250px|mini|Ivo Ambros Vermeersch Ivo Ambros Vermeersch (auch Yvon-Ambroise Vermeersch; * 9. Januar 1810 in Maldegem, Belgien; † 24. Mai 1852 in München) war ein belgischer Maler, der vor allem als Architektur-, Veduten- und Landschaftsmaler tätig war. Er schuf insbesondere detailreiche Ansichten historischer Städte, Kirchen und Bauwerke und gilt als Vertreter der romantischen Vedutenmalerei des 19. Jahrhunderts. Einen wesentlichen Teil seines künstlerischen Wirkens verbrachte er seit 1841 in München.
Leben
Herkunft und Familie Ivo Ambros Vermeersch wurde in Maldegem in der belgischen Provinz Ostflandern geboren. Die kunsthistorische und archivalische Überlieferung nennt als Geburtsdatum überwiegend den 9. Januar 1810; in einzelnen älteren Angaben findet sich auch das Jahr 1809.Vgl. die Angaben der Deutschen Nationalbibliothek (GND 118936379), des Münchner Personenverzeichnisses und der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Vermeersch war das sechste von sieben Kindern des Notars Jean Vermeersch und dessen Ehefrau Marie Thérèse Geysens. Sein Vater war neben seiner Tätigkeit als Notar auch kommunalpolitisch aktiv und bekleidete in Maldegem das Amt eines Ratsherrn beziehungsweise Bürgermeisters.
Vermeersch stammte aus wohlhabenden Verhältnissen und erhielt eine gute Ausbildung. Bereits in jungen Jahren zeigte er künstlerisches Talent. Seine Eltern unterstützten seine künstlerische Entwicklung und ermöglichten ihm eine Ausbildung an einer Kunstschule.
Ausbildung und frühe Tätigkeit in Belgien Von 1824 bis 1826 studierte Vermeersch an der Zeichenschule beziehungsweise Kunstakademie in Gent bei Pieter-Frans De Noter (1779–1842). De Noter war insbesondere für seine Landschaften, Stadtansichten und Interieurs bekannt und prägte die künstlerische Entwicklung seines Schülers nachhaltig. Auch der früh verstorbene Vedutenmaler Pieter-Frans Poelman (1801–1825) wird im Zusammenhang mit Vermeerschs künstlerischem Umfeld genannt.
Vermeersch spezialisierte sich früh auf die Darstellung von Landschaften, historischen Bauwerken, Kirchen und Stadtansichten. Seine Werke verbanden eine genaue topografische Wiedergabe der Architektur mit einer romantischen Licht- und Stimmungswirkung.
Bis etwa 1840 war Vermeersch vor allem in Gent tätig. Bereits 1826 wurde eine Ansicht des Fischmarktes in Gent als mögliches frühes Ausstellungswerk genannt. 1829 folgten unter anderem eine Kirche und Kloster der Dominikaner in Gent sowie eine Ansicht der Ruinen der St.-Macharius-Kirche auf der alten Zitadelle in Gent. Auf Ausstellungen in den folgenden Jahren präsentierte er weitere Stadtansichten und Darstellungen religiöser Prozessionen. Auf dem Salon von Douai im Jahr 1831 zeigte er zwei Ansichten der Genter St.-Nikolaus-Kirche.
Während der Belgischen Revolution von 1830 soll sich Vermeersch während der Septembertage freiwillig zum belgischen Militär gemeldet und an den Kämpfen im Brüsseler Park gegen niederländische Truppen beteiligt haben.
Neben seiner Tätigkeit als Maler arbeitete Vermeersch an der bildlichen Dokumentation belgischer Städte und Landschaften mit. Er war an dem in Brüssel herausgegebenen Album pittoresque des Pays-Bas beteiligt. Mehrere seiner Genter Ansichten dienten später als Vorlagen für topografische Lithografien. Diese wurden in Brüssel gedruckt und in Gent herausgegeben.
Reisen und Studienaufenthalte Um 1840 unternahm Vermeersch ausgedehnte Studienreisen. Seine Reisen führten ihn unter anderem nach Lothringen, Bayern, Württemberg, Sachsen, an den Rhein, in das Neckartal, nach Tirol, Italien und bis nach Sizilien. Die Reisen erweiterten sein Repertoire und lieferten ihm zahlreiche Motive für seine späteren Stadt- und Landschaftsansichten.
1843 hielt er sich zu Studienzwecken in Böhmen auf. Eine bekannte, auf 1843 datierte Vedute zeigt den Altstädter Ring in Prag mit der Teynkirche. Das Gemälde dokumentiert exemplarisch seine Verbindung von topografischer Genauigkeit und romantischer Bildauffassung.Das Gemälde Blick auf die Teynkirche und den Altstädter Ring in Prag, Öl auf Leinwand, 1843, wurde 2022 bei Dorotheum angeboten.
In den Jahren 1846 und 1847 bereiste Vermeersch mehrere italienische Städte, darunter Verona, Pisa, Rom, Venedig und Perugia. Seine Italienbilder, insbesondere die Ansichten Venedigs, gehören zu den bekannten Werken seines Œuvres.
München 1841 ließ sich Vermeersch dauerhaft in München nieder. Die Stadt war unter König Ludwig I. von Bayern zu einem bedeutenden Zentrum von Kunst und Kultur geworden. Für einen auf Architektur- und Stadtansichten spezialisierten Maler bot München ein bedeutendes künstlerisches und bürgerliches Publikum.
Vermeersch konnte sich in München rasch etablieren. Seine Ansichten Münchens und seiner Umgebung sowie seine Darstellungen deutscher und italienischer Städte fanden beim Publikum Anerkennung. Auch König Ludwig I. besaß Werke des Malers und förderte ihn. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen bewahren zudem eine 1852 entstandene Gipsbüste Vermeerschs von Johann von Halbig.Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Der Maler Ivo Vermeersch (1810–1852), Gips, 1852, Inv.-Nr. WAF B 67.
Am 25. Juni 1845 heiratete Vermeersch in München Amalia Bertsch, geborene von Dahl (1815–1852), die Witwe des Bauingenieurs Joseph Bertsch (1811–1841), der maßgeblich an der Planung des Münchner Hauptbahnhofs beteiligt war und bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Aus der Ehe Vermeersch mit Amalia ging 1848 eine Tochter hervor. Bekannt ist, dass das Ehepaar in München unter anderem in der Karlsstraße 47 und später in der Salvatorstraße 14 wohnte.
Zu seinen Münchner Künstlerbekanntschaften gehörten unter anderem Cäsar Metz und Johann-Gottfried Steffan. 1849 nahm sich Vermeersch des jungen Antwerpener Malers Alexander Markelbach (1824–1907) an, der zu einem zweijährigen Studienaufenthalt nach München gekommen war.
Trotz seines Lebensmittelpunkts in München hielt Vermeersch den Kontakt zu Belgien aufrecht. Er beteiligte sich weiterhin an belgischen Kunstausstellungen. 1841 zeigte er in Gent eine Ansicht von Esslingen, 1849 wurde in Antwerpen unter anderem eine Darstellung des Ponte Pietro in Verona genannt.
Mehrere Werke Vermeerschs gelangten durch Ankäufe in öffentliche Sammlungen. Zu den überlieferten beziehungsweise dokumentierten Werken gehören unter anderem Ansichten von Erfurt, Andernach, Bacharach, Koblenz, Prag, Venedig und Verona. Die Ansicht des Doms und Marktplatzes zu Erfurt von 1848 befindet sich im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover. Der Ochsenturm bei Andernach gehört zu den Beständen der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.
Tod und Grabstätte mini|Grab von Ivo und Amalia Vermeersch auf dem Alten Südlichen Friedhof in München mini|Inschrift auf Grab von Ivo und Amalia Vermeersch
Die Überlieferung schildert den Tod des Ehepaares als außergewöhnliches persönliches Schicksal: Vermeersch soll während der schweren Erkrankung seiner Frau ununterbrochen an ihrem Krankenbett geblieben sein und kurz vor ihrem Tod selbst schwer erkrankt sein. In späteren Darstellungen wird als Todesursache eine Gehirnthrombose genannt. Vermeersch starb daran am 24. Mai 1852 im Alter von 42 Jahren. Seine Ehefrau Amalia starb noch am selben Tag wenige Stunden späterClaudia Denk, John Ziesemer: Grabstätte Vermeersch, Ivo, Nr. 108. In: Kunst und Memoria, Der Alte Südliche Friedhof in München. 2014, Seite 381 f.. Das Ehepaar wurde auf dem Alten Südlichen Friedhof in München unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt (Gräberfeld 17 – Reihe 1 – Platz 25/26) .
König Ludwig I. ließ nach dem Tod des Ehepaares durch den Bildhauer Johann von Halbig Totenmasken anfertigen. Halbig schuf außerdem Porträtbüsten der Verstorbenen, die 1853 Bestandteil eines Grabdenkmals wurden. Eine Gipsbüste Vermeerschs von Halbig aus dem Jahr 1852 befindet sich heute in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.
Werk Vermeersch gilt als bedeutender Vertreter der Architektur- und Vedutenmalerei der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sein Werk verbindet die romantische Bildauffassung seiner Zeit mit einer möglichst genauen Wiedergabe von Architektur und Topografie. Charakteristisch sind sorgfältig ausgearbeitete Bauwerke, Plätze und Stadtlandschaften, die häufig durch Figurenstaffage und eine wirkungsvolle Licht- und Schattenführung belebt werden.
Sein Stil wird daher als Verbindung von Romantik und topografischem Realismus beziehungsweise als romantischer Realismus beschrieben. Zu seinen bevorzugten Motiven gehörten historische Stadtkerne, Kirchen, Stadttore, Brücken und Plätze. Neben deutschen und belgischen Städten widmete er sich insbesondere italienischen Motiven.
Kunsthistorisch wird Vermeersch unter anderem in die Tradition belgischer Veduten- und Landschaftsmaler wie Pieter-Frans De Noter, François-Joseph Boulanger, Pieter-Frans Poelman, François Bossuet, François Stroobant und Jan-Michiel Ruyten eingeordnet. In seiner Münchner Schaffensphase stand seine Architekturmalerei zugleich in einer Beziehung zur deutschen Vedutenmalerei, insbesondere zum Werk von Michael Neher.
Zu den bekannten Werken und erhaltenen Arbeiten gehören Ansichten von Prag, Venedig, Verona, Erfurt, Koblenz, Bacharach, Andernach und anderen Städten. Ein 1843 entstandenes Gemälde mit dem Altstädter Ring und der Teynkirche in Prag wurde 2022 bei Dorotheum für 38.400 Euro versteigert.Dorotheum, Auktion 19th Century Paintings, 10. Mai 2022, Lot 593.
Vermeerschs Atelier wurde bereits am 6. Dezember 1852 wenige Monate nach seinem Tod öffentlich versteigert.
Werke in öffentlichen Sammlungen (Auswahl) Staatliche Sammlung Baden: Holländische Stadt an einem Kanal, 1846 Nationalgalerie Berlin: Blick auf die Piazza d'Erbe in Verona, Zeichnung Museum voor Schone Kunsten Gent: Kirche in Gries, Tirol, 1849 Stadtarchiv Gent: Lithografien im Atlas Goetghebuer Niedersächsisches Landesmuseum Hannover: Dom und Marktplatz zu Erfurt, 1848 Städtische Sammlung Ypern: Innenansicht von Brügge Pfalzgalerie Kaiserslautern: Kirche und Kirchplatz zu Bacharach Museum voor Schone Kunsten Kortrijk: Kirche und Kirchplatz zu Bacharach Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München: Der Ochsenturm bei Andernach Münchner Stadtmuseum: Limburg an der Lahn, 1841, Zeichnung, sowie weitere Zeichnungen, Aquarelle und Lithografien Nationalgalerie Prag: Kirche zu Bacharach, 1848 Museum Stuttgart: Stadttor und Moselbrücke in Koblenz
Weitere Werke befinden sich in privaten Sammlungen und werden regelmäßig auf dem internationalen Kunstmarkt angeboten. Die Finnish National Gallery in Helsinki besitzt beispielsweise die 1844 entstandene Darstellung Markusplatz in Vewnedig.Finnish National Gallery, Werk Markusplatz in Vewnedig, 1844. Bilderauswahl Eine Auswahl von Bildern von Ivo Ambros Vermeersch:
Rezeption und Erinnerung mini|Marmor-Büsten von Ivo Ambros Vermeersch und Amalie Vermeersch auf deren Grab Vermeerschs Name ist heute vor allem mit der Veduten- und Architekturmalerei des belgischen 19. Jahrhunderts verbunden. Seine Werke werden aufgrund ihrer Verbindung von genauer architektonischer Beobachtung und romantischer Atmosphäre weiterhin im Kunsthandel und in Museumssammlungen berücksichtigt.
In seinem Geburtsort Maldegem erinnert eine nach ihm benannte Straße an den Maler. In München befindet sich das Grabdenkmal mit den Porträtbüsten des Ehepaares Vermeersch und gehört zu den erhaltenen Erinnerungszeichen an den Künstler und seine Frau Amalia.
Literatur Christiaan Kramm: De levens en werken der Hollandsche en Vlaamsche kunstschilders, beeldhouwers, graveurs en bouwmeesters, van den vroegsten tot op onzen tijd. Amsterdam 1857–1864. Die Gemälde des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts. Textband. Heidelberg, kunsthistorische Bestandsdokumentation. Bayerische Staatsgemäldesammlungen: Der Maler Ivo Vermeersch (1810–1852), Werk von Johann von Halbig, 1852. Münchner Personenverzeichnis: Ivo Vermeersch. Deutsche Digitale Bibliothek: Ivo A. Vermeersch, GND 118936379.
Weblinks