin Mansur (; geb. 16. Mai 1885 in Al Mahdeya; gest. 12. März 1965 in Kairo), und auch bekannt unter dem Künstlernamen „Sultana al-Tarab“ („Königin des Tarab-Gesangs“), war eine ägyptische Sängerin und Schauspielerin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Sie war eine der wenigen arabischen Künstlerinnen, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg kommerzielle Tonaufnahmen veröffentlichen konnten, und galt in den 1920er Jahren als die führende ägyptische Sängerin.

Hintergrund Im neunzehnten Jahrhundert nannte man in Gesang, Tanz und Poesie ausgebildete Unterhaltungskünstlerinnen Almah (wörtlich: Ausgebildete, Pl.: ‘awālim), wobei diese ihren Gesang üblicherweise nur in privatem Rahmen für ein weibliches Publikum bzw. für männliche Zuhörer hinter einem Vorhang zu Gehör brachten. Im zwanzigsten Jahrhundert setzten zahlreiche Veränderungen für den Vortrag von Musik und Gesang ein: Öffentliche Lokale und Musiktheater erlaubten neue Auftrittsmöglichkeiten und Tonaufnahmen ließen die Grenzen zwischen Musik für Künstler und ein Publikum beider Geschlechter teilweise verschwinden. Diesen neuen Darbietungsformen entsprach auch ein Wandel von klassischer arabischer Kunstmusik hin zur leichteren populären Unterhaltungsmusik. Das Nachtleben in Kairo war besonders lebendig in den Straßen rund um den Garten von Esbekieh, einem der zentralen Bezirke der Hauptstadt. Zahlreiche Theater, Cabarets, Tanzsäle, Cafés und Salons boten Sängerinnen wie Mounira El Mahdeya Möglichkeiten, aus dem privaten Bereich herauszutreten und eine Karriere als erfolgreiche Künstlerin der arabischen Musikszene und des Theaters zu beginnen.

Leben und Karriere mini|549x549px|Mounira El Mahdeya in Männerkleidung Mounira El Mahdeya wurde am 16. Mai 1885 als Zakiyya Hesin Mansur in Al Mahdeya, einem Dorf bei Hihya im Gouvernement asch-Scharqiyya – bzw. nach anderen Quellen in Zagazig, der Hauptstadt des Gouvernements – in Ägypten geboren.Während mehrere Quellen 1885 als Geburtsjahr angeben, nennt die libanesische Amar Stiftung in ihrer Biografie 1884. Sie besuchte zunächst eine französische Nonnenschule in Alexandria und begann ab 1915 eine Karriere als Sängerin in Cafés und Musiktheatern im Esbekieh-Vergnügungsviertel in Kairo. Dort schloss sie sich dem Theater von Aziz Eid an, der dafür bekannt war, die Talente seiner Schauspieler zu fördern. Weiterhin trat sie im Ensemble des Sängers Salama Hegazi auf, und als dieser erkrankte, übernahm sie dessen Rolle als Mann verkleidet in dem Stück Salah al-Din al-Ayubi.

Mit wachsendem Erfolg übernahm sie Rollen für das populäre arabische Musikrepertoire ihrer Zeit sowie für arabische Adaptionen beliebter italienischer Opern. Sie interpretierte dabei auch männliche Rollen. So verkörperte sie 1927 Marcus Antonius in dem Stück Cleopatra an der Seite von Mohammed Abd El Wahab zu einer Zeit, in der nur Frauen aus den nicht-muslimischen Minderheiten auf der Bühne in Ägypten auftraten. Daher gilt sie als erste ägyptische Muslimin, die auf einer öffentlichen Bühne Theater spielte und auch ohne Hidschab auftrat.

Ihr Café mit dem Namen „Nuzhat al-Nufūs“ („Promenade der Seelen“) war vor dem Ersten Weltkrieg ein Treffpunkt von Intellektuellen, Künstlern und Geschäftsleuten und konnte 1914 weiter bestehen, obwohl die britische Protektoratsverwaltung alle ähnlichen Lokale geschlossen hatte. Von 1917 bis 1925 war sie die Inhaberin und künstlerische Leiterin der ersten von einer Frau geführten Musiktheatertruppe in Ägypten. Ihre Auftritte spiegelten die wachsende Popularität neuer und leichterer Liedformen wider, etwa der Taqtuqa, eines Genres, das von Erfahrungen der Frauen in Ägypten handelte und das sie für ein weibliches Publikum vortrug. Dank ihrer Gesangstechnik, die der einer Almah des 19. Jahrhunderts entsprach, beherrschte sie außerdem den Vortrag von dawr-Gesängen und Qasida-Dichtungen, die sie vor männlichem Publikum sang.

mini|Aldahre Kataâ Awsali („Das Schicksal hat mich auseinandergerissen“) von Mounira El Mahdeya El Mahdeya gilt als erste ägyptische Sängerin, deren Stimme auf einem Tonträger erschien. Ihre frühesten Aufnahmen wurden 1905 bis 1907 von den Schallplattenfirmen Zoophone und Odeon unter dem Künstlernamen Sett Monirah (Lady Monirah) veröffentlicht. Ab 1914 war sie bei der deutsch-libanesischen Firma Baidaphon unter Vertrag. Nach dem Ersten Weltkrieg unternahm sie eine Tournee in der arabischen Welt (Libanon, Irak, Syrien, Palästina, Libyen, Tunesien, Marokko), in der Türkei und dem Iran und trat mit ihrer eigenen Musikgruppe auf.

Ihre Popularität, die durch den Erfolg des Musikfilms La Coquette im Jahr 1935 verstärkt wurde, ermöglichte es ihr, Bewunderer aus verschiedenen sozialen Schichten und Ländern zu finden. Außerdem war sie für nationalistische Tendenzen in ihren Darbietungen bekannt, so dass ihr Theater als Ort der Freiheit bezeichnet wurde. Als „Sultana al-Tarab“ sang sie für Könige und Politiker, darunter am Nationalfeiertag der Türkei für den türkischen Präsidenten Mustafa Kemal Atatürk.

El Mahdeyas Karriere ging im Laufe der 1930er Jahre zu Ende und wurde von dem Erfolg der zwanzig Jahre jüngeren Umm Kulthum überschattet.Sherifa Zuhur, 2021, S. 36 Ein letztes Konzert im Jahr 1948 fiel mit dem Palästinakrieg zusammen und war ein Misserfolg. Danach zog sie sich bis auf vereinzelte Interviews in den Medien aus dem öffentlichen Leben zurück. Sie starb am 12. März 1965 im Alter von fast achtzig Jahren.

Filmografie

1935: El Ghandoura (La Coquette) mit Munira El Mahdeya und Ahmad Allam, Regie Mario Volpi

Diskografische Angaben Munira El Mahdeya – Golden Memories Vol. 1 (remastered), 2013 Munira El Mahdeya –The Best of Vol. 1 -–12, 2023

Auszeichnungen 1926: Auszeichnung für Exzellenz für Theatergesang, Ministerium für Öffentliche Aufgaben 1960: Großkreuz des ägyptischen Verdienstordens 1961: ägyptischer Nationaler Orden für Künste und Wissenschaft (Erster Klasse)

Rezeption Dreizehn Jahre nach ihrem Tod erschien 1978 unter der Regie von Hassan El-Emam der biografische Spielfilm Sultana al-Tarab, in dem El Mahdeya von Sharifa Fadel dargestellt wurde.Sherifa Zuhur, 2021, S. 38 Das 2021 erschienene Buch Midnight in Cairo. The Female Stars of Egypt’s Roaring ’20s von Rafael Cormack stellte El Mahdeya ausführlich als selbstbewusste und erfolgreiche Künstlerin vor dem Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in den 1920er Jahren dar. In seinem Artikel über die „Roaring Twenties in Cairo“ zitierte Cormack aus dem Tagebuch des britischen Schriftstellers C.R. Ashbee: Nachdem er 1917 eine Theateraufführung in einem Dorf in der Nähe von Kairo erlebt hatte, schrieb Ashbee: „Ich habe ein großartiges Erlebnis gehabt. Ich habe ein echtes Shakespeare-Volksdrama gesehen – eine Tragödie, wie sie vor 250 Jahren in Europa gespielt worden sein muss.“ Laut Cormack war die Hauptdarstellerin Mounira El Mahdeya, „die nicht nur das Publikum während des Stücks bezauberte, sondern danach zurückkehrte, um mehrere Lieder als Zugabe zu singen.“

In einem musikgeschichtlichen Artikel beschrieb der Arabist Frédéric Lagrange El Mahdeya als Beispiel für eine moderne, unabhängige Gesangskünstlerin, die sich durch ihren Erfolg von einer Almeh zu einer mutriba, also Sängerin, der populären arabischen Musik entwickelte. Weiterhin widmete die libanesische Amar-Stiftung mehrere Artikel und Podcasts auf Arabisch und Englisch dem Leben und Gesang von El Mahdeya. Die Islamwissenschaftlerin Sherifa Zuhur beschrieb in ihrem Werk Popular Dance and Music in Modern Egypt den kulturgeschichtlichen Hintergrund und die Karriere von El Mahdeya in einem Kapitel über die Entwicklung der ägyptischen Unterhaltungsindustrie von den Theatersälen hin zur Filmleinwand.

In der Ausstellung Divas. D'Oum Kalthoum à Dalida im Institut du monde arabe in Paris wurde El Mahdeya 2021 als frühes Beispiel für weibliche arabische Musikstars in den Jahren vor den späteren Erfolgen von Umm Kulthum, Warda, Asmahan und Fairuz dargestellt.

Für ihr 2022 erschienenes Album Nozhet El Nofous (Promenade der Seelen) verwendete die ägyptische experimentelle Musikerin Nancy Mounir ihre eigene Instrumentierung mit historischen Aufnahmen, darunter das Lied Baad El Esha („Spät am Abend“) von El Mahdeya. Eine Videocollage von Mounir mit dieser Bearbeitung wurde zuvor im Rahmen des Jazzfests Berlin im November 2021 aufgeführt.

Weblinks

Einzelnachweise

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