K. Anders Ericsson (vollständiger Name Karl Anders Ericsson; * 23. Oktober 1947; † 17. Juni 2020) war ein schwedischer Psychologe und Hochschullehrer. Er war Professor für Psychologie an der Florida State University, wo er eine nach Edward Conradi benannte Stiftungsprofessur innehatte. Seine Forschung befasste sich mit den Voraussetzungen und der Entwicklung herausragender Expertenleistungen sowie mit dem Erwerb von Expertise.

Zu Ericssons wichtigsten Forschungsbeiträgen zählen seine Arbeiten zum zielgerichteten Üben (englisch deliberate practice), zur Protokollanalyse und zum Konzept des Langzeitarbeitsgedächtnisses. Er untersuchte Expertenleistungen unter anderem in Musik, Sport, Medizin und Schach. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde seine Forschung durch Malcolm Gladwells sogenannte 10.000-Stunden-Regel bekannt, die Gladwell aus Ericssons Arbeiten ableitete. Ericsson kritisierte diese Interpretation später als vereinfachende Darstellung seiner Forschung.

Leben und Wirken

Nach seiner Promotion in Psychologie an der Universität Stockholm im Jahr 1976 arbeitete Ericsson von 1977 bis 1980 als Postdoktorand an der Carnegie Mellon University. Dort begann seine Zusammenarbeit mit Herbert A. Simon zur Untersuchung verbaler Berichte über Denkprozesse, aus der gemeinsame Arbeiten zur Protokollanalyse hervorgingen. Anschließend war Ericsson an der University of Colorado Boulder tätig. Von 1987 bis 1989 verbrachte er einen Forschungsaufenthalt am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Im Jahr 1992 wechselte er an die Florida State University, wo er bis zu seinem Tod als Professor für Psychologie tätig war und den nach Edward Conradi benannten Dr. Edward Conradi Eminent Scholar Chair of Psychology innehatte.

Ein Schwerpunkt von Ericssons Forschung war die Entwicklung außergewöhnlicher Gedächtnisleistungen durch systematisches Training. Gemeinsam mit William G. Chase und Steve Faloon untersuchte er, wie sich die Gedächtnisleistung durch wiederholtes Üben steigern lässt. In einer Studie erhöhte ein Proband seine Zahlengedächtnisspanne im Verlauf von mehr als 230 Übungsstunden von sieben auf 79 Ziffern. Auf dieser und weiteren Untersuchungen aufbauend entwickelten Ericsson und Chase die Theorie des Skilled Memory („trainiertes Gedächtnis“), nach der außergewöhnliche Gedächtnisleistungen auf erlernten Strategien zur Organisation und zum Abruf von Informationen beruhen.

Zusammen mit Herbert A. Simon untersuchte Ericsson außerdem, unter welchen Bedingungen verbale Äußerungen von Versuchspersonen als Daten zur Analyse von Denkprozessen herangezogen werden können. Diese Arbeiten mündeten 1984 in das Buch Protocol Analysis: Verbal Reports as Data, das 1993 in einer überarbeiteten Ausgabe erschien. Gemeinsam mit Walter Kintsch entwickelte Ericsson 1995 das Konzept des Langzeitarbeitsgedächtnisses (englisch long-term working memory). Es beschreibt, wie Fachleute Informationen im Langzeitgedächtnis strukturieren und über geeignete Abrufhinweise schnell verfügbar machen können, um sie in laufenden Denk- und Problemlöseprozessen zu nutzen.

Einen weiteren Schwerpunkt seiner Forschung bildete die Entwicklung von Expertise. Gemeinsam mit Ralf Th. Krampe und Clemens Tesch-Römer veröffentlichte Ericsson 1993 den Aufsatz The Role of Deliberate Practice in the Acquisition of Expert Performance. Darin untersuchten die Autoren unter anderem Violinisten unterschiedlicher Leistungsgruppen sowie Pianisten. Die leistungsstärkeren Musiker berichteten im Durchschnitt über einen größeren Umfang zielgerichteten Übens (englisch deliberate practice) als weniger leistungsstarke Vergleichsgruppen. Auf dieser Grundlage entwickelten die Autoren einen theoretischen Ansatz zur Bedeutung langfristiger, strukturierter Übung für den Erwerb außergewöhnlicher Leistungen.

Ericsson verstand unter deliberate practice hoch strukturierte Übungsaktivitäten, die gezielt auf die Verbesserung bestimmter Leistungsaspekte ausgerichtet sind und Konzentration, Wiederholung sowie Rückmeldung einschließen. In späteren Arbeiten untersuchte er die Bedeutung dieses Übungsansatzes auch in weiteren Leistungsbereichen wie Sport, Medizin und Schach. Breitere Bekanntheit erlangte seine Forschung durch Malcolm Gladwells Buch Outliers: The Story of Success aus dem Jahr 2008, das sie in Form der sogenannten 10.000-Stunden-Regel popularisierte. Ericsson betonte später jedoch, dass 10.000 Stunden weder eine allgemeingültige Schwelle noch eine Erfolgsgarantie darstellten und dass sich die in seiner Forschung untersuchten Formen zielgerichteten Übens nicht mit der bloßen Dauer einer Tätigkeit gleichsetzen ließen.

Zu Ericssons Herausgeberwerken zur Expertiseforschung zählten der gemeinsam mit Jacqui Smith herausgegebene Sammelband Toward a General Theory of Expertise: Prospects and Limits von 1991, The Road to Excellence: The Acquisition of Expert Performance in the Arts and Sciences, Sports and Games von 1996 sowie das gemeinsam mit Janet L. Starkes herausgegebene Werk Expert Performance in Sports: Advances in Research on Sport Expertise von 2003. Zusammen mit Neil Charness, Paul J. Feltovich und Robert R. Hoffman gab Ericsson 2006 die erste Auflage des Cambridge Handbook of Expertise and Expert Performance heraus, das Beiträge zur Expertise und Expertenleistung aus unterschiedlichen Forschungsfeldern versammelte.

Im Jahr 2016 veröffentlichte Ericsson gemeinsam mit dem Wissenschaftsautor Robert Pool das Buch Peak: Secrets from the New Science of Expertise, in dem die Autoren Ericssons Forschung für ein allgemeines Publikum aufbereiteten. Zwei Jahre später erschien eine erweiterte und aktualisierte zweite Auflage des Cambridge Handbook of Expertise and Expert Performance, die Ericsson gemeinsam mit Robert R. Hoffman, Aaron Kozbelt und A. Mark Williams herausgab.

Ericsson wurde 1997 Fellow der Division 3 der American Psychological Association. Im Jahr 2006 wurde er außerdem Fellow der Association for Psychological Science.

Rezeption und Kritik

Ericssons Konzept des zielgerichteten Übens (englisch deliberate practice) wurde in der psychologischen Forschung vielfach aufgegriffen und empirisch überprüft. Eine Metaanalyse von Brooke N. Macnamara, David Z. Hambrick und Frederick L. Oswald aus dem Jahr 2014 bestätigte einen Zusammenhang zwischen zielgerichtetem Üben und Leistungsniveau. Sie kam jedoch zu dem Ergebnis, dass zielgerichtetes Üben je nach Leistungsbereich zwischen weniger als einem Prozent und 26 Prozent der Leistungsunterschiede erklärte.

Eine Replikationsstudie von Macnamara und Megha Maitra mit Violinisten aus dem Jahr 2019 konnte den in der ursprünglichen Untersuchung von 1993 berichteten Zusammenhang zwischen dem Umfang zielgerichteten Übens und dem Leistungsniveau nicht in gleicher Stärke bestätigen. Zwar zeigte sich weiterhin ein Zusammenhang, dessen Effekt fiel jedoch deutlich geringer aus.

Ericsson und Kyle W. Harwell wandten gegen solche Schlussfolgerungen ein, zahlreiche kritische Untersuchungen hätten einen weiter gefassten Übungsbegriff verwendet und Aktivitäten einbezogen, die nicht der ursprünglichen Definition des zielgerichteten Übens entsprächen. Die Bedeutung und der Erklärungsumfang zielgerichteten Übens sind weiterhin Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion.

Veröffentlichungen (Auswahl)

K. Anders Ericsson, William G. Chase, Steve Faloon: Acquisition of a Memory Skill. In: Science. Band 208, Nr. 4448, 1980, S. 1181–1182, doi:10.1126/science.7375930. K. Anders Ericsson, Herbert A. Simon: Protocol Analysis: Verbal Reports as Data. MIT Press, Cambridge, Massachusetts 1984, ISBN 0-262-05029-3. K. Anders Ericsson, Jacqui Smith (Hrsg.): Toward a General Theory of Expertise: Prospects and Limits. Cambridge University Press, Cambridge 1991, ISBN 978-0-521-40470-9. K. Anders Ericsson, Ralf Th. Krampe, Clemens Tesch-Römer: The Role of Deliberate Practice in the Acquisition of Expert Performance. In: Psychological Review. Band 100, Nr. 3, 1993, S. 363–406, doi:10.1037/0033-295X.100.3.363. K. Anders Ericsson, Walter Kintsch: Long-Term Working Memory. In: Psychological Review. Band 102, Nr. 2, 1995, S. 211–245, doi:10.1037/0033-295X.102.2.211, PMID 7740089. K. Anders Ericsson (Hrsg.): The Road to Excellence: The Acquisition of Expert Performance in the Arts and Sciences, Sports and Games. Lawrence Erlbaum Associates, Mahwah, New Jersey 1996. Janet L. Starkes, K. Anders Ericsson (Hrsg.): Expert Performance in Sports: Advances in Research on Sport Expertise. Human Kinetics, Champaign, Illinois 2003, ISBN 978-0-7360-4152-2. K. Anders Ericsson, Neil Charness, Paul J. Feltovich, Robert R. Hoffman (Hrsg.): The Cambridge Handbook of Expertise and Expert Performance. Cambridge University Press, Cambridge 2006, ISBN 978-0-521-84097-2, doi:10.1017/CBO9780511816796. K. Anders Ericsson, Roy W. Roring, Kiruthiga Nandagopal: Giftedness and Evidence for Reproducibly Superior Performance: An Account Based on the Expert-Performance Framework. In: High Ability Studies. Band 18, Nr. 1, 2007, S. 3–56, doi:10.1080/13598130701350593. K. Anders Ericsson, Michael J. Prietula, Edward T. Cokely: The Making of an Expert. In: Harvard Business Review. Band 85, Nr. 7–8, 2007, S. 114–121 und 193, PMID 17642130. K. Anders Ericsson, Robert Pool: Peak: Secrets from the New Science of Expertise. Houghton Mifflin Harcourt, Boston 2016, ISBN 978-0-544-45623-5. K. Anders Ericsson, Robert R. Hoffman, Aaron Kozbelt, A. Mark Williams (Hrsg.): The Cambridge Handbook of Expertise and Expert Performance. 2. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge 2018, ISBN 978-1-107-13755-4, doi:10.1017/9781316480748.

Einzelnachweise

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