Blindflug (original Blindsight, deutsch Blindsicht) ist ein Science-Fiction-Roman des kanadischen Schriftstellers Peter Watts. Die englische Ausgabe wurde im Jahr 2006 von Tor Books veröffentlicht. Die deutsche Ausgabe wurde im Jahr 2008 vom Heyne Verlag veröffentlicht. Die Übersetzung stammt von Sara Riffel. Der Roman beschreibt den Erstkontakt mit einer außerirdischen Zivilisation, denen das Phänomen des Bewusstseins vollkommen fremd ist. Peter Watts ist promovierter Biologe und fragte sich, welche evolutionären Gründe und Vorteile die Entwicklung eines Bewusstseins habe. Aus den Überlegungen und vor allem der Erkenntnis von Nachteilen entstand der Roman. Echopraxia, eine zeitgleich spielende Fortsetzung zu Blindflug, wurde im Jahr 2014 mit deutscher Übersetzung im Jahr 2015 veröffentlicht.
Handlung Am 13. Februar 2082 kommt es vollkommen unerwartet zu einem erschreckenden Ereignis, später Firefall genannt: 65.536 außerirdische Raumsonden, später Fireflies genannt, treten in einem die ganze Erde umspannenden und perfekt geordneten Gitter in ihre Atmosphäre ein, geben dort starke elektromagnetische Signale ab und verglühen daraufhin vollständig. Da absolut nichts über deren Herkunft oder Intention bekannt ist, kehrt trotz des Ausmaßes schnell wieder Normalität ein. Vermutet wird jedoch, dass lediglich die Erde kartographiert wurde und keine bösartige Absicht bestand, etwa da die Raumsonden nicht mit Antimaterie oder dergleichen beladen waren. Kurz darauf empfängt eine menschliche Raumsonde zur Kometensuche jedoch Radioübertragungen eines Objektes, genannt Burns-Caulfield, jenseits des Neptun. Gesendet werden diese in Richtung einer unbekannten Position. Drei Missionen zu Burns-Caulfield werden geplant: Ein erster Schwarm an Raumsonden soll zunächst nur vorbeifliegen, ein weiterer Schwarm genauere Untersuchungen anstellen und schließlich ein besetztes Raumschiff, genannt Theseus, einen möglichen Erstkontakt mit den Außerirdischen herstellen. Während des Anfluges der Theseus führen die Radaruntersuchungen des zweiten Schwarms jedoch zur Selbstzerstörung von Burns-Caulfield, woraufhin die Theseus zum inzwischen ermittelten Ziel der Radioübertragungen umgeleitet wird, einem bisher unentdeckten braunen Zwerg, genannt Big Ben, in der Oortschen Wolke.
An Bord der Theseus reisen sechs Menschen, von denen einige über eine einzigartige Eigenart ihres Gehirns verfügen: Protagonist und Erzähler Siri Keeton, dem als Kind zur Behandlung von Epilepsie durch eine Hemisphärektomie eine Gehirnhälfte entfernt wurde, verfügt seitdem über einen künstlichen Ersatz und dient als Synthesist der Kommunikation mit der Erde. Major Amanda Bates kontrolliert mit ihrem Gehirn einen Schwarm an Robotern und soll im Ernstfall für Verteidigung sorgen. Biologe Isaac Szpindel soll die Außerirdischen studieren. Jukka Sarasti gehört einer genetisch wiedererweckten Art an fiktiven Räubern aus dem Pleistozän an, genannt Vampire, und verfügt über eine stark gesteigerte Intelligenz. „Die Gang“ bezeichnet die künstlich erzeugten vier verschiedenen Persönlichkeiten Susan James, Michelle, Sascha und Cruncher im Körper einer einzigen Frau (ursprünglich nur die erste Persönlichkeit), die vor allem der Kommunikation mit den Außerirdischen dienen sollen. Biologe Robert Cunningham dient als Ersatz, kann sich mit Computern verbinden und Informationen und Sinneseindrücke verarbeiten. „Der Kapitän“ ist zudem eine künstliche Intelligenz an Bord.
Als die Theseus bei Big Ben ankommt wird ein weiteres Objekt in dessen Orbit entdeckt. Eine erste Kontaktaufnahme gelingt. Rorschach, wie es sich selbst nennt, antwortet tatsächlich in menschlicher Sprache, die wohl von den Fireflies auf der Erde ermittelt wurde. Bei den folgenden Gesprächen bleiben die Antworten von Rorschach, etwa bei einsichtsvollen Fragen über Kultur, oberflächlich und viel zu generisch. Schließlich beginnt sich die Besatzung zu wundern, ob Rorschach überhaupt von Außerirdischen besetzt ist oder nur eine künstliche Intelligenz antwortet, da sich zunehmend herausstellt, dass Rorschach weder Inhalt noch Kontext der Fragen wirklich versteht. Dabei wird das philosophische Gedankenexperiment des chinesischen Zimmers diskutiert, welches veranschaulicht, dass die bloße Ausführung eines Programms kein Anzeichen für Bewusstsein ist. Zudem fragt sich die Besatzung, warum sich die Außerirdischen vor Menschen zu verstecken scheinen. Bei darauf folgenden Exkursionen ins Innere von Rorschach werden tatsächlich keine Außerirdischen gefunden, jedoch treten seltsame Phänomene auf: Ein starkes Magnetfeld scheint für Halluzinationen zu sorgen, da es zu wirren Ausrufen über unsichtbare Außerirdische kommt. Urplötzlich erblindet Isaac Szpindel temporär, fängt dabei jedoch ohne Probleme ein Gerät auf. Bei einer Evakuierung bleibt Amanda Bates zurück und behauptet dazu, sowieso tot zu sein. Siri Keeton hat dabei die ungute Vermutung, dass sie dabei nicht meinte, gleich sterben zu müssen. Vielmehr sei sie bereits gestorben, doch ihr Körper sprach trotzdem weiter. Nach einer Rettungsaktion von Amanda Bates kombiniert die Besatzung, dass beide temporär über kein Bewusstsein verfügt haben. Isaac Szpindel litt etwa an einem Anfall von Blindsicht, einer neurologischen Störung, in der visuelle Reize vom Gehirn zwar problemlos verarbeitet, aber nicht bewusst wahrgenommen werden. Betroffene behaupten voller Überzeugung, blind zu sein, unterliegen aber tatsächlich keinen Einschränkungen. Bei weiteren Exkursionen in Rorschach werden die Außerirdischen über mehrere Perspektiven endlich entdeckt. Seltsamerweise können diese tatsächlich komplett unsichtbar erscheinen, selbst wenn Menschen direkt vor ihnen stehen. Siri Keeton beobachtet dabei, wie seine eigene Sicht ständig von den Außerirdischen abgleitet, da diese sich nicht wirklich unsichtbar machen können, sondern scheinbar vollkommen intuitiv Schwachstellen wie den blinden Fleck in der menschlichen Wahrnehmung ausnutzen. Zunächst werden ein in Panik totgeschossener Außerirdischer und anschließend zwei lebende Exemplare in die Theseus gebracht. Scrambler werden die Außerirdischen schließlich von Susan James genannt.
Scrambler haben die gleiche Größe wie Menschen, erinnern von der Form her an symmetrische Seesterne mit neun Armen und verfügen über hunderttausende winzige Augen. Da sowohl Arme als auch Augen einzeln kontrolliert werden können, ein Großteil des Nervensystems verteilt dieser Kontrolle dient (ähnlich wie bei Oktopoden) und daher wenig für Denkaufgaben verwendet wird, kommt die Besatzung zum Schluss, dass die Scrambler „dumm wie Stöcke“ sind. Es stellt sich zudem heraus, dass Rorschach die Scrambler ähnlich wie eigene Zellen produziert und diese dadurch eher biologische Maschinen sind. Über Experimente unter Folter der gefangenen Scrambler stellt sich anschließend heraus, dass diese hochkomplexe Aufgaben lösen können, jedoch wie Rorschach selbst bei einfachen Fragen über Kultur mit absolutem Unverständnis reagieren. Dadurch ist nachgewiesen, dass die Scrambler doch hochintelligent sind, aber seltsamerweise über kein Bewusstsein verfügen. So sind etwa alle ihre Augen dauerhaft von Blindsicht befallen, ebenso werden alle anderen Sinne nicht bewusst wahrgenommen. Durch die komplett fehlende bewusste Verarbeitung irgendwelcher Reize erklären sich die Nervensysteme sowie die extrem schnellen Reflexe der Scrambler. Etwa stammt ihre Tarnung auch von der Registrierung von Nervenimpulsen in den umstehenden Menschen und der viel schnelleren Reaktion darauf. So werden Mikrosakkaden, blitzartige Bewegungen der Augen, wobei die Eindrücke später vom Gehirn durch Interpolation gefüllt werden und extrem kurze unbewusste Momente von Blindheit entstehen, zur Bewegung genutzt. Siri Keeton erkennt dabei wie Menschen ebenfalls durch Erkenntnisse in Träumen oder lebensrettende Reflexe zeigen, dass unbewusste Handlung weitaus effektiver sind. Oft soll sogar bei Tätigkeiten der „Kopf abgeschaltet“ werden, sodass das Muskelgedächtnis übernehmen kann. Tatsächlich ist Bewusstsein als zusätzlicher verlangsamender Filter in der Verarbeitung damit sogar eine signifikante biologische Schwachstelle, gewissermaßen ein Fehler der Evolution. Siri Keeton überlegt sogar weiter, welche Mechanismen wie etwa Soziopathie in der Gesellschaft aktiv sein könnten, um diesen Fehler zu korrigieren.
Beide gefangenen Scrambler beginnen langsam zu sterben, als Ursache wird die Entfernung aus dem starken Magnetfeld von Rorschach ermittelt. Scrambler scheinen nicht nur extrem sensitiv auf elektromagnetische Signale zu sein, sondern diese auch zu konsumieren und induzieren zu können. Dadurch werden die unterbewussten Halluzinationen in Rorschach erklärt. Es wird sogar vermutet, dass Rorschach die Scrambler vielleicht sogar basierend auf den unterbewussten Vorstellungen der Besatzung von Theseus über Außerirdische modellierte. Siri Keeton denkt dagegen über den möglichen Erstkontakt zu den Scramblern nach: Vermutlich empfingen diese komplett harmlose Nachrichten über menschliche Kultur, doch konnten mit den darin enthaltenen Konzepten absolut nichts anfangen. Eindeutig intelligente Nachricht ohne sinnvollen Inhalt wurden daraufhin als Angriff gewertet, welche Zeit und Leistung verschwenden sollten. Zu spät erkennt die Besatzung allerdings die wahren Zusammenhänge, nämlich dass die Erkennung und Gefangennahme der beiden Scrambler von Anfang an von Rorschach geplant war, um das elektromagnetische Innenleben der Theseus komplett zu erfassen. Inzwischen sind beide durch den toten Scrambler und die Erzeugung weiterer Halluzinationen in Amanda Bates entkommen. Rorschach beginnt einen stark elliptischen Sinkflug in Big Ben und nach der Rückkehr einen Überraschungsangriff mit hunderten Scramblern. Mithilfe des Antimaterieantriebs der Theseus werden beide Raumstationen komplett zerstört.
Siri Keeton wird vom sterbenden Vampir Jukka Sarasti in eine Fluchtkapsel gerettet und überlebt alleine die Zerstörung. Auf dem Rückweg zur Erde wird ihm klar, dass Vampire zwar über eine höhere Intelligenz verfügen, aber starke Anzeichen zeigen, dafür weniger Bewusstsein zu haben. Als eine Nachricht von der Erde eintrifft, dass die Vampire dort einen vernichtenden Krieg gegen die Menschen gestartet haben, scheint sich die Ausrottung des evolutionären Fehlers somit zu bewahrheiten. Siri Keeton gehört damit womöglich zu den wenigen verbleibenden Wesen mit einem Bewusstsein im ganzen Universum.
Auszeichnung Der Roman war für den Hugo Award im Jahr 2007, den John W. Campbell Memorial Award im Jahr 2007 und den Locus Award im Jahr 2007 nominiert gewesen. Der Roman gewann den japanischen Seiun-Preis im Jahr 2014.
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