mini|John Thomas Gulick (1889) John Thomas Gulick (* 13. März 1832 in Waimea, Kauaʻi, Königreich Hawaiʻi; † 14. April 1923 in Honolulu, Hawaii-Territorium), auch als J. T. Gulick oder John T. Gulick zitiert, war ein US-amerikanischer Missionar und Naturforscher aus Hawaii. Er gehörte zu den Pionieren der modernen Evolutionstheorie und stützte seine Forschungen auf Untersuchungen hawaiischer Landschnecken der Gattung Achatinella. Er war einer der ersten Wissenschaftler, die die Artbildung durch die geografische Trennung sich fortpflanzender Populationen beschrieben. Darüber hinaus entwickelte er frühe Vorstellungen des Gründereffekts sowie dessen, was heute als Baldwin-Effekt bezeichnet wird. Zudem prägte er den Begriff der „divergenten Evolution“.

Leben Gulick war der Sohn des Missionars Peter Johnson Gulick (1796–1877) und dessen Ehefrau Fanny Gulick (1798–1883).

Bereits in jungen Jahren ging er nach Oregon und beteiligte sich während des Kalifornischen Goldrausches an der Goldsuche in Kalifornien. 1851 begann er, hawaiische Landschnecken zu sammeln und wissenschaftlich zu untersuchen. Für Schnecken – ein Forschungsgebiet, das heute als Conchologie bezeichnet wird – interessierte er sich bereits seit seiner frühen Jugend und entwickelte unabhängig davon eigene Vorstellungen über deren Evolution. Er erkannte, dass viele Schneckenarten ausschließlich in eng begrenzten Gebieten der Inseln vorkommen und sich ihre Verbreitungsgebiete nicht überschneiden.

1853, nachdem er Charles Darwins The Voyage of the Beagle sowie Hugh Millers The Footprints of the Creator gelesen hatte, hielt Gulick vor der Debattiergesellschaft der Punahou School einen Vortrag mit dem Titel The Distribution of Plants and Animals. 1855 schrieb er sich zunächst für ein Jahr an der New York University ein und wechselte anschließend an das Williams College in Massachusetts, wo er am Lyceum of Natural History studierte. 1859 wurde er zum Präsidenten des Lyceums gewählt und schloss sein Studium mit dem Grad eines Bachelor of Arts (A.B.) ab.

Anschließend folgte Gulick der Familientradition und begann 1859 eine theologische Ausbildung am Williams College. Noch im selben Jahr wechselte er an das Union Theological Seminary in New York City, an dem er bis 1861 studierte. Während dieser Zeit las er Darwins Über die Entstehung der Arten. Anschließend sammelte er Schnecken und Muscheln in Panama und Japan.

Am 22. August 1864 wurde Gulick als Missionar für China ordiniert, setzte jedoch gleichzeitig seine Forschungen an Schnecken fort. Am 3. September 1864 heiratete er Emily de la Cour.

1872 veröffentlichte er in der Zeitschrift Nature die Arbeit On the Variation of Species as Related to Their Geographical Distribution, Illustrated by the Achatinellinae. Im selben Jahr reiste er für zwei Jahre nach England. Während seines Aufenthalts stand er mit Charles Darwin über seine Forschungen in Briefkontakt. Schließlich traf er Darwin persönlich und übergab ihm eine Zusammenfassung einer bevorstehenden Veröffentlichung. Diese erschien 1873 unter dem Titel On Diversity of Evolution Under One Set of External Conditions im Journal of the Linnean Society of London, Zoology. Anschließend kehrte Gulick nach China zurück, wo er bis 1875 blieb.

Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau im Jahr 1875 zog Gulick nach Japan, um dort seine missionarische Tätigkeit fortzusetzen. Wie bereits in China widmete er sich neben seiner Arbeit als Missionar auch dem Studium der Schnecken. Am 31. Mai 1880 heiratete er Frances Amelia Stevens (1848–1928).

1888 reiste Gulick erneut nach London, wo seine Abhandlung Divergent Evolution Through Cumulative Segregation im Journal of the Linnean Society of London, Zoology veröffentlicht wurde. Dort traf er George Romanes, mit dem ihn eine enge wissenschaftliche Zusammenarbeit verband. Gemeinsam entwickelten sie Gulicks evolutionstheoretische Konzepte weiter.

1889 verlieh ihm das Adelbert College der Western Reserve University die akademischen Grade Master of Arts (A.M.) und Ph.D. 1891 erschien im Journal of the Linnean Society of London, Zoology eine weitere grundlegende Arbeit unter dem Titel Intensive Segregation, or Divergence Through Independent Transformation.

1899 zog Gulick nach Oberlin in Ohio. Dort weitete er seine Forschungen auf die gesellschaftliche Evolution des Menschen aus. Er vertrat die Auffassung, dass gesellschaftlicher Fortschritt auf altruistischen Motiven und dem Geist der Zusammenarbeit zwischen den Menschen beruhe. Diese These veröffentlichte er 1905 in der Arbeit Evolution, Racial and Habitudinal. Im selben Jahr verlieh ihm das Oberlin College die Ehrendoktorwürde.

Noch im Jahr 1905 kehrte Gulick nach Hawaii zurück und verkaufte seine umfangreiche Schneckensammlung an Charles Montague Cooke Jr., den neuen Kurator des Bishop Museum. Dort verbrachte er seine letzten Lebensjahre und starb am 14. April 1923 in Honolulu.

Gulick und seine zweite Ehefrau wurden auf dem Friedhof des Mission Houses Cemetery in Honolulu beigesetzt. Aus der zweiten Ehe gingen die beiden Kinder Addison und Louise (Gulick) Whitaker hervor.

Evolutionstheorien mini|Achatinella-Schnecken von Hawaii

1872 stellte Gulick als Erster die Theorie auf, dass ein Großteil der evolutionären Veränderungen auf zufälligen Variationen beruhe, die keinen Einfluss auf das Überleben oder den Fortpflanzungserfolg einer Art haben – ein Konzept, das heute als Gendrift bezeichnet wird. Zu dieser Schlussfolgerung gelangte er aufgrund seiner Untersuchungen der hawaiischen Landschnecken der Gattung Achatinella. Dabei stellte er fest, dass zahlreiche lokale Populationen trotz scheinbar identischer Umweltbedingungen erhebliche zufällige Unterschiede aufwiesen. Obwohl Gulick die Bedeutung zufälliger Faktoren für die Evolution hervorhob, war er zugleich ein überzeugter Anhänger von Darwins Theorie der natürlichen Selektion. Dies führte zu Meinungsverschiedenheiten mit Moritz Wagner und dessen „Migrationstheorie“ zur Entstehung der Arten.

1888 führte Gulick neue Begriffe für zwei beobachtbare Muster der Evolution ein. Den Begriff der monotypischen Evolution verwendete er für das, was zuvor als „Transformation“ bezeichnet worden war und heute als Anagenese bekannt ist. Demgegenüber prägte er den Begriff polytypische Evolution für den zuvor als „Diversifikation“ bezeichneten Prozess, der heute als Kladogenese verstanden wird. Darunter verstand er die gleichzeitige Aufspaltung von Populationen und die Entstehung neuer Arten. George Romanes übernahm diese Terminologie später für seine eigenen evolutionstheoretischen Arbeiten.

Später entwickelte Gulick allgemeine geographische Modelle der Artbildung und widersprach den weitergehenden Auffassungen Moritz Wagners, wonach die geographische Artbildung der einzige mögliche Mechanismus der Artentstehung sei.

Über Gulicks Arbeiten schrieb George Romanes:

„Seinen Abhandlungen über dieses Thema messe ich einen höheren Wert bei als jedem anderen Werk auf dem Gebiet des darwinistischen Denkens, das seit Darwins Tod erschienen ist.“

Kritik Gulick gab an, innerhalb von nur drei Jahren 44.500 hawaiische Landschnecken gesammelt zu haben. Ein Teil dieser Exemplare besitzt heute keinen wissenschaftlichen Wert mehr, da er ihre Fundorte nicht dokumentierte. Von zahlreichen der von ihm gesammelten Arten existieren heute keine bekannten Wildpopulationen mehr. Einige moderne Autoren machen Gulick sowie andere Sammler, darunter seinen ehemaligen Mitschüler David Dwight Baldwin, mitverantwortlich für das Aussterben zahlreicher endemischer hawaiischer Schneckenarten.

Veröffentlichungen

Literatur

Einzelnachweise

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