mini|Chiyogami Chiyogami sind japanische Buntpapiere, die im mehrfarbigen Handmodeldruck oder im Siebdruckverfahren mit abstrakten oder gegenständlichen Mustern dekoriert wurden und mit ihren oft heiteren Motiven für den alltäglichen Gebrauch bestimmt sind. Auf japanischem Papier (Washi aus Kozo-Fasern) mit aufwendigen Mustern und Designs bedruckt finden sie für Origami sowie zur Verzierung von Papierpuppen, Bastelarbeiten und Kosmetikdosen Verwendung. Der Begriff Chiyogami bedeutet wörtlich „Papier der tausend Generationen“. Eine Sonderform bildeten in der Zeit von 1780 bis 1830 die Surimono. mini|Detail eines Holzschnitts aus dem Jahr 1847, der einen Schauspieler als Bogenschützen zeigt.Druck von Utagawa Kunisada (I) im Rijksmuseum Amsterdam mini|Utagawa Kunisada - Herbstmond über Miho - Google Art Project Der Mehrfarbendruck mit mehreren Holzblöcken kam in Japan in den 1760er Jahren auf.Kanada, Color Woodblock Printmaking, S. 14. Für jede Farbe war ein eigener Holzstock erforderlich.Holzschnitt. Werkprozess und Technik. In: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (Hrsg.): Japan auf Papier in Dresden. Utamaro, Hokusai, Hiroshige und die Grafik der Moderne. Hirmer, München 2026, S. 246. Woldemar von Seidlitz erläutert dabei das erforderliche Prozedere: „Handelt es sich um Buntdrucke, so zeichnet der Künstler auf so viel Abdrücke des Umrissstocks, als er Farbplatten zu verwenden gedenkt, je die in einer und derselben Farbe gehalteten Teile hinein, die dann auf ebensoviel Platten nachgeschnitten werden, meist je eine auf jeder Seite des Holzstocks, bisweilen aber auch mehrere nebeneinander.“von Seidlitz, Geschichte. Dresden 1897, S. 19. Damit das Papier jeweils passgenau auf den eingefärbten Druckstock aufgelegt und im Reibedruckverfahren bedruckt werden konnte, waren auf der Umrissplatte und den verschiedenen Farbplatten rechts erhaben unten ein Winkel und auf gleicher Höhe links ein Strich angebracht.von Seidlitz, Geschichte. Dresden 1897, S. 20. Dieses Verfahren wurde sowohl für den Teil der Ukiyo-e verwendet, die nicht gemalt, sondern gedruckt wurden, als auch für jene dekorierten Papiere, die nach Aussage von Ann Herring seit mindestens zwei Jahrhunderten ein kleiner, aber unverzichtbarer Bestandteil des Alltags in den japanischen Städten sind.Herring, Chiyogami, S. 8. Herring betont, dass diese farbenfrohen und geschmackvoll gemusterten Papiere ein lebendiges Erbe der frühen modernen Stadtkultur sind, das eng mit der klassischen japanischen Textilkunst und dem traditionellen Grafikdesign verbunden ist. mini|Isetatsu in Tokyo Es wird zwischen Kyo-chiyogami und Edo-chiyogami unterschieden. In Kyoto wurde eher auf traditionelle Hofmuster zurückgegriffen, die Papiere zeichneten sich durch ihre zurückhaltenden Designs und Farbgebung aus. In Edo (Tokio) übertrafen die Drucke dies bald hinsichtlich Vielfalt und Raffinesse. Viele Künstler stellten in ihren Farbholzschnitten Theaterszenen dar, deren Schauspieler in ihrer Kleidung große Ähnlichkeit mit Motiven der Chiyogami aufweisen. Solche Entwürfe wurden von Holzschneidern in spezielles Kirschholz geschnittenKanada, Color Woodblock Printmaking, S. 29. und von Druckern in großer Auflage vervielfältigt. Das städtische Publikum erwarb einerseits die Drucke und illustrierten Bücher dieser Künstler, liebte gleichzeitig deren Bildmotive für alltägliche Zwecke. Manche Verlage spezialisierten sich auf Herstellung und Vertrieb solcher Papiere, die heute oft im Siebdruckverfahren oder als Offsetdrucke produziert werden. Zu den führenden Häusern, die traditionell produzierte Chiyogami im Sortiment haben, gehört Isetatsu in Tokio. Dieses hatte im Großen Kantō-Erdbeben 1923 viele seiner Holzstöcke und andere Materialien verloren, konnte sich aber rasch wieder erholen.
Formate Ann Herring führt folgende Papierformate auf:Herring, Chiyogami, S. 9. Ōbōsho-ban (doppelte Größe): ungefähr 54×39 cm Kobōsho-ban (Mittelgröße): ungefähr 47×33 cm Ōnishiki-ban (halbe Größe): ungefähr 39×27 cm Das größte der genannten Formate überwog in der Zeit vom 18. Jahrhundert bis zur Meiji-Zeit.Herring, Chiyogami, S. 14. mini|Sich beim Tanabata-Fest wünschen, einen guten Partner zu finden mini|Karpfen, der einen Wasserfall hinaufschwimmt mini|Druckgrafik, Design im Querformat – eiförmige Formen, Kraniche und fantasievolle Gestalten, 19. Jahrhundert mini|Eine neu erschienene Zusammenstellung von frischem Gemüse und Trockenvorräten, 1858 mini|Album, Bilderbogen für Kinder, 1855Britisches Museum mini|Kuniyoshi, Utagawa, The Monster's Chūshingura (Bakemono Chūshingura), ca. 1836 (a)Princeton University Art Museum mini|Zusammenstellung von Fahrzeugen, 1889 Bildmotive Die Motivvielfalt der Chiyogami ist beeindruckend: abstrakte Musterungen Streifenmuster Sechseckmuster Rautenmuster Flechtmuster Streumuster Kombination kontrastierender Designs Patchwork unterschiedlicher Muster Wellen und Wolken Pflanzen und deren Blüten Kirschblüten Pflaumenblüten Mandarinblüten Päonien Astern Iris Chrysanthemen Clematis Enzian Kamelien Wisteria (Blauregen) Pflanzenblätter und Nadeln Bambus Ahorn Kiefer Paulownia Reben Kürbis Gartenteich mit Holzsteg die chinesischen Tierkreiszeichen Ratte Stier Tiger Hase Drache Schlange Pferd Ziege Affe Hahn Hund Wildschwein die vier Glückstiere Phönix Drache Einhorn Schildkröte Sieben Glücksgötter die vier Jahreszeiten die Embleme der fünf Feste Neujahr Puppenfest Kindertag Sternenfest Chrysantemenfest Schmetterlinge Libellen Fische Karpfen Goldfische Wels Vögel Kraniche Möwen Muscheln Spielzeug Fächer und Schirme Lampions und Laternen Küchengeräte Alltagsgegenstände Grillenkäfige Comicfiguren Geister, Gespenster Literatur und Theaterwelt
Chiyogami in Europa In Europa finden sich frühe Belege – noch vor der Öffnung Japans – aus den 1820er Jahren in der Königlichen Bibliothek der Niederlande, die aus der Sammlung Overmeer-FisscherDen Haag, Königliche Bibliothek, PC.P 02566, PC.P 02569 und PC.P 02571 und der Sammlung Jan Cock BlomhoffDen Haag, Königliche Bibliothek, PC.P 02562. stammen. Blomhoff war von 1817 bis 1824 Direktor von Dejima, der niederländischen Handelskolonie in Hafen von Nagasaki, gewesen und repräsentiert den privilegierten Zugang, den die Niederlande über 220 Jahre zum abgeschlossenen Japan der Edo-Zeit hatten.
Ein anderes Exemplar wurde 1830 von Philipp Franz von Siebold aus Japan mitgebracht und 1837 dem Staat übergeben.Den Haag, Königliche Bibliothek, PC.P 02560, PC.P 02561. Eindrucksvolle Beispiele hatte der britische Diplomat Harry Parkes 1871 seinem Konsulatsbericht über die japanische Papiermacherei beigefügt.Harry Parkes: Reports on the manufacture of paper in Japan. London 1871, S. 24. Hans und Tanya Schmoller entdeckten sie 1978 im Victoria and Albert Museum wieder.Hans Schmoller: Mr. Gladstoneʹs Washi. A survey of Reports on the manufacture of paper in Japan "The Parkes Report of 1871". Bird & Bull Press. Newtown, Pa. 1984.Victoria and Albert Museum et al: Umi o watatta Edo no washi. Pākusu korekushon ten[Edo washi that crossed the sea: Exhibition of the Parkes collection]. Kami no Hakubutsukan, Tokyo 1994. Catalogue of the exhibition held at the Tobacco and Salt Museum, Tokyo, 23 April – 22 May 1994, and the Gifu City Historical Museum, 3 June – 3 July 1994, Abb. 130 bis 134 und S. 91.
Große Aufmerksamkeit erzielte der japanische Farbholzschnitt auf der Weltausstellung 1862 in London und der Weltausstellung 1867 in Paris. Europäische Künstler schenkten Beachtung, erste Sammlungen entstanden.von Seidlitz, Geschichte. Dresden 1897, S. 26. In London hatte der britische Diplomat Rutherford Alcock seine Privatsammlung zur Verfügung gestellt. Die Publikumsresonanz auf die japanischen Farbholzschnitte gab Anlass zu verstärkter Präsentation auf Pariser Weltausstellung 1867. Der große Einfluss der japanischen Kunst auf die westliche Welt wurde wenige Jahre später als Japonismus bezeichnet. mini|Das Kunstmuseum auf der Ersten Nationalen Industrieausstellung, Tokio 1877 (rechte Tafel eines Triptychons). Erst Mitte der 1870er Jahre wurde in Tokio ein Museum gegründet, um alte Kunst zu sammeln.von Seidlitz, Geschichte. Dresden 1897, S. 27. Dieses Museum präsentierte seine Schätze auf der Ersten Nationalen Industrieausstellung, die 1877 in Tokio abgehalten wurde.
mini|1878 Chiyo-gami design;Haibara Naojiro, Tokio Auf der Weltausstellung Wien 1873 stellte das 1806 in Tokio gegründete Papierhandelshaus Haibara und sein Inhaber Haibara Naojiro erstmals japanische Buntpapiere unter der bisher international nicht bekannten Bezeichnung „chiyo-gami“ aus. Im offiziellen Catalog der Kaiserlich japanischen Ausstellung war in der Gruppe XI unter den Nummern 266–269 nur ganz allgemein von „Chiyo-gami, Buntpapier“ die Rede.Gruppe XI. Papier-Fabrication. In: Catalog der kaiserlich japanischen Ausstellung. Verlag der Japanischen Ausstellungs-Commission, Wien 1873, S. 124–134, hier S. 130.
Haibara war auch auf den folgenden Weltausstellungen in Paris (1878), Sydney (1879) und Barcelona (1888) mit seinen Washi-Produkten vertreten.Haibara’s washi paper made it all the way to Europe. Online Zuletzt besucht am 2. August 2026. Belege aus jener Zeit befinden sich im Victoria und Albert Museum in England, in Kelvingrove Art Gallery and Museum in Schottland und dem Musée des Arts Décoratifs in Paris.
Das Königliche Kunstgewerbe-Museum Berlin erwarb für seine Ornamentstichsammlung Belege aus der Zeit von 1870 bis 1880 durch Ankauf der Sammlung Rein.Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Ident. Nr.: 1907,321/01 Für die Verbreitung von Chiyogami im deutschsprachigen Raum hatte die Kunsthandlung R. Wagner In Berlin in der Ägide von Hermann Pächter (1840–1902) große Bedeutung.Hofmann, Chiyogami Überall. In Frankreich und darüber hinaus spielte Siegfried Bing eine bedeutende Rolle. Die englische Handelsgesellschaft Berick Bros. Limited in London hatte mit ihrer Niederlassung in Yokohama und mit deren Importen nach Europa ebenfalls großen Einfluss.
Das führende Wiener Teefachgeschäft, die Firma Carl TrauFranz Trau: Gedenkblatt zum 50-jährigen Bestande der Ersten Wiener Theehandlung C. Trau. Theyer & Hardtmuth, Wien 1900., war bekannt dafür, dass sie die Kinder der Kunden „mit hübschen Sammelbildchen, die in eine bunte Japanwelt entführten, erfreute und begeisterte.“Julia Krejsia und Peter Pantzer: Japanisches Wien (= Reihe Wien international), Herold, Wien 1989, S. 61. „C. Trau's Thee-Handlung“ war 1850 von dem Drogisten Carl Trau (1811–1887) gegründet worden und stand dann unter der Leitung seines Sohns, des Kaufmanns und Kunstsammlers Franz Trau. Die Firma wurde 1872 zum Hof-Theehändler ernannt und „gründete das Erste continentale Depot der japanischen Industrie- und Handels-Gesellschaft in Tokio“.Annette Ahrends: Die k. u. k. Hof-Teehandlung von Carl Trau, Wollzeile 1. online Abgerufen am 31. Juli 2026. Für den Wiener Papiersammler Franz Bartsch war diese Teehandlung eine wesentliche Quelle für originale japanische Chiyogami.
Chiyogami im 20. Jahrhundert Zu den japanischen Verlegern moderner ChiyogamiHerring, Chiyogami, S. 71–76 und S. 96 („Present-day publishers of woodblock-printed chiyogami“). gehören in den 1980er Jahren in Kyoto Sakurai-ya Igai Hanga-dō Osaka Ten'-ichi-dō Tokyo Go-Hachi Haibara Ise-Tatsu Iwase Kobayashi Miyamoto Sekioka
Die attraktiven Muster japanischer Chiyogami zieren heute Geschenkpapiere, dienen als Schmuck von Papeteriewaren wie Schachteln und Dosen und stehen in unterschiedlichen Formaten als Origamipapier zur Verfügung. Originale japanische Erzeugnisse sind dabei in der Regel in mehrfarbigem Siebdruck hergestellt, wobei Bogen in Größen bis zu 55 × 80 cm handelsüblich sind.
Bedeutung der klassischen Chiyogami