Arcitalitrus dorrieni ist eine Art der Flohkrebse (Amphipoda). Es handelt sich um eine vollständig an das Landleben angepasste, terrestrische Art der Amphipoda, die in ihrer Heimat in New South Wales, Australien, vor allem in feuchtem Laub bewaldeter Schluchten vorkommt. Die Art wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts als Neozoon nach Europa, vor allem nach Großbritannien, Irland und Frankreich, sowie auch nach Neuseeland eingeschleppt. Dabei wurden die Tiere wahrscheinlich unabsichtlich durch eingeführte Zierpflanzen und Erdballen eingeführt. Die Erstbeschreibung der Art stammt von den britischen Scilly-Inseln aus dem Jahr 1924, erst zehn Jahre später wurde ihre ursprüngliche Heimat in Australien identifiziert.

Die Tiere leben in feuchter Laubstreu und ernähren sich dort von abgestorbenem Pflanzenmaterial, das sie vergleichsweise rasch zersetzen können. Als terrestrische Art findet bei ihnen, anders als bei den meisten Flohkrebsen, der vollständige Lebenszyklus an Land statt und auch die Jungtiere werden, nachdem die Eier im Marsupium ausgebrütet wurden, in die Laubstreu entlassen.

Im englischen Sprachraum ist er als , or bekannt.

Merkmale Wie alle Arten der Gattung ist Arcitalitrus dorrieni ein großer Landflohkrebs, dessen Gnathopoden bei beiden Geschlechtern gleich ausgebildet sind.

thumb|Adultes weibliches Talitrus dorrieni (= heute Arcitalitrus dorrieni); Illustration aus der Erstbeschreibung von Hunt 1925 thumb|Verschiedene Körperanhänge von Talitrus dorrieni (= heute Arcitalitrus dorrieni); Illustration aus der Erstbeschreibung von Hunt 1925: 1) Maxillipeden 2) 1. Gnathopod 3) 2. Gnathopod 4) 1. Pereopod 5) 2. Pereopod 6) 3. Pereopod 7) 4. Pereopod 8) 5. Pereopod 9) 3. Uropod 10) Telson Die erste Antenne reicht mindestens bis zur Hälfte des letzten Stielglieds der zweiten Antenne. Am Maxilliped ist die Außenplatte bogenförmig und endet in einer zugespitzten Spitze mit einer Gruppe von Stacheln, der Palpus ist schlank, sein Seitenlappen schmal, und das vierte Segment liegt frei. Der erste Gnathopod besitzt eine einfache Klaue. Sein sechstes Glied ist lang und verjüngt sich zum Ende hin. Beim zweiten Gnathopoden ist die Klaue handschuhförmig ausgebildet und endet in einem spitzen apikalen Lappen. Die Oostegiten sind kurz und schmal und tragen nur wenige einfache, überwiegend distal angeordnete Borsten. Die vorderen und hinteren Kiemen sind deutlich größer als die übrigen. Die Kieme am sechsten Pereiopoden ist charakteristisch gänseförmig. Die ersten beiden Pleopoden sind zweiästig, der dritte Pleopod ist reduziert oder nur noch rudimentär ausgebildet. Von den Epimeralplatten ist die zweite am längsten und an der Unterseite abgerundet. Die dritte ist annähernd quadratisch und an ihrem unteren Rand konvex. Die ersten beiden Uropoden zeigen keinen Geschlechtsdimorphismus, ihre äußeren Äste besitzen keine Randstacheln. Der dritte Uropod ist klein, sein Ast sehr kurz und nur an der Spitze mit Stacheln besetzt. Das Telson ist ungeteilt und ganzrandig.

Mit Arcitalitrus moonpar wird A. dorrieni zur „Dorrieni“-Artengruppe zusammengefasst und der „Sylvaticus“-Artengruppe gegenübergestellt. Kennzeichnend für diese Gruppe sind ein zweites Epimeron, das länger als das dritte ist, eine annähernd rechtwinklige hintere untere Ecke des dritten Epimerons sowie ein ungeteiltes Telson. Das verlängerte zweite Epimeron und die annähernd rechtwinklige Ecke des dritten Epimerons sind jedoch Merkmale, die unabhängig davon auch bei Arcitalitrus bassianus auftreten. Artcharakteristisch für A. dorrieni sind die am Ende tief eingeschnittenen und deutlich gespaltenen Kiemen des sechsten Pereopoden. Der dritte Pleopod ist unverzweigt und am Stiel des dritten Uropoden sitzen zwei kräftige Borsten. Das ganzrandige Telson trägt mehr als zehn kräftige Borsten. Von der einzigen weiteren Art der „dorrieni“-Artengruppe unterscheidet sich Arcitalitrus dorrieni durch dicht beborstete Oostegiten, eine annähernd rechtwinklige hintere untere Ecke des dritten Epimerons, mehr als fünf Glieder in den Ästen der ersten beiden Pleopoden, das Fehlen von Ästen am dritten Pleopoden sowie durch mehr als zehn kräftige Borsten auf der Oberseite des Telsons.

Verbreitung Ursprüngliches Verbreitungsgebiet Arcitalitrus-Arten leben in der Regel in tropischen und subtropischen Wäldern. Arcitalitrus dorrieni kommt ursprünglich in Wäldern in New South Wales in Australien vor, insbesondere bei Blackheath in den Blue Mountains sowie am Cambewarra Mountain nahe Nowra. Das Australian Faunal Directory führt die Art darüber hinaus aus zahlreichen weiteren Regionen New South Wales’ und Queenslands und nennt feuchte bewaldete Schluchten als Lebensraum.

Einschleppung nach Großbritannien Arcitalitrus dorrieni wurde vermutlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit eingeführten Zierpflanzen aus Australien auf die Britischen Inseln eingeschleppt. Die ersten Nachweise stammen von den Scilly-Inseln aus dem Jahr 1924 und führten zur Erstbeschreibung der Art. Aus Irland stammen erste Nachweise aus dem Jahr 1936. Zunächst blieb die Art weitgehend auf die klimatisch milden Küstengebiete im Westen Großbritanniens und Irlands beschränkt, seit den 1990er Jahren wurde sie zunehmend auch weiter nördlich und östlich nachgewiesen. Als wichtigste Ursache dieser Ausbreitung gilt der Transport mit Topfpflanzen, Pflanzsubstraten und Gartenbaumaterial, daneben könnten klimatische Veränderungen und günstige Mikroklimate die Etablierung neuer Populationen begünstigt haben.

Ausbreitung in Frankreich Die Art hat sich mittlerweile auch in küstennahen Regionen im Westen von Frankreich verbreitet. Hier wurde Arcitalitrus dorrieni erstmals 2015 sicher im Département Finistère in der Bretagne nachgewiesen, frühere Angaben von den Îles Chausey gehen nach einer Überprüfung wahrscheinlich auf Fehlbestimmungen zurück. Die ersten Funde erfolgten 2015 und 2016 südlich von Quimper, wo die Art in der Laubstreu eines bewaldeten Hohlwegs in großer Zahl vorkam. In den folgenden Jahren wurde sie an zahlreichen weiteren Orten im Finistère sowie auf Bréhat, Belle-Île und in der Normandie nachgewiesen und bis 2020 war sie damit in weiten Teilen der Bretagne verbreitet und hatte im Norden die Küste der Normandie erreicht. Viele der frühen französischen Fundorte lagen in Gärten, botanischen Anlagen oder in der Nähe von Gärtnereien. Wahrscheinlich handelte es sich daher um eine passive Verbreitung durch den Handel und Austausch von Pflanzen und den Transport von Erde. Für den Botanischen Garten von Roscoff konnten Pflanzenlieferungen unter anderem aus dem Tresco Abbey Garden auf den Scilly-Inseln nachgewiesen werden, dem Ort des ersten bekannten Vorkommens der Art in Europa. Neben siedlungsnahen Standorten besiedelte die Art zunehmend auch naturnähere Lebensräume wie feuchte Laubwälder, bewachsene Hohlwege und Gräben. Gehölzbestandene Hohlwege innerhalb der bretonischen Bocage-Landschaft werden als besonders geeignete Lebensräume und mögliche Ausbreitungskorridore angesehen.

Seit 2020 hat sich das bekannte Verbreitungsgebiet entlang der französischen Atlantikküste nach Süden erweitert. Im Département Charente-Maritime wurde die Art 2023 auf der Île d’Oléron und in La Jarne nachgewiesen. Ebenfalls seit 2023 ist eine Population aus dem Jardin public in Bordeaux bekannt, wo lokal Dichten von mehreren hundert Individuen pro Quadratmeter festgestellt wurden. Ein bereits 2020 fotografiertes Vorkommen bei Saint-Jean-de-Luz im Département Pyrénées-Atlantiques wurde 2024 durch den Fund adulter und juveniler Tiere bestätigt. Damit reicht das bekannte französische Verbreitungsgebiet entlang der Atlantikküste mittlerweile bis nahe an die spanische Grenze. Auch die jüngeren Vorkommen stammen überwiegend aus mehr oder weniger anthropogen beeinflussten Lebensräumen. Besonders urbane und periurbane Gärten sowie botanische Anlagen können durch Bewässerung, Kompost und Bodenmulch die für die Art notwendige hohe Feuchtigkeit sowie Nahrung und Versteckmöglichkeiten bereitstellen. Die Ausbreitung in stärker kontinental geprägte Gebiete könnte dagegen durch die geringe Kältetoleranz der Art bislang begrenzt werden.

Weitere Ausbreitung im Pazifikraum Außerhalb Australiens wurde Arcitalitrus dorrieni auch im pazifischen Raum verschleppt. Harding und Sutton nennen unter Berufung auf Friend und Richardson (1986) Norfolk Island und Neuseeland ausdrücklich als Gebiete, in die die Art als Neozoon eingeführt wurde. Für Vanuatu liegen ebenfalls Nachweise vor. Noël et al. führen die Inselgruppe zusammen mit Neuseeland auf Grundlage von GBIF als Teil des bekannten pazifischen Verbreitungsgebiets an.

Lebensraum und Lebensweise Anders als die meisten Flohkrebse lebt Arcitalitrus dorrieni vollständig an Land. Die Tiere besiedeln vor allem die feuchte Laubstreu und die oberen Bodenschichten von Wäldern. Die Art ist stark auf ein feuchtes Mikroklima angewiesen: Unter experimentellen Bedingungen trat bereits bei einer relativen Luftfeuchtigkeit unter 95 bis 100 % Austrocknungsstress auf. Auch niedrige Temperaturen dürften die Ausbreitung der Art begrenzen. Die mittlere untere Temperaturtoleranz lag in Versuchen bei etwa 1,4 °C, keines der untersuchten Tiere überlebte Temperaturen unter 0 °C. Bereits frühere Versuche zeigten, dass A. dorrieni unter trockenen Bedingungen schneller Wasser verliert als die semiterrestrischen Flohkrebse Orchestia gammarellus und Talitrus saltator.

mini|hochkant|Arcitalitrus dorrieni in der Laubstreu Ernährung Arcitalitrus dorrieni ernährt sich von abgestorbenem Pflanzenmaterial. In einer Untersuchung in Südwest-Wales nahmen die Tiere bei Temperaturen zwischen 13 und 20 °C täglich Pflanzenmaterial in einer Menge von etwa 20 % ihres eigenen Körpergewichts auf, bei etwa 4 °C kam die Nahrungsaufnahme zum Erliegen. An einem untersuchten Laubwaldstandort wurde geschätzt, dass die dortige Population 25 bis 35 % des jährlichen Streueintrags verzehrte. Für einen Nadelwald im irischen County Galway ermittelten O’Hanlon und Bolger einen vergleichbaren Anteil von etwa einem Viertel des jährlichen Streueintrags. Sie folgerten daraus, dass die Art dort eine bedeutende Rolle beim Abbau der Streu sowie beim Mineralstoff- und Nährstoffumsatz spielen kann.

Populationsdichte und Fortpflanzung In dem untersuchten Laubwald in Südwest-Wales betrug die mittlere Populationsdichte 364 Individuen pro Quadratmeter, lokal wurden bis zu etwa 880 Tiere pro Quadratmeter gefunden. Die höchsten Dichten traten dort unter der Laubstreu der Steineiche (Quercus ilex) auf lockerem Boden auf. Die Tiere zeigen überwiegend einen dämmerungsgebundenen Aktivitätsrhythmus. In Versuchen konnten sie innerhalb einer Nacht offene Flächen von mindestens zwei Metern überwinden. Verschiedene einheimische wirbellose Prädatoren nahmen A. dorrieni als Beute an, Brey vermutete daher, dass Prädation die Ausbreitung der Art in Großbritannien verlangsamen könnte.

Die Fortpflanzungsbiologie wurde über 25 Monate an einem Laub- und einem Nadelwaldstandort bei Kylemore im irischen County Galway untersucht. Dort zeigte A. dorrieni einen einjährigen, univoltinen Fortpflanzungszyklus. Eiertragende Weibchen wurden während des gesamten Jahres gefunden. Die Entlassung der Jungtiere aus dem Marsupium begann überwiegend im Mai und Juni und die Fortpflanzungsaktivität erreichte im August und September ihren Höhepunkt. Die Lebensdauer der Tiere betrug etwa 20 bis 22 Monate. Die Weibchen trugen durchschnittlich 5,65 Eier; die Zahl der Eier hing unter anderem von der Größe des Weibchens, der Eigröße und dem Entwicklungsstadium der Brut ab.

Ökologische Auswirkungen