Baum der Nacht (Originaltitel: A Tree of Night) ist die letzte, titelgebende Episode innerhalb des Erzählbandes Baum der Nacht und andere Erzählungen von Truman Capote. Erstmals abgedruckt wurde der Text 1945 in Harper’s Bazaar.Thomas Fahy: A Tree of Night and Other Stories. In: Thomas Fahy: Understanding Truman Capote. University of South Carolina Press, Columbia SC 2014. ISBN 978-1-61117-341-3. S. 16–42. Hier S. 28. Kurzbeschreibung Die 19-jährige Kay will in einem Zug von der Beisetzung ihres Onkels heimfahren. Der Zug ist schmutzig und überfüllt. Kay findet in einem Abteil noch einen Platz bei einem grotesken Pärchen: dem taubstummen Lazarus und seiner gintrinkenden Begleiterin. Die Gintrinkerin bietet Kay Alkohol an, erzählt, Lazarus verdiene sein Geld damit, sich lebendig begraben zu lassen. Kay fühlt sich zunehmend bedrängt, kann sich gegen den Willen der Gintrinkerin nicht durchsetzen und scheitert sogar daran, einen Schaffner um Hilfe zu bitten. Lazarus’ Blick und seine Präsenz rufen in ihr eine alte, kindliche Angst hervor und erzeugen eine fast hypnotische Stimmung. Als man ihr einen angeblichen Liebeszauber-Talisman verkaufen will, flieht Kay auf eine Zug-Außenplattform, wird aber von Lazarus zurückgeholt und erklärt sich, um der Sache ein Ende zu machen, bereit, den angeblichen Liebeszauber-Talisman zu kaufen. Daraufhin wird sie mutmaßlich ohnmächtig. Die Gintrinkerin entwendet Kay deren Tasche und zieht den Regenmantel wie ein Leichentuch über Kays Kopf; das Ende bleibt offen und rätselhaft. Inhalt An einem späten Winternachmittag, Temperaturen um den Gefrierpunkt, wartet die mit einem Regenmantel bekleidete 19-jährige Kay an dem menschenleeren Bahnsteig auf ihren Zug, mit dem sie heimwärts fahren will, nach New Orleans. Sie kommt von dem Begräbnis eines Onkels, aus dessen Nachlass sie eine Gitarre bei sich trägt. Der Zug fährt ein, „müllgefüllt“,„garbage-filled“ – Fahy, A Tree of Night and Other Stories, S. 28. anscheinend alle Sitzplätze belegt, hinsichtlich der Innenausstattung eine „Reliquie“. Kay geht durch den Zug, sucht eine Sitzgelegenheit. „Es war nur noch ein Platz frei. Sie fand ihn am Ende des Wagens in einem abgeschlossenen Teil, der schon von einem Mann und einer Frau besetzt war. Sie saßen da und hatten ihre Füße lässig auf dem gegenüberliegenden freien Platz gestützt. Kay zögerte eine Sekunde“, fragt dann, ob sie sich setzen dürfe. Die Frau bejaht mit merklicher Gin-Fahne, und auch der Mann in dem grotesk-unheimlich wirkenden„grotesque“ – Hideki Fujita: The Encounter with the Nocturnal Side of the Psyche. Truman Capote’s „A Tree of Night“. In: Journal of the Faculties of Humanities, Jg. 36, 2002, , S. 141–147. Hier S. 141. (pdf).„uncanny“ – Fujita, The Encounter with the Nocturnal Side of the Psyche. Truman Capote’s „A Tree of Night“, S. 142. Pärchen verströmt keine Wohlgerüche: „die Parfümwolke, die ihn umgab, war ekelerregend“. Der Mann trägt den Künstlernamen Lazarus, und das Pärchen verdient sein Geld damit, dass er sich in einer Freak-Show lebendig begraben lässt, auf Plätzen neben Tankstellen beispielsweise, obgleich die Gintrinkerin dafür Friedhofe bevorzugen würde. „Ich brauch’ jemand, mit dem ich mal ‘n Wort reden kann“, bekundet die Frau unter Verweis auf ihren Begleiter, der taubstumm sei. Es entwickelt sich ein psychologisches Duell, in dem es Kay immer wider misslingt, sich den beiden „Schmarotzern“Wolfgang G. Müller: Capote, Truman. In: Bernd Engler, Kurt Müller (Hrsg.): Metzler-Lexikon amerikanischer Autoren. Metzler, Stuttgart 2000. ISBN 3-476-01654-4. S. 119–122. Hier S. 120. zu entziehen. Während der Zug durch die nächtliche „südliche Landschaft“ fährt, bietet die Trinkerin Kay zunächst etwas von dem Gin an. Kay entgegnet, dass sie keinen Alkohol trinke. „Ein gefährliches Lächeln verzerrt das Gesicht der Frau, und sie schielte entsetzlich: ‚Was is los? Bin Ihnen wohl nich gut genug?‘“, fragt die Gintrinkerin, die auch sonst im Gesprächsverlauf auf den Wohlstandsunterschied zwischen sich und Kay abhebt. „Kay sah, daß es keinen Sinn hatte, und so entschloß sie sich nachzugeben, um möglicherweise eine Szene zu vermeiden. Sie nippte und schüttelte sich. […] Und schnell, während die Frau nicht hinsah, kippte sie den Becherinhalt in das Schalloch der Gitarre.“ Im weiteren Gesprächsverlauf wird Kay die Gesellschaft des taubstummen Lazarus und der geschwätzigen Gintrinkerin immer unangenehmer. „Sie konnte die Frau keine Minute länger ertragen, genausowenig den Mann. Nie zuvor war sie in einer entfernt ähnlichen Situation gewesen“, gibt vor, sie hätte einen Freund versprochen, sich im Zug mit ihm zu treffen, doch die Gintrinkerin packt sie mit „einer kaum wahrnehmbaren Schnelligkeit“ am Handgelenk: „Hat Ihre Mama Ihnen nich immer gesagt, daß es Sünde ist, wenn man lügt?“ Auch hier setzt Kay ihren Willen nicht durch: „Von Angst ergriffen, ist Kay nicht in der Lage, entschlossen zu handeln“.„Stricken by fear, Kay is unable to act decisively“ – Robert Emmet Long: Tree of Night. In: Robert Emmet Long: Truman Capote, Enfant Terrible. Bloomsbury Academic & Professional, New York NY 2014. ISBN 978-0-8264-2763-2. S. 16–19. Hier S. 18. Hilfe erhofft sie von außen: „Sie entschloß sich, den Schaffner zu bitten, einen andern Platz für sie zu suchen. Aber als er dann da war und ihre Fahrkarte nahm, kam die Frage nur stotternd und unzusammenhängend von ihren Lippen“, der Schaffner versteht sie nicht, und als er nachfragt, sagt Kay: „Ach nichts“.
Im weiteren Verlauf des Gesprächs schildert die Gintrinkerin genauer, womit das Pärchen sein Geld verdient. „Man sollte denken, daß er dabei ersticken muß“, meint Kay über Lazarus, der in „was Ähnlichem“ wie einem Sarg begraben wird. „Doch wenn der Mann den Tod durch eine Art Selbsthypnose vortäuschen kann, könnte er dann nicht auch eine hypnotische Wirkung auf Kay haben? Sein Blick löst in ihr ein Gefühl von Unbehagen aus, dennoch kann sie den Blick nicht von ihm abwenden. Er ruft in ihr ein Gefühl absoluten Abscheus hervor“,„Yet if the man can mimic death by some kind of self-hypnosis, may he not also have a hypnotic effect on Kay? The way he looks at her makes her feel squeamish, yet she cannot take her eyes off him. He induces in her a feeling of absolute loathing“ – Long, Tree of Night, S. 18. die pointenlose Geschwätzigkeit der Gintrinkerin „eine ruhige, hypnotische Trance“.„a calm, hypnotic trance“ – Fujita, The Encounter with the Nocturnal Side of the Psyche. Truman Capote’s „A Tree of Night“, S. 146. Relativ untermittelt nimmt Lazarus dann „etwas aus seiner Tasche, was so aussah wie ein hübsch lackierter Pfirsichkern“ und das die Gintrinkerin Kay als „Liebeszauber“ verkaufen will, woraufhin Kay entgegnet „Ein Talisman hat mir noch immer Unglück gebracht“, und ihrerseits unvermittelt aufsteht und in den Gang entkommt, von dort auf eine Außenplattform des Wagons. Vergeblich versucht die aufgewühlte Kay, eine Zigarette anzuzünden; es misslingt. „Sie schlug mit den Fäusten gegen die Wand und fing leise an zu wimmern wie ein reizbares Kind. Von der übermäßigen Kälte bekam sie Kopfschmerzen, und sie sehnt sich danach, in das warme Abteil zurückzukehren“, wo sie bei dem Pärchen abgesehen von ihrer Tasche all ihre Sachen zurückgelassen hat. Sie ergeht sich in Selbstgespräche, in denen sie sich ihr Alter und ihr Studium bestätigt und den Bundesstaat, den der Zug gerade durchfährt. Außerdem betont sie mehrmals, dass sie „ihn“ hasst. „Sie hielt inne und schämte sich ihrer Torheit, und sie war zu müde, um der Wahrheit auszuweichen: Sie hatte Angst.“ Lazarus tritt zu ihr auf die Plattform. „Er stand da in stummer Ergebenheit, mit geneigtem Kopf und schlaff herunterhängenden Armen. Während sie in sein harmlos leeres Gesicht starrte, das vom Lampenlicht strahlend hell war, wußte Kay plötzlich, weshalb sie Angst hatte: Es war eine Erinnerung, eine Kindheitserinnerung an Schrecken, die einst vor langer Zeit über ihr geschwebt hatten, wie das mit Geistern bevölkerte Geäst des Baumes der Nacht. […] Der Mann nickte und zeigte mit der Hand zur Tür. Kay holte tief Luft und schritt vorwärts. Sie gingen zusammen hinein“, wo die Gintrinkerin ihnen keine Beachtung schenkt. Kay erklärt, „wenn das alles ist – alles, was sie wollen“ – werde sie den Liebeszauber-Talisman kaufen. „Die Frau gab keine Antwort. Sie lächelte teilnahmslos und wandte sich dem Mann zu. Als Kay ihn ansah, schien sein Gesicht sich zu verändern, es wich vor ihr zurück, als tauchte ein Felsen wie der Mond im Wasser unter. Eine behagliche Trägheit löste die Spannung in ihr ab. Ganz dunkel nahm sie noch wahr, wie die Frau ihr die Tasche fortnahm und den Regenmantel sanft wie ein Leichentuch über den Kopf zog“, womit die Erzählung endet. „Was genau am Ende mit Kay geschieht, bleibt offen, was die Rätselhaftigkeit noch verstärkt.“„Exactly what does happen to Kay at the end is left open, increasing the mystery“ – Long, Tree of Night, S. 19. Textanalyse Bei Baum der Nacht handelt es sich um eine personal erzählte Mischung aus Schauergeschichte und „scharf beobachtetem Realismus“.„a Gothic fiction that coexists with a sharply observed realism“ – Long, Tree of Night, S. 19. Ort ist ein Zug der Southern Railway, gegen Ende der Handlung auf der Strecke zwischen Alabama und Atlanta, sowie zuvor eine Bahnstation an der Strecke. Zeitlich lässt sich die Handlung durch die ausdrückliche Nennung von Tankstellen zumindest auf das 20. Jahrhundert eingrenzen. Themen In der Sekundärliteratur wird die „seltsame Nachtreise“ von Kay,„Kay's weird night journey“ – Fujita, The Encounter with the Nocturnal Side of the Psyche. Truman Capote’s „A Tree of Night“, S. 143. die ähnlich der Witwe Miller in Capotes Miriam „das Opfer von mysteriösen, völlig unvorhersehbar in ihrem Leben auftauchenden Fremden“ wird,„victimized by mysterious strangers who make wholly unpredictable appearances in their lives“ – Long, Tree of Night, S. 16. von dem US-Literaturkritiker Robert Emmet Long (1934–2016) auch als völlige „Auslöschung der eigenen Identität“ gedeutet:„the extinction of her identity seems complete“ – Long, Tree of Night, S. 19. Kay besteigt in einem Bahnhof, der als „ausgestorben“ beschrieben wird, bei Tageslicht einen unwirklich erscheinenden Zug mit unheimlichen Mitreisenden, die Nacht kommt, die Begegnung wird zu einem „schockierenden und erschütternden Erlebnis“, das die Grundfesten ihrer vertrauten Realität ins Wanken bringt, so ähnlich wie für Mrs. Miller in Miriam und Vincent Waters in Capotes Ohne Ziel: „Es deutet sich an, dass der mysteriöse Fremde eng mit etwas verbunden ist, das die Protagonistin tief in sich trägt“, so der Literaturwissenschaftler Hideki Fujita (Universität Toyama),„the motif of the encounter of the protagonist with a mysterious stranger. For the protagonist, the encounter is a shocking and disruptive experience which shakes the foundation of his/her familiar reality. And there is a suggestion that the mysterious stranger is closely associated with something that the protagonist harbors deep within him/herself“ – Fujita, The Encounter with the Nocturnal Side of the Psyche. Truman Capote’s „A Tree of Night“, S. 141. den Kays Zugfahrt an einen „Abstieg in die Unterwelt“ erinnert:„an experience reminiscent of the descent into the underworld“ – Fujita, The Encounter with the Nocturnal Side of the Psyche. Truman Capote’s „A Tree of Night“, S. 143. Kay erliegt „einem symbolischen Tod“, der die Deutung ihrer Reise „als metaphorischen Initiationsübergang nahelegt.“„Kay goes through a symbolic death, an experience which suggests her journey as a metaphoric initiatory transition“ – Fujita, The Encounter with the Nocturnal Side of the Psyche. Truman Capote’s „A Tree of Night“, S. 141. Am Ende bleibt in den Augen von Long die Frage offen: Sind die Gintrinkerin und Lazarus „Diebe oder seelenraubende Teufel?“„Are the couple thieves, or are they soul-snatching devils?“ – Long, Tree of Night, S. 19. Figuren